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Full text of "Vom Blute, von der Wollust und vom Tode"

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i h'o -Jitf. 



MAURICE BARRfiS 

VOM BLUTE VON 
DER WOLLUST 
UND VOM TODE 




LEIPZIG 1907 
VERLAG VON JULIUS ZEITLER 



Man könnte seine Lehrer nennen und ihre Namen 
würden doch über den Schüler nichts ausmachen; man 
könnte die Zeitumstände beschreiben^ in denen Barrys 
seine erste Bildung erfuhr, und es würde kaum etwas 
dazu beitragen ) dieses Phänomen in die Ordnung zu 
bringen ) denn zu ,,keiner Zeit unserer Geschichte hat 
sich, Rousseau ausgenommen, ein so vollständig origi- 
naler Schriftsteller erhoben als Barr^s^S sagt nicht etwa 
ein Mitglied der nationalistischen Partei von ihm, son- 
dern ein Kritiker, der eher sein Gegner ist. Und wer 
noch Geduld zu einem nicht leichten, ja eher wohl 
schwierig zu lesenden Buche hat, der lese Paul Wieg- 
lers „Französische Rebellen^^, die dithyrambische Ge- 
schichte der französischen Energie, um trotz der auf- 
gewiesenen Zusammenhänge ganz deutlich zu sehen, 
dass der Barr^sismus nicht Zustand der jungen Leute 
von 1887 war, sondern die Schöpfung von Maurice 
Barrys. Die Geschichte erzählt nur zu oft wie die 
Menge: was Werk einer Persönlichkeit war, stellt sie dar 
als ein Ergebnis aus Vielen, dem Einer nur den Aus- 
druck gab. Aber erst war der Werther, und die Werther 
kamen nach. 

Gewiss: der Kampf gegen die bourgeoise Mythologie 
der praktischen Vernunft datiert von ihrer Einführung 
im Jahre 1789 und die erste Attacke ritt Stendhal. Die 
Opposition wurde romantische Klage, weil sie zu viele 
Hindemisse fand, die sie nicht überwinden konnte. 
Und diese Hindernisse wurden so kompakt, dass die 
Zeit Renan hartnäckig für einen Ironiker nahm und 
Taine nur missverstehen konnte. Das liberale franzö- 

V 



iv^6i853 



sische Weltbürgertum, diese Platitüde der aufgeklärten 
kirchenstürmenden Epiciers, die sich seit der Inqui- 
sition als Märtyrer des sogenannten freien Denkens 
und der Vernunft fühlen — le sot metier que celui du 
martjrr — diese den rhetorischen Velleitäten der Durch- 
schnittfranzosen so entgegenkommende Doktrin, halb 
Dummheit, halb Brustton, verantwortet es, dass jetzt 
der Einzelne, Kultivierte sich absentiert oder es lieber 
mit einer Politik der blanken Narrheit hält als mit 
jener der instinktlosen rationalen Wahrheit. „Jeune 
homme, la France se meurt, ne trouble pas son agonie^', 
sagte Renan zu D6roul&de. Frankreich stirbt an jenen, 
die ihm am heftigsten das Leben und, wenn es der 
Wahlkreis verlangt, das Wiederaufleben reklamieren: 
an der rationalistischen Bourgeoisie, den „Söhnen von 
1789^% heissen sie nun Cl^menceau, Jaur^s oder Mil- 
lerand. „Hüten wir uns vor dem Anwachsen der 
Staatsmacht und dulden wir nicht, dass der Staat was 
anderes sei als ein Wächterhund", warnte Taine. Aber 
der Staat, das ist der künstliche Kopf einer azephalen 
Menge, die sich aus dem Gröhlen der Eingeweide auf 
„Vernunft", „Natur", „Gleichheit" usw. geeinigt hat. 
Und das rationalistische Zuchthaus Staat wird Tag um 
Tag vergrössert; seine roten kasernenhaften Backstein- 
häuser stehen schon in den Villenvierteln der Künste 
und unter den Bergschlossern der Einsamen. 

Im Frühjahr 1884 besuchte Barrys seinen ehemaligen 
verehrten Nancyer Lehrer, den nunmehrigen Minister- 
kandidaten und drei Jahre nach seinem Tode als bösen 
Panamisten entlarvten Burdeau, und überreichte ihm 
das erste Heft seiner Revue Contemporaine. „Comment", 
wunderte er sich, „votre revue ne renferme-t-elle pas 
VI 



une chronique politique?" — „Nous sommes des ar- 
tistes simplement) qu' agite peu la chose publique. 
Nous n'avons de talent et d'entrain que pour les heiles 
phrases et les id^es pas vulgaires." Für den Herrn 
Deputierten kam diese Zeitschrift nicht mehr in Be- 
tracht, denn sie konnte ihm keine Wähler anlügen; 
also sagte er darauf bloss: Voilä qui est peul Dass die 
Vorstellung vom jungen Barrys bei den mit ihm Unver- 
trauten nicht jene fatale Färbung des Artistentums be- 
komme — an welchen Unsinn man besonders in Deutsch- 
land zu glauben nicht aufhört — bemerke ich gleich: 
Barrys fing nicht mit Vokabeln an, sondern mit Ideen. 
Welchen Ideen er einen bis dahin unbekannten Aus- 
druck zu geben wusste. II met partout de Tinachevä 
et de rinachevable, car il sait que c'est un charme, 
et il est fertil en artifices, schrieb einmal Anatole 
France dazu, ist aber nicht damit gemeint, dem, was 
man Stil nennt, die primordiale Bedeutung zu geben. 
Was man als Stil, als Form des Gesagten charakterisiert, 
ist unzertrennlich auch mit einem spezifischen „Was 
zu sagen^^ verbunden. Wer keine Ideen und kein 
Temperament hat, der hat auch keinen Stil, und nur 
für die törichtesten der Kritiker gibt es Leute, die 
nichts als „Stilisten^^ sein sollen. Barrys Stil ist der 
Ausdruck seiner Stellung zu den Dingen, und diese ist 
die des Dandysmus, wenn es erlaubt ist, dieses Wort 
für eine bestimmte neue Form der Erkenntnis einzu- 
führen, die sich auch mit dem Worte: gläubige Ironie 
andeuten liesse. Der Dandy findet den Weg zu den 
„Wahrheiten*^ hin und zurück, mit der Wahrnehmung 
als Resultat, dass die Form das Wesen der Dinge ist 
und stärkste Variation der Form das intensivste Leben. 

VII 



Künstlerisch projiziert heisst das: beschreiben, nicht 
erklären. Logisch ans Ende getriebene Gedanken ent- 
hüllen immer ihre Banalität. Alles Deutliche ist falsch, 
denn nichts ist eindeutig; nur jene Wahrheit hat eine 
Form, die ihr Gegenteil als gleichwertige Wahrheit in 
sich trägt. Barrys ist ein Sentimentaler und ein Ana- 
lytiker, ein lyrischer Enthusiast und ein Denker, und 
er ist nicht dieses oder das, je nachdem, sondern alles 
das im selben Augenblick. Man kann ihn nicht genug 
von all dem, was Literatur ist, distanzieren. Man 
möchte seine Haltung lieber die eines Dilettanten nennen, 
dessen Wesen er in der Trilogie des Culte du Moi und 
den zugehörigen drei Traktaten beschrieben hat. „Er 
liebt seine Gedanken so sehr, dass er oft still steht, 
um sie zu bewundern", konstatiert Remy de Gourmont. 
Barrys traut der Überzeugungskraft seiner Figuren nicht 
oder es passt ihm jede Gelegenheit, die einsame Stu- 
pidität des Kunstwerkes, des Romanes sagen wir, damit 
aufzuheben, dass er sich von einer Idee oder von 
seinem Lyrismus vor die nur leicht angedeutete Fabel 
rufen lässt, um selber das Wort zu ergreifen. Wie er 
ein antiparlamentarischer Parlamentarier ist, ein Mittel 
zur Zerstörung eben dieses Mittel brauchen muss, so 
ist es auch mit dem Schreiben: er versäumt nie, den 
Zweck des Schreibens als letzten Zweck abzulehnen. 
Der Gedanke an das Kunstwerk verkleinert nie seine 
Persönlichkeit, deren Entfaltung lyrisch und analytisch 
zu folgen der Amateurgedanke seines Anfanges war. 

Die drei Romane des Culte du Moi sind die drei 
Etappen einer moralischen Krise, die sich im Meta- 
physischen abspielt. Das Äussere gibt uns nur negative 
Gewissheiten; positiv fest steht nur: meine besondere 
VIII 



Art, mein Ich, zu dessen Bewusstsein ich dadurch 
komme, dass ich es von allem Kontakt mit den Bar- 
baren befreie. Die Barbaren, das sind die andern. 
Der Kultus des Ich ist kein Ende, er ist eine Voraus« 
Setzung, ein terrain d'attente sur lequel vous devez 
vous tenir jusqu'ä ce qu'une personne 6nergique vous 
ait reconstruit une r^ligion. Das kultivierte Ich ist mit 
6tude, curiosit^ voyages zu komplettieren. „Hat es 
noch Hunger, so gib ihm die action. Fühlt es zu viel 
Trockenheit, so geh in den Instinkt zurück, liebe die 
Demütigen, die Niederen . . . .^^ Ja: so lang das Leben 
aufsteigt, ist Glück gleich Instinkt. Klarsehen macht 
steril. Später wird anzumerken sein, dass auch der 
Geschmack steril macht. Es sind die Abenteuer auf- 
zusuchen, die dem bewusst gewordenen Instinkt des 
Ich das Futter geben. Da sind zuerst die Reisen. 
Dann die action. Endlich die Toten und das Land, 
durch welchen Culte de morts der Culte du Moi seine 
grösste Bereicherung erfahren hat: Hingabe und Unter- 
gehen. Wie sich dieser religiöse Ablauf doch immer 
wiederholt: das Ich, das in sich die Welt drückt — 
der antike Mensch — wird der christliche: der in der 
Welt vergeht und nichts behält als eine melancholische 
Einsamkeit für die Herbsttage. 

„Vom Blute, von der Wollust und vom Tode" kul- 
miniert den Barr^sschen Egotismus; es ist sein ge- 
danklich und künstlerisch stärkstes Buch. Es ist die 
Summe der Doktrin in Sensationen: nun kann nur 
mehr l'action folgen. Das intellektuelle Raffinement 
wird, an sich selber ermüdet, zu Feier und Genuss 
der einfachen Dinge führen. Der Culte du Moi immer 
nur als Vorbereitung, als terrain d'attente verzehrt sich 

IX 



selber. Das Problem des Jardin de B^renice: y,con- 
cilier les pratiques de la vie Interieure avec les n6ces- 
sit^s de la vie pratique verlangt eine neue Lösung von 
dem nun bis an die Grenzen kultivierten Ich. Es geht 
nicht mehr, den Culte du Moi auf eine Elite zu stellen, 
die ,,einige Renten hat und gesund ist'^, wie es früher 
hiess. 

. . . Wer nach langer Abwesenheit wieder in die Heimat 
zurück kommt, ist voll Freude, seien die Reize der 
Fremde auch noch so kostlich gewesen und sei die 
Heimat auch armselig und trübe. Man geht wieder 
den Weg durch das Land seiner Kindheit. Man ist 
des Geistes und der Bücher müde, hat alle Welt in 
sich gezogen und will ihr nun die Grenzen stecken, 
um sie zu behalten. Barrys ging den Goetheschen 
Weg. Aber er empfand die Qual des Gedankens, der 
zur action drängte. Es war nicht die Müdigkeit der 
zerbrochenen Glieder, die sich in die Heimat schleppt, 
und nicht ganz die Enttäuschung, Ndie sagt: ich habe 
alles gesehen und gelebt und es ist nichts. Nichts von 
all dem, was wie Umkehr oder Einkehr aussieht. In 
Erinnerung an seine erste Wahlkampagne schrieb 
Barrys im Figaro vom 27. Oktober 1889: „le sentiment 
que j'avais touch^ l'äme populaire, la sensualit^ pres- 
que d'ßtre en contact avec une belle chose vigoureuse, 
bien vivante, sustitu^e enfin ä ces abstractions qui 
m'avaient tant lass6 dans l'ombre des bibliothgques . . /^ 
Und wenn er auch ein paar Monate später schreibt: 
J'ai une ou deux id^es, deux ou trois sentiments que 
l'ordre des choses actuel ne satisfait pas, und daraus 
seine Liebe für den General Boulanger und seinen 
Revisionismus ableitet — er brauchte die Verknüpfung 
X 



des Ichkultus mit seiner Steigerung zum Kultus der 
Toten und des Landes nicht in dem Worte zu geben, 
das man so leicht für künstlich ansprechen kann. 
Barrys — seine Melancholie liess ihm schon immer die 
Toten nahe sein — sucht sich in seiner Zeit zu- be- 
4stimmen, auf dass seine Energie auf die Zeit wirkend 
werde. Er gibt sich ä sa terre et ä ses morts. Und 
die terre ist dem Lothringer Elsass-Lothringen — aus 
dem Sentimentalismus des Lyrikers und in Opposition 
gegen den französischen Zentralismus, gegen diesen 
Staat, der das Land verwüstet. Es ergeben sich die 
Bücher des Romanes von der nationalen Energie. 

Dass wir das Leben unserer Vorderen weiterführen, 
dass zu jeder Zeit alle Zeit ist, diese einfache und 
starke Wahrheit wird ein lähmendes Opiat, wenn man 
— sentimentalisch — den Sinn der Gegenwart in der 
Vergangenheit und nirgends sonst sucht, wenn man 
vom Tode verlangt, was das Leben verweigert hat 
Wer die Wahrheit, dass wir die Söhne unserer Vor- 
eltern sind, immer gegenwärtig hat und nie vergessen 
kann, dem wird sie zum Fatum. Der Gedanke: Alles 
ist immer dasselbe, und die sentimentalische Unter- 
werfung unter diesen Gedanken werden die eigene 
Persönlichkeit aufheben. Barrys liebt abstrakte Evo- 
lutionen gegen seine Natur, und schlichtet die Konfu- 
sionen, die er damit anrichtet, durch einen eigensinnigen 
Dogmatismus, der sonderbar kalt in seiner leuchtenden 
Prosa steht. So lässt sich die politische Pädagogik, die 
er für den jungen Lothringer aufstellt, nicht in Sätzen 
sagen, die bestimmt sind; ein wichtiger Rest der Doktrin 
mag sich immer in der Kunst verbergen. Aber «twa 
so: Barrys will im Kind seines Landes die „amitids 

XI 



fran^aises^^ kultivieren. Diese Freundschaft ist die 
kultivierte Affinität. Und Affinität bezeichnet ,,ces sen- 
timents instinctivs de Sympathie par quoi des §tres, 
dans le temps aussi bien que dans Tespace, se recon- 
naissent, tendent ä s'associer et ä se combiner . . . , le 
fait d'§tre de mSme race, de m§me famille^^ Zärtlich- 
keit und Verehrung ,^machen aus der Affinität, die 
zwischen einem jungen bewussten Lothringer und 
seinem Moseltal besteht, eine Freundschaft". Und diese 
Freundschaft ist zu erzielen: nicht durch irgend Ver- 
nunft oder dialektische Überredung, sondern durch 
commotions nerveuses, durch excitations sensibles. 
Also: erwecken. „Dem Jungen die Worte geben für 
die Wahrheiten, die er in seinem Blute hat . , ." 
Barrys ist überzeugt, dass man einem Menschen nur 
das gibt, was er schon besitzt, und dass das, was er besitzt, 
ihm von seinen Vätern vermacht ist. Dieser atavisti- 
schen und eingeborenen Seele wesentliche Kräfte sind 
etwas sehr allgemeiner Natur — man muss denken, 
dass sie im heutigen Frankreich sehr selten sind, da 
Barrys sie mit solchem Aufwand vorbringt. 

Leise taucht der Gedanke auf, dass Barrys seine 
politische Philosophie nicht aus einer Überzeugung oder 
vorsichtiger: aus seiner Intelligenz gewonnen hat als viel- 
mehr aus einem Erhaltungsinstinkte. Eine solche Sensi- 
bilität wie die seine, die stärkste, die seit Rousseau in 
Frankreich war, braucht ganz grobe Mittel, um einigen 
Frieden zu haben und nicht dem lyrischen Nihilismus 
ganz zu verfallen. Es lässt sich ja nur von aussen 
eine gute Wirkung feststellen: die farbigen Exzesse und 
die prunkende Überladenheit des etwas lyrischen Stiles 
der früheren Bücher ist verschwunden, die Romane der 

xn 



Energie nationale sind von einer Schönheit der Prosa, 
die ihresgleichen nicht in der ganzen französischen 
Literatur hat. Dies zu erreichen war allein schon den 
Boulangismus und die Revanche-Idee wert, wenn Barrys 
auch beides dieses als das Französische ausspielt gegen 
das Barbarische des französischen Staates, der sich auf 
nichts besseres als die praktische Vernunft zu stützen 
weiss, die kantianisch und nicht französisch ist. 

Der junge Lothringer, den Barres in den Amiti^s 
Fran^aises erzieht, „connait trds sürement que sa rai- 
son de vivre, c'est la revanche", nicht weil das Ge- 
rechtigkeit ist — Gerechtigkeit ist eine rationalistische 
Sklavenidee — sondern aus Hass, aus dem Willen, der 
Stärkere zu sein, aus der Sicherheit, dass der definitive 
Sieg der Superiorität der französischen Rasse zu- 
kommen wird . . . Dasselbe Buch, in dem Barrys Wille 
so exzediert, schliesst: „ . . . Das Leben hat keinen 
Sinn. Ich glaube sogar, dass es von Tag zu Tag ab- 
surder wird Von wo immer aus man sie betrachtet: 

das Universum und unsere Existenz sind des tumultes 
insens^s^^ Barrys erkauft sich seine Beruhigung schwer 
genug mit seinen politischen Parteigängern, und so 
wäre es unrecht, mit ihm noch über das Mittel zu 
diskutieren, ihm etwa zu sagen, dass die Elsässer ger- 
manischer Rasse und nur politisch Franzosen geworden 
sind, weil ihnen die französischen Freiheiten lieber 
waren und jenen, die für Frankreich optiert haben, 
lieber sind als die preussischen — Freiheiten. 1792 
war ganz Europa, das sich für die Freiheit begeisterte, 
französisch und Schiller Ehrenbürger der Republik. Die 
Elsässer sind nur in diesem revolutionär patriotischen 
Sinne Franzosen geblieben, der Rasse nach heissen sie: 

XIII 



Ehrmann, wie der Held in Barrys Buch, und sind 
„Barbaren", wie Barrys die Deutschen nennt, die er 
nicht und die niemand kennt, wie er einmal seine 
Landsleute „Barbaren" nannte, die er dann wohl kannte 
Der Yöllig entwurzelte Sachse und ganz wienerisch 
gewordene Villers schrieb in einem Brief an Warsberg 
vom Juli 1870: „Preussen ist der inkarnierte Dünkel, 
die Bescheidenheit der anderen kam ihm zu statten. 
Auch Frankreich leidet an solchem Dünkel; was aber 
in Preussen zum Hochmute ausschlägt, halt sich dort 
in den menschlicheren Grenzen des Übermutes. Es 
schäumt, doch ist's nicht giftig. Es ist ein sonderbares 
Zusammentreffen, dass die Chemie eines der schädlich- 
sten Gifte acide prussique nennt . . ." Und eine andere 
Stelle aus einem Briefe an Hoyos: „Der erste im Jahre 
1870 gefangene deutsche Ofßzier, ein Badenser, war 
ein Herr von Villers, der ihn gefangen nahm, ein 
französischer Husar, Monsieur Schmitz; der deutsche 
Belagerer von Strassburg hiess de la Roche, der fran- 
zösische Verteidiger Uhrich. Ich, ein sächsischer Le- 
gationsrat, in Moskau geboren, bin yon französischem 
Stamme, aus Lothringen, jetzt deutsch; mein Vetter, 
der Senator und Generalpostmeister unter Napoleon HL, 
hiess M. Sturm; ein Vetter meines lothringischen Vaters 
hiess Caffarelli und fiel, mit einem hölzernen Bein, 
das vielleicht aus ägyptischem Holze gemacht war, bei 
St. Jean d'Acre, unter einem Korsen, der Frankreich 
beherrschte, ein Italiener, unter den Klängen der Mar- 
seillaise Nun mach' einer einen Vers auf Patriot 

— vielleicht schwere Not. Nun gar: » Staat Ic" 

Die Unsinnigkeit und das grosse Radikal des Mittels, 
das Barrys nehmen muss, zeigen uns, was hohes Ganzes 
XIV 



es hier zu erhalten gilt; eine schwache Natur wäre an 
den Dosen dieser Droge längst zugrunde gegangen. 
Und dann: wir Nichtfranzosen kennen das Gift nicht, 
das das offizielle Frankreich schluckt, und so können 
wir auch das Gegengift nicht werten, das die franzö- 
sischen Rebellen empfehlen. Barrys enthüllt, vor der 
Gefahr des Schweigens durch das unsinnige Remedium 
seiner Politik geschützt, immer neue Reichtümer, und 
nicht nur solche des Stiles, um mit jenen Kritikern zu 
sprechen, die meinen, der Tiger, das sei die gestreifte 
gelbe Haut, die sie einmal in einem Boudoir gesehen 
haben. Dass eines seiner Bücher mehr ist als fünf 
Jahre deutscher Romanfabrikation, das wäre noch nicht 
viel; dass er in einem Lande höchster geistiger Kultur 
ihre herrlichste Blüte ist, dass man nach ihm einer 
Epoche französischen Geistes den Namen geben wird, 
dies muss gesagt werden. 

Diese erste Übertragung eines Buches von Barrys ins 
Deutsche habe ich veranlasst in der Hoffnung, dass 
dadurch bei uns eine etwas intensivere Beschäftigung 
mit diesem Schriftsteller in die Wege käme. Was die 
Obersetzung anlangt, so teile ich mich mit A. von K. 
in die Verantwortung dafür. Dass der Versuch gemacht 
wurde, den ausdrucksvollen Manirismus der Barrfesschen 
Prosa annähernd auch im Deutschen wiederzugeben, 
wird vielleicht nur der missbilligen, der um der Anek- 
doten willen liest und mit Mindestanstrengung seiner 
geistigen Fähigkeiten lesen will. Und der sei gewarnt. 
Das Tempo dieses Buches ist kapriziös. 

Januar 1907. FRANZ BLEI. 



IDEOLOGIEN DER LEIDENSCHAFT 



EIN AMATEUR DER SEELEN.:] \.;,i irr,: 
I. DIE VERZÜCKUNG IN DER EINSAMKEIT.' ' 

Die Landschaft von Toledo und das Ufer des T^o 
gehören zu den schwermütigsten Dingen dieser Welt. 

Wer öfter dorthin kommt, braucht den ernsten Jüng- 
ling, den Pensieroso in der Medici-Kapelle nicht mehr 
anzusehen; auch die Biographie und die Pense^s des 
Blaise Pascal kann er sich erlassen. Die Empfindung 
selber, die in diesen einsam grossen Werken Form ge- 
worden ist, wird ihn ganz erfüllen, wenn er sich der 
herben Tragik dieser auf hohem Felsgestein zerfallenen 
Pracht hingibt. 

Ein solcher landschaftlicher Hintergrund führt uns 
mit Gewalt zu einer alles umfassenden Naturanschauung 
und zu dieser Philosophie des Ganzen zurück, die man 
sich notwendig erhalten muss, wenn man sich der Wol- 
lust hingibt, die im Wahrnehmen der differenziertesten 
Empfindungen liegt. 

Toledo auf seinem Abhang, mit dem gelbschimmern- 
den Halbkreis des T^o unten, hat die Farbe, die Unwirt- 
lichkeit und das stolze Elend der Sierra, auf die es 
hingelagert ist, und deren starke, wuchtige Gliederungen 
schon beim ersten Nahen einen Eindruck von Kraft 
und Leidenschaftlichkeit geben. Toledo ist kaum eine 
Stadt, kaum dieses brausende und den Bequemlich- 
keiten des Lebens angepasste Wesen, als vielmehr 
eine bedeutungsvolle Stätte für die Seele. Unter einem 
grellen Licht, das jeder Kante seiner Ruinen eine Kraft 
und eine Deutlichkeit verleiht, durch die sich die weich- 
sten Charaktere gefestigt fühlen, hat es doch auch wieder 
etwas Geheimnisvolles mit seiner zum Himmel ragen- 
den Kathedrale, seinen Alcazars und seinen Palästen, 
die das Licht nur durch ihre inneren Höfe empfangen. 

So ist in diesem herben, überhitzten Lande Toledo, 
das schweigsame und starre, wie ein Bild der Ver- 
zückung in der Einsamkeit, ein Schrei in der Wüste. 

Auf den schroffen Abhängen, die den Horizont Toledos 



'{atnt^den/und. den Tigo senkrecht eindämmen , hatte 
'Öelrio' dfcf Ruinen eines maurischen Landhauses wieder 
aufgebaut, eine jener berühmten Cigarrales, wo Tirso 
de Molina Erzähler versammelte gleich jenen, die unter 
Boccaccios Augen in der Villa Palmieri plauderten, 
zwischen dem blumenreichen Fiesole und dem pest- 
erfüllten Florenz. 

Gebäude in orangefarbenem Tone, ein innerer Hof 
mit schönen Brunnen, deren marmorne Becken abge- 
stufte Ränder zieren, einige Lorbeerbäume, nur müh- 
sam erhalten in diesen glühenden Schluchten, eine Atmo- 
sphäre, deren Duft die Sonne aus den Lavendel- und 
BenzoSstauden des Gebirges gesogen, endlich eine Fem- 
sicht, deren Herrlichkeit Gedanken von Einsamkeit, Tod 
und Schönheit aufdrängt, das war unter diesem Himmel, 
den niemals ein Wölkchen verschleiert, Delrios Be- 
sitztum. 

Er trieb seine Neugierde nach allen Energien des Lebens 
bis zur Leidenschaft. Deshalb freute er sich mit einer 
gewissen Selbstverachtung eines richtigen und starken 
Wortes Napoleons auf St. Helena : „Ich habe die Kunst be- 
sessen, aus den Menschen alles herauszubekommen, was 
sie geben konnten". In diesen Worten erkannte er den, 
der es verstanden hatte, Menschen zu erschaffen. Er 
glaubte zu ahnen, dass ein sicheres Verfahren existiere, 
den Gehirnen Leidenschaften zu geben. Das ist vielleicht 
ein falscher Ausgang. Ist denn beim Handeln die Mit- 
wirkung der Umstände nicht das WesentUche? Ihm 
aber gefiel an dieser einseitigen Idee die machtvolle 
Sensation, die historische Entwicklung als vom Willen 
bestimmt aufzuweisen. 

Mit einer solchen Begeisterung für die Herrschaft 
wusste er sich doch nicht besser zu beschäftigen, als 
alten Steinen etwas Leben wieder zu geben. Das Ge- 
heimnis seines Unvermögens war, dass er dazu neigte, 
alles vom Standpunkte der Ewigkeit aus zu prüfen; 
er betrachtete die Dinge nur in ihrer Entwicklung und 
es war ihm unmöglich, die Menschen und die Ereig- 



nisse des Tages so hoch einzuschätzen, wie es nötig ist, 
wenn man auf seine Zeitgenossen wirken will. Die 
Sturzbäche des Dichterischen stauten sich in seinem 
Inneren um so mehr, als er sie für kein Rad irgend einer 
Mühle nutzbar machte. Unter diesen Ruinen und so 
vielen von ihnen heraufbeschworenen toten Kräften, 
und befreit von Sorge um seine materiellen Interessen, 
verlor er sich in Träumereien, denen er kein anderes 
Objekt zu bieten hatte als sich selber. 

Durch seinen Ewigkeitscharakter, sein Wesen ausser 
der Zeit, auf das die Jahre keine Kennzeichen mehr 
prägen, so alt ist es, noch die Ereignisse, so sagenhaft 
ist es, durch dieses sein Wesen fesselte Toledo diese 
verschlossene Phantasie bis in ihr Tiefstes. Dieses exal- 
tierende Toledo war die bestimmte Komplementierung 
eines vom Dberdruss so stark erfüllten Wesens, dass 
es in den Künsten nur den gewaltsamen Verkürzungen 
eines Pascal und Michel Agnolo — Seelen wie die 
seine, einsam und überreizt — gelungen wäre, sein 
Wesen aufzurütteln. 

Einem Einsiedlerkloster, das ihm gegenüber auf einem 
nackten Felsen lag und dessen Geläute der Wind des 
Tsgo jeden Abend herübertrug, hatte er Glocken ge- 
schenkt, die den gleichen Klang hatten wie jene, die er 
in seiner Kindheit hatte läuten hören. Nicht als ob er 
in dieser selbstgewählten Heimat seinem Dorfe in Frank- 
reich ein frommes Andenken bewahrte! Es geschah 
aus Interesse und Gefälligkeit für den kleinen Jungen, 
der er gewesen war. „Jener", dachte er, „hatte seiner 
wahren Natur noch nichts hinzugefügt. Damals hatte 
und zeigte ich arglos jedem dieses mein Wesentliches, 
das ich jetzt nicht wieder in mir finden kann und von 
dem aus man wirken muss, um ein Wesen bis ins 
Tiefste zu bewegen." 

Manchmal sah er von den hohen Terrassen seines 
Besitzes aus einem ganz unten in den gelblichen und 
schnellen Wellen des Tajo verlorenen Schwimmer zu, 
einem armen Kerl, der sich plagte und dessen An- 



strengungen genau wie das öffnen und Schliessen einer 
Hummerschere aussahen. „Tapferes kleines Geschöpf'^ 
sagte er sich, „das rührend wie ein Tier seine harte 
Arbeit ohne Hilfe verrichtet. Es gibt weder ein Genie 
noch einen Prinzen, der nicht mit Armen und Beinen 
herumschlagen müsste, wenn er ins Wasser fiele . . . Das 
ist die instinktive Geste! Er will am Leben bleiben! . . . 
An welche Empfindung müsste man im zivilisierten 
Leben appellieren, die bei allen Individuen so konstant 
wäre als der Selbsterhaltungstrieb? Auf welcher Basis 
soll man bei nicht interessierten Gemütern einen Stütz- 
punkt finden, um sie zu beherrschen?'^ 

Inmitten dieser Beschäftigung mit dem moralischen 
Räderwerke geschah es, dass er an ein Mädchen denken 
musste, das einem ehebrecherischen Liebesverhältnisse 
seines Vaters entstammte. 

Seine Schwester! Sie stand nun im neunzehnten Le- 
bensjahre. Die Erinnerung an sie erfüllte ihn mit einem 
Gefühl von Frische und Wollust. Es verlangte ihn, sie 
an sich zu fesseln, weil er sie sich nach seinem Herzen 
gebildet dachte. 

Noch ganz klein hatte sie mit ihrer Mutter nach 
Ägypten gehen müssen, die man wegen ihres Lebens- 
wandels davonjagte. Jetzt war sie Waise und lebte in 
Dresden bei Verwandten. Sie willigte ein, die Brühische 
Terrasse mit der Toledaner Sierra zu vertauschen. 

Von ihrer ganzen Reise erinnerte sie sich, wie sie 
später erzählte, nur daran, dass ihr grundlos Tränen 
in die Augen kamen, so oft der Zug in der ungeheuren 
Stille der Nacht durch grell beleuchtete Städte fuhr. 

Simone war keine vollendete Schönheit, aber ein 
matter Teint, eine delikate Haut, wie geschaffen, dass 
Perlen sie berührten, ein trauriger, etwas traumverlorener 
Blick, eine ganz leise Feuchtigkeit in ihrer Kinderhand, 
welche die Finger des Bruders um Schutz bittend suchte 
und drückte, das bildete ein rührendes Ganze voll Sanft- 
heit, Grazie und Unbeholfenheit. 

Dieses kleine Mädchen, das sich tief in seinen hellen 

6 



^eitfaltigen Kleidern verbeugte ^ war für den^ der es 
schlecht begriff, die frostige Vollendetheit einer sehr 
jungen Frau bei irgend einem zeremoniellen Apparat, 
aber darunter schlug ein Herz, fähig der allerschönsten 
Verwirrungen. 

Als Kind hatte sie geweint, wenn man schlechte 
Witze über den Papst machte. Ihre Religiosität hatte 
sich stark am Widerspruch der Protestanten entwickelt. 
Diese Moral des Marienkindes ist sehr mittelmässig, 
wenn wir sie für eigennützig oder scheinheilig halten, 
aber es gibt Herzen, in die solche Gefühle von Geburt 
an gelegt sind und so tief, dass sie tausendfältige 
poetische Blüten treiben. 

Ohne Zweifel hatte die Mutter, von ihren Verirrungen 
beunruhigt, Gott durch eine bis ins Kleinste gehende 
Frömmigkeit zu versöhnen gesucht und das Kind ihrer 
Sünde dem Himmel geweiht. 

Diese Zeit war die glücklichste im Leben Delrios. 

Kein Reisender von einiger Bedeutung kam durch 
Spanien ohne einen Empfehlungsbrief für die Villa in 
Toledo, und nur ganz wenige stellten sich dort vor, 
die man nicht ein paar Tage zurückgehalten hätte. 
Seine Schwester zur Seite konnte Delrio viel bequemer 
Frauen empfangen, deren Gesellschaft er liebte. 

Simone, die eine ängstliche Genauigkeit in der An- 
ordnung aller zartsinnigen Dinge besass, unternahm 
es, den Gang dieses Lebens zu reformieren. Die 
Männer sind immer leicht für eine Ordnung empfänglich, 
die ihnen eine junge Schönheit vorschlägt. Aus einem 
gastlichen Heim, das schon beinah einem Gasthaus 
glich, machte sie einen kleinen Hof. Sie verstand es, 
die Stimmen zu dämpfen und Delrio mit einer 
Atmosphäre von Höflichkeit zu umgeben, die seinen 
hochzielenden Betrachtungen einen noch grösseren 
Wert liess. Indem man die Unordnung aus dem Wege 
schafft, die plötzliche Entschlüsse in den kleinen 
Nebenumständen des Lebens zur Folge haben, ver- 



mehrt man die Intensität anssergewöhnlicher GeffiUe: 
man macht sie frei. Es ist wie bei einem Monumente: 
grosse, ebene Fliehen lassen das architektonische 
Motiv besser siegen. 

Ursprünglich hatte Delrio, der das Sinnliche liebte, 
daran gedacht, sich in der Lombardei niederzulassen, 
am Maggiore oder am Comer-See, wo beinah die 
wienerische Süsse ist; aber die Gärten mit den singenden 
Silben, Melzi, Sommariva, Giulia und der alte Hafen 
von Pallanza hätten seine Sinne weniger befriedigt als 
diese Felsenwände, nackt und stilkräflig wie die 
Sentiments, die sdn Bereich waren. Seitdem man die 
Cigarrales des Molina zerstört hatte, verweigern es 
die Abhänge, auf denen magere Esel die harten, 
vertrockneten Zweige einer sehr stark riechenden 
Eichenart — retama macho — abweiden, Rosen zu 
tragen. Simone vermochte es, zwei oder drei Setzlinge 
zum Wachsen zu bringen. Indem sie alles in ihrer 
Umgebung gefälliger machte, ersparte die Schwester 
es dem Bruder, irgend etwas zu vermissen; unter 
diesem ausdörrenden Lidite, auf diesen Bergen von 
beinah grausamer Kraft schuf sie ihm einen jungen 
Garten. 

Sie war stets in gelb und violett gekleidet, kräftige 
Farben, die er allen anderen vorzog und deren Zusam- 
menstellung ihn mit sinnlichem Wohlbehagen umfloss. . . 
Aus einer bizarren Laune hatte er sie gebeten, ab 
Wäsche nur rauhes, grobes Leinen zu tragen; es gefiel 
ihm, dass diese Art von mildem Büsserhemd ihn 
beständig in den Gedanken des jungen Mädchens mit 
dieser so intimen Anordnung verband. 

Bis zum Abend beschäftigte er sich allein, aber 
gegen 6 Uhr liebte er es, sie zu begleiten. Der Nieder- 
gang de^ Tages erregte ihn; die Blumen färben sich 
stärker, die Umrisse werden schärfer, alles belebt sich 
und beginnt zu reden. Er hatte auf dem Berge eine 
Allee in Terrassen herstellen lassen, über dem Tigotal und 
Toledo. Es war der lieblichste und kahlste aller 

8 



Ausblicke, auf eine Landschaft vornehm und verlassen 
wie das Meer, aber auch unbeweglich wie ein Friedhof. 
Oft setzten sie sich auf einer der da aufgestellten 
Bänke, und es war sein grösstes Vergnügen, Simone 
über ihre Kindheitseindrücke zu befragen, von damals, 
als sie noch ganz klein mit ihrer Mutter in das rosige 
Land Ägypten floh. 

Sie war geschaffen, Gespräche mit Engeln zu fuhren, 
so viel Ehrlichkeit und Ernst legte sie in die Aufzählung 
ihrer Empfindungen. Keines ihrer Worte entstellte ihren 
Gedanken. Sie drückte manchmal Gefühle aus, die man 
schlechte nennen konnte, aber das verriet sich so natür- 
lich auf der Oberfläche ihrer Worte; wie die schillern- 
den Farben des Gefieders einer Taubenbrust war es; 
sie verfolgte keine Absicht damit, und bei näherer 
Prüfung handelte es sich dabei niemals um niedrige 
gemeine Dinge. Delrio erkannte ziemlich rasch, dass ihr 
gegenüber Ironie oder Misstrauen schwere Ungeschick- 
hchkeiten wären. Er nahm sich vor, sie niemals aus- 
zuforschen, denn die meisten seiner Fragen hatten für 
sie gar keinen Sinn. Genau genommen beschränkte 
er sich darauf, ihre Nähe zu atmen, und wenn sie 
gewisse, ganz ungewöhnliche Dinge gesagt hatte, die 
er ebenfalls fühlte, so küsste er sie. 

Tief unten zu ihren Füssen zogen Reiter, die in 
dieser Entfernung zwar ganz klein aber doch sehr 
vornehm aussahen, unter den hohen Toren über die 
Brücke von Sankt Martin. Das Geklingel der Maultiere 
drang bis zu ihnen herauf, und jedes Glöckchens 
besonderer Klang war in der heissen, trockenen Luft 
hörbar. Die Durchsichtigkeit der Atmosphäre hob die 
Distanzen bis zu einem Grade auf, dass, wenngleich 
ausserhalb Toledos, sie doch immer mitten darin lebten. 
In diesem unvergleichlichen Lichte der niedergehenden 
Sonne konnte man die Fremden mit ihren Reisebüchem 
unter dem Arm unterscheiden, und die Unruhe dieser 
armen Irrenden nach dem Glücke und die ewige Pracht 
dieses Felsenrundes bildeten einen Kontrast, dessen un- 

9 



deutliche Empfindung dieses schweigsame Paar liebte. 
O Licht I Herrlichkeit über der Ruine dieser alten 
Herrscherin I 

Und gleich mit der Kühle des scheidenden Tages 
wie füllte sich diese Landschaft mit herzzerreissender 
Traurigkeit! Eines Abends, beim Ave Maria, als sie 
ihre grossen, blauen Augen weiter als sonst geöffnet 
hatte und ihre Lippen von der Melancholie der Däm- 
merung blasser waren, kam ihrem Bruder ein Wort 
auf die Lippen: „O meine Pial^^ So schmerzbewegt und 
heimlich verschlossen rief sie in seinem Inneren die 
geheimnisvollen Verse Dantes herauf. Glich die über 
alles erhabene Trostlosigkeit des Tales von Toledo der 
des Büsserberges, wo Dante jene begegnete, die zu ihm 
sprach: „Entsinne dich, ich bin Pia; Siena hat mich 
gemacht, die Maremma hat mich zerstört. Er weiss es, 
der mir den Trauring an den Finger steckte." 

Dieses Milieu, das die Empfindungen bis zum Exzess 
kultivierte, war dem jungen Mädchen lustvoll, zerstörte 
es aber auch zu gleicher Zeit. Sie ward darin und ver- 
ging darin. 

Delrio liebkoste sie und tröstete sie, bis ihr die Tränen 
in den Wimpern hingen, die er mit solchem Mitleide 
wegküsste, dass sein Herz köstlich zersprang. „Mir 
kommt vor", sagte er ihr, „dass dich in meine Arme 
zu drücken für mich eine grössere Lust ist als sie mein 
Vater empfinden konnte, da er dir das Leben gab." 

Auf der runden Isola-Bella im Lago Maggiore haben 
die Borromäer die Blumen aller Zonen zusammenge- 
tragen. Unter einem Lorbeerhaine von heimlicher Dunkel- 
heit, hohem Wüchse und Frische scheuchte mein Tritt 
zwanzig Tauben auf, doch zu so schwerfölligem Fluge, 
dass ich sie hätte in die Hand nehmen können. Wen 
hätten sie nicht gerührt, so halbberauscht von den auf 
zu engen Terrassen zusammengedrängten Düften so 
vieler Bäume aller Himmelsstriche! Eine solche gegen 
alle Natur kombinierte Luft kann man nicht atmen. 

10 



Sich ihr hingeben, heisst die Wirklichkeit verlieren. Da- 
her die Wehrlosigkeit der Jungfrauen, die in den Tem- 
peln aufwuchsen. 

Das kleine reine Mädchen war gleichwie durch 
einen Cynismus von einer gewissen Teilnahmslosig- 
keit verletzt, die dieser Amateur der Seelen in Hinsicht 
auf Abstraktes und Prinzipien zur Schau trug, und 
auch wieder gerührt von dem Mitgefühl, das er für 
alle sentimentalen Kleinigkeiten ihres ganz jungen 
Wesens zeigte. 

— „Mein Bruder", sagte sie zu ihm, „es gibt Minuten 
wo ich Sie nicht schätze und dann wieder, in anderen 
AugenbUcken erkenne ich wohl, dass Sie besser sind als 
ich.« 

Sie war betäubt von all den Empfindungen, die auf 
ihrer Terrasse von Toledo kultiviert wurden und die 
so wenig zu harmonischer Einung kamen. Ihre kleinen, 
schwerfälligen Gedanken wurden nach und nach weniger 
scheu, und Delrio nahm sie ganz in seine Hand. 

Die Pia war ein wenig anämisch wie viele schwärme- 
rische junge Mädchen. Man riet ihr Bewegung. Die 
Terrasse von San Juan de los Reyes ist der einzige 
Winkel dieses sonndurchglühten Toledo, wo man mor- 
gens um neun Uhr noch Schatten findet. Sie wurde 
das Ziel ihres Spazierganges. Kinder ohne Taschen- 
tücher und ohne Hemden schwirrten um sie herum 
wie Fliegen auf einem Stück Zucker. Und die Er- 
wachsenen, empört, dass sie kleine Silbermünzen be- 
kamen, schrieen ihnen beim Vorübergehen mit guttu- 
raler Stimme zu: „Hombre". 

Die alte Kirche de los Reyes, aussen mit Ketten be- 
hangen, die einstmals christliche Gefangene bei den 
Barbaresken getragen hatten, war ein Begräbnisplatz 
der Granden von Spanien gewesen, und schimpflicher- 
weise machte unser Soult einen Stall daraus. Wenn 
Conchita, Concepcion, Dolores, Remedios und ein Haufen 
kleiner Jungens, die ihre Zeit damit verbringen, die 
Fremden herumzuführen, den Schwalben aufzulauern 

11 



und die Esel mit Steinen zu werfen, immer an diesem 
schattigen Platze zusammenkommen, so geschieht das 
nicht in Erinnerung an die Gräber, auf denen die Pferde 
der Kriegsknechte mit Füssen trampelten, sondern weil 
der Vorplatz die Aussicht auf das Schlachthaus hat 

In den armen Städten ersetzt das Schlachthaus die 
Arena der Stierkämpfe. Um der Pia begreiflich zu 
machen, welchen Zweck das hohe Gebäude ohne Dach 
habe, in das sie so unermüdlich ihre Augen hinunter, 
tief hinunter versenkten, schlugen sie ihr mit einer 
drolligen Vertraulichkeit auf den Nacken und machten 
zugleich die Gebärde des Sterbens oder vielmehr des 
Schlafens, mit einer plötzlich aus dem Mund hängenden 
Zunge, — was der Pia Nerven interessierte, weil es sie 
ein wenig anekelte. Endlich schien sie es zu begreifen. 
Um sie in ihrer Annahme zu bestärken und aus Be- 
scheidenheit sagten sie ihr, indem sie sich alle auf den 
Bauch schlugen: „El toro para nosotros^^ und indem 
sie auf den ihrigen zeigten: „La vacca para usted^^ 

Das Elend entvölkert diese herrlichen Ruinen. Dass 
die kleinen Stammgäste der Terrasse von los Reyes so 
eigensinnig am Dasein festhalten, ist ein Beweis, dass 
sie eine wunderbare Lebenskraft haben müssen. Sie 
erhalten Toledo und bilden einen wichtigen Bruchteil 
der spanischen Energie. Daher kommt es, dass diese 
ganz ungebildeten kleinen Fremdenführer einen so 
sicheren Instinkt für die charakteristischen Punkte ihrer 
Stadt haben. Sie wollten, die Pia solle das Gefängnis 
ansehen. 

Toledo, das übrigens noch nicht aufgehört hat stolz 
zu sein, gleitet mit dem Schutte und dem Miste seiner 
Paläste bis zum Fluss hinunter. Auf diesem ruinen- 
bedeckten Boden und gegen die Tiefe dieses rutschen- 
den Talhanges erhebt sich das düstere Gebäude. Die 
Zellen sind von einem Hofe flankiert, dessen hohe 
Mauern dennoch gestatten, dass der Blick von den 
höchst gelegenen Punkten der Stadt aus die Köpfe der 
Gefangenen streift. 

12 



Die Kinder wünschten sehnlichst, die Pia möchte 
den Aufseher bestechen; sie verhandelten und die Pia 
gab das Geld. Alle betraten hierauf einen engen, auf 
den Zinnen der Mauern angebrachten Durchgang; zu 
ihrer Rechten der Abgrund des Tajo, zu ihrer Linken 
das Loch der Gefangenen, erreichten sie zwischen zwei 
Schwindelanfällen ein verwegen angelegtes steinernes 
Schilderhaus, wo ein Gendarm Wache hielt. Selbst 
in dieser schwindelnden Höhe wurden es die Kinder 
nicht müde, die Diebe und Mörder zu bewundem, die 
in ihrem Elend rund um einen Brunnen herum sassen: 
wilde Leute, deren starke Ausdünstung ein wenig zu 
spanisch war für die Nasenflügel einer Ausländerin. 

Ein Schlachthaus, ein Gefängnis, alles in einem 
Schweigen gebietenden Glänze von Licht, das ist das 
Wesentliche einer spanischen Stadt. 

Ein solches Milieu ist ein Exil. 

Die Pia attachierte sich besonders an ein kleines 
Mädchen, das dem Haufen mit allen seinen Schätzen 
folgte: eine Schachtel englischer Zündhölzer und ein 
paar oftmals gesohlte Schuhe, deren Besitz ihm das 
Lächeln eines unbezähmbaren Stolzes gab. Aus der 
Leidenschaft, die sie für ihre mächtigen, spanischen 
Schuhe zeigte, schloss die Pia, wie wollüstig diese 
Kleine war. Drei Tage später erfuhr sie, dass die 
Schuhe dem Kinde gar nicht gehörten, aber dass man 
ihm erlaubte, sie jeden Morgen eine kleine Weile über 
die Hände gestülpt zu tragen. Es war nur ein Stolz 
auf diese Erlaubnis I Und doch war er die einzige 
Empfindung einer menschlich zugänglichen Qualität, 
welche die Pia mit neunzehn Jahren in der Stille dieser 
steinigen Flächen und Räume fand und die sie nur 
betrachten konnte, wenn die Sonne für ein paar 
Augenblicke hinter eine Gewitterwolke trat. 

Die nicht geringe Zahl junger Leute, die bei Delrio 
verkehrten, Spanier, öfter noch Ausländer, betrachteten 
Pia als einen niedlichen Luxusgegenstand und ergötzten 
sich, je nach dem Grade ihrer ästhetischen Bildung, 

13 



an ihrer Anmut oder ihrem Luxus, aber alle, mit 
Ausnahme eines einzigen, missfielen ihr. 

Dieser Bevorzugte besass eine hübsche, kleine Seele von 
bester Qualität, schneller bereit, andere zu verurteilen, 
als sie zu begreifen. Er hatte vierundzwanzig Jahre, und 
zweifellos wird er mit fünfundreissig Jahren zu den Leuten 
gehören, denen im besten Glauben immer das als das 
Richtige erscheint, was sich mit ihren Interessen deckt. 
Er hatte Vermögen und kein Talent, das produktiv, 
keinen Ehrgeiz, der befriedigt werden sollte; daher seine 
Sorge um das Tugendliche. Im ganzen genommen 
lebte nichts in ihm, ausser dieser schwachen Bewegt- 
heit zum Liebesglück hin, die man immer in diesem 
Alter fühlt. 

Delrio schätzte die intellektuelle Kraft dieses Jünglings 
als eine sehr massige, aber er dachte, man könnte ihr 
eine bessere Nahrung geben: und so hielt er ihn gerne 
in Toledo fest, als Objekt, an dem bei Gelegenheit 
eine Leidenschaft zu entwickeln wäre. Jetzt noch 
eine ziemlich dürftige Seele, zeigte sie doch in allen 
ihren Äusserungen jene innere Grazie, die der Blick 
bei den Jünglingen Rafaels und Pinturricchios so 
vollkommen wiedergibt. So ganz jung und wie eine 
schöne Frucht erweckte er eine Sinnlichkeit, die jene 
verstehen werden, die manchmal durch die Gegenwart 
eines Jünglings versucht waren, an ein drittes Geschlecht 
zu glauben, zu dem man auch die jungen Tiere 
zählen würde. 

Diesem Lucien gegenüber war die Pia nachsichtiger, 
gütiger. Ihm hatte man, da er noch klein war, hübsche 
Manieren beigebracht. Er hatte, wie sie, die Vorliebe für 
Schmuck, interessierte sich für geblümte Beinkleider, 
für perlengestickte Brokaljäckchen, für leichte, türkische 
Pantoffeln, für diesen Paradestaat, den sie manchmal 
anlegte, um mit Santa Maria la Bianca mehr zu- 
sammen zu stimmen, der allerreinsten toledanischen 
Perle ganz versteckt im Juden viertel. Himmlisch ist diese 
Synagoge in der Klarheit ihrer Arabesken, ihrer 

14 



Rosetten, maurischen und byzantinischen Bogen und 
in deren Innern ein Bild eine liegende Jungfrau zeigt, 
die uns auf ihrem Spruchband sagt: ^^Ich liege am 
Ufer des Jordan und träume". 

Er beteiligte sich mit grossem Ernste an dem 
hübschen Zeitvertreib, zu dem sie dieser vage Glaube 
an die Beseeltheit aller Dinge führte, dieser Glaube, 
der nie in den jungen Mädchen stirbt, die man in 
Andersens Märchen grosszog. Einstweilen verhinderte 
beider Mangel an Erfahrung sie, herauszuempfinden, 
was selbst am gemeinsten Geschöpfe merkwürdig ist; 
sie trafen darin zusammen, die Gäste Delrios „Barbaren" 
zu nennen. Damit wollten sie die Fremden bezeichnen, 
mit denen ihre Sensibilität in keinen Kontakt kam. 
Ein Gekränktsein, ein Unbehagen und alles das 
Kindische, was man bei allen Jünglingen bemerken 
kann, die mit einem starken Fühlen begabt sind, und 
das für diese beiden jungen Leute zu einem geheimen 
Band wurde, aber auch zu einer inneren Vereinsamung. 



II. SPANIENS WECHSELDOUCHEN. 

Die Pia hatte für ihren Bruder Zutrauen und einen 
zärtlichen Blick, aber es fehlte ihr die Wärme. Aus 
Unklarheit befangen, hättß man von ihr sagen können. 
Geboren für die Rolle, die Delrio für sie wünschte, 
machte sie doch nicht die entsprechenden Gesten. 
Und sie war noch nicht jemand, mit dem er hätte 
aufrichtig sein können. Er gedachte sie zur Reife zu 
bringen, ihr den letzten, leisen Fingerdruck zu geben, 
indem er ihr Spanien zeigte, das zügelloseste Land der 
Welt. 

In ihren Sittlichkeiten gehen die Spanier gerade auf 
ihr Ziel los; unter einem intensiven Himmel bilden 
sie sich nach ihren Sensationen. Es ist ein Land für 

16 



den Wilden, der nichts weiss, oder den Philosophen, 
der für alles blasiert ist, ausser für die Energie. 
Italien ist weniger einfach, viel zusammengesetzter: in 
seiner Süssigkeit kannst du träumen; hier aber ist alles 
unvermittelt und von einer beissenden Schärfe. 

Im Norden ist die Spanierin Unempfindlichkeit: 
fruchtbar und reichlich, und doch ist ihre Kälte aus 
verhaltenem Empfinden. Im Süden ist es ein un- 
aufhaltsamer Strom von Sinnlichkeiten; — aber wer 
fürchtete, sich darin zu besudeln? er reisst uns fort 
als die Natur. 

In diesem zwiefachen Lande ist alles Weichlichkeit 
und dann wieder nichts als Spannung und Schwung; 
der ewige Kampf der Kastilianer gegen die Mauren 
und gegen den Zauber Andalusiens. Ein langer 
Widerstand, ein mächtiger Gegensatz, aus dem das 
asketische Gefühl der heiligen Therese, die Dramatiker, 
die Maler und die königlichen Häuser Spaniens her- 
vorgingen! Davon erwartete Delrio vieles für Pia, 
denn er betrachtete diesen heftigen Widerstreit als ein 
moralisches Excitans, ebenso wirkungsvoll, wie es in 
der Therapie die Wechseldouchen von siedheissem 
und eisigkaltem Wasser sind. 

„Ich werde ihre Seele schmiegsamer und stärker 
machen^^, sagte er sich. „Ich will ihr zu ihren himm- 
lischen Gaben der Melancholie und Grazie in einem 
Alter, wo alle Eindrücke mit unserem Körper verwachsen, 
noch die Tiefe und die Glut der göttlichen Meister 
geben, zu denen ich sie an der Hand hinführe.'^ 

Dem jungen Mädchen zu Gefallen nahm Delrio 
Lucien auf die Reise mit. Die Kammerfrauen der 
Pia packten ihre Matrazen und ihre Bettwäsche ein, 
da sie nur darin schlafen konnte. Die kleine Karawane 
reiste ohne Unterbrechung nach dem Norden; Delrio 
wollte seine Schwester in den Herbheiten Kastiliens 
sich erhitzen lassen, ehe er sie in der Weichheit 
Andalusiens schmolz. 

Zuerst zeigte er ihr den Eskurial als den Ort der 

16 



Asketik und die granitne Übertragung der kastiliani- 
schen Zucht, die aus einer katholischen Vorstellung 
vom Tode kam. 

Von einem Felsen dieser düsteren Sierra aus, der 
das ungeheure Kloster aufgebürdet worden war, welcher 
Reisende hat da nicht den Despotismus dieser Landschaft 
empfunden und die so schmerzhafte Regelmässigkeit 
des Bauwerkes auf diesem verzerrten Horizont I Aber 
die meisten lehnen sich gegen diese Vergewaltigung ihrer 
Seele auf und kehren schnell in die elende Herberge 
zurück, um dort über die melancholische Laune der 
Maurer Philipp des Zweiten Witze zu machen. Vergebliche 
Mühe, das Erzittern ihres ganzen Wesens zu leugnen, 
das unter die Gewalt des kastilianischen Genies ge- 
kommen isti 

Dieser König, der seiner Allmächtigkeit ein Grab- 
gewölbe zur Behausung gab, hält uns unter die Augen, 
dass „die Grösse des Menschen darin ist, dass er sich 
elend erkennt". 

Ober den ungeheuren Eskurial geneigt, den er von 
einer Anhöhe aus beherrschte, ergab sich Delrio dem 
Schwindelgefühl des asketischen Abgrundes; er gab 
dem katholischen Kaiserreiche des Schmerzes nach. 
Ein Gekreuzigter in Todesnot, von Geissein zerfleischt 
und von Beleidigungen und Schrecken, zwingt der Erde 
seine Farben auf; und um die tiefsten Wellen unseres 
Bewusstseins zu bewegen und die Saiten des Idealen, 
ist nichts mächtiger als die Schönheiten eines Leprosen- 
hauses. Diese durcheinandergeworfene, von düsteren 
Leidenschaften zerquälte Landschaft, die das königliche 
Kloster wie einen erdrückenden Block bläulichen 
Granits trägt, schien ihm genau die Komposition einer 
Landschaft zu sein, die ein meditierender Paskai seiner 
Phantasie schuf, um sie zu fixieren. 

Es liegt mir wenig am inneren Gehalt der Philosophien. 
Es ist ihr Elan, den ich goutiere. Die Asketen Spaniens 
oder des Port-Royal nannten es für die Ewigkeit leben, 
was wir sich beobachten und die Nichtigkeit des Lebens 

17 



begreifen nennen. Sollten diese gehobenen Seelenstände 
heute verloren gegangen sein? 

Jeden Tag versuchte Delrio der Pia diese seine 
Betrachtungen mitzuteilen, während sie über die 
düsteren Höfe schritten unter eisigen Gewölben, denen 
es an Luft mangelt. So plötzlich aus der Mühelosigkeit 
ihrer toledaner Terrasse in ein schauerliches Gruft- 
gewölbe gefallen, das da mitten in die Sierra hinein- 
gesiegelt war, um der Ewigkeit das Tgte-ä-tgte eines 
Despoten mit seinem Gotte zu überliefern, fanden sie 
sich darin verloren wie Kinder in der Summa, dem 
Code oder der Geometrie. Unbehagen der Seele mehr 
noch als des Leibes I Was sie da bedrückte, war 
weniger das starre und monochrome Labyrinth, als 
vielmehr die ganze Auffassung des Lebens, die mo- 
ralische Methode, die Ethik, die sich hier symbolisierte. 
Ewiges granitnes Blau, harte, unnachgiebige Linien, 
welche die Seele in einer Weise einschnüren, dass sie, 
gäbe sie nichts in Gesten aus, verlöre sie nach aussen 
nichts von ihrer Wärme, dem Dasein erstürbe und 
sich von diesem losringen würde wie eine Dynamit- 
patrone, die in einen Felsen gelegt, diesem nur ent- 
weichen kann, indem sie ihn in der Richtung gen 
Himmel zersprengt I 

Immer wieder kommen sie zur Kirche, dem Mittel- 
punkte des Gebäudes zurück, und wenn die Pia da 
versucht, durch die Gitter der Seitenkapellen die auf 
den Beinhäusern gehäuften Reichtümer zu erkennen 
oder den Gängen entlang ein paar Bildnisse zu 
betrachten, die, wenn auch düster, sie in diesem 
dunklen Wirrsal von Lebensüberdruss und Todes- 
schatten doch mit der Menschheit verbinden, da sagt 
ihr Delrio: „Was für eine Verkehrtheit! Besondere 
Sehenswürdigkeiten dürfen unsere Gedanken in dieser 
Kaserne der Abstraktion nicht ablenken. Du riskierst es, 
dieses Milieu herabzusetzen, das so ausserordentlich ist, 
weil es uns der Zeit entrückt und uns ein Gefühl des 
Losgelöstseins von allen persönlichenZüfSUigkeiten gibt^^ 

18 



Er erlaubte es unter diesen unsagbaren gedanken- 
erfjillten Gewölben nur zwei Gegenständen^ die Auf- 
merksamkeit zu erregen: den beiden Gruppen der 
Königsstatuen von Leone Leoni, überlebensgross, 
prachtstrotzend wie goldene Götzen und von so 
mächtigem Ausdruck, dass man bei dem Anblicke 
ihrer Gesichter ihre Bekenntnisse zu hören vermeinte, 
oder besser noch hinter sich im Schatten das Wispern 
ihrer Kammerdiener. Das Gold auf den Beinhäusem 
dürfte wohl die einzige Zerstreuung sein, die der 
Eskurial der Phantasie zu bieten hat. 

Eine kleine Seele, zitternde Sklavin ihrer Sensationen, 
war die Pia am Zusammensinken vor Ermüdung, die 
sich mit Grauen mischte. Weniger um frische Luft 
zu schöpfen als um dieser Philosophie zu entrinnen, 
wo der Tod sich selbst seiner Romantik entkleidet, 
näherte sie sich den Fenstern. Hinter ihren Gitter- 
stäben sah sie den Springbrunnen der Infantin, einen 
jämmerlichen Trog, Päonien in der dunklen Einfriedung, 
geduckter noch als der Stein. In diesen unversöhn- 
lichen Mauern ist also nichts sonst zu erwarten als 
die Spiele des Denkens! Das war zu viel und sie 
schien ohnmächtig zu werden. 

Er nahm sie, schleppte sie fort und als sie auf den 
Terrassen einen granitgefassten Tümpel erreichten, 
dessen Wasser die Schwalben berührten, weinte sie. 
Sie fand endlich in dieser unversöhnlichen Tragik 
etwas, das sich bis zur Melancholie herabliess. 

Später, des Nachts, in dem traurigen Gasthaus, nach 
dem einsilbigen Abendessen, als die Pia sich niedergelegt 
hatte und ihn, wie es alle Abende seine Gewohnheit 
war, mit ihren Händen und Ringen spielen liess: 

— Reisen wir nicht ab, sagte sie, von einer Art von 
Trunkenheit für den Abgrund erfasst. Hier sehe ich am 
besten, wie du mir allein auf der Welt bist. 

— Machen wir rasch ein Ende, antwortete er. 
Unser schmerzliches Glück vom Eskurial wirst du 
weit heftiger noch empfinden, wenn wir aus dieser 

19 



^ \ 



Disziplin in das Aufblühen Andalusiens kommen 
werden. 

Zwei Tage später waren sie in Granada. 

Ihre erste Nacht konnten sie nicht schlafen, so 
brauste unter ihren halb offenen Fenstern die ganze 
Stadty die sich Kühlung auf der Alameda sucht. Delrio 
klopfte an die Türe seiner Schwester und die kleine, 
weisse Gestalt, die sich in der Dunkelheit ankleidet, 
gesellt sich zu ihm. Sie gingen aus. Beide waren von 
dem Glück erregt, im Dämmerscheine der duftenden 
Nacht an den Orten herumzustreifen, die sie zum 
ersten Male betrat. 

In den Feigenbäumen, den Magnolien, den Stein- 
eichen, Pistazienbäumen und dem blühenden Lorbeer 
kündete sich bald leise der Morgen an und das junge 
Licht verschwendete seine Effekte. Der Mangel an 
Schlaf, der in diesen milden Ländern kein Un- 
behagen ist, machte sie nur etwas weicher und ihre 
Körper empfönglicher für die Köstlichkeiten der 
Natur. 

Granada ist auf den Gipfeln dreier Hügel erbaut, 
die sich von hohen, schneebedeckten Bergen abheben. 
Seine Häuser und wundervollen Bäume bedecken 
Abhänge, die sanft abfallen, um an der Schwelle einer 
ungeheuren, gesegneten grünen Ebene zu enden. Der 
untere Teil der Stadt ist modern; man trifft dort die 
Herren aus den Klubs oder vielmehr die Herren, die 
Aperitifs nehmen, wie man sie im ganzen Süden 
Frankreichs findet, in Spanien und Italien; Wichtig- 
tuer, Gecken und Halbelegants; und wenn man dann 
die Freitreppe der Cartuja, auf deren Stufen sich die 
Bettler, die Krüppel lagern, als eine der erstaunlichsten 
menschlichen Faulgruben bezeichnet, und darauf die 
Bedeutungslosigkeit der granadischen Malerschule fest- 
gestellt hat, die in der Kathedrale deutlich wird, so kennt 
man das Wesentlichste. Der ganze Zauber liegt im alten 
Granada, dessen verfallene Gässchen sich aufwärts 
schlängeln, um bis zu den Abhängen der Alhambra 

20 



und des Albaycin emporzuklettern, wo sie sich bei 
Tageslicht ein malerisches Vis-ä-vis geben. 

Als die grösste Hitze des Tages vorüber war, 
besuchten die Pia, Lucien und Delrio die Alhambra. 
Es ist nicht ein einfaches, hervorragendes Bauwerk, 
sondern ein ganzes Stadtviertel. Man findet dort 
unter ungeheuren Baumschatten eine Kirche, Hotels, 
altes Gemäuer, Ruinen, welche die maurischen Könige 
überleben, und deren Sommerpalast, den Generalife, 
sehr fein, sehr schmucklos mitten in seinen Gärten 
und Springbrunnen, aus denen der Schnee der Gipfel 
rieselt, die einem immer wolkenlosen Himmel den 
Horizont geben. 

Von den kleinen Gärten der Alhambra aus genossen 
sie unvergleichliche Blicke auf die weite Ebene, die 
Granada so heiter macht. Die Erdfalten und die Berge 
Andalusiens breiten sich aus wie wundervolle Draperien. 
In der Vega ist alles Anmut und Lieblichkeit. Die 
Luft, die von den ewigen Schneefeldern oberhalb der 
tropischen Gärten kommt, bringt mehr Frische und Ver- 
wirrung auf dein Gesicht als am Abend der junge Mund 
der Spanierinnen von fünfzehn Jahren es vermöchte. 

Die Pia gab sich diesen grossartigen Weiten mit 
mehr Lust hin als es ihre nervöse Kraft erlaubte. 
Ihre Augen wurden müde, bevor ihr Herz sich des 
Lichtes zu erfreuen aufgehört hatte, und die Augen- 
lider senkend, streckte sie die Hände aus, um noch 
mehr von der Helligkeit zu fassen. 

Granadas Zauber ist gar nicht kompliziert: er liegt 
darin, dass es die schönsten Bäume des Nordens und 
fliessendes Gewässer unter einer afrikanischen Sonne 
hat. Sein Name zieht die ganze Welt an, aber es ist 
nur ein Zelt in einer Oase und das allerweichste 
Kopfkissen der Erde unter einem köstlich gestickten 
Sonnendache. 

Weder dieser zerbrechliche Dekor, noch das sinn- 
liche Wohlbehagen können einen tiefen Eindruck auf 
die Seelen üben, die sie auf die Dauer aber doch stumpf 

21 



und schlaff zu machen wüssten. Delrio, dem daran lag, 
alle Vorzüge dieser Station zu nützen, damit das Bild 
der Landschaft in der Seele des jungen Mädchens 
einen Yollendeten Sinn bekomme, stachelte darum den 
Führer an, ihnen eine Menge Vorkommnisse zu be- 
richten, bei denen das Entzückende sich mit dem 
Schrecklichen vermischte, das auf diesen Steinfliessen 
Spuren von Blut und Liebe zurückliess. 

Er wollte, dass in der Phantasie seiner Freundin 
von der Porta Elvira an bis zu der von Bivarambla 
alle Stätten der Alhambra ihren grossen und naiven 
Sinn bekämen, und dass sie mit ihren Legenden sich 
an maurischen Damen belebten, den Sarazenenrittern 
im grünen Überkleide, roten Mänteln, goldenen Sporen, 
breiten, silbernen Steigbügeln, wie sie auf isabellen* 
farbenen Hengsten und spanischen Stuten reiten und 
ganz stolz auf ihre Federbüsche sind. Der Romanzero 
ist über ganz Andalusien verbreitet und dehnt sich 
noch bis über Ubeda, la Guardia,* Andujar, Bae^a, 
Jaen, Riofrio, Alhama, Quesada, Cacorba aus, lauter 
ärmliche und köstliche Städte, eiserne B^ous, heftige 
und wilde Schreie, die stark an die Seele schlagen 
und sie karessieren. Granadas Sturz ist so berühmt 
wie der Fall von Troja; die Romanze, die seufzen 
macht, prägt sich dem Gedächtnisse der Menschen, 
denen sie ein Zeitvertreib ist, ebenso fest ein, wie die 
Tragödie, die sie härter macht. El Rey Chico, der 
kleine König Boabdil, der Feigling, Verräter und 
Mörder, ist für uns halbverhüllt von den nieder- 
hängenden Zweigen dieses Oleanderbaumes, unter 
dem er sich versteckte an einem Tage, wo seine 
Soldaten tapfer für seine Sache starben. Wir haben 
nichts gegen ihn und verteidigen ihn, weil man ihm 
jadoch den Beinamen Zogoibi, den vom Missgeschick 
Verfolgten gegeben hat und da er unter einem Un- 
glücksstern geboren war. Bei der Betrachtung des 
Tores, durch das er die Alhambra verliess, von dem 
er als allerhöchste Gnade erbat, dass es für immer 

22 



zugemauert werde, im Verfolg des Weges auf der 
Seite von San -Antonio -il-Viejo hin, den er eigens 
bauen liess, um in das christliche Lager zu fliehen, 
ohne mit seinen Mauren zusammenzustossen, da sagt 
man sich: um so am Dasein zu hängen, muss dieser 
Schattenkönig unvergleichliche Wollüste gekannt haben. 

Um diese Atmosphäre reinster Romantik zu kom- 
pletieren, machte Delrio seine kleine Schwester auf 
das Porträt der Maria von Neuburg aufmerksam, ein 
etwas aufgedunsenes Gesicht, wie oft in Osterreich, 
und die mit ihrem Finger auf eine Blume zwischen 
ihren von der Zeit yerblassten Brüsten zeigt. Während- 
dem atmete die Pia selber den Duft einer Teerose ein, 
die nach Sumpfwasser roch und Traurigkeit aus- 
strömte. 

Allen Besuchern schenken die Führer und Gärtner 
Blumensträusse; sobald die Sonne untergegangen ist 
und die Parasiten sich entfernt haben, sind diese un- 
geheueren Blumenspaliere ihres Glorienscheines beraubt, 
aber in ihrer geheimnisvollen Einsamkeit, zur Stunde, 
wo der magische Mond die Alhambra besucht, während 
die fleischvertilgenden Engländer auf den Hotelklavieren 
klimpern und zueinander sagen: „beautifuP^, da 
fassen die Rosen wieder Mut und denken immer, dass 
Lindaraja am nächsten Morgen den Wohlgeruch von 
tausenden von ihnen nötig haben wird und sie erblühen 
aufs neue. Die Loyalität und die Verschwendungssucht 
der Rosen von Bätika sind ohne Ermüden. 

Die drei Reisenden beschlossen den Tag mit einer 
Wagenfahrt zum Gebirgspässe von Alhendin, wo 
Granada dem Auge entschwindet, wenn man sich der 
Alpujarra zuwendet. Die Araber nennen ihn FecÜ- 
Allak-Akbar, in Erinnerung der Worte, die Boabdil 
sprach, als er mit einem letzten Blicke auf seine Paläste 
ausrief: „Gott ist gross" und Tränen vergoss. Die 
Spanier nennen es: „El ultimo sospiro del rey moro". 
Die Mutter des Flüchtlings beschimpfte ihn: „Du 
tust gut daran, wie eine Frau das zu beweinen, was 

23 



du als Mann nicht verteidigen konntest". Aber ein 
Vezier sagte ihm: „Bedenke Herr, dass die Trübsal 
diejenigen erhöht, die sie mit Standhaftigkeit ertragen". 
„Ach", antwortete er, „welches Missgeschick kam je 
dem meinen gleich!" Gegen das Jahr 1851 fand 
man beim Abbruch der alten arabischen Häuser in 
Tlemcen eine Türschwelle von Onyx, welche die 
Grabschrift des jungen Königs trug. Sein Grabstein 
war von den Muselmännern aus Verachtung mit 
Füssen getreten worden; sie konnten ihm den Sturz 
des Islam in Spanien nicht vergeben. Die Feigheit 
und das Schicksal dieses Genussmenschen erregten 
das Mitgefühl der Pia, denn sie selbst hielt sich für 
schwach, und um derartige Herzensnöte ertragen zu 
können, hätte sie Chloroform verlangt. 

Von der ganzen Reise schien dieser Tag dem Ge- 
schmacke des jungen Mädchens am meisten zuzusagen. 
Sie fand nichts, was übermächtig auf sie eingestürmt 
wäre und sie dem drückenden Zwange des Nach- 
denkens aussetzte in einem Alter, wo man es vorzieht, 
dem Herzen nachzugeben. 

An einem Nachmittage besuchten sie die kahlen 
Hänge des Albaycin, wo in felsgehauenen Löchern, 
zwischen riesenhaften Kakteen, das ausgehungerte Volk 
der Zigeuner seinen Unterschlupf sucht. 

Was für eine Romantik hat dieses schweifende Volk 
in die Welt gebracht! Sieht man diese jungen Mäd- 
chen vorübergehen, wird der Spruch, dass man nichts 
lieben kann, was man nicht achtet, zur plattesten 
Albernheit. Sie tanzen, flittergestickte Lumpen um 
die Lenden geschlungen, Glut in den langgeschlitzten 
Augen, die nicht sagen, ob sie Feind oder Freund 
sind. Auf allen Landstrassen Europas erwecken sie in 
der Seele der Arglosen eine Sinnlichkeit, analog jener 
zärtlichen und unkeuschen Träumerei, welche die Maler 
und die Dichter um die Herodias gelegt haben, die 
eine Blüte und ein Aroma ist. 

Halb nackte Bettler beider Geschlechter erschienen 

24 



am Eingang der Höhlen. Sechs kleine Mädchen 
gingen, rückwärts schreitend, vor den drei Besuchern 
her, legten ihre Hände auf ihre etwas dicken Manier 
und wiederholten immerzu gegen die Pia gewendet: 
„Bonita caramella'S Süss wie ein Bonbon! Die Pia, 
etwas ängstlich, dass sie ihre Kleider mit den Fingern 
berührten, wollte sich in eine Kirche flüchten; aber 
mit der allergrössten Schnelligkeit veranstaltete die 
Älteste, die wohl acht Jahre zählen konnte, auf dem 
köstlich kühlen Kirchenvorplatz einen ganz seltsamen 
Tanz, wobei Freiheiten junger Tiere beinah frauen- 
hafte Hüften zur Schau stellten. Verwirrende Phantasie, 
diese habgierigen Kinder einen ketzerhaften Zorongo 
im frommen Halbdunkel tanzen zu sehen! Aber das 
Unheimliche bei der Sache und das unvergessliche 
Zeichen waren die auf Lucien und Delrio gerichteten 
zu glänzenden Pupillen und das Augenzwinkern, das 
in dem kleinen Mädchen schon die alte Kupplerin 
verriet. . . Längs des Fussweges plagten diese schlechten 
Kinder die drei jungen Leute unablässig mit ihrem Ge- 
schrei und ihrem schwindelerregenden Herumspringen 
auf den glühenden Kieselsteinen, immer die Hand aus- 
gestreckt, und um verständlich zu machen, dass sie 
fortgingen, wenn man ihnen etwas schenkte, verflochten 
sie in ihre Forderung den Ausruf des Unwillens, den 
ihnen schon so oft geärgerte Fremde hingeworfen 
hatten: „Fünf Centesimos und macht, dass ihr weiter- 
kommt! . . . Fünf Centesimos und macht, dass ihr 
weiterkommt!" 

Es war sechs Uhr abends; das Scheiden eines sieghaft 
strahlenden Tages; aber die Natur lässt uns, wenn sie 
diese Herrlichkeit erreicht, ihre unerbittliche Gleich- 
gültigkeit für unsem Jammer allzusehr fühlen; sie 
steigert unsere Vereinsamung. Zudem hatte das häss- 
liche Augenzwinkern des unbekannten Zigeunerkindes 
von Granada das junge Mädchen in verschleierter Weise, 
aber genügend, um ihr das Herz zusammenzuschnüren, 
auf die Verwirrungen des Verlangens und auf Demüti- 

25 



gungen gewiesen, die gewisse dunkle Triebe unseres 
Blutes mit sich führen. 

Wenige Tage später, als die Pia wieder das Tal von 
Genil emporstieg, nicht weit von dem denkwürdigen 
Platze, wo der harte Sieger den Schlüssel aus den 
Händen des kleinen Königs Boabdil empfing, feierten 
auf dem gegenüberliegenden Berghange fünfzig schrille 
Kinderstimmen die allerreinste Jungfrau. Längs des 
Zigeunerviertels zog eine Prozession. Die Pia erkannte 
die kleinen Bettlerinnen. Umsonst schrieen sie mit einer 
offiziellen Stimme in die Berge: „Maria . . . Ora pro 
nobis, Maria'^ das Echo wiederholte: „Merito, senora, 
cinco centesimos". 

Für gewöhnlich pflegte Delrio die beiden jungen Leute 
nicht zu begleiten. In den Höfen und auf den mit 
Bäumen bepflanzten Terrassen der Alhambra fühlte 
er die höfische Atmosphäre, aber nichts was vom 
Besucher einen höheren Seelenstand verlangt hätte. Er 
hatte die Empfindung, in einem Bijou zu lustwandeln. 
Diese Art Schönheit fesselt die Seele an Kleinigkeiten. 
Er zog es vor, einige Zeit des Morgens und des Abends 
in der Alameda unter einem blühenden Magnolien- 
baume zu verbringen. 

Eines Tages, morgens um neun Uhr, wenn die Frische 
vergeht, trafen ihn die beiden jungen Leute unter diesem 
wunderbaren, in herrlicher Kraft schimmernden Baume^ 
der Wohlgerüche aushaucht, eine Vereinigung der Rose, 
der Narzisse und der Orangenblüte. Neben der Bank, 
auf der er es sich bequem machte, war ein Leierkasten 
von einem orientalischen Esel gezogen, den ein guter 
Hund und zwei kleine Knaben begleiteten; der eine 
drehte die Kurbel der Drehorgel, der andere die Ohren 
des Tieres. Als Lucien und Pia sich darüber freuten, 
dass Delrio so vergnügt war, sagte er zu ihnen: 

— Meine kleine Schwester, diese Kinder, der Hund^ 
und das Lied in dieser sonnendurchflimmerten Luft, 
das alles bereitet mir eine ganz makellose Freude, eine 
Reinheit des Geniessens, die dem Gefühle gleichkommt, 

26 



das ich von deiner zärtlichen Freundschaft habe. Meine 
Befriedigung ist vollkommeny wenn ich in deinen Augen, 
wo ich Tränen zu sehen fürchtete, etwas vom Ernste 
des Eskurials wiederfinde, den du zweifellos bereits 
vergessen hast. 

Die Pia schwieg mit betrübter Miene, weil er es für 
möglich hielt, dass sie die verworrenen Dinge, die sie 
gemeinsam empfunden hatten, hätte vergessen können. 

Am Tage der Abreise begaben sich Pia und Lucien 
zu den Wagen, wobei sie den kleinen Esel vor sich 
her trieben, der so mit den allerschönsten Magnolien- 
zweigen beladen war, dass er wie ein Tulpenbündel 
aussah, wie eine wandelnde, balsamisch duftende Kugel. 

— Wir haben, sagten sie, eine um die andere deiner 
Lieblingsblumen von dem Magnolienbaume abgeschnit- 
ten, weil sie die berauschendsten und allergrössten sind 
und bringen sie dir dar als Symbol der Herrscherge- 
walt und des Feuers, die in dir sind. 

Er erkannte wohl ihre freundschaftliche Absicht, aber 
eine gewisse moralische Unbefangenheit hatte ihnen 
jene subtileren Gefühlsäusserungen noch vorenthalten, 
mit denen man heimlich die Banalität eines mondänen 
Lebens umgehen muss. Ihm wäre es lieber gewesen, 
der Faden seiner Erinnerungen hätte sich in Granada 
an etwas Freudiges geknüpft und nicht an einen ver- 
stümmelten Baum. 

Die weissen Kelche der grossen Blumen, die sie mit- 
nahmen, fleckten sich mit dem Tode. Unter dem Zwange 
des Leidens entfalteten sich noch einige Blumenknospen. 
Diese fleischrosa- verfärbten, abgeschnittenen Haufen 
machten den Eindruck der allertraurigsten Zerstörung 
und des höchsten Leidens. 

Sie reisten zwei Tage im Wagen, um durch Ermü- 
dung sich das Land noch näher zu bringen; sie nahmen 
sich vor, von Jaen aus mit der Eisenbahn nach Toledo 
zu fahren. 

Bei der Ausfahrt aus Granada jagten ihre mit allen 
Glöckchen Spaniens gezierten Maultiere einen Mücken- 

27 



schwärm auf, der die Bettler der Cartiya belagert hatte. 
Die grosse Julihitze begann; um diese Jahreszeit rieseln 
die geschmolzenen Schneemassen mit doppelter Kraft 
in die Stadt und ihre paradiesischen Gärten nieder. 
Die Feigenbäume mit den glänzenden Blättern, die be- 
scheidene Olive, der Weinstock, alle Gattungen Obst- 
bäume vermischen sich mit den grossen Gewächsen 
der heissen Zone, unter denen selbst das Zuckerrohr 
nicht fehlt. Unter den glitzernden Türmen der Alham- 
bra ist die grüne Vega, von blauen Bergen umgeben, 
wie ein Smaragd in einen Saphyr eingefögt. Aber als 
unsere Reisenden die Sierra Elvira erklommen, bot 
diese ihre roten, zerklüfteten Abhänge dar, von der 
Sonne zu Staub zermürbt, bedeckt von den kriechen- 
den Zweigen der Capernstaude. In den Felsenspalten 
streckten Agaven ihre unbeweglichen und bläulichen 
Blätter dem glühenden Himmel entgegen, Salbei und 
Cistusrosen hauchten ihren Geruch aus. Die Pferde 
rasteten bei der Venta del Zegri, von der aus man die 
kühlen, klaren, riesenhaften Gruppen der Sierra Nevada 
überblickt. Am Ende des Engpasses Puerto Carretero 
fanden sie in der kleinen Stodt Campillas de Arenas 
ein erbärmliches Nest für die Nacht. Am nächsten Tage 
ging es durch ein felsiges, endloses Tal, dessen klaren, 
tosenden Bach zeitweilig lange Linien von enormen 
Oleanderbäumen beschatten; öfters aber noch bedecken 
in seltenen Flecken nur Fenchel und Ginster die 
glühenden Abhänge. Sie erreichten Jaen la Moresca, 
das Granada fast gleicht, ganz mit weissem Kalk ge- 
tüncht und wie eine Seemuschel auf die Abhänge eines 
rötlichgelben Berges gestülpt, an dem schreckhafte alte, 
grün umsponnene Mauern emporklimmen. Noch ein 
dritter solcher Rastplatz und die Pia wäre krank ge- 
worden. 

Schweisstropfen auf der zarten Stirne, vertrocknete 
Lippen, vom Durst gequält, die Schlaffheit eines jungen 
Körpers, der trotz der Stösse des Wagens zu schlum- 
mern versucht, diese ganze Ordnungslosigkeit der Natur 

28 



in einem noch mysteriösen Wesen und auf einem An- 
gesichte, dessen schöne Augen noch niemals im ver- 
dächtigen Schimmer des Verlangens erglänzten, das ist 
genug, um uns zu verwirren und unsere Gedanken an 
die Geheimnisse der Schönheit zu führen. 



III. WENN EIN JUNGES WEIB DIE LEERE IHRES 
HERZENS UND IHRER HÄNDE FÜHLT. 

Als alle drei wieder nach Toledo gekommen waren, 
musste Delrio Geschäfte halber für drei Tage verreisen. 
Damit die Pia nicht ein Dornröschen werde, und um 
die Sorgfalt zu verdoppeln, unter der sich eine Seele 
bereits zu bilden begann, wählte er fiinf oder sechs 
der allerromantischsten Stücke des spanischen Theaters 
aus und bat Lucien, sie selbst zu lesen und sie dann ihrer 
Freundin vorzulesen im dufterfüllten Schatten der inneren 
Höfe oder angesichts Toledos in den günstigen Abend- 
stunden, wenn ein junges Weib die Leere in ihrem 
Herzen und in ihren Händen fühlt. 

Sie liebte den , Glücklichen Rufüan^ des Cervantes, 
eine Art verwilderten, verbrecherischen Don Juans, der 
sich bekehrte und ein so grosser Heiliger wurde, dass 
er zwanzig Jahre später in Mexiko an das Bett einer 
Kurtisane, seiner ehemaligen Geliebten, gerufen, dieser 
in aller Form seine Tugenden und guten Werke zediert 
und die Sünden, die sie beschweren, auf sich nimmt, 
so dass ihre Seele in den Himmel fährt, er aber von 
neuem ein Leben der Reue und Busse beginnen muss; 
— die ,Tote Königin^ von Luis Velez Guevara, eine un- 
endlich traurige Begebenheit, die sich in diesem kleinen 
Hause von Portugal abspielt, wo sich inmitten von 
Blumen und grossen Bäumen die naive Sinnlichkeit 
eines jungen Weibes entfaltet, das ein Greis grausam 
zum Tode verdammt, den er mit ihr beweint; — ,Der 

29 



Arzt seiner Ehre^ von Calderon, in der uns die harm- 
lose zum Unglück bestimmte Mencia als eine so rüh- 
rende Gestalt entgegentritt, Nachts, in der Laube ihres 
Gartens, mit ihren Frauen, welche die Gitarre spielen, 
währenddem, o Gott! der Eifersüchtige und der Wüst- 
ling nahen, durch den sie stirbt; — ,Treu bis in den 
Tod* von Lope de Vega — Geschichte des jungen, unge- 
stümen, zärtlichen Mazias, dessen Treue das Sprich- 
wort unsterblich machte: „Enamorado coma Mazias'*, 
der seine Geliebte trotz aller Hindemisse anbetete, selbst 
als er in der ersten Nacht, nachdem sie seinen Rivalen 
geheiratet hatte, durch die Türe ihre gemeinsamen 
Seufzer vernahm; — endlich der , Aus Unglauben Ver- 
dammte* von Tirso de Molina, wo unerbittlich gelehrt 
wird, das Tun zu verachten und nichts sonst Wert zu 
geben als der inneren Begeisterung, denn man sieht 
da einen Anachoreten nach zehn Jahren der Busse 
und Kasteiung mit einem Schlage die Gnade verlieren 
und dafür der Verdammnis anheimfallen, während ein 
Bandit besudelt mit Schändung, Gotteslästerung und 
Morden, die Vergebung erlangt durch einen Schrei des 
Glaubens in der Todesstunde. 

Diese brennenden Schilderungen der Liebe und des 
Katholizismus interessierten die Pia, ohne jemals ihre 
Vernunft zu verwirren, denn ihr Herz schlug ebenso 
rasch als das Herz dieser Männer und Frauen, und 
ihre Phantasie überflog, wie jene der Helden in den 
Dramen, fünf, sechs Gedankenassociationen, um zu den 
letzten Dingen zu kommen. Woher hatte sie dieses 
Gefühl des Sichaufgebens, dieses sich dem Schick- 
sale Unterordnen, das die Lehre von der Gnade recht- 
fertigt und das ich im spanischen Gehirn als ein 
augenscheinliches Überbleibsel des orientalischen 
Fatalismus ansehe? Sie befriedigte den ihren mit 
diesen Dramatikern. Vielleicht waren auch ihre 
zwanzig Jahre nicht so sehr in Schlummer befangen, 
dass sie dem Erwachen ihrer Sinne entgangen wäre. 

Simone konnte eines Tages Psyche sein, die eine 

30 



Fackel anzündet, um den schlafenden, nackten Amor 
zu betrachten. Ein sinnlicher Affekt, der den Gedanken 
an etwas Abstossendes nicht aufkommen lässt, weil 
wir darin nur eine nachgebende und ungezwungene 
Geste sehen. 

Eines Abends, als sie nach solcher Lektüre von 
ihrer Einsiedelei aus die Berge von Toledo betrachteten, 
ein Blick, nie satt zu bekommen, fühlten diese Kinder, 
unter einem stummen Himmel ^on Leidenschaft ganz 
umschlossen und gehalten, das unwiderstehliche Ver- 
langen, ihrer Einsamkeit zu entrinnen und all dem 
Schönen entgegen zu gehen, sich damit zu vermengen, 
teilzunehmen an dieser Wollust, von der ausgeschlossen 
zu sein ihre Herzen bedrückt waren. 

Auf der Tsgobrücke blieben sie stehen, um die 
Kühlung, die da aus dem Schlamme aufsteigt, zu 
atmen, und klommen dann langsam die spitzkieseligen 
Gässchen zur Kathedrale hinauf. 

Von dieser hohen Terrasse aus hat man immer dieses 
Erhabene, das niemals die Seele sättigt, da es sie mit 
seiner Fülle weitet ins Unendliche. 

Toledos Erde, Fels, Vegetation machen trostlos durch 
ihr Elend, und doch ist es ihr Stil, im Beschauer 
jeden gewöhnlichen Gedanken zu unterdrücken. Und 
dann, dort unten, da ist der Fluss, wie ein schwer- 
falliges Schlangenkriechen des Fiebers, und sind die 
Ruinen der Vorstadt von Antequerela, ebenso aufregend 
für die Phantasie wie das Geheul und der Geruch der 
Hyänen in den Friedhöfen des Orients. 

Durch Castiliens Schroffheit geht ein langer Seufzer 
Andalusiens I Ober dieser zugleich maurischen und 
katholischen Stadt vermählen sich die Düfte, die aus 
der Sierra aufsteigen, mit dem Gerüche der Wachs- 
kerzen, der sich aus den Kirchen stiehlt. Die Sensationen 
des Eskurial und der Alhambra schwellten gleichzeitig 
Pias Brust, und aus ihrem equivoken Gemisch, das weit 
davon war, sich gegenseitig abzuschwächen, sogen sie 
die Gewalt, die Trauer widerstreitender Leidenschaften. 

31 



Was wäre, wenn die Pia sich in dieses Häuser- 
labyrinth hineinwagte, wo jede Türeinrahmung eine 
Inschrift gegen die Pest und das Unwetter trägt, noch 
dazu bei Nacht, wenn leichenfarbiger Mondschein die 
Totenstille erhöhte I . . Nie werden wir die plötzlich auf- 
tauchenden Lichter der Mönche vergessen, die sich 
morgens gegen zwei Uhr hin und herbewegten, 
während ihr schauerliches Singen, von der Orgel ver- 
stärkt, hinter grabesdüsteren Mauern aufstieg. Etwas 
weiter entfernt klangen himmlische Klagen aus Santo 
Domingo el Real, dem Kloster der Karmeliterinnen, in 
dem die heilige Therese an Neuralgien litt. . . 

Pia und Lucien betraten die Kathedrale, die der 
prächtigst möblierte Raum der ganzen Welt ist. 

Eine grosse Kupferplatte, die ich in der Kirche von 
Toledo mit Füssen trat, scheinen sich gewisse Geister 
in ihrer Unruhe beständig vor Augen zu halten, 
sie trägt nichts als die Worte: „Hie jacet pulvis, 
cinis et nihiP^ Hier ruht Staub, Asche und Nichts. 
Sie liess ihr Herz höher schlagen als irgend ein Wort 
von einem Dichter. Das Gotteshaus verkündet uns 
durch die Stimme des Toten, der keinen Grund mehr 
zu lügen hat, die grosse verborgene Wahrheit und 
schrieb sie auf eine Platte, damit, letztes Raffinement, 
alle Menschen darüber hinwegschreiten müssen I Bin 
ich denn sicher in dieser Oberfülle von Pracht, nach 
der immer meine Sehnsucht geht, ob dieser sublime Ton, 
der Toledo glänzend machte, dass ich es ewig lieben 
muss, nicht aus diesen drei trockenen Worten pulvis, 
cinis, nihil gemacht ist, aufgeraflPt von meiner Jugend, 
die nur ein lang währendes Träumen war? 

Es wäre schwer für ein junges Geschöpf, nicht 
deprimiert zu sein, wenn es sich auf einen solchen 
Stein der Wahrheit niederkniet. Glücklicherweise hatte 
die Pia für ihre einsamen Besuche hinter dem Altar- 
bild der Capilla Mayor in dem Transparento kleine 
Marquisen aus weissem Marmor gefunden, in lange 
Nachthemden gehüllt, — die Schwestern einer heiligen 

32 



Theresa des Bemini, die man in Santa Maria della 
Vittoria'in Rom sieht — und in ihnen ihre eigenen 
älteren Schwestern. Es kam ihr vor, als lebte sie in 
Familiarität mit ihnen und als machte es ihnen Spass, 
sich vor ihr auszukleiden. Diese Figuren, die einzigen 
churrigeresken Stiles, die man in diesem düstem Bau- 
werk findet, gaben ihr oft einen Halt; dank ihrer 
Gegenwart konnte Pia gerade wie eine Infantin, die 
von ihren Damen umgeben sich den Eskurial anzu- 
passen vermochte, die Grösse, die Höhe und die Tiefe 
dieses Ortes ertragen. 

Heute kann sie, da Lucien zur Seite mit ist, ihrer 
graziösen Beschützerinnen entbehren; sie schreitet 
geradewegs auf den Stein zu, in dem sich die Fuss- 
spuren der Jungfrau Maria eingeprägt haben. Vor dem 
glitzernden Feuer der Saphyre, Rubinen und Perlen, 
unter dem Scheine der ewigen Lampen kniet sie 
nieder, um sich ganz der Sensation hinzugeben, inmitten 
dieser Kostbarkeiten ein ganz niederes Wesen zu sein, 
eine arme, kleine, in der weiten Welt verloren 
gegangene Perle. 

Aber mit der Zeit litt Lucien, als er sah, dass er 
inmitten dieser Dinge prunkenden Geschmackes de- 
plaziert sei, während seine Freundin einer der tausend 
Edelsteine zu sein schien, die an der Glorie dieser 
Sonne von Schönheit mitarbeiteten: z. B. einer der 
kleinen Türkisen, die am Fussgelenk der Maria grünten. 

Auf sie zugehend sagte er: „Meine Königin, Sie ver- 
achten michl^^ Da sah er, dass ihr Gesicht nass von 
Tränen war, was ihn so stark erschütterte, dass er seine 
Lippen auf die des jungen Mädchens drückte, und ohne 
dass sie ihre jungfräuliche Reinheit verlor, vergingen 
diese beiden* armen Kinder in küssender Ohnmacht. 

Aber auf einmal weckte sie das Gefühl ihrer wahren 
Liebe auf. Sie fühlte ganz dumpf und verzweifelt, 
dass sie von ihrer wirklichen Bestimmung abgewichen 
war; diesen Wonneschauer, den alle Spanierinnen 
rechtfertigten oder verlangten, hätte sie nur in den 

33 



Armen ihres Bruders und eigentlichen Herrn völlig 
harmonisch empfinden können. 

Vierzehn Tage lang verblieb sie, ohne dass ihre Fähig- 
keit zu leiden nachUess, in einer kraftlosen, niederge- 
schlagenen, finsteren Verfassung. Alle ihre Glieder 
schienen ihr abgestorben, aber ihr Geist wachte: sie 
fühlte sich erstarrt und gelähmt bis auf eine Stelle, 
ihr Herz, das eine unmögliche Leidenschaft über- 
empfindlich machte. Trotzdem sie nicht imstande 
war aufzustehen, mit welchem Elan würde sie, mit 
Aufwand aller ihrer Körperkräfte sich auf den Ausweg 
geworfen haben, den sie gesehen hatte I 

Als Delrio, der eilig zurückgekehrt war, sich über 
das Bett der Fiebernden beugte, bekam sie furchtbare 
Schüttelfröste, einen Weinkrampf und dann, als man 
sie für einen Moment allein gelassen, brachte sie 
sich eine tötliche Verwundung durch eine Kugel bei. 
Es war so, dass man es nicht anders erklären konnte, 
als dass das exaltierte und gewissenhafte Kind nicht 
über die Überzeugung hinaus kam, dass ihr Glück 
nur in einer widernatürlichen Sünde gewesen wäre 
und sie sich diesem ihrem Schicksal nicht gewachsen 
zeigen könnte. 

Ganz entsetzt von ihren Leiden verkauerte sie sich 
in ihrem Bette und antwortete nicht mehr als ein 
armer Hund. Delrio legte seine Hand auf ihr Herz 
und sprach ihr vom einen und andern, das sie erregt 
haben konnte, und als er den Namen Lucien aussprach, 
bestätigte ein stärkeres Klopfen seine Besorgnisse, ohne 
dass es ihm die Wahrheit mitteilte. Der Unsinnige! 
er glaubte, sie hätte sich ihm hingegeben, sie, die 
starb, weil sie geahnt hatte, für wen sie sich aufsparen 
wollte I Und beim Gedanken, sie habe Lucien bis zur 
Hingabe ihres Körpers geliebt, empfand er etwas, das 
ihn vielleicht zu einer kränkenden Äusserung verleitet 
hätte, wäre sie nicht im Sterben gelegen. 

Erregt von dieser falschen Empfindung sprach er 
ihr von Lucien, aber in so unklaren Ausdrücken, dass 

34 



sie ihnen nur eine Anspielung auf den Kuss in der 
Kirche entnahm. Und als er andeutete, dass er wisse, 
welcher Leidenschaft sie den Tod vorgezogen habe, 
glaubte sie sich erraten. 

Ol wenn ich immer hätte lügen müssen, antwortete 
sie — ich hätte nicht weiterleben können. Wie glück- 
lich bin ich, jetzt, wo du die Wahrheit weissti So 
genoss sie die Süssigkeit eines Liebesgeständnisses. Aber 
er beharrte bei der Idee, es handle sich um Lucien. 
Ohne Zweifel, sagte er sich, besteht diese Sache schon 
langet Und ganz laut: Ich danke dir, dass du mich 
belogen hast, ich danke dir, dass du mir durch deine 
Lüge ein glückliches Leben bereitet hast. 

Die Umstände hatten an diesem Bette des Todes und 
der Liebe ein Missverständnis geschaffen, aber sein 
ganzes Benehmen als Bruder und Geliebter war dem 
jungen Mädchen ein Beweis seiner zärtlichen Gefühle, 
von denen er nicht ahnte, dass sie gerade an ihnen 
stürbe, und deren Geständnis er nicht hörte. 

Wie schön war sie, seine Schwester, deren junger 
Körper sich unter den Betttüchern abzeichnete und bald 
glühend, bald fieber-erstarrt den Tod fühlte! 

Er nahm sie in seine Arme und presste seine Lippen 
auf ihre zarten Schultern und er gab ihr mit zärtlichen 
Worten die letzten Tröstungen. 

~ Schweig, schweig, sagte sie ihm, deine Stimme 
allein ist es, die mich am Leben hält und ich will 
sterben. 

— Du wirst sterben, meine geliebte Vollkommene, 
in meinen Armen wirst du mit dem Tode ringen. In 
diesen letzten Augenblicken vertrau mir deinen letzten 
Atemzug an, dass ich ihn in meinem ersten Seufzer der 
Trauer aushauche. Lass meinen Leib an dem deinen die 
letzte Wärme nehmen, dass ich damit deinen Leichnam 
noch für ein paar Stunden erwärmen kann. Nimm unter 
deinen Tränen mein Bild in deine Augen auf» dass ich 
über seinem Widerschein, den deine versiegenden Trä- 
nen verdunkeln, dir geliebtes Kind die Lider schliesse. 

35 



Aus einem Gefiihl von Keuschheit und Liebe sagte 
sie zu ihm: 

— yyFühlst du dich nicht abgestossen^ mich zu um- 
armen, krank wie ich bin?... 

Aber das mit einer Stimme, dass er antwortete: 

— O meine schöne Nelke, die nun nicht mehr die 
melancholische Pia ist, seit deiner erstaunlichen und 
überraschenden Entscheidung, wie so sehr liebe ich 
dich, so blutüberströmt! und wie verlangt es mich nach 
dir unter dieser Blässe und Röte des Todes I 

Und das ganz leise Stöhnen, das ihr die Wunde ab- 
rang, klang mit ihren halb erstickten Geständnissen 
zusammen, und sie drückte im Sterben die Hände ihres 
Herzensfreundes gegen ihre kleinen, blutbefleckten Brüste. 

In der äussersten Anspannung aller Kräfte seiner Halb- 
schwester erkannte Delrio das Geheimnis, das sie zu 
scheiden bestimmte, aber es war mehr ein Fühlen als 
ein Wissen. Eine vollkommene Klarheit ist ja immer nur 
in den Diskussionen durchaus nötig; dunkle Erlebnisse 
und Probleme, die auf die unklarste Weise gestellt 
werden, können ungemein fruchtbar für uns sein. 
Delrio fühlte von diesem Tode eine unvergängliche 
Wunde; das Andenken an die Pia gab seiner Seele 
etwas Konstantes und von nun ab ward er glücklicher, 
da er einen empfindlichen Punkt hatte, um den herum 
er seine Persönlichkeit gruppieren und festigen konnte. 

Er bat seine Freunde, den Namen dieser Toten nicht 
mehr auszusprechen. Den aufgeworfenen Erdhügel, unter 
dem seine Pia ihrer vollständigen Vernichtung entgegen- 
ging, sollte niemand ausser ihm kennen. Dann ver- 
kaufte er die Villa unter der ausdrücklichen Bedingung, 
dass man ein Hotel daraus mache, damit diese Stätte 
durch jeden und jedermann profaniert und die Erinne- 
rungen daran dem Universum zurückgegeben würde, 
auf dass niemand sie besitze. 

Natürlich konnte er es nicht verhindern, dass die 
Kinder ausgiebigst über die Tote auf der Terrasse von 
San Juan de los Reyes sprachen. Aber das war nur 

36 



eine Affaire für ein paar Jahre. Die Kinder, die ein 
bewunderungswürdiges Unterscheidungsvermögen für die 
ernsten Dinge besitzen, nennen diese Kindereien, sobald 
sie zu grossen Personen heranwachsen. Es kommt nur 
dann anders, wenn ihre erste Neugierde, ihre ersten, 
überraschenden Eindrücke anstatt sich zu verwischen, 
sich zu einem poetischen Sinn wandeln, was übrigens 
sehr selten ist, denn es setzt die Vereinigung der aller- 
höchsten Intelligenz mit der stärksten seelischen Auf- 
nahmefähigkeit voraus. 



37 



DIE ZWEI FRAUEN DES BÜRGERS VON 
BRÜGGE. 

Zur Zeit der Renaissance lebte in Brügge ein reicher 
Bürger, den die grossen Gastereien, bei denen sich 
seine Landsleute unter plumpen Scherzen vollfrassen, 
nicht belustigten. Es hätte ihm Freude gemacht, seine 
Kunst als vortrefiflicher Bogenschütze zu zeigen und 
als Schützenkönig ausgerufen zu werden, aber er fand 
kein wirkliches Vergnügen darin, von den Klatschbasen 
Brügges bestaunt zu werden. Auch war er seiner 
Frau ein wenig überdrüssig geworden, trotzdem sie 
jung und voller Hingabe war. Ihrem Bildnisse nach, 
das ich gesehen habe, glich sie einem dieser kleinen 
Memlinggesichter: gewissenhaft in allem, was der 
bescheidene Rahmen eines alltäglichen Lebens erfordert, 
aber gänzlich ungebildet und unerfahren in allen 
Leichtfertigkeiten und LeidenschaftUchkeiten der Liebe, 
die allein diesen melancholischen Nichtstuer hätten 
befriedigen können. 

Aus diesen Gefühlen heraus gelobte er nach dem 
heiligen Lande zu pilgern, sowohl der frommen Taten 
wegen, die er dort verrichten wollte, als auch um sich 
zu zerstreuen. 

Von unseren Träumen müssen wir immer etwas 
abziehen. Der Vlame kam nicht über Italien hinaus, 
denn da lernte er eine Frau von südlicher Schönheit 
kennen, die ihm deshalb ganz unvergleichlich dünkte, 
und die' seinen eckigen nordischen Kopf auf ihrem 
nackten Bi^en hielt. 

Sie war die Geliebte desLorenzo von Medici gewesen 
und eine Nacht lang die des jungen Pico de la 
Mirandola. Deren Bildnisse, die sie später nach 
Flandern brachte, habe ich dort gesehen; sie befinden 
sich in Antwerpen im Hause Plantin. Lorenzo von 
Medici ist fett und finnig wie ein Zeichenlehrer und 
La Mirandola hat die regelmässigen eisigen Züge eines 
geckenhaften jungen Hebräers, linkisch und ganz Gehirn. 

38 



Parfümiert und in Seide gekleidet las diese Clorinde 
ihrem Geliebten den Ariost vor, dessen göttlich leicht- 
beschwingte Verse das Verführerische ihres Liebreizes 
noch steigerten und die Schwermut des jungen Mannes, 
die bislang mehr üble Laune gewesen war, wurde eine 
trunkene Traurigkeit. 

Nachdem die Beiden ihre Barmittel erschöpft und 
selbst die Juwelen veräussert hatten, bat der Vlame, 
dem der Gedanke unerträglich war, sie könnte einst 
fern von ihm alt und elend sein, sie möchte ihm nach 
Flandern folgen, wo seiner der Überfluss harrte. 
Clorinde, die ihren geliebten Barbaren im Genüsse 
aller schönen und guten Dinge unterrichtet hatte, 
hatte darüber verlernt, sie selber zu begehren, und 
nur eines wäre ihr hart angekommen: sich von dem 
Geliebten zu trennen. Also folgte sie ihm in diese 
trübe Verbannung. Aber je weiter sie reisten, desto 
trauriger wurden sie, denn die Natur wurde immer 
ärmer, und sie wanderten in den Winter. 

Als Brügge in Sicht kam, wurde es beiden klar, 
dass ihre Ankunft dort einen Lebensabschnitt bedeute, 
der das Ende ihrer Jugend sei. Ein blasser Mittags- 
sonnenstrahl aus schwerem grauem Himmel fiel auf 
die kühle Landschaft, und das Herz der Frau zog sich 
schmerzlich zusammen, denn sie hatte Furcht, er 
könnte sie weniger heben als seine rechte Frau und 
sie wieder heimsenden. Und er sah die ihm von 
Kindheit auf vertrauten Bilder wieder und wurde weh- 
mütig bei dem Gedanken, dass er einst sterben müsse. 
Sie kamen zu dem Quai du Rosaire und rasteten 
oberhalb des kleinen Teiches, der die roten, niedrigen, 
manchmal ockerfarben schimmernden Ziegelsteinhäus- 
chen bespült. Des trübseligen Gewässers fiebriger Geruch 
erinnerte sie an das Paradies Venedig. Sie schauten 
auf den melancholischen Wasserspiegel, am Rande von 
Beginengras umsäumt, wie es auf den alten Steinen 
wuchert, und ihr Gedanke ging mit diesem kalten 
Wasser, verlor sich mit ihm unter den dunklen Ge- 

39 



wölben. Ober dem bizarren Wirrwarr dieser niederen 
kleinen Dächer hingen die Wolken so tief , dass der 
Glockenturm von Notre Dame ^ie zu berühren schien. 
Damals wohl wie heute streckte die Schenke 9,Zur 
Kuh^^ ihre leichte kleine Terrasse, von dünnen Säul- 
chen getragen, über das Wasser. Vielleicht auch spielte 
man damals schon eine traurig armselige Musik auf 
dem kleinen Fischmarkt, wie ich sie dort hörte. 

Er wendete sich der bebenden Clorinde zu und sagte: 
„Nachdem ich nun mit dir wieder in diese Gegend 
heimkehre, die ich verliess, ehe ich dich kannte, 
möchte ich dir, vielliebe Freundin, aus tiefstem Herzen 
sagen, wie viel ich dir schulde. Deine Güte gegen 
mich, den ungeleckten Bären, war so gross, dass ich 
von Dankbarkeit erfüllt bin". 

Da überkam sie Rührung. Feinfühlig, wie sie für 
alles war, was das Lächerliche hätte streifen können, 
kamen ihr die Tränen in die Augen und sie erwiderte: 

„Wie kommt es, mein Freund, dass Ihr manchmal so 
hart und, ich kann es Euch wohl sagen, oftmals sogar 
ein wenig derb, dann wieder so zarte Dinge zu sagen 
wisst, dass Euch darin keiner gleichkommt. Es liegt 
mir an niemand in der Welt etwas, ausser an Euch, 
dessen seid versichert." 

Und sie küssten sich, weniger wie Liebesleute, als 
wie Bruder und Schwester von gleicher Art, allzeit 
bereit, für einander zu sterben, und überzeugt, dass 
das wahre Leben nicht das eigene, sondern nur das 
im anderen sei. 

Unterdessen waren sie an das Haus des Vlamen 
gekommen, dessen Frau aufrichtig erfreut über seine 
Heimkehr war; und trotzdem es ihm leid tat, ihr 
Vertrauen so schlecht gelohnt zu haben, quälte ihn 
der Gedanke weit grausamer, was seine schöne 
Freundin leiden müsse, die nur einige Schritte abseits 
auf das Paar hinschaute. Er machte nun eine mit 
der anderen bekannt. 

„Mein liebes Weib, umarme diese Fremde, denn sie 

40 



ist das grösste Glück meines Lebens. Sie ist eine Un- 
gläubige , die ich auf meinem Kreuzzuge bekehrt und 
mit mir gebracht habe, dass sie nicht fern von mir 
wieder ihren alten Götzen verfalle." 

Alsbald verbreitete sich in Brügge das Gerücht, dass 
der vornehme Pilger eine Ungläubige bekehrt und mit 
sich gebracht hätte, und die ganze Bevölkerung bereitete 
eilends ein Festgelage, an dem er den Ehrenplatz ein- 
nahm; und ihm zur Rechten sass die Fremde, zur 
Linken sein Weib. Es machte ihm grosse Freude, zu 
sehen, wie sehr man die glänzende Schönheit seiner 
Geliebten anstaunte, aber beide waren sie in Gedanken 
versunken, so dass sie den Anwesenden wie zwei Heilige 
vorkamen. 

Als nun die Stunde zur Ruhe schlug, sagte ihm seine 
Frau, die viel von ihrer Heiterkeit verloren hatte, als 
sie ihn während seines Kreuzzuges beweinte, mit ernster 
Würde: „Meine Reize sind fast entschwunden, und ich 
habe mich der Ehefreuden so sehr entwöhnt, mein Ge- 
bieter, dass ihr mein Lager nicht teilen sollt. Gern will 
ich der als Magd dienen, der ihr das Paradies erschlossen 
habt, und sie soll die Nacht mit mir verbringen". 

Clorinde, die darüber zitterte, sie könnte die Nacht 
allein sein müssen, während ihr Angebeteter in den 
Armen seiner Frau ruhte, stimmte diesem Vorschlage 
unendlich beglückt bei. Er half den Frauen beim Ent- 
kleiden und bestieg selbst das zweite Ruhelager im 
gleichen Gemache. 

So lebten sie nun zu Dreien, und oft in den langen 
flandrischen Winternächten, wenn es arg kalt war, kam 
eine oder die andere seiner beiden Frauen zu ihm und 
gab ihm Gesellschaft. 



Brügge ist von Bäumen umschattet und spiegelt sich 
in seinen Kanälen, über die ohne Unterlass der Nord- 
wind braust und das Glockenspiel klingelt. Wenn die 
halb erfrorenen Schwäne lautlos die Quais umschwam- 



41 



men, dachten sie daran, dass Brügge auf seinen Kanälen 
diese eisigen Schwäne, Venedig aber liebeglühende Frauen 
trägt. Beide liebten sie es, wenn die Nacht ihre Schatten 
über die allzu kleinlichen Zierlichkeiten vlämischer Kunst 
breitete und nichts sonst bestehen liess als den gross- 
artigen Schwung der architektonischen Massen. Auf 
dem grossen Marktplatz verwandelten die Abendschatten 
den vereinfachten Wachtturm in eine feudale Floren- 
tiner Feste, und dann gedachte Clorinde jener kühnen 
Männer, die da unten solche harte Paläste bewohnten 
und sie die ersten in ihre jungen Arme geschlossen 
hatte, und er erinnerte sich der widerstreitenden Re- 
gungen, die seine Seele ergriffen hatten auf dem Stein- 
pflaster der toskanischen Strassen. So konnten sie ihrer 
schönen Tage in Italien niemals ohne schmerzhafte 
Trunkenheit gedenken. 

Nicht als ob sie im ganzen jene Zeit den Stunden 
vorgezogen hätten, in denen sie langsam im Nebel der 
Nordsee entlang wandelten, oder den Abenden, die sie 
im Hause hinter den Fenstern mit den goldenen Re- 
flexen der Rue aux Oies verbrachten. Aber ihrem 
Charakter konnte dieses mittlere Dasein nicht genügen, 
während es die Vlämin befriedigte, wenn sie ihnen ein 
leckeres Mahl bereitet oder das Haus gut durchwärmt 
hatte. 



Da starb Philipp an einem Herzleiden, und seine 
zwei Frauen taten, wie man in iBrügge sagte, allen leid. 
Aber wenn auch seine Gattin ihrem Schmerz mächtig 
Ausdruck gab, er konnte sich mit dem der Ungläubigen 
nicht messen. Sie verlor den, der sie die Wahrheit 
kennen gelehrt hatte. 

Die schöne Frau trat in das Kloster der Redempto- 
ristinnen ein, die das Volk die roten Schwestern nennt, 
weil ihre Hemden und Strümpfe aus roter Seide sind. 
Zur Busse verurteilte sie selber ihren schönen Leib, 
sich nur mit Seide zu umhüllen, gerade, um dadurch 

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die Wollüste zu sühnen, die sie einst genossen, ehe 
sie die Arme ihres Verstorbenen umschlossen hatten. 
Bei jedem Schritte mahnte sie das Rauschen der Seide 
an ihre schlimmen Sünden. Man sagt, sie hätte als 
die erste zu sterben sich gesehnt, um, wenn auch nur 
kurze Weile, allein mit ihm im Grabe zu ruhen. 

Die andere Frau lebte viele Jahre zurückgezogen in 
einem Beginenhause. Ich habe ihr Andenken dort 
aufgesucht. Nichts vermag besser als dieser feucht- 
warme Klang des Wortes „Begine^^ das Bild der 
schlammgetrübten Gewässer hervorzurufen, diese ent- 
laubten Weiden, den blassen Sonnenschein, der das 
grelle Rot der Ziegeln dämpft, den silbernen Klang 
des Glockenspiels, den sanften Hauch des Meeres und 
die Verlassenheit dieses umfriedeten Asyls, in dem sie 
ihr armseliges Leben weiter führte, das ja nie mehr 
als ein halbes Leben gewesen war. Weder die Ver- 
lockungen der Sinne, noch der lärmende Streit der 
Welt dringt über die niederen Häuser in diese Ver- 
lassenheit. Aber dass Liebe und Wahn die Welt er- 
füllen, hat sie es denn je gewusst? In ihrem Gemüte 
blühte nie etwas auf, das reicher gewesen wäre als 
das Gras im unregelmässig viereckigen Hofe des Be- 
ginenklosters, den ganz gerade Pfade durchkreuzen 
und in dem dünne hohe Pappeln gleich Osterpalmen 
emporstreben. 

Nach den letzten Wünschen des Mütterchens auf 
dem Totenbette sollte ihre Ruhestätte zu Füssen der 
Ihrigen sein, und niemand wunderte sich darob, denn 
im Munde der Leute galten sie für Auserwählte. Auch 
wollte sie, man solle ihr eigenes Bild auf dem Grab- 
stein an jene Stelle setzen, wo sonst der treue Hund 
seinen Platz findet: zu Füssen des Herrn. Aber soviel 
Demut schien den Zurückgebliebenen übertrieben und 
ging der Familie gegen das Gefühl. Darum sieht man 
in der Kirche die drei dicht nebeneinander liegen, und 
sie halten das Spruchband, auf dem die von ihr selbst 
bestimmten Worte zu lesen sind: „Marta, Marta, du 

43 



hast viele Geschäfte , Maria hat den bessern Teil 
erwählt". 

Ich erhebe Einspruch gegen die lässige Erfüllung 
ihres letzten richtigen Willens. Ich widersetze mich 
dieser beleidigenden Gleichstellung, zu der man sie 
gegen ihren Willen emporhob. Möge alle Welt das 
Lob der armseligen Primitiven singen, aller Memlings 
und aller kraftlosen Tugend, ich preise die italienische 
Herrlichkeit, die Leidenschaft, die nicht schläft und 
die Gesten der Leidenschaft hat: der wirkenden 
Leidenschaft. 

Ginge es nach mir, die zur Magd Geborene müsste 
in alle Ewigkeit zu den Füssen ihrer Gebieter ruhen. 
Gott hätte in Flandern keine Seele geboren werden 
lassen, aus der er eine Venezianerin hätte schaffen 
können. Die kleine Vlamin begnüge sich mit der all- 
gemeinen Achtung! Wir aber lieben und ehren nur 
die teuere Redemptoristin. Und wenn mich im Beginen- 
stifle Rührung erfasste, so war es nur, dass ich mich 
ans der Armseligkeit zu noch heisserer Bewunderung 
der unbegrenzten Grösse einer zärtlichen und alles 
schmückenden Leidenschaft wandte. 



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EINE LIEBE VON THULE. 

Im Lande von Thulc, ins Wasser warf 
ein König seinen goldenen Becher, um 
das Wasser sicli kr&useln zu sehen und 
um zu seufzen. 

In ihrer Heimat Sevilla erregte Violanda Ärgernis 
durch ihre Schönheit und ihre Unbesonnenheiten, denn 
sie hatte mit zwanzig Jahren die romantische Schrulle, 
die schönsten, klügsten und vornehmsten jungen Männer 
ihrer Bekanntschaft wie eine Schwester zu lieben. Sehr 
mit Unrecht glaubte sie, dass vornehme Gefühle und 
ein einwandfreies Benehmen es erlauben, alle böse 
Nachrede zu verachten. Infolge einiger Affronts ver- 
liess sie Spanien, nachdem sie sich vorher mit einem 
jungen Franzosen verheiratet hatte, dem diese Ehe die 
Laufbahn verdarb und die Gesundheit zerstörte. 

Drei Jahre lang reiste das Paar, wohnte dann in 
Paris und als sie ihr fünfundzwanzigstes Lebensjahr 
vollendete, wurde sie Witwe. 

Gar nicht gerne hatte man sie in der Familie ihres 
Mannes aufgenommen, denn trotz ihres schönen Namens 
waren diese Leute von so spiessbürgerlicher Gesinnung, 
dass sie in jeder Fremden eine Art Rastaquou^re witterten, 
und Violanda war nicht danach angetan, ihnen Ver- 
trauen einzuflössen. Als sie so allein stand, boten sie 
ihr keinerlei Halt in der Gesellschaft, wo ihre seelische 
Generosität, tausend Gerüchte aus Spanien und ihre 
unnachahmliche Grazie ihre Stellung in sehr kurzer 
Zeit unhaltbar machten. Ausserdem kam noch dazu, 
wie es das Glück dieser Jahre ist, dass sie die Huldi- 
gungen eines jungen Mannes nicht zurückwies. 

Über ihr Verhältnis zueinander erfahr man nichts 
Bestimmtes und man benützte das wie gewöhnlich, um 
das Allerschlimmste anzunehmen. Das entsprach der 
Wahrheit. Das Wesentlichste ist, dass während der Zeit 

45 



dieser Liaison, die acht Jahre lang dauerte, eines zum 
anderen sehr taktvoll und delikat war. Wissentlich 
bereiteten sie einander niemals Verdruss, im Gegenteil, 
sie wurden aneinander vornehmer, indem sie sich be- 
wiesen, dass es in dieser Welt nicht nur Gemeinheit 
und niedrige Gefühle gibt. So lebten sie, er klarsehend, 
müssig, aufmerksam und dankbar; sie hochfahrend und 
launenhaft mit den Gleichgültigen, zärtlich und hin- 
gebend für ihn. Nicht einen Moment gelüstete es sie 
nach der Ehe; die würde ihre ohne Formalitäten an- 
genommenen Gewohnheiten in Pflichten kompliziert 
haben. 

Sie trafen sich in Gesellschaft, im Theater, bei den 
Rennen, und beinahe jeden Tag verbrachten sie lange 
Stunden in engster Gemeinschaft in ihrem Appartement 
der Avenue Montaigne. Unmerklich glitt die junge Frau 
aus den Kreisen der besten Gesellschaft in die der 
Herrenwelt, und schien es zufrieden. Und er wurde 
es nicht müde, sich von ihr die Abenteuer, die sie in 
Sevilla und auf ihren Reisen gehabt hatte, erzählen zu 
lassen. 

Sie erzählte ihm von den Eseltreibern Afrikas, den 
schönen Früchten Andalusiens, dem Klima der Balearen; 
sie fand Italien im Vergleiche zu ihrem kahlen Spanien 
etwas farblos, hasste England, und in Mitteleuropa hatte 
ihr nichts Eindruck sonst gemacht als die Sommer- 
abende in den Restaurants von Karlsbad, wenn die 
Zigeuner spielen. Alles das gefiel ihm, und er genoss 
das Pittoreske und die Deutlichkeit ihrer Eindrücke, 
die sie ihm im Tone eines zufriedenen Kindes erzählte. 

Sie gefiel sich besonders in einer romantischen Vor- 
stellung vom Leben, die sie ßich früher zurechtgelegt 
hatte und in die sie so vernarrt war, dass sie sich 
nicht überzeugen liess, alles das sei nur die törichte 
Phantasterei eines kleinen Mädchens gewesen. Wäre 
es nicht ein wundervolles Dasein gewesen, sagte sie, 
eine ganz reine, schwesterliche Freundschaft mit jungen, 
sehr verfeinerten Männern zu schliessen und in einer 

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Atmosphäre von Freude, von Schönheit und Vertrau- 
lichkeit zu leben, wie fieberhaft erregte Kinder, die sich 
küssen und das Spielzeug untereinander teilen. In- 
mitten ihrer Phantastereien, deren praktische Versuche 
trotz alledem ihre Frauenehre etwas beschmutzt hatten, 
gewährte es ihm ein seltsames, sehr tiefes und sehr 
feines Vergnügen, dieses nur aus Optimismus, Weich- 
heit und Sinnlichkeit zusammengesetzte Wesen zu be- 
dauern. 

Ausserdem säuberte es seinen Geist, indem er ihr zu- 
hörte, denn sie bekümmerte sich um die Dinge ohne 
allen Moralismus, wertete sie um von ihrem Schön- 
heitssinne aus und ihrer Leidenschaft für das Besondere. 

Und trotzdem vermisste er im Antlitz der geliebten 
Freundin den strahlenden Ausdruck des Glückes. Ver- 
langte sie mehr Aufregung? Glaubte sie sich nicht ge- 
nügend geliebt? Manchmal befragte er sie darüber: 

— Nein, antwortete sie, mir fehlt nichts, es kommt 
mir nur vor, als hätte ich bereits alles genossen . . . 

Wortlos schloss er sie in seine Arme, denn er fühlte, 
dass sie Recht hatte. Die schönsten Pferde, die ergeben- 
sten Bewunderer, alle Befriedigungen des bis ins kleinste 
gehenden Snobismus waren ihr zuteil geworden und 
nun freute sie es nicht einmal mehr, zu ihrer Schnei- 
derin zu gehen. Kurz, sie litt an nervöser Erschöpfung. 

Eine Reise nach den Ländern Ostasiens zu unter- 
nehmen war eine Idee, auf die sie immer wieder zu- 
rückkam, und er begriff ganz gut, dass sie sich da mit 
Vasen, Seidenstickereien und einigen amüsanten Ge- 
sichtern der chinesischen Gesandtschaft eine rein legen- 
däre, jeder gemeinen Wirklichkeit bare Vorstellung davon 
gebildet hatte. Das war die einzige Erfahrung, die diese 
phantasievolle Frau noch nicht versucht hatte; sie glaubte 
an China, das ihr noch keine Gelegenheit geboten hatte, 
dieses Stück Unzulänglichkeit zu konstatieren, das alles 
entehrt, was lebt. Sie sagte oftmals: 

-.j- Wenn ich alt werde, mein Vielgeliebter, und mich 
ein für allemal unfähig fühle, die Dinge, die ich besitze, 

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zu gemessen, dann reise ich dort hinunter, schicke 
Geschenke heim und sterbe. 

Da sie gerade soviel Romantik besass, als eine Seele 
halten kann, ohne in Albernheit zu fallen, reizte sie 
der Gedanke, ein geheimnisvolles Ende zu nehmen, 
im Menschengewoge unterzugehen wie ein kleines, 
krankes Tier in der Seine. Ahl sterben im wärmsten 
Sonnenscheine, beinah verlassen, in einem Hotel von 
Shanghai und durch Armseligkeit das Erbarmen Gottes 
erzwingen! 



Schliesslich litten sie so sehr unter der Empfindung 
der Leere, dass sie den Moment, sich zu trennen, für 
gekommen erachteten, und trotzdem er fühlte, dass 
eines zu dem Glücke des anderen nichts mehr ver- 
möchte, bereitete es ihm doch einen starken Schmerz, 
denn es bannte sein Denken auf das Ende ihres 
Glückes. Sie teilte ihm ihr betrübliches Vorhaben mit, 
und vermied dann darüber zu sprechen, aus schonender 
Rücksicht, und damit ihr Entschluss nicht durch 
Bitten ins Wanken käme. Stillschweigend taten sie 
so, als betrachteten sie ihre Reise nach dem Osten 
als einen einfachen Ausflug. Nur als sie sich das 
letzte Mal in der Wohnung, in der sie so viel erlebt 
hatten, trafen, waren sie ganz fassungslos. Im Vor- 
zimmer, das nur die Abenddämmerung verdunkelte, 
neben der Tür, die jahrelang für sie die Pforte ihrer 
einzigen Welt gewesen und die nun für sie nichts 
anderes mehr bedeuten würde als den Eingang in eine 
Gruft, da, neben dieser Tür, hielten sie sich lange um- 
schlungen; nicht aber wie ein liebendes Paar, sondern 
wie zwei Wesen von gleicher Rasse, die sich auf der 
Erde begegnet und die einer zum andern nicht falsch 
gewesen waren. 

— Versprich mir, sagte sie, dass du manchmal noch 
hierher kommen wirst! Erhalte unser Heim und alles 
und jedes darin soll an dem Platz bleiben, wo es 

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heute steht. Wenn dir eine Frau gefällt, so mach dir 
kein Bedenken, sie hier zu empfangen, vorausgesetzt, 
dass sie dir eine aufrichtige Freundin ist, denn ich 
wünsche einfach, dass du glücklich seist. Doch einen 
Abend, nur den Weihnachtsabend, bitte ich dich, allein 
hier zu verbringen. 

Sie dachte, dass zu Weihnachten Geheimnisvolles 
in der Natur vorgehe, dass in dieser Nacht alle Dinge 
Seele bekämen und lebendig würden. 

— Versprich mir, wiederholte sie, dass du hierher 
kommst und inmitten aller dieser Gegenstände da an 
unser einstiges Glück denkst. 

Das sagte sie mit einer solchen zärtlichen Güte, mit 
einem Tone, so frei von allen Elendigkeiten der 
Eifersucht, dass ein und das andere das bittersüsse 
Glück der Hingabe empfand, wenn schon keines wusste, 
für wen oder für was sie diese Hingabe hatten, die 
ihre Augen mit Tränen füllte. Ahl Wie elend fühlten 
sie sich in dieser Ohnmacht, einander keine Freude 
mehr geben zu können und vielleicht auch beschämt, 
nur noch Genuss im Schmerze zu finden. 



Er tat, wie sie es verlangte und verbrachte dann und 
wann eine Stunde in dem drückend stillen Räume, 
um die Bilder der Vergangenheit wieder erstehen zu 
lassen. Sie hatte ihm wohl versprochen zu schreiben 
und ihre Adresse anzugeben, aber er bekam keine 
Nachricht von ihr. Wenn er übrigens darunter litt, 
so war es eine süsse Melancholie, eine Art von Freude 
an der Selbstvernichtung, zu denken, dass er seinen 
schönen goldenen Becher, seine Freundin, in den 
Schlund hatte fallen lassen. 

Acht Monate waren vergangen und Weihnachten 
kam heran, als vom Spediteur ein Koffer in der Rue 
Montaigne abgegeben wurde, gefüllt mit kostbaren 
Gegenständen aus China. Er verschob es, sie anzusehen. 
Abends dann, wo sich die Gläubigen in den Kirchen und 

49 



die Lebemänner in den Restaurants umarmen , um die 
Geburt des Jesuskindes zu feiern, schloss er sich in 
ihrem Lieblingssalon ein. 

Die Lampen auf ihren alten Plätzen verbreiteten 
über die Einrichtung die gleichen Lichter und Schatten, 
in denen er und Violante so viele Abende verbracht 
hatten. Toiletten- und Musikzimmer umfing noch der 
süsse Zauber der Intimität und leidenschaftlicher 
Musiki Als er sich in diesem grossen Gemache an 
Zärtlichkeit und Schönheit berauscht hatte, war es für 
ihn mit einer Atmosphäre erfüllt leuchtend und glühend 
wie die Stimme van Dyks in Siegmunds Liebes- 
gesang. Hier war es, wo er auf den Knien vor seiner 
Geliebten nach und nach unter der Maske der Mon- 
dainen ein wirkliches Weib entdeckt hatte, ein Wesen, 
nicht bloss aus Manieren und hübschen Bewegungen, 
sondern ganz von grosser Menschlichkeit erfüllt und 
ganz nahe noch dem kleinen Mädchen, das einmal 
mit seinen Puppen spielte. Das Klavier, die grossen 
Spiegel, der Toilettentisch, die weiten Schränke, die 
so köstlich mit ihrer bebänderten Wäsche aussahen, 
das waren nicht Gegenstände, Möbel, sondern Freunde 
und liebevolle Vertraute; das Riechsalzfläschchen, mit 
dem sie plaudernd zu spielen pflegte und auf das sie 
so häufig ihr rührendes Gesicht niederbeugte, die 
blaue Vase, in die sie so gerne gelbe, grün und rot ge- 
fleckte Tulpen gab, man nennt sie so drollig Papageien- 
tulpen, alle die niedlichen, altertümlichen Nippes, 
mit denen sie sich wie mit einem Spielzeug für 
grojsse Kinder die Zeit vertrieb, — alles das hatte 
sicherlich etwas Geistiges, man könnte sagen, eine Seele 
angenommen, durch die liebkosende Berührung ihrer 
Hände, ihres Blickes und ihrer Stimme, die in der 
Liebe so zart klang. In ihren Händen und unter dem 
Hauche ihres jungen Mundes lebten die Blumen wie 
niedliche Tiere; seitdem die Freundin, die sie mit ihrer 
Güte beseelte, nicht mehr da ist, sind sie nicht mehr 
als gemeines Grünzeug! 

50 



Und nach und nach begannen die Gegenstände zu 
ihm zu reden. Zuerst der grosse, dreiteilige Spiegel, 
vor dem sie instinktiv ihren Körper studierte, ihrer 
Schönheit das Letzte gab. Als ich hier ihre vielfache 
Anmut bewunderte, erschien mir das Schöne als etwas 
Lebendiges, als der Zusammenfluss aller nützlichen 
Eigenschaften eines Wesens. Violanta hat mir den 
Geschmack an den Museen und Bibliotheken genommen, 
deren Inhalt leblos und trocken ist; an ihr lernte ich 
die lebenswarme, etwas feuchte Sinnlichkeit der Schön- 
heit kennen. Sie ersetzte mir auch die Wälder und 
den Ozean und die Herrlichkeit der Nacht in der 
Einsamkeit, denn ihren Duft, ihre Unendlichkeit und 
Melancholie besass ich in ihr, wenn ihre Haare 
kunstvoll verschlungen oder wie bei kleinen Mädchen 
aufgelöst waren, vor allem aber, wenn ihre Augen unter 
meinem Kusse in Wonne vergingen. 

Hier die Toilettentische und die Gegenstände des 
täglichen Gebrauches, von denen sie nicht wollte, dass 
ich sie berühre, so eifrig bemühte sie sich, mich 
selber damit zu bedienen zu ihrem Spasse, wie sie 
sagte, aber wie ich wohl fühlte, leitete sie, die Wunder- 
volle, dabei das tiefere Gefühl der Wonne, sich zu 
erniedrigen, um besser zu lieben. 

In dem hellen Lichte dieser Fensternische habe ich 
manchmal meinen Blick von ihrem Gesichte abgewendet, 
an Tagen, wo ihre Züge etwas abgespannt und ihr 
Ausdruck ermüdet war, nicht dass mir diese schlaffen 
Schatten unter ihren Augen missfielen, — etwas für sie 
zu wünschen hätte meine Liebe zu ihr nur vermehrt; 
aber weil ich fürchtete, mein Blick könnte ihr, die um 
dieses vorübergehende Geringerwerden wusste weh tun. 

Und endlich hier diese weite Bergfere, auf der wir 
die ersten Stunden unserer Liebe verbrachten, diese 
ersten Stunden, die immer so etwas Gezwungenes haben. 
Draussen waren traurige, schneeige Nachmittage, in 
uns Gefühle Verlangens und Erwägungen im Wider- 
streit. Aber nach zwei Monaten, als das erste Feuer 

51 



erschöpft war, sagte sie mir eines Tages, gelegentlich 
einer Ungezogenheit, die mich verletzt hatte, ein schweres 
Wort, ein Wort, das an das Innerste des Wesens rührt 
und entscheidender ist als alle Liebesworte und als selbst 
das erste Du auf einem vergehenden Mund. Grausames 
Wort, das aus einer Laune eine schwere Sache macht 
und die ganz verwandelt, die es einander sagen I Wie 
soll ich die Leidenschaft dieser flüsternden Stimme 
wiedergeben, mit der sie, in meine Arme gleitend, sagte: 
„In der Liebe, mein Herz, gibt es keine Selbstach- 
tung". 

Ein Wort von solcher zu starker Süsse, sinnUch 
wie ein Laster, und das einem nur aus feiner Zartheit 
und Anmut bestehenden Geschöpfe die Liebestrunken- 
heit abrang, ein solches Wort demoraUsiert den ganzen 
Menschen mehr als zwanzig Jahre ausschweifen- 
den Lebens. Welches Gefass, in dem die Würde und 
der Stolz des Mannes versinken, verbirgt diese schein- 
bare Vornehmheit echter Gefühle I Die Liebe lehrt 
die Uneigennützigkeit, kein Zweifel; aber vom Besten 
löst sie uns los wie vom Schlechtesten. Was herbe 
und schmerzliche Vereinfachung! Alle herkömmlichen 
SittenbegrifTe, das Verbrechen, die Demütigungen, 
körperliche Gebrechen, nichts hat mehr Sinn für diese 
Zwei, die nichts sonst kennen als sich selber. An 
Stelle herkömmlicher Gesetze, die über alle Wesen 
herrschen, setzt die Liebe einen Pakt; sie deutet alles 
aus sich selber und durchbricht die Schranken der 
Ehre, um uns die Kette der Mitschuldigen anzulegen. 



Alles dieses erinnerte den jungen Mann das Zim- 
mer, in dem Violante ihre süssesten Momente gehabt 
hatte. Der tiefe Sinn des Lebens und der Geschmack 
an ihm, ohne Widerwillen gegen irgend ein Verlangen, 
die Befreitheit von allem Formalismus, das war es, 
was ihm diese Möbel und Gegenstände und diese Be- 
quemlichkeiten ihrer Liebe von neuem gaben, in der 

52 



Weihnacht, wo es allen Dingen gegeben ist, zur Seele 
sprechen zu können. 

Vermisste er seine Freundin? Nein, das nicht. „Ihr 
längeres Verweilen unter uns, sagte er sich, wäre über- 
flüssig gewesen, denn wir waren gesättigt: sie hätte 
uns nichts mehr geben können und wenn auch fem, 
verbleibt alles, was wir von ihrer Seele uns assimilieren 
konnten, in diesen Din^n und in mir. Millionen von 
heute toten Wesen sind es, die den Wäldern, den 
Sonnenuntergängen, den Worten der Sprache ihre 
Schönheit liefern, und wenn jeder dieser Wohltäter 
sein Teil zu dieser Bereicherung des Universums bei- 
getragen hat, bleibt ihm, wie Violante, da sie ihren 
Freund verliess, nichts sonst zu tun übrig als zu 
sterben. 

„Aber damit, dass Violante mit ihrem Gewichte den 
Gegenstand ihrer Liebe und diese unbeseelten Dinge 
reicher machte, hatte sie ihre Rolle noch nicht beendet. 
Sie hatte noch nicht ihre vitale Kraft erschöpft. Ein 
unermüdliches, kleines Samenkorn, vertraute sie sich 
dem Winde. Sie ging hin, um von jenseits der Meere 
Seele zu bringen . . .^^ Da dachte er an die Zeugen 
draussen, die ihm Violante aus fernen Ländern geschickt 
hatte. Aufgemachte Kästchen, angefüllt mit geheimnis- 
vollen und kaltfremden Bibelots, auf denen das Wohl- 
gefallen der Reisenden zusammen mit ihren zartesten 
Erinnerungen geruht hatte. Nach und nach enthüllte 
und betastete er alle die Vasen, Seidenstoffe und 
Bronzen; vergeblich versuchte er ihnen ihr Geheimnis 
abzulauschen, und dass auch sie in dieser Weihnacht 
zu ihm sprächen. . . 

. . . „Unter den tausenderlei Gegenständen da unten 
in den Bazaren gefielen Violante diese am besten. 
Sie hat sie ausgewählt, wie sie mich ausgewählt hat 
und wie wir in gemeinsamer Übereinkunft so viele 
Freuden zusammen auswählten; aber diese fremden 
Dinge da können mir nichts sagen. Sie ist zu ihnen 
gegangen, hat sie sofort verstanden und ich verstehe 

63 



sie nicht. Kann dies möglich sein, dass wir, zwei 
Wesen, die ein Leben lebten, deren Gedanken bis zu 
dem Grade eins wurden, dass die nuanciertesten Worte 
uns grob, ja überflüssig vorkamen, und dass nun doch 
ihr Instinkt nach Dingen seufzte, die für mich keinen 
Sinn haben?" 

Und er erinnerte sich, dass ihr im Traume manch- 
mal grinsende, phantastische, schreckliche Gestalten ent- 
gegentraten, vor denen ihr graute, die sie aber doch 
nicht als Albdrücken bezeichnete. Sie stickte gerne 
auf Seide, in der ihre glühende Seele sich einlullte, die 
phantastischen Gebilde des äussersten Ostens, Drachen, 
Einhörner, den Phönix, die Schildkröte oder den Viel- 
frass. Und da er noch tiefer in das Bewusstsein dieser 
Heimatlosen hinabstieg, in deren schönen Augen des 
Abends so oft Tränen des Glückes glänzten, fand er 
den tiefen Ausdruck wieder, mit dem sie Cordovas 
Strassen pries, den Duft der Rosen und des Todes. 
So Weib, und verführend, und gemacht, das Leben zu 
rufen, liebte sie alles, was zur Zersetzung führt, ge- 
rade als ob sie einen höheren Genuss von ihrer Schön- 
heit gehabt hätte so zwischen Absterbendem, besser 
ihre Macht gegründet hätte auf verfallenden Kräften. 

Alle Packhüllen hatten in dem Räume den faden 
Geruch und die abflauende Erregung verbreitet, die 
ein Grab ausatmet. 

„Zweifellos, so träumte er, hat sie in dem Lande, 
wo die Verwesung die schnellste ist, zu dieser Stunde 
ihre Nervenkraft erschöpft und ihre Seele ganz auf- 
gelöst. Sie begnadete diese Chinesen mit einigen Teilen 
ihres Wesens, mit denen ich nicht in Kontakt kommen 
konnte, und befriedigte damit ihre unerschöpfliche 
Freigebigkeit. (Vielleicht auch, ich kann das ohne 
Geckenhaftigkeit annehmen, vielleicht verteilte sie unter 
ihnen auch einige Bestandteile meines Ichs, die sie in 
sich aufgenommen hatte.) Ihre Aufgabe ist erfüllt. 
Ihrem Gelöbnis gemäss erscheint mir diese Sendung als 
das Zeichen von ihrem Tode. Ich fühle nicht die 

64 



Kraft, gegen den Schok mich zu wehren , den ich von 
den Ereignissen bekomme. Wenn auch durch ein 
paar Jahre einander genähert, waren wir doch zwei 
Schicksale. Ich werde mich keiner Verzweiflung hin- 
geben; schon fällt das Vergessen ein, feiner Flugsand, 
der alle deutlichen Formen verwischt. Mit etwas Ekel 
sehe ich, dass meine Empfindungen wie die Barock- 
perlen eines zu dünn gefassten Kolliers auf ihrem zu 
langen Seidenfaden haltlos hin- und hergleiten. Wie 
recht wir hatten, in diesem Zimmer Musik zu machen! 
Sie schuf uns ausser Zeit und Raum ein Paradies, 
in dem für wenig Augenblicke vereintes Wünschen in 
uns die Illusion erstehen liess, als seien wir nur ein 
Wesen." 

Als er sich nun im ersten, traurigen Dämmer dieses 
Weihnachtabends ans Klavier setzte, stimmte der junge 
Mann Siegmunds Liebesgesang an, mit dem Gedanken, 
dass sie vielleicht in einem orientalischen Hotel zu 
sterben diese Nacht sich gewählt hatte, in der sie sicher 
war, dass er an sie und das Vergangene denken würde. 
Und der Schmerz über diese Tote und die gleichzeitige 
klare Erkenntnis des gefühllosen Waltens der Welt 
gaben ihm eine Empfindung aus Ohnmacht und Bitter- 
keit. Bittere Hilflosigkeit, zu konstatieren, wie wenig 
Körner vom Ufersande die sich ausbreitenden, zittern- 
den Kreise wegnehmen, die der in den Schlund von 
Thule fallende Becher zieht. 



55 



DAS WUNDERBARE GEHEIMNIS. 

Sie empfing ihn mit diesem Air einer 
Frau, die das wunderbare Geheimnis 
besitzt: die Würde, die alle Gelüste 
bemäntelt und gestattet. 

(L* Ennemi des Lois) 

Warum mir wohl das unbedeutende phonetische 
Wortspiel, das ich vor ein paar Jahren in Rom aus 
dem Munde eines italienischen Prälaten vernahm, im 
Gedächtnis haftet? Man sprach von einem Manne, den 
einerseits der Vatikan hochschätzte wegen seiner um- 
fassenden Kenntnisse und seiner Fähigkeiten in allen 
Angelegenheiten der Kirche, andererseits aber wurde 
betont, dass damit die Liebeshändel und Geldspeku- 
lationen seines Privatlebens nicht im Einklänge ständen. 
„II a voulu entrer dans les ordres^S sagte scherzend der 
Prälat „puis il s'est mis du tiers-ordre, et le voilä dans 
le dßsordre." 

Im selben Moment trat der Gegenstand dieser lazzi 
ein. Noch sehr jung, aber das Gesicht durch ein Ekzem 
entwürdigt, eigentümliche Augen von eisiger und toter 
Farbe, etwas Linkisches in seinen Bewegungen, aber 
trotzdem voller Entschlossenheit, so dass er, dank seiner 
Kopfhaltung, im ganzen wie ein schönes, verkümmertes 
Raubtier wirkte, dessen allzu heftige Begierden die Fessel 
des Gesetzes nicht zur Entfaltung kommen liess. 

Er sprach kein Wort, das nicht hart für die Feinde 
des römischen Hofes gewesen wäre, und jedermann 
weiss, dass gemeinsamer Hass die Menschen am stärk- 
sten verbindet; aber jeder, dem das Laster, der Ehr- 
geiz und die Liebe zum Gelde nur einigermassen ge- 
läufig sind, würde mühelos aus den Falten dieses Mundes 
und aus dem Blicke die Geistesabwesenheit und Zurück- 
haltung herausgefunden haben, die ein teilweises Doppel- 
leben verraten. Das konnte ein Söldling der Kirche sein, 
sicher aber war er kein Gläubiger. Das hier war einer, 
der das wunderbare Geheimnis des gesellschaftlichen 

56 



Lebens besassl Dieses Dasein verbarg zweifellos alle 
Regungen der Leidenschaft, die schlimmsten Ausschwei- 
fungen, ja, aber unter der unanfechtbarsten Aussenseite! 
Der öffentlichen Meinung das eigene Bild so zu zeigen, 
dass sie, ohne ihre gewohnten Grundsätze zu verleug- 
nen, uns ihre Achtung bewahren muss; es den anderen 
erleichtem, dass wir sie düpieren: das ist, ich werde 
es gleich beweisen^ die Wissenschaft, die er besass und 
die für den durchaus notwendig ist, der sich die Men- 
schen dienstbar machen will. 

Sie ist zu delikat, die Stellung eines Beichtvaters 
gegenüber der Weltdame, die ihn zu Tisch empfingt, 
und deren Sünden er im Beichtstuhle gehört hat: ver- 
meiden wir darum in unserem Falle, die Gesellschaft 
in eine ebenso falsche Lage zu bringen I Ein lüderlich 
lebender Mann muss sieb nach aussen mit strengster 
Korrektheit umgeben. 

Es gibt im Saint-Simon eine in wenige Zeilen zusam- 
mengedrängte Geschichte, die ein packendes und sehr 
geeignetes Bild gibt, die Moral zu illustrieren, die ich 
hier entwickele. Es handelt sich um einen Erzbischof. 

Der grosse Beobachter zeigt ihn uns schon leichten 
AnföUen von Epilepsie unterworfen, und erzählt dann, 
dass er jeden Nachmittag die Herzogin von Lesdiguig- 
res empfängt und sie sind zu zweien immer ganz 
allein. Eines Tages verbrachte er den Vormittag in ge- 
wohnter Weise bis zum Mittagessen; als sein Haushof- 
meister ihm melden wollte, dass serviert sei, fand er 
ihn in seinem Arbeitszimmer auf einem Kanapee sitzend 
hintenüber gefallen: er war tot. „Der Pater Gaillard 
hielt ihm die Leichenrede in der Nötre-Dame: der 
Gegenstand war mehr als heikel und das Ende schreck- 
lich. Aber der berühmte Jesuit zog sich heraus: er 
lobte was Lob verdiente und ging rasch über die Moral 
hinweg." 

Dies schon ist nicht übel, uns die Konventionen der 
Gesellschaft verstehen zu machen, aber die charakte- 
ristische und lehrreichste Stelle und die Stelle, die unter- 

67 



streicht y wie die Welt getauscht werden will, ist die, 
in der Saint-Simon vom Erzbischof berichtet: 

,, . . . Er sah jeden Tag, so lange er lebte, seine 
gute Freundin, die Herzogin von Lesdiguiöres, besuchte 
sie entweder in ihrem Hause oder in Conflans« aus 
dem er einen köstlichen Garten gemacht hatte, den er 
so sauber hielt, dass wenn sie zu zweit spazieren 
gingen, ihnen die Gärtner in einiger Entfernung mit 
Rechen folgten, um die Spuren ihrer Schritte zu ver- 
wischen." 

Dieser melancholische Garten und diese schöne 
Ordnung um diesen ganz ordnungslosen Greis sind 
meinem Geschmacke nach ein überzeugendes Bildl 
Wunderbarer Rechen, der so köstlich die moralische 
Kultur wirklich zivilisierter Gesellschaftskreise sym- 
bolisiert: in der Seele völligste Gesetzlosigkeit, Zigeuner- 
tum; nach aussen strengste Grundsätze! 

Nachdem die Viper für Kleopatra doch nichts anderes 
war als eine posthum redende Seele, hätte sie, Königin 
und Courtisane, in die Ecke ihrer Papyrusrollen diesen 
symbolischen Rechen anbringen lassen können. 

Man weiss ja, dass dem flüchtig erkorenen Lieb- 
haber von gewöhnlicher Herkunft eine Nacht in ihrem 
Bette den Kopf kostete. Und diese Forderung war bei 
ihr nicht nur Laune einer sinnlichen Frau, sondern 
der wohlerwogene Wille, die Etikette zu bewahren. 
Die schwarzen Sklaven, die den Zeugen der Liebes- 
tollheit ihrer Königin köpften, versahen bei differenter 
Zeit und Ort genau das gleiche Amt wie die Gärtner 
des Erzbischofs, wenn sie seine mit denen der Freundin 
vermischten Fussspuren zurechten. Dieses Schwert und 
dieser Rechen bezeichnen eine gleiche Methode des 
Lebens. 

Zweifellos finden wir die Konzession, welche die 
blendende Königin der gesellschaftlichen Moral machte, 
etwas exzessiv. Welche Haltung die von der Leidenschaft 
Gepackten von heute auch immer zur Schau tragen, 
so rüde wird keine das Dekorum wahren. Vielleicht 

58 



wird Katharina von Rassland die Letzte gewesen sein, 
die mit solchem Temperamente den Geschmack an der 
D^bauche mit dem Gefühl der persönlichen Würde 
zu vereinen wusste. Die in früherer Zeit unbekannte 
Milde unserer Sitten missbilligt diese exzessive Scham- 
haftigkeit der Kleopatra. Aber immerhin verbergen 
auch heute noch die Vornehmen ihre Leidenschaften. 
Der Zynismus hat immer irgend eine niedrige Allüre. 
Wir lieben es, unsere Spuren zu verwischen. 

Das ist durchaus nicht Scheinheiligkeit, Pharisäertum; 
es ist der höhere Instinkt des wahren Genusses, der das 
Geheimnis verlangt. Alcibiades liess seinem Hunde den 
Schweif abschneiden um des Vergnügens willen, die 
öfientliche Meinung zu täuschen, denn die Oberfeinerung 
seiner Sensibilität verhinderte ihn, irgend etwas zu ge- 
niessen, das öffentlich war. Er schuf sich ein Leben 
im Verborgenen. Er genoss die Freude eines Doppel- 
lebens bis zum Wahnsinn I Sein und Scheinen 1 Die 
grossen Abenteurer versichern, dass sie darin eine 
Intensität nervösen Geniessens finden, die ihnen die 
Bereiche des Lebens verdreifacht. 

Es ist das die Geschichte des Prinzen Rodolphe im 
Eugen Sue: Grandseigneur und Arbeiter, und die des 
Vautrin im Balzac: Priester, Diplomat und Galeeren- 
sträfling; — Gestalten, welche die Phantasie der Menge 
begeisterten I Aber das sind Obersetzungen ins Grobe. 
Meiner Ansicht nach liegt das Pikante nicht darin, 
einen reichhaltigen Kleiderschrank, sondern mehrere 
Seelen zu besitzen. Es handelt sich weniger darum, 
eine Persönlichkeit in vielen, verschiedenen Milieus 
vorzustellen, als: ein inneres, geheimes Leben zuhaben. 
Welche falsche Nase des Prinzen Rodolphe ist die 
Freude darüber wert, in seiner Seele ein Refugium zu 
haben I 

Welch heftigen Wonneschauer müssen diese Aben- 
teurer-Naturen fühlen, die sich zwar ganz ihrem ge- 
wohnten Milieu anpassen, aber voUbewusst die Wol- 
lust von zwei oder drei verschiedenen und sich wider- 

59 



sprechenden seelischen Existenzen geniessenl Nur eine 
Persönlichkeit sein, das heisst wenig leben. Und manch- 
mal denke ich mit höchstem Genüsse an jenen selt- 
samen Mann, von dem der Prälat sagte: ,,I1 a youIu 
entrer dans les ordres, puis il s'est mis dans les tiers- 
ordres et le Yoilä dans le d^sordre^^ 

Zweifelsohne ist es bedauerlich, dass sein Andenken 
jfür mich mit einem so jämmerlichen Wortspiel ver- 
knüpft ist, aber der rote Flecken zu scharfen Blutes, 
der sein unbewegliches Gesicht maskiert, beweist mir, 
dass er die kostbare Gabe besitzt, die man zwar tadeln 
kann, die nicht zu bewundern aber schwer ist: die 
Würde, die alle Gelüste bemäntelt und gestattet. 



60 



DER HASS ÜBERWINDET ALLES. 

Auf den Bänken der Deputiertenkammer kann man 
den Hass begreifen lernen. Nur wenig zeigte ihn 
während der langen Monate, wo er ohnmächtig 
gewesen war, aber im Dezember 1892, in Blitzen, sah 
ich ihn, wie er die Gesichter entstellte. Panama, 
Panama! . . . Ein Causeur hielt inne, ganz erdrosselt 
von Glücksspasmen, wenn ein Gegner mit unruhigem 
Blick, gebleichten und eingefallenen Wangen vorbei^ 
ging. Der Hass, ein wildes Tier, das aus der Lauer 
geht, zeigte sich mir in den Augen, zwischen den 
Zähnen. 

Und es fiel mir eine wilde Geschichte aus dem 
spanischen Bürgerkrieg ein. 

Es lebte 1869 in Sevilla eine reiche Witwe aus guter 
Familie, eine jener Frauen, die ihre Zeit in den Mode- 
läden verbringen, in Toiletten brillieren und ihre 
Charme noch mit etwas wie netter Kameradschaft 
beleben. Die hübschen Pliss^s ihrer Kleider waren 
die einer Pariserin, aber darunter zeigte sich bei den 
geringsten Bewegungen der nationale salero, eine Art 
aufreizender Geschmeidigkeit, die sehr notwendig ist, 
dass das Verlangen unter dieser andalusischen Emp- 
findungslosigkeit sich rührt, und die eine Seele ver- 
riet, gespannt wie eine Feder. 

Ihr Vater war Carlist; was nicht im monarchischen, 
sondern im patriotischen Sinne zu verstehen ist. Von 
einer Rasse, die sich durch die Inquisition von den 
Juden und Protestanten befreit hat, duldete er auf 
dem Thron keinen Fremden. 1850 fiel er bei den 
Wahlen durch, wo man ihn aufs Schlimmste insultierte, 
denn er hatte Wert. Seine Tochter kannte die Angst 
vor der erwarteten Zeitung, die man aufschlägt und 
voll des blödesten Geschwätzes findet, von dem immer 
ein schmutziger Rest haften bleibt. Einer seiner Brüder 
wurde im Duell erstochen. Als dann 1869 Don Carlos 
die Nordkampagne eröffnete und die Partei in Anda- 

61 



lusien in Bewegung kam, verwickelte die Polizei den 
alten Politiker in eine abenteuei liehe Sittlichkeits- 
geschicbte. Am hellen Mittag schleppte man ihn mitten 
durch Sevilla ins Gefängnis, in dem er starb, von 
seinem Verlangen nach Rache erstickt. 

Das junge Weib durcheilte ohne Verzug ganz Spanien, 
um in Navarra Don Carlos zu trelSen. Der Rächer! 
Ihrer Phantasie erschien dieser Prinz schön wie der 
Tag — wie der Tag, an dem ihre Feinde weinen 
sollten. Zu ihm lief sie, die kleinen Hände geballt, 
mit dem Fieber, mit dem sie zur Hinrichtung der 
Beleidiger und Mörder ihres Vaters gelaufen wäre. 

Sie hatte viel zu befürchten und zu leiden in diesen 
engen Passwegen von Navarra, denn die Carlisten, die 
sie besetzt hielten, hatten einen derben, raublustigen 
Humor, mit dem sie auch die Frauen nicht ver- 
schonten. So trugen sie am Gürtel mächtige Scheren, 
mit denen man die Maulesel schert und die ihnen 
nun dazu dienten, den des „Liberalismus^^ verdächtigen 
Basken die langen Haare abzuschneiden. 

Endlich kam die Diligence, mit ihrer Eskorte von 
Briganten, über hohe Felsen und steilen Abgründen 
entlang in das düstere Städtchen Estella, die Festung 
des Carlismus. 

Don Carlos ist in der Beichte, moi^en früh wird er 
kommunizieren, sagten ihr unter tausend Soldaten- 
spässen die jungen Freiwilligen, welche die schwarzen 
Arkaden des Platzes füllten und deren verwegene Blicke 
zu dieser traurigen Stunde des Sonnenunterganges noch 
erschreckender waren als die Worte. 

Nach vielem Suchen in einer elenden Fonda unter- 
gebracht, von wo aus sie an den Carlos schrieb, dachte 
sie den kommenden Tag ruhig abwarten zu können. 
Aber sie hatte nicht mit den Unbequemlichkeiten einer 
Stadt gerechnet, in der es mehr Männer als Frauen 
gibt. So ein Dutzend Führer waren unten im Erd- 
geschoss; nachdem sie viel getrunken und spektakelt 
hatten, wurden sie es auch müde, die Wirtstochter zu 

62 



misshandeln, was sie seit fünfzehn Nächten jede Nacht 
getan hatten, und befahlen, dass man ihnen die Fremde 
bringe — es gefiel den Betrunkenen, die Fremde für eine 
Feindin zu nehmen. 

Sie musste herunterkommen. Ihr langes, über das 
Nachtgewand fallende Haar stellte genügend fest, dass 
sie ihren Loyalismus vor den Scheren der Freiwilligen 
zu beweisen gewusst hatte, aber diese geile Bande 
wollte darin nur eine Verführung mehr sehen. Nach 
Scherzen, die zu erzählen wenig grossmütig wäre, ver- 
gewaltigten fast alle diese elegante junge Frau, deren 
Schreien keinen Menschen herbeirief, denn sobald in 
Estella das Angelus verklungen war, waren Lärm 
und Schreien wie dieses etwas gewöhnliches. 

Beim Morgengrauen, alleingelassen, Seele und Leib 
zerfetzt, aber noch rührender durch all das schrecklich 
Erlebte, ging sie zum König. 

Dieser Fürst von zwanzig Jahren und für Frauen 
sehr empfanglich, war ehrlich aufgebracht über das 
Geschehnis. Er trocknete das weinbeschmutzte Haar 
seiner jungen Parteigängerin; da keine Frauen dawaren, 
wollte er selber sie entkleiden und die ganz Gebrochene 
in das einzige Bett des armseligen Hauses tragen, in 
sein noch warmes königliches Bett. 

Unfähig, in solchem Elend, mehreren Gefühlen auf 
einmal zu folgen, wusste sie nichts als immer nur: 
„Mich so zu behandeln, mich, eine der Euren !^^ An 
der starken Brust ihres Königs wurde diese Frau von 
sechsundzwanzig Jahren mit Vertrauen fühllos. Als 
eine ihres Vaters beraubte Tochter, als junge Frau ohne 
Geliebten, als von den Literaten insultierte Royalistin 
hatte es sie nach diesem Beschützer verlangt 1 Und 
aus ganz natürlicher Scham verbreitete sie sich lieber 
über ihre Leiden in Sevilla, als über die Schmach der 
vergangenen Nacht. 

Eine Untersuchung stellte in weniger als einer Stunde 
fest, dass die Schuldigen die beliebtesten und energisch- 
sten Führer von Don Carlos Bande waren. Gewöhn- 

63 



liehe Soldaten, waren sie ohne Verzug füsiliert worden. 
Aber es wird erzählt, dass die junge Frau zum Prä- 
tendenten, der idelleicht zauderte, sagte: „Zwanzig gute 
Soldaten können mir mehr Ehre zurückgeben sds sie 
mir genommen haben^^ Und dies ist eine wunder- 
bare Antwort. 

Sicher ist, dass Don Carlos die Leute rufen liess, 
und als zehn von ihnen auf seine Frage erklärten, un- 
verheiratet zu sein, forderte er die junge Frau auf, den 
zu bezeichnen, den sie zum Gemahl annehmen wolle. 

— Sire, fragte sie, welchem von ihnen wird Ihre Ma- 
jestät das Kommando der Provinz Sevilla geben? 

Und da sie darauf eine Frage voraussah: 

— Es ist, sagte sie, weil ich mich für zwei Dinge 
zu rächen habe; ich will die eine Rache nur aufgeben 
um die andere besser zu erfüllen. 

Auf die Versicherung, dass der Gatte ihrer Wahl 
volle Macht über die Provinz Sevilla erhalten würde, 
verlangte sie den ersten, der sie frech belästigt hatte. 
Am gleichen Morgen gingen sie zum Altar, an dem 
der König kommunizierte. Nach der Trauung kom- 
mandierte er den Neuvermählten auf einen gefährlichen 
Streifzug. Das war Galanterie eines jungen Mannes, 
dem es Bedürfnis war, dass eine so liebenswürdige Frau 
frei bleibe. 

Sie hätte, meint man, für ihren rohen Mann wohl 
wenig übrig gehabt. Aber das heisst, den folgerichtigen 
Geist eines leidenschaftlichen Wesens misskennen. Als 
nach zwei Tagen der Carlist zurückkam, erschöpft, die 
Bsgonette verbogen und die durchsäbelten Kleider auf 
heiler Brust, da geleitete sie ihn in sein Zelt, um ihm 
Blut und Staub abzuwaschen. Mit den Händen hatte 
er Liberale erdrosselt I In dem Rausche, auf ihm das 
Blut toter Feinde zu atmen, vergass sie den Wein- 
geruch und den heissen Atem, der sie bei ihrem ersten 
Zusammentreffen beschmutzte; ganz gab sie sich dem 
Bilde eines bald in Schrecken gesetzten Sevilla hin. 

Der Bursche wurde später in Pampeluna gehängt 

64 



Er war nichts als Gemeinheit. Aber nicht so sehr 
Vorzüge, als gemeinsamer Hass bindet Verachten einen 
solchen Menschen? Ahl Der zwingende Grund, sich 
zu lieben I 

Der Hass ist durchaus kein niedriges Gefühl, wenn 
man bedenkt, dass er unsere grösste Energie auf eine 
einzige Richtung sammelt und er uns solcherweise 
notwendig an anderen Stellen wunderbar uninteressiert, 
uneigennützig macht. Ganz von einem Hass gepackt, 
sind wir fähig, kleine Widerwärtigkeiten zu verzeihen, 
wie es die Geschichte dieser jungen Frau zeigt, die einem 
Dutzend verzieh. 

Der Hass besiegt alles; er ist in der Seele ein ab- 
soluter König. Aber den intensivsten, den schönsten 
Hass zeitigen Bürgerkriege, und diesen König der Könige, 
den sah ich flüchtig Dezember 1892 in den Couloirs 
des Palais-Bourbon. 



65 



DIE TREUE IN VERBRECHEN UND 
SCHANDE. 

Wer fühlt nicht am Weihnachtstage ein leises Ver- 
langen nach Poesie? In dieser Nacht braucht eine 
einigermassen kindliche Seele nur auf den bitterkalten 
Plätzen um die deutschen Dome dem pfeifenden Winde 
zu lauschen, um die allerschönsten Sagen zu vernehmen. 
Sie nähren eine weitläufige , volkstümliche Literatur: 
ein Bandit, der dem Herzen Gottes näher steht als der 
Beamte, der ihn aburteilt; eine Prostituierte, die in den 
Himmel ffihrt; ein Aussätziger, den plötzlich ein Heiligen- 
schein umleuchtet. . . . Könnte das, nach so vielen Jahr- 
hunderten, nicht vielleicht ein Echo jener Abenteuer 
sein, die den stärksten Eindruck auf die Einbildungs- 
kraft der Freigelassenen, der Curtisanen und jenes 
schmutzigen Haufens machten, aus dem das Christen- 
tum seine ersten Anhänger gewann? Man erobert die 
Welt nicht durch Vemunflgründe, obgleich man sie 
und sehr solide als unbedingten Schutz im Rücken 
braucht . . . 

Nun aber glauben Einige, das erste Aufflackern einer 
sozialen Revolution zu bemerken. Sie behaupten nichts 
Bestimmtes, aber sie meinen, dass baldigst, unter unseren 
Augen, etwas Bedeutendes in die Welt gesetzt wird, 
und dass wir ungeföhr die Rolle des Ochsen, der Kuh 
und des Eseleins im Stalle von Bethlehem spielen, die 
ohne grosses Verständnis einer geheimnisvollen Geburt 
anwohnten . . . 

Diese Woche hat mich meine Neugierde in die 
untersten Schichten unserer Pariser Bevölkerung hinab- 
geführt. Ich suchte, was dort für die Legende Schauer- 
liches oder Besonderes zu finden sei; ich war neu- 
gierig, zu erforschen, welches einigermassen vornehme 
Gefühl die Aufrührer am erfolgreichsten zu exaltieren 
vermöchten, ob sie es nötig hätten, an die Kraft der 
Phantasie zu appellieren, an die tiefe Sensibilität dieser 

66 



wenig bekannten gärenden Regungen^ die in Paris 
das Laster und das Verbrechen bilden. 

Ich habe die Ehrlosesten und Gesunkensten auf- 
gesucht, die, welche unsere gesellschaftliche Ordnung 
zermalmt. Ich wollte diese durch ihre Sitten degra- 
dierten Menschen kennen lernen, die unsere Gesetze, 
unsere Einrichtung und unsere Gesellschaft verwerfen, 
denen unsere Philosophie, unsere Künste, unsere Wissen- 
schaft unbekannt sind, und die die Zivilisation selber 
bedrohen; ich fragte mich, welches ihrer Gefühle es 
sein könnte, das in irgend einer Art schön wäre und 
welcher ergreifende Zug ihrer unheilverkündenden Phy- 
siognomien würdig wäre, in künftige „anarchistische 
Weihnachten" überzugehen. 

Eines Abends bin ich in ein öfTentliches Balllokal 
gegangen, von dem ich wusste, dass ich dort nur Pro- 
stituierte der äusseren Boulevards finden würde und 
die schweren Jungen von den Festungswällen. Etwas 
ebenso Verkommenes wie die antike Vorstadt Suburra. 

Der Saal war kalt, schlecht beleuchtet, feucht von 
Geruch und Ansehen. Seltsame, schlecht aussehende, 
junge Burschen mit unvermittelten und fahrigen Be- 
wegungen machten untereinander Scheinangriffe von 
Boxen, Gesten des Erdrosseins und den Schlag des 
phve FranQois; jammervolle, kranke Huren, unflätig 
und von der beklemmenden Eleganz eines wüsten 
Traumes, scharten sich zu Zweien und Vieren um 
eine Salatschüssel Glühweines. Nirgends nur die Spur 
von Vornehmheit; nichts als Krankheit, Elend und 
Laster. Ah! sagte ich mir, welche Beute könnten selbst 
die Apostel der Revolution in diesem Fäulnisstrome 
finden, der über die Rahmen unserer Gesellschaft flutet? 
Diese Geschöpfe sind als Mitarbeiter zu irgend etwas 
ganz unfähig; nur brauchbar zur Plünderung und Zer- 
störung kann ich mir sie im Falle der vereinten Em- 
pörung nicht durch ein Gefühl der Solidarität zu- 
sammengehalten denken. Das sind keine Barbaren 
neuen Schlages; das sind Abfalle. 

67 



Doch plötzlich kam vom Orchester her eine Polka. 
Kavaliere und Tänzerinnen fanden sich mit der Be- 
hendigkeit junger Hunde. . . 

Und da bot das Schreien, der Lärm der Blech- 
musik, die Frauen mit dem dicken skrophulösen Munde 
und ihren so bedeutungsvoll bewegten Hüften, die 
kleinen, lebhaften Körper der jungen Strassenräuber 
einen schauderhaften Anblick; aber schliesslich war 
Leben darin, was mich nach und nach ansprach. 

Diese Musik, die erhitzten Gesichter dieser Geschöpfe, 
die afTektierte Mannhaftigkeit ihrer scheusslichen Lieb- 
haber, alles das verkündete mir ihren ausschliesslichen 
Stolz, ihr einzige ehrliche Empfindung: „wir sind das 
Bagno und die Schande — aber unsere Gefühle sind 
treu". Alle gewöhnliche Konvenienz, das Verbrechen, 
die Erniedrigung, körperliche Gebresten, nichts hat 
mehr eine Bedeutung für diese Geschöpfe, die, nach- 
dem sie sich zusammentaten, von nun an in der Welt 
nur sich kennen. Ihre Liebe setzt an Stelle sämtlicher 
Gesetze, welche die moderne Klassengruppierung regieren, 
einen Pakt; sie haben die gesellschaftlichen Schranken 
durchbrochen, aber um so enger verbindet sie die 
Kette der Mitschuld. 

Ich glaubte noch diese Weiber mir sagen zu hören: 
„Es tut so gut, in der Furcht zu lieben, hinter Bretter- 
verschlägen, wo man zittert und den unversehrt in 
seine Arme drückt, auf den die Gesellschaft eine Treib- 
jagd macht^^ 

Ihr kleinen Mädchen der Klöster des Sacr^-Coeur, 
eure Liebe ist zu fade; nichts legt ihr hinein als Eitel- 
keit und eine ganz kleine Sinnlichkeit; aber in der 
Liebe dieser Zöglinge des Sacr^-Coeur der Butte von 
Montmartre liegt die Wollust des gemeinsamen Er- 
zittems. Und diese Gesetzlosen werden sich unter den 
schlimmsten Schwierigkeiten die Treue halten, bis zu 
Saint-Lazare, bis zur Guillotine, wenn ihnen auch der 
Trauring weder vom Priester noch vom Bürgermeister 
angesteckt wurde, wenn sie ihn auch oftmals vom 

68 



Finger eines Ermordeten streiften ^ dessen Füsse sie, 
Venus, hielt, während er, Mars mit der Mütze, zustach. 

Treue in Verbrechen und in Schande! Das ist bei 
näherer Betrachtung das einzige Gefühl, wodurch diese 
schauderhaften, bedauernswerten und abstossenden Ge- 
schöpfe, die Prostituierten der äusseren Boulevards, 
einigen moralischen Wert behalten. Das ist ihre Gross- 
herzigkeit und ihr Teil Uneigennützigkeit. Kein mensch- 
liches Wesen ist vollkommen jeder Poesie beraubt. 
Sich durch dick und dünn lieben, sich seine Ergeben- 
heit in Prostitution und Verbrechen bewahren, das ist 
das Ehrgefühl bei dieser enormen Menge von Prosti- 
tuierten und Zuhältern, die unsere grossen Städte um- 
schliessen. Kann man ein so trauriges Volk mit den 
Curtisanen und Freigelassenen vergleichen, die der 
ersten Propaganda für das Christentum ein so frucht- 
barer Boden waren? Die von heute wie Jene von 
damals werden dem Apostel zujubeln, der die Ver- 
achtung der alten Gesetze predigt, der Wert und Un- 
wert von einem neuen Standpunkt aus richten wird. 
Aber um so geartete Wesen jetzt wie vor neunzehn Jahr- 
hunderten zu überzeugen, da ist vernünftiges Reden 
wenig; man muss an ihre Phantasie rühren, ergründen 
wo sie sentiniental sind, und ob sie es manchmal zum 
Weinen bringen. Deckt euch den Rücken mit Dogmen, 
bedient euch des Marxschen Kapitals, des „ehernen 
Lohngesetzes^S ^ü^cr treibt ein Märchen bis in ihre 
Herzen. 

Das erste Christentum adoptierte die Empfindungs- 
art der Elenden und der Niedrigsten; es machte daraus 
einen Teil seiner Poesie. Die Toga des Bürgers er- 
setzte es durch das rauhe Gewand des Sklaven. 
Ebenso wie. unsere christlichen Erzähler die Pallas, 
den Narzissus und die Thais verherrlichten, Augen- 
diener in den Palästen Roms oder Stammgäste 
schmutziger Schlupfwinkel Alexandriens, ebenso er- 
eifern sich unsere schriftstellernden Anarchisten über 
das Hurenvolk der Festungswälle. Hugo, Tolstoi, 

69 



Dostoiewski verlangten von uns zuerst, dass wir mo- 
ralischem Schmutze und körperlichen Gebrechen Ehr- 
furcht zollten. Ihre Dirnen, ihre Bettler, ihre Diebe, 
ihre Mörder, ihre Trunkenbolde haben uns trotz all 
ihrer Schändlichkeiten ergrilSen durch ein deutlich 
hervortretendes Gefühl ihrer Affinitäten. Die Wissen- 
schaft, die Universität lädt uns ein, in diesen degene- 
rierten Helden eine noch verborgene Vornehmheit an- 
zuerkennen, die diese frommen Geister Solidarität nennen, 
die aber, ich wiederhole es, nichts anderes ist als ein 
Fall von Affinität. Ich stelle es ganz frei, darüber die 
Achsel zu zucken, aber ich verkünde diese neue Bot- 
schaft. Die soziale Umwälzung vollzieht sich viel mehr 
durch die Verschiebung von Wert und Unwert als durch 
eine Abänderung der Gesetze, und besser durch eine 
Explosion der Sensibilität als durch eine des Dynamit. 



70 



ÜBER DEN RUHM. 

Gewisses Berühmtsein ist einfach allgemeines Be- 
kanntsein: das erreichen ungefähr alle Pariser (Jour- 
nalisten , Romanschreiber, Dramatiker, Schauspieler 
oder Verbrecher). Anderes Berühmtsein wieder ist 
gleichbedeutend mit Angesehensein: so unsere Aka- 
demiker. Über diesen beiden Kategorien, die mir, soll 
ich es gestehen? uninteressant sind, steht der Ruhm. 

Einige erobern sich die Welt durch eine Sensibilität, 
die mit unseren echtesten Herzschreien so harmonisch 
zusammenklingt, dass die unvollkommenen Bilder, 
die in den stärksten Gefühlsmomenten in uns er- 
weckt werden, sich mit dem Bilde verschmelzen, das 
sie uns hinterliessen. Kleopatra, die von des Antonius' 
Liebkosungen zerschlagen auf ihre Galeere flieht, ist 
es für die Wollüstigen; Alcibiades und Disraeli für die 
Raffinierten der Hypokrisie; Racine, Dickens, Dostoiewski 
für die Zerstörten, die gerne weinen; Bonaparte für den 
Tatendurstigen: das ist der Ruhm! Er hat weder etwas 
mit dem Pantheon zu tun noch mit den offiziellen 
Festreden. 

Mögen die Moralisten Byron in den Bann tun; die 
Weisen Lamartine heruntersetzen, wir alle halten es 
mit jener Frau, die sich im Jahre 1860 zufällig in 
einem Zeitungsbureau befand und sah, wie ein armselig 
gekleideter Mann sich an der Kasse einiges Geld für 
einen Artikel auszahlen liess, und als sie ihn „Herr 
von Lamartine^' nennen hörte, vor Schmerz ohn- 
mächtig umsank. 

Frau, teure Frau, wahrlich du bist würdig, den Ruhm 
zu begreifen, das will sagen: den Namen, das Bild, die 
ganze Seele dieser wirklichen Könige, dieser „Mächte 
des Gefühls^^ ins Herz zu schliessenl Staunt man sie 
an wie gewaltige Naturwunder, liebt man sie wie die 
intimsten Freunde? Sie begeistern, schüchtern ein, 
stürzen in Verzweiflung und rühren zu Tränen. 
„Wenn die Tränen und die Seufzer, auch nicht mit dem 

71 



Namen Genuss bezeichnet werden können^' — sagte 
der Abb6 Prevost in einem Satze von schöner Zärt- 
lichkeit — yySO sind sie doch ein unendlicher Trost 
für einen sterbensbetrübten Menschen/^ Nichts gleicht 
so sehr der Unruhe eines Verliebten als die Bewegt- 
heit eines, der das Prestige seiner Überlegenheit fühlt 

Aber worin der Ruhm in Stärke die Liebe übertrifiFt 
ist dies, dass er Jahrhunderte hindurch in den Seelen 
Wiederhall findet. Johanna von Neapel tötete den 
Bruder der heiligen Brigitte, der sich sterblich in ihre 
herausfordernde Schönheit verliebt hatte, indem sie an- 
gesichts des ganzen Hofes einen Kuss auf die Lippen 
dieses jungen Menschen drückte. Aber der Kuss dieser 
unvergleichlichen Curtisane verlor seine Kraft mit dem 
Tage, da ihre feuchten Lippen verbluten, während 
jene, die den Ruhm besitzen, selbst wenn sie ins Grab 
hinuntergestiegen sind, die Jugend noch in einen 
Taumel von Begeisterung versetzen, — und eine Jugend, 
die, wenn sie auch nicht Brüder der heiligen Brigitte 
in sich begreift, doch den ehrbarsten und ausgeglichen- 
sten Milieus angehört. 

. . . Feurige Blicke schwarz umrandeter Augen, 
stürmisch schlagende zwanzigjährige Kinderherzen, die 
ihr von glorreichen Dichtem schwärmt, von Seehelden, 
von Liebhabern oder ruhmgekrönten Abenteuerern, 
euch rufe ich als Zeugen auf, dass der Ruhm das ist, 
was nicht stirbt! 

Als ich neunzehn Jahre alt war und den grossen, 
vom Alter ganz verkrümmten Viktor Hugo sah, wünschte 
ich seine achtzig Jahre zu haben; mit Freuden hätte 
ich, um die letzten, kurzen Stunden seines Ruhms zu 
leben, den langen Zeitraum, der vor mir lag, dahin- 
gegeben. Und freudig hätte ich auch mein Leben für 
eine Nacht bei Kleopatra geopfert, vorausgesetzt, dass 
diese Kleopatra sehr jung, ein wenig impertinent, 
korrekt und romantisch verzweifelt gewesen wäre. 
O Schmerz, du Verschwendungslaune der Jugend I 

Die Seelen zu verderben oder zu veredeln besitzen 

72 



Ruhm und Liebe die gleiche Macht, wird man sagen. 
Doch nicht! Der Zauberbann des Ruhmes übertrifft 
alle magischen Künste der Liebe , denn diesen lösen 
weder das Alter noch der Tod. Kleopatra, die damals, 
als man sie mit ihren Leichenbinden umwickelte, keiner 
ihrer Liebhaber ohne Widerwillen hätte anschauen 
können, begeistert uns heute noch, nach so vielen 
Jahrhunderten, uns, die wir nur den Ruhm lieben. 

Der Vorrang des Ruhmes über die Liebe, dem sie 
durch so viele Züge ähnlich ist, macht sich besonders 
darin geltend, dass man niemals zärtlicher liebt, als 
wenn man den Gegenstand seiner Zärtlichkeit in die 
Arme schliesst, aber auch niemals etwas mehr be- 
wundert als ein Idol, das man nur von ferne betrachtet. 
Damit erklärt sich die Haltung der Gottheit, die nie- 
mals anderswo als auf dem Lande erscheint, und es 
verschmäht, mit den Stammgästen der Boulevards in 
Beziehung zu treten. Mohammet der mit Allah ver- 
kehrte, scheint ihm diese Lebensregel entlehnt zu haben. 
Mit äusserster Sorgfalt vermied er Indiskretionen über 
seine Arbeitsmethode zu geben. Als er den unter gött- 
licher Eingebung verfassten Koran fertig diktiert hatte, 
liess er seinen Schreiber hängen. 

Dies ist die Marke und der Makel der grössten 
menschlichen Erfolge: sie machen kleine Vorsichts- 
massregeln hinter den Kulissen nötig. Bedauerlicher- 
weise verlieren sich diese guten Traditionen. Die 
heutigen Tages den Ruhm prätendieren, lassen über 
ihre Persönlichkeit minutiöseste Details berichten. Ich 
sehe den Moment kommen, wo wir übereinander so 
vollkommen unterrichtet sind, dass wir wissen: wir 
alle sind nichts als Dummköpfe. 

In dem vom Mysterium verhüllten Traum eines 
Lamartine, der aus unsichtbarer Hand seine Meister- 
werke auf die Welt fallen lässt, liegt eine stolze Grazie 
und wohl geeignet, phantastisch veranlagte Imagi- 
nationen zu begeistern. Könnt ihr euch Rechenschaft 
darüber geben, welche Macht ein Hugo besässe, wenn 

73 



die Begeisterung der Massen sich durch aufgeregte 
Neugier verdoppelte? Man kann es aus der Tatsache 
beurteilen, dassin einer Sammlung berühmter Kriminal- 
fälle jene Verbrecher am beliebtesten sind, denen es 
gelang, ihr Inkognito zu wahren. 

Die Sage yon Amor und Psyche beweist die süsse 
Macht eines anonymen Kusses. Nichts Köstlicheres 
als durch ein unsichtbares Wesen heftig erregt zu 
werden. Da wir es nicht kritisieren können, erscheint 
es uns beinah als etwas Vollkommenes. Aber hat 
Psyche das Inkognito ihres Geliebten gewahrt? Sie 
zündete gar schnell die Fackel an. 

Die Wahrheit ist, dass in unserem Jahrhundert der 
Erfolg den Künstler in eine öffentliche Persönlichkeit 
verwandelt. Wer sich kopfüber in diese Öffentlichkeit 
begibt, der kann die Kotspritzer nicht vermeiden. Der 
Literaturkalender soll uns eine Liste der Autoren auf- 
stellen, denen es gelang, die Anonymität zu bewahren. 

Übrigens, ist man davon überzeugt, dass ein Werk 
völlig ausserhalb seines Schöpfers existieren kann? 
So schön man sie sich vorstellt, besitzen die Gedichte 
selber ein vom Leben des Dichters unabhängiges Dasein? 
Die Nabelschnur ist da niemals abgeschnitten. Die 
Ossianischen Gedichte verändern ihren Wert je nach- 
dem man glaubt, sie seien das Werk eines geschickten 
Schriftstellers des letzten Jahrhunderts oder der spontane 
Schrei einer entstehenden Gesellschaft. In gar vielen 
Fällen erweisen sich die Biographien der grossen 
Männer als das interessanteste ihrer Werke. Vervoll- 
ständigen nicht das Leben und der Charakter Goethes 
den philosophischen Gehalt seiner Werke? Vielleicht 
bleibt Byron selbst eine viel poetischere Gestalt als 
alle Personen, die er erfunden hat. Wenn ihr den 
Felsen von Guemesy nicht seht, verliert Hugo etwas 
von seiner Erhabenheit. Wenn ihr es nicht wissen 
wollt, dass Gilbert den Schlüssel seiner Kassette auf 
einem Spitalbette liegend verschluckte, dass Racine, 
weil er gerne weinte, den Einkleidungen der jungen 

74 



Mädchen anwohnte, dass Chateaubriand trotz der himm- 
lischen Aufmerksamkeit der Madame R^camier gähnte, 
so schmälert ihr eure Freuden um ein bedeutendes 
Teil; ihr verringert den Geist des Schreibers, um nichts 
als den Buchstaben übrig zu behalten. 

Zu gleicher Zeit berühmt und unbekannt zu sem, 
glorreich und verboten, das ist ein Kleinmädchentraum, 
der hübsche Traum von einem Märchenland. In Venedig 
sah ich den Balkon des Palastes, auf dem die kleine 
Helena Cornaro weinte, wenn man sie veranlassen 
wollte, die Kamevalsfestlichkeiten anzuschauen. Sie 
fühlte sich nur wohl in der Stille und der Einsamkeit 
ihrer hohen mit Wohlgerüchen erfüllten Gemächer. 
Gerade so stimmen uns Masken traurig, die sich auf 
der Strasse herumtreiben. Wir beugen uns aus dem 
Fenster, um das Leben zu sehen, aber Geschmack 
finden wir nur an unserer eigenen erträumten Welt! 
Welche Inkonsequenz I Schliesst alle Fenster eures 
schönen Palastes. Qui trotte se crotte, heisst es nicht nur. 



75 



DAS GEWISSEN DES DICHTERS. 

Paul Bourget (in Gosmopolis): 

„Der Schriftsteller Dorsenne hatte sehr 

wenig Herz". 

Antwort: ,,Die Hauptsache ist, dass er 

Phantasie hat". 

Tasso verbrachte die letzten schönen Monate seines 
Lebens. In Sorrent, an der Schwelle seiner toten 
Schwester, hatte er geweint; den Reigen der jungen 
Mädchen von Bisaccio hatte er angeführt, in neapoli- 
tanischen Nächten, unter den Säulengängen des Monte 
Oliveto, und es hatte ihm gefallen, sein Schreck- 
gespenst Ferrara zu beschreiben. Nunmehr erregten 
weder die Wollust noch das Mysterium sein Interesse. 
So viel Genie in Verse gegeben war verströmt, und 
hat nur einen zitternden Greis übrig gelassen. Seine 
Phantasie, einstmals eine der fruchtbarsten der Mensch- 
heit, verschloss sich in düsterer Laune gegen das Da- 
sein. Niemals hatte er viel Herz besessen und darum 
entbehrte er den normalen Trost eines Lebensendes. 

In den kalten Sälen des Vatikan, wo seiner der 
Triumph harrte, den ihm ein begeisterter Papst be- 
reitete, wurden ihm die Zuvorkommenheiten der be- 
rühmtesten Kunstfreunde zur Qual. Selbst nach seinem 
Freunde, dem Marquis Manso, verlangte ihn nicht. 

Welch schöne romaneske Biographie könnte man 
von diesem Manso verfassen, von dem man nichts 
weiss, als dass er, zartsinnig, ritterlich und von aus- 
nehmender Schönheit, dem in seinen letzten Tagen halb 
wahnsinnigen und durch Armut erniedrigten Tasso 
seine Dienste erwies, und nachher diesen anderen 
grossen Dichter, Milton, erkannte und liebte. Bei dieser 
Fähigkeit, die Genies zu erkennen, entschuldigte Manso 
sicherlich deren Absonderlichkeiten. Er bat dringend 
um Einlass in ihre schönen imaginären Paläste, ohne 
zu beanspruchen, dass sie sich selber für seine kleine 
Behausung, das Haus eines ehrlichen Mannes, inter- 
essierten. 

76 



Der gealterte Tasso wollte Sonnen lange Stunden 
tiefen Schweigens, eine schöne Ordnung um sein Er- 
löschen haben. Er betrieb seine Aufnahme in das 
Kloster San Onöfrio. Wir nordischen Pilger sind jeder 
von uns dort hinaufgestiegen, um uns jener melan- 
cholischen Strömung zu überlassen, die unsere Seele 
nach dem unentwirrbaren und allzu lebendigen Rom 
führte. Aber der alte Orangenbaum, unter dem Byron, 
Chateaubriand, Lamartine sassen, war jung, als er 
Tassos letzten Nachmittag beschattete! Es war im 
März, ein schon etwas milder Monat. Die unermess- 
liche Landschaft war voll Licht und Lieblichkeit, gleich- 
wohl ohne Lyrismus noch Leidenschaft, denn der 
Dichter hatte nicht mehr die Kraft die Dinge bis zur 
Schönheit zu steigern. Nicht Rom, nicht das Kolosseum 
und nicht die tragische Kampagna sah er, sondern 
eine Stadt, die in der Hässlichkeit der Ruinen ihre 
Abendmahlzeit zubereitet. Sein Antlitz zeigte nicht 
* mehr diese beunruhigende Verzerrung, die einstens ver- 
nünftig denkende Leute veranlasst hatte, ihn zu den 
Verrückten zu sperren. „Jetzt ist er ruhig", sagte die 
Menge, die sich den ganzen Tag in der Einfriedung 
des kleinen Klosters drängte, um den Helden des Tages 
zu sehen. Besser unterrichtet würden diese Besucher 
gesagt haben: „Der Tasso heute ist nicht mehr der 
Tasso". 

Umsonst zählte ihm ein junger Mönch, stolz darauf, 
an diesem Ruhme teilzunehmen, die Besuche auf: 
„Seht nur die hohen Würdenträger der Kirche, die 
Stadtverwaltung, die vornehmsten Herren des Adels, 
und alle bewundern sie Euch!" Tasso waren diese 
Huldigungen nichts; er hatte zu sehr unter so vielen 
Misshandlungen gelitten, und teilte die Menschheit in 
zwei Teile: sich selbst, dann die andern, denen er 
misstraute. Er verlangte nichts sonst, als dass keiner 
ihn mehr beurteile und beachte. 

Junge Frauen und junge Männer, schön anzusehen 
in ihrer Gesundheit, Pracht ihrer Kleider und galanten. 

77 



Freundschaft, wandelten in den Bogengängen, ihre 
Windspiele an der Leine, Veilchen im Gürtel. Aber 
Tasso dachte: „Eine Schönere hat mich yerschmäht'^ 
Und da er nicht mehr genug Feuer besass, um Leo- 
nore zu begehren, hasste er sie als die Grundursache 
aller seiner Leiden. 

Am Abend tönte das Angelus über die Stadt War 
es der weiche Ton der Glocken, der den Rest von 
Phantasie weckte, die dem grossen Manne verblieben 
war? War es der Nebel, der Rom, die Pinien des 
Pincio und die zerfallenden Steine des Kolosseums be- 
deckte und das Traurige des Abends auf diesen Ruinen 
weckte? Zum Mönche, der ihn mit seiner kindlichen 
Verehrung quälte, sagte er: „Nicht mit dem Lorbeer 
des Dichters, sondern mit dem Glorienscheine der 
Heiligen im Himmel möchte ich gekrönt sein^^ 

Er stand im Rufe herzlos zu sein. Man warf ihm 
seine innere Frostigkeit vor und keiner ahnte, dass er 
sich in Zweifeln verzehrte, in welcher Wertschätzung' 
sein „Befreites Jerusalem^^ bei Gott stünde. 

. . . Von den immer dichter werdenden Schatten der 
Nacht ermutigt, hatten sich mittlerweile in Lumpen ge- 
hüllte, von Klosterschwestern unterstützte Männer und 
Frauen genähert. „Die Kranken der Spitäler*^ sagte 
der Mönch, und dieser leicht erregbare, weil sehr nervöse 
Jüngling begann vor Bewunderung darüber zu weinen, 
dass ein Sterbender so berühmt war, selbst die Teil- 
nahme der Kranken und Bedürftigen zu erregen. 

. . . Die Hospitalbewohner entfernten sich, die Nacht 
brach herein und -Tasso war noch immer in Gedanken. 
Der Mönch, dieses Schweigens müde geworden, war 
fortgegangen, um sich mit seinen Genossen in Rührung 
zu begeistern. Bloss eine kleine Bucklige, die den 
Alten mit verzehrenden Blicken betrachtete, war zurück- 
geblieben, und er, den so viele hohe und schöne Herr- 
schaften nicht aus seiner Ruhe zu bringen vermocht 
hatten, streckte ihr seine Arme entgegen. 

Er, der Unsterbliche, der die der Liebe wertesten 

78 



Jungfrauen besang, das warme Blut sterbender, junger 
Krieger, das Pathos der kraftvoll mannbaren Jugend, 
deren Sterben keinen Widerwillen einflösst, die der 
Wollust nachgibt, ohne unrein zu erscheinen, der rief 
der armen Verkrüppelten zu: „Bleib, geh nicht fort, 
du wirst mir schöner und wirst mir trostreicher sein 
als Leonorel^^ Die Bucklige aber floh entsetzt in die 
Nacht. 

Man glaubte an einen Wahnsinnsanfall; man brachte 
ihn zu Bett, und er starb in dieser Nacht. Ich meine 
ganz im Gegenteile, dass er niemals eine tiefere Ver- 
nunft zeigte. Der Lösung des Problems von der lite- 
rarischen Verantwortlichkeit, die er mir an diesem 
Abend zu geben schien, stimme ich ganz bei. 

Die kleine Bucklige begeisterte ihn, da sie ihm zeigte, 
dass er kein unnützer Dichter gewesen war. Die jungen 
Männer und die schönen Frauen haben Freunde, Ge- 
liebte, Verwandte und ihr Glück ist da, wenn ein 
anderes Herz das ihre in Aufruhr bringt. Für diese 
Bevorzugten ist keine tote Erfindung einen Lebenden 
wert, der sie liebt. Aber der siechen Verwachsenen 
kommt ein Dichter, mag er auch der zerstreuteste und 
trockenste aller Männer gewesen sein, ganz richtig als 
der unvergleichliche Wohltäter vor. Was liegt daran, 
dass es ihm im Leben des Alltags an Herz gebricht, 
wenn er Schönheit unter jene verteilt, deren Dasein 
alles entbehrt! 

Tasso entschlief seiner ewigen Seligkeit gewiss. Er war 
zur Überzeugung gekommen, dass er der Welt einen 
Ton gegeben habe, der es vermochte, die Menschen 
über ihr Alltagselend hinauszutragen. Was für eine Be- 
friedigung, festzustellen, dass er es dieser kleinen Ver- 
wachsenen möglich gemacht hatte, unrichtig zu sehen, 
das heisst, einige Stunden zufrieden zu sein! Nach so 
langen Tagen der Erschlaffung empfand er eine Be- 
geisterung, deren Zeugnis man noch auf der Maske 
entdecken kann, die auf seinem Totenbette abgenommen 
wurde. „Selbst in der tiefen Ruhe des Todes", be- 

79 



merkte Lamartine, „entdeckt man eine nicht näher be- 
stimmbare Zwiespältigkeit in den Zügen, die an den 
Kampf des Wahnsinns mit dem Genie mahnt ^^ Damit 
ist ein gut beobachteter Umstand schlecht ausgedrückt. 
Man findet in der Maske, was bei jedem Dichter sein 
soll: eine ausserordentliche Sensibilität, eine alles mit 
sich reissende Phantasie, die imstande ist, uns von 
allem zu trennen, uns dem übrigen Leben zu entrücken. 
In diesem Sinne ist er ein Verrückter, der Verrückte 
macht. Der Dichter hat sich nicht bei den individuellen 
Nichtigkeiten aufzuhalten. Er führe uns in eine schöne 
ganze Welt, das ist seine einzige Pflicht, seine wirk- 
same Kraft. 



80 



IN SPANIEN 

APRIL — MAI 1892 



ENTSCHULDIGUNG VOR BERENICE. 

Ein junges Weib namens Berenice kannte ich gut 
und liebkoste ich, und um den melancholischen und 
fiebrischen Gefühlen, die ich an ihr sah, eine passende 
Atmosphäre zu geben, liess ich sie in der Gegend von 
Aigues-Mortes wohnen. Diese so richtig benannten 
Aigues-Mortes und die Sensibilität der Berenice, die, 
auch sie, ein totes Wasser ist, aus dem Träume zur 
untergehenden Sonne steigen, das gab, da es sich mischte, 
einen Garten, für den mir die Verständigen Dank 
wussten. 

Ja, als ich meine geliebte Berenice den Leuten aus 
meiner Welt vorstellte, da lächelten die Ernstesten 
diesem kleinen Mädchen zu. Und doch, habe ich sie 
dahin gebracht, ganz die Rolle zu spielen, für die sie 
erwählt war? Habe ich dieses Kind mit grossen Mitteln 
alles das zeigen lassen, was es enthielt? Es war in 
dieses Kindes so süsser und immer neuer Art eine un- 
bestreitbare Kraft von Poesie. Hat sie alle Möglichkeiten 
erschöpft? Die Qualität des Lebens, das unter dieser 
delikaten Haut schlug, hätte es mir vielleicht gestattet, 
Berenice in den Vordergrund einer grossen sozialen 
Intrigue oder einer berühmten Gegend zu stellen, während 
wir sie nicht anders sahen denn als bescheidene Ein- 
siedlerin in einer Landschaft dritter Güte. 

Diese Gewissensbisse überfielen mich heftig an einem 
dieser letzten Abende, die ich in Toledo war. Seit dem 
Miradero, dem Nachbarn der Puerto del Sol, die so 
mächtig und weit ist in der Nacht, mit dem Blick 
auf die Ruinen der Vorstadt Antequerela, oh, Schön- 
heit, die ich nicht erschöpfte und nie mehr wiedersehen 
werde — zu dir hätte ich Berenice an der Hand bringen 
wollen, dass sie Förderung erführe vom Stile dieses 
Bodens, seiner Fruchtbarkeit, der Stadt und Schluch- 
ten, all deren schroffe Härte so eindringlich ist, dass 
Toledo sich über meine Erinnerungen an Spanien hob 
mit der Heftigkeit eines wilden Schreies, der plötz- 

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lieh in die Sonntagssüsse Andalusiens aus der Stier- 
arena bricht. 



Mit seiner Häuser seltenen und strengen, immer 
vergitterten Fenstern, seinen holprigen, in den heissen 
Fels eingelassenen Gässchen, mit den kahleii Abhängen, 
die es umgeben, fruchtbar nur an Kiesel und heftigem 
Parfüm, wäre Toledo für Berenice ein äusserst kon- 
yenabler Käfig gewesen, für dieses Kind, das keine 
andere Mission hatte, als spröde Imaginationen weich 
zu machen. 

Ohne Zweifel, hier hätte Berenice die Fieber nicht, 
die des Abends aus den Sümpfen von Aigues-Mortes 
aufsteigen, aber zur Rechtfertigung ihrer Erschöpfung 
genügte dieser engen Gassen ewiges Auf und Ab, in 
dem bloss das Maultier nicht verweifelt. Und diese 
spitzen Steine täten manchmal ihren Knöcheln weh, 
dass sie weinte. 

Und was die Einsamkeit betrififl, was ist die von 
Aigues-Mortes neben der Armut der wundervollen Wüste, 
in der Toledo seinen Thron aufgeschlagen, einen Thron 
ganz aus Eisen unter romantischen Arabesken! In 
Toledo, mein kleines Mädchen, hätte ich dich von 
der Sonne aufessen lassen. Ich sehe dich am Abend 
eines Bruthitzetages über dem Visagrator sitzen oder 
vielmehr liegen, auf der obersten Terrasse, von der aus 
die Stadt über die Schlucht hängt, wie du die Frische 
atmest, die aus dem Tsgoschlamm aufsteigt, während 
vor dir der kahle Rücken des steilen Hügels, unter 
diesem heissen Himmel gekrümmt wie ein Maultier- 
rücken, mit seiner steinigen Not deine müde Schwäche 
noch vermehrt. 

Wenn übrigens die wilde Herbheit von Toledo nicht 
genügte, um Berenice zu Boden zu drücken und sie uns 
so rührend zu machen, wie es uns nötig ist, durch 
ein Letztes wüssten wir sie zu quälen: in dieser Stadt, 
gekocht und dann gebraten, wo der Benzoggeruch aus den 

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Felsen sich mit dem Duft der Kerzen mengt, der aus 
der ungeheuren Kathedrale strömt , da zeigten wir ihr 
das ausgehungerte Kind. 

Es besteht gar kein Zweifel, dass sie sich, so degutiert, 
mit der zu schnellen und zu unsauberen Küche dieser 
edlen Stadt sollte abfinden können. Ich schwöre es, 
der selige Pachomius, der dafür selig gesprochen wurde, 
dass er zwanzig Jahre lang in der Thebais schlecht 
gegessen hatte, hat nicht mehr Verdienst als einer, der 
sich in Toledo niederlässt, und wie jener hätte sich 
Berenice auf Kosten ihres Magens seriöse Anrechte auf 
unseren Kultus erworben, 

Ahl ich kenne dich gut, wie du sein könntest, 
Berenice von Toledo! Wie du möglich und interessant 
wärest, sagte diese deine Biographie: 

Du bist ein Kind Andalusiens, ein kleines Maultier wie 
alle seine Mädchen, mit Füssen, die leicht die Haut um- 
schliesst, im übrigen aber weniger wohl ausgezeichnete 
Füsse einer Christin sind als vielmehr hübsche ganz 
runde Holzschühlein, dazu da, auf dem Boden zu 
klappern und im Tanze die Herausforderungen zu 
skandieren. Versetzt aus deiner schönen Heimat, aus 
Malaga zum Beispiel, wo die Frauen, die Freude und 
der Wein üppig und schwer von Leben sind, daher 
versetzt in das dürftige Kastilien, da zeigst du durch 
einen starken Kontrast die Opposition deines freien und 
leichten Geistes gegen den Asketismus des alten Spaniens. 

Uns die Traurigkeiten gehinderter Instinkte aufzu- 
weisen, das war schon deine Rolle in Aigues-Mortes. Deine 
Poesie, deine Lehre war, ein kleines Tier der Freude, 
der Freiheit zu sein, hart betroffen und wund gerieben 
von Regel und Zwang. Aber bei uns bliebst du immer 
noch ganz in Nuancen und trotz allem doch ein kleines 
Mädchen französischen Stiles, ganz racinisch. Toledo 
wird dein Geringstes eigentümlich deutlich machen, 
verschärfen. Von Frankreich nach Spanien hinüber 
verlörest du vielleicht an Grazie, aber würdest dafür 
diesen Schwung der Hüften dir erwerben, den sie alle 

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da unten haben, Männer und Frauen, Künstler und 
Verliebte. Nicht mehr im Mus^e du Roi Rena, an der 
hellen, etwas frostigen, so zarten Kunst der fran- 
zösischen Frührenaissance würde sich die Art deiner 
Seele bilden: du würdest dich abhärten unter den 
tragischen Puppen, die uns im Dunkel der spanischen 
Kirchen die Wundmale unseres Herrn und seiner Mär- 
tyrer zeigen. Deine Zerstreuung wäre nicht mehr, die 
langen Ohren deines Esels zu küssen, sondern ins 
Stiergefecht zu laufen und dem blutenden Tiere zu 
applaudieren, das mit schönen Männern kämpft. 

Ja, Berenice, von Aigues-Mortes nach Toledo versetzt, 
aber immer im gleichen Sinne rührend und deiner Rolle 
treu: das Unbewusste lieben zu machen, du stimm- 
test die Lehre höher, die du uns verkündest. Und 
das wäre nicht übel, denn du rührtest, wenn auch 
etwas fade, an noch mehr Imaginationen, wenn du 
deine Hüften deutlicher schwingst. Anstatt eine von 
jenen zu sein, an denen die müdgedachten Hirne Ge- 
schmack finden, würden dich die Arme leidenschaft- 
licher Männer pressen. Und dass ich es versäumt habe, 
dir diese Freuden aufzurichten, dafür entschuldige mich, 
o meine zarte Weinerin! 



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VON DER WOLLUST CORDOVAS. 

Im Hofe der Moschee yon Cordova sass ich auf den 
Steintreppen im Schatten der Mauern. Der Küster war 
zu seinem Essen weggegangen und hatte mir nicht er- 
laubt, im Heiligtume zu bleiben, und so wartete ich 
an diesem schönen Mainachmittage bis er nach be- 
endeter Siesta die Pforten wieder aufmachen würde. 
Unter den Palmen vor mir gingen die Kinder vorbei, 
die zum Brunnen wollen und ich lobte die Art, wie sie 
die Henkelkrüge auf ihren kaum entwickelten Hüften 
zu tragen verstanden. In jedem vollen Schritte dieser 
kleinen Sarazeninnen bewunderte ich das Erzittern des 
jungen Tieres, dies Beben, das durch ihren ganzen Leib 
lief, durch die jungen Körper, dreckig und süss, wie die 
Rebe am Fusse des Weinstockes. 

In der Nähe der alten Moschee und inmitten dieses 
Kinderweinberges lebten, erregt von dieser Atmosphäre 
des Todes und der vergänglichen Wollust, einige Verse 
meines geliebten Jules Tellier in meiner Erinnerung 
wieder auf: 

„Philippus, Herennius, Geta, Diadumenos . . . .'^ 
harmonische Verse über die Kinder-Cäsaren, diese Fürsten 
der Jugend, mit den zum Küssen geschaffenen Lippen, 
die das Universum feierte und die plötzlich, wenn die 
Legionen einen neuen Kaiser ausriefen, mitsamt ihren 
Vätern ermordet wurden: 

Et je plains ces C^sars si beaux, et plus qu'eux tous, 
Ce Philippe l'Arabe au regard triste et doux, 
Qui n'avait pas encore douze ans, quand un esclave 
A son tour T^gorgea sans quil poussät un cri, 
Qui savait tout d'avance et n' a jamais souri. 
Welches Dekor hätte wohl besser zu diesen aufregen- 
den Bildern gepasst als Cordova, das in den Pompeius 
verliebt war, wo Seneca das Licht der Welt erblickte, 
wo jedes Weib uns mit einem Blicke mordet und mit 
einem Schwung ihrer sarazenischen Hüften? Antikes 
Cordova, voll römischer und maurischer Sagen, Ent- 

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setzen erregend und anziehend in der Geschichte wie 
ein Ring in einer Blutlache I 

Zwischen den unzählbaren Säulen seiner Moschee, 
wo der Marmor, der Porphyr und der Jaspis in Farben 
von sinnlicher Schönheit brennen wie Fleisch oder 
Samte, in den heimlichen inneren Gärten, wo milde die 
Fayencen leuchten, glaubte ich immer den so ernsten 
und doch noch so jungen Kopf Philipp des Arabers 
auftauchen zu sehen, dessen matter Teint nur von dem 
Blut gerötet wurde, das an dem Tage floss, da man 
sein Haupt auf eine Lanze steckte. Und als es Abend 
wurde, da gefiel es mir, von ihm diese Biographie zu 
bilden, abends bei Sonnenuntergang in den Gärten des 
rasch hinfliessenden Guadalquivir, in der Nähe Cor- 
dovas, das vom Jasmine duftet, den seine Frauen im 
Haar tragen. 

Ich stelle mir vor, wie er hierher kommt, Philipp 
der Araber, in diese Landschaft tritt, wo ich mich 
heute Abend der Ruhe ergötze. Dort, wo jetzt diese 
schnaufenden Rinder, Blumen zwischen den Hörnern 
und von den Dornen der Aloen ruhig zerstochen, über 
Kletten, Schwertlilien und harte Kiesel schreitend heim- 
wärts kehren, dort wurde dem jungen Cäsar zu Lust 
und Ehren in schnell erbauten Palästen ein grosses 
Fest veranstaltet. 

Ich kann mir kein genaues Bild davon machen, so 
wie es Gelehrte vermöchten, wie wohl jenes Fest war, 
aber zu allen Zeiten noch, wenn Männer und Frauen 
zusammen waren, erwachte zwischen ihnen die Begierde 
und der Neid. Unter all diesen Eitelkeiten, deren Mittel- 
punkt er war, inmitten dieser unreinen und zarten, vom 
Schmuck fast erdrückten Leiber war Philipp ganz be- 
täubt vom Staub und von der Zudringlichkeit der Frauen. 
Nur zwei Mädchen aus England, die irgend ein Zufall 
hierher geführt hatte, betrachtete er mit Wohlgefallen. 
Ihr Körper schien kaum zu existieren, nur auf ihre 
Gesichtszüge und ihre Augen sah man, die göttlich 
waren. Es erschreckten ihn die künstlich hergerichteten 

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Frauen. Die schönsten blickten ihn auf eine Weise an,dass 
er fürchtete, sie würden ihn derb in ihre Arme schliessen, 
wie die Legionäre es getan hatten, um ihn zum Kaiser 
auszurufen. Ja einige der feurigsten legten die Hand 
auf ihn und scheuten sich nicht, seine sprossende 
Mannheit zu berühren. 

Dann Hessen seine Kämmerer, die seine Manie kannten, 
die Menge auseinander treiben f die Lichter erloschen, 
Andalusiens laue Nachtluft drang in die Halle, und ein 
wunderbarer Sänger, der allein es vermochte, das zu- 
sammengekrampfte Herz des Knaben zu beruhigen, 

kam Tor Als die letzten Töne aus seiner Kehle 

entflohen waren, zündete man die Fackeln wieder an: 
in diesem Augenblicke fassten sich alle Frauen bei der 
Hand und eilten in einer langen Reihe, wie man es 
bei Balletten sieht, im Tanzschritte vor bis an seinen 
Thron. Bei Anbruch der Dämmerung war die Er- 
schöpfung des Arabers grenzenlos. Aus Nervenüber- 
reizung den weiblichen Kulten des Morgenlandes ge- 
neigt, war er ohne Religion, denn die Armee und nicht 
die Tempel hatten über seine Kindheit bestimmt. Ihm 
fehlte der Stützpunkt, den Heliogabal in der Religion 
fand, der oft bei den öffentlichen Andachten inmitten 
des römischen Gemurmels sich auf seinem Throne 
zurückneigte, um seinen Gott, den man hinter ihm her- 
trug, nicht aus den Augen zu verlieren. Doch beim 
Anblick all dieser Frauen mit erhobenen Armen, nackten 
Brüsten, glühenden Augen, den Nacken lässig zurück- 
gebogen und der Wildheit ihres Tanzes konnte er ein 
schluchzendes Weinen nicht zurückhalten, das ohne 
Grund seine unreife Kinderbrust hob. 

Ohne ihn zu verstehen, entschuldigte man sich und 
bedauerte, dass der Schluss des Festes ihn so peinlich 
berührt habe; er aber erwiderte: „Vom ganzen Abend 
war das mein erster Genuss^^ Und die Rhetoren fügten 
hinzu: Er erstickte fast daran, nicht weinen zu können. 

Der Zufall fügte es, dass während der Soldaten-Orgie, 
die seinem Weggange folgte, eine schreckliche Feuers- 

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brunst ausbrach, der fast alle Frauen zum Opfer fielen. 
Der Cäsar befahl, sie mit allen Ehren zu bestatten, 
aber er, der geweint hatte beim Gedanken, dass sie einst 
sterben müssten, weinte nicht, dass sie gestorben waren. 

Wollust und Trauer, undefinierbar gemischt, erste 
Melancholie, yon der Schönheit geweckt, aber hier noch 
yerschärft durch unnatürliche Isolierung. Unglücklich 
und yerlassen auf der Höhe des Reiches, auf dem 
Gipfel der Welt, litt er daran, dass alle Beziehungen 
zwischen ihm und den anderen Wesen und Dingen ge- 
fälscht und verschoben waren. 

Man behauptet, dass es unter unseren Zeitgenossen 
Leute gibt, den Mathematiker Poincarä zum Beispiel, 
der über seine gewöhnlichen Beschäftigungen nur mit 
zwei oder drei Menschen in Europa sich verständigen 
könnte, niemand anderes vermöchte ihn zu verstehen. 
Bei der Metaphysik versteht es sich von selbst. Aber 
Philipp der Araber brachte sein Denken keineswegs in 
eine unerhörte neue Ordnung; nur die Umstände hatten 
ihm eine analoge Situation, eine gleiche Isolierung ge- 
schafiTen. 

Diesem Knaben fehlte das Minimum von Widerwärtig- 
keit, an die die Menschheit seit Jahrtausenden derart 
gewöhnt ist, dass selbst ein paar Tränen zu vergiessen 
eine Funktion geworden ist, die wir um jeden Preis 
befriedigen müssen. Also auf eine äusserst verfeinerte 
Erfindungsgabe angewiesen, um dieses notwendige Be- 
dürfnis der Rührung zu befriedigen, kam er. so weit, 
vorübergehende Empfindungen, die ein Unglücklicher 
sonst nie beachtet hätte, gewissermassen im Fluge zu 
haschen. Er liess keine Gelegenheit entgehen, sich be- 
trübt zu fühlen. 

Wir haben gesehen, dass die Ehrungen der Männer 
und das Entgegenkommen der Frauen ihn erschreck- 
ten. Ich glaube, er muss ein ähnliches Misstrauen 
gegen Hunde gehabt haben: er fand sie zu dienstfertig, 
zu eifrig. Dagegen gefiel er sich unter den Pflanzen, 
und da diese ihm nicht die Hände leckten, liebte er 

90 



sie: zu ihnen aliein fülilte er sich in einem natürlichen 
Rapport. 

Ich denke mir, dass an dem Tage, da die auf- 
ständischen Soldaten diesen bleichen Cäsar mit den 
grossen Augen erdrosselten, sie ihn in den Gärten des 
Guadalquivir auffanden, unter den Blättern der Bananen, 
hinter Hecken frisch erblühten Jasmines. Gelber Jas- 
min voll berauschenden Duftes, grosse, blendend weisse 
Cistus-Rosen, deren goldige Stempel zwischen unbe- 
fleckten Blumenblättern zittern, und ihr vor allem, gi- 
gantische Magnolien voll Riesenblüten, ich sah euch, 
da ihr schöner ward als irgend eine Versammlung 
von Kurtisanen. Ihr lehrtet mich einsehen, welch ein 
Leiden das vollkommene Glück sein muss! In der 
Stille und in der Wollust von Cordova krampfte sich 
mein Herz in traurigen Ängsten zusammen, ohne Grund 
und ohne Schmerz, bloss um jenes Teil Tränen auszu- 
geben, das jeder Kreatur zugemessen. 



91 



VERGEUDETE KLEINODE. 

Ich habe dieses Blatt nur mit einem Gedanken, einer 
ganz kleinen Erinnerung zu beschreiben, und doch 
erfüllt sie mich mit einer wehmütig-sinnlichen Empfin- 
dung, durchdringend und alles übertäubend wie der 
Duft, den wenige Tropfen Ol der Kalifenrose in einen 
Alcarazas gegossen, verbreiten. Es ist die Erinnerung 
an eine Viertelstunde, die ich in der Tabakmanufak- 
tur Sevillas verbrachte. Und der Eindruck von der 
Mädchenmenge, durch die ich da an jenem drückend 
schwülen Tage ging, wird ebensowenig aus meinem 
Gedächtnis schwinden, wie der Duft, den das Aroma 
der ausgepressten Nelken, des Basilikums und Jasmins 
der andalusischen Gärten in meinem Flacon zurückliess. 

Es war Mittagszeit, als ich nach einer Wanderung 
durch sonnenversengte Strassen und Höfe ein riesiges 
Gebäude erreichte, halb Kaserne, halb Kloster. Ich durch- 
schritt die grossen Säle, wo unter einem betäubenden 
Lärm von Singen und Schwatzen die berühmten 
Sevillanischen Cigarreras Zigarren und Zigaretten aus 
Tabakblättern drehen. 

Fünftausend Sevillanerinnen I In gekühlten Räumen 
voll erstickenden Tabakstaubes sind sie an der Arbeit, 
nur halb bekleidet, und lassen die unvergleichlichen 
Augen sehen, die Haare, die kleinen braunen Hände 
ebenso ungeniert wie die runden Arme, die goldge- 
bräunten Brüste, die Waden, und da und dort diese 
anderen köstlichen Kleinode, deren genauer Name zu 
sehr der Grazie ermangelt, als dass ich dieses Bildnis 
damit mindern wollte. 

Die einen schaukelten mit dem Fusse die Wiege 
ihres Kindes, andere hatten ein Hündchen bei sich, 
einige hatten ihre Arbeit unterbrochen, um sich ihr 
Gesicht mit Puder zu betupfen oder ihren Teint mit 
roter Schminke zu heben, die meisten hatten einen 
kleinen Spiegel neben sich liegen, aber alle trugen eine 
grellfarbige Blume im Haar und schwatzten. 

92 



Es waren Mädchen darunter zwischen zwölf und 
dreizehn Jahren, die grosse Mehrzahl hingegen zeigte 
die Formen des liebereifen Weibes; yereinzelte wenige, 
ganz alte Frauen yerstärkten nur den Reiz dieser Jugend 
und dieses Lebens, das um sie war und sie wie ein 
zu starkes Parfüm asphyktisch gemacht zu haben 
schien. 

Warum nur machten mich diese so lustigen Cigarreras 
traurig? Warum war die Empfindung, die der Anblick 
so vieler schöner Geschöpfe auf einem Flecke, dieser 
wahrhaften Ställe der Liebe, mir hinterliess, nicht wie 
es doch sein sollte die yon ausgelassener, schranken- 
loser Daseinslust? 

Jetzt werde ich es inner es war die tiefe Wehmut 
über so viele vergeudete Juwelen. 

Jenen, die die Tränen einer Frau zu gemessen wissen, 
hätten diese schwarzen Augen unvergleichliche Tränen 
geben können; diese knospenden Brüste hätten beben 
können, aber sie werden nur in sinnlicher Lust er- 
schauem; diese kleinen Füsse verdienten stolz und 
unachtsam über kostbarste Teppiche zu schreiten, und 
sie werden nur nach der Vorstadt Triana laufen. Ja, 
ich weiss ganz gut, wie anderswo singt man in der 
Vorstadt Triana das alte Lied von der Liebe, das Lied 
mit den Gebärden. Aber, so schön, hätten sie neue 
Melodien zu erfinden, zu inspirieren. 

Beim Verlassen der Manufaktur sah ich, ganz wie 
ich es geahnt hatte, in welch unwürdige Hände diese 
kostbaren Kleinode fallen. Für höhere raffinierte 
Regungen geschaffen, befriedigen diese so hübschen 
Geschöpfe nur die allergewöhnlichste Sinnlichkeit. Das 
heisst Perlen wegwerfen. So viel vergeudete Schönheit, 
das ist der Becher des Königs von Thule, eine Ge- 
schichte, die alle feiner Empfindenden traurig macht. 

Doch vergraben zu sein, ist nicht das melancholischste 
Los eines Schatzes. Diese viertausend Frauen dauern 
ja nur ein paar Jahre. Die Erkenntnis aber, dass ein 
Wunderwerk im Verschwinden ist, vergeht, das kom- 

93 



pliziert alle Wollust zum Fieber I Vergänglich sein, das ist 
die kostlichste Qualität In seinen Armen mit jedem Tage 
die Geliebte verfallen sehen, das erst vollendet mit einer 
unvergleichlichen Melancholie den Genuss, den sie uns 
gewährt. Es gibt keine wirkliche Gefühlsintensität, in 
die sich nicht die Idee des Todes mengte. 

Sollte einmal einer von uns eine Geschichte der 
zerebralen Wollust schreiben wollen, so müsste er dem 
König Xerxes einen hervorragenden Platz darin geben. 
Von ihm berichten uns die Geschichtschreiber einige 
Züge, die tief in unser Herz gehen, und wie man sie 
selbst bei unseren raffiniertesten Modernen nicht finden 
dürfte. Im Besitze unbeschränkter Macht, der schönsten 
Frauen und der herrlichen orientalischen Luft, versprach 
er dem eine Belohnung, der ihm eine neue Wollust 
zu erfinden wüsste. Und diese Wollust entdeckte er 
selber: Als er von den Ufern des Abydos aus sein un- 
geheueres Heer überblickte, das weithin den Hellespont 
und die Ebene bedeckte, da gab er sich den Genuss 
der Tranen bei dem Gedanken, dass von allen diesen 
Männern keiner mehr in hundert Jahren am Leben 
sein werde. 

Eine gleiche Regung überkommt einen vor den 
schönen Cigarreras: seit Jahrhunderten folgen sie ein- 
ander, und verschwinden wieder, ohne dass ihre Schön- 
heit jemals in vollen Zügen getrunken worden wäre. 

Die Manufaktur beschäftigt auch ein paar Hundert 
Maultiere zum Betrieb der Maschinen, in denen der 
Tabak geschnitten wird. So ist diese Cigareria ein 
Resum^ von ^Uem, was Andalusien zu bieten hat: 
dessen Ruhm seine Blumen, seine Früchte, seine Maul- 
tiere und seine Frauen sind. 

Ich wollte aber von dort unten weder Blumen noch 
Früchte mitnehmen; fern von Andalusiens blühendem 
Himmel verblasste nur zu schnell ihre vergängliche 
Pracht. Auch eines dieser andalusischen Kinder würde 
in Paris nicht an seinem richtigen Platze sein. Aber 
ein Maultier hätte ich mir gerne ausgesucht, eines mit 

94 



den grossen, mandelförmigen Augen. Die schönsten 
Mädchen von Sevilla hätten ein paar Tage darauf 
reiten müssen, ich hätte es mit den Winzern in die 
Weinberge geschickt und in den blumigsten Wiesen 
an den Ufern des Guadalquivir weiden lassen, dann 
erst hätte ich es mit mir genommen nach Paris. Und 
manchmal am Morgen würde ich es in seinem Stalle 
geliebkost haben und auf seine grossen Augen hätte 
ich einen Kuss gedrückt, deren sanfter, ernster Aus- 
druck den herrlichsten, schmachtendsten Liebesblick 
übertreffen. Mit der Hand über sein Fell zu streichen, 
wäre mir wie eine Liebkosung so vieler teurer Er- 
innerungen gewesen. 



95 



EIN BESUCH BEI DON JUAN. 

Eines Tages suchte ich meinen Weg nach dem Hospiz 
de la Charit^, durch die heissen Gassen Sevillas, diese 
lustigen Gassen, deren sonnvertrocknete Schönheit hin- 
reissend ist wie der Rhythmus der Castagnetten, und die 
von den Nelken im Haar der Frauen duften. 

Durch einen Hof, den ein paar Bäume beschatteten 
und ein Marmorbrunnen kühlte, trat ich in die Kapelle. 
Das tiefe Dunkel liess mich nur undeutlich eine Frau 
unterscheiden, die ganz in lange schwarze Schleier ge- 
hüllt einem Priester ihre Sünden zuflüsterte, ihre leiden- 
schaftlichen Sünden. . . 

Eine Schwester führte mich vor ein Bild: die beiden 
von Würmern zerfressenen Leichen, das berühmte und 
schreckliche Werk des Valdes Leal. 

Ein Vorhang flog in die Höhe, und das volle Licht 
fiel plötzlich auf die theatralische Leinwand. Ich sah 
den Kadaver eines Bischofs und den eines Königs in 
den entsetzlichen Farben der Verwesung, ganz in Grab- 
tücher gehüllt — bis auf das Gesicht, aus dem Tausende 
von Würmern hervorbrachen. Im Hintergrund ein ganzer 
Beinhaufen von Schädeln und darüber die geheimnis- 
volle Wage des Katholizismus, auf der Verdienst und 
Schuld gewogen wird. 

„Ein Bild, das man nicht ansehen kann, ohne die 
Nase zuzuhalten^^, sagte Murillo. Man kennt es aus 
Charles Blancs Reproduktion in der „Histoire^S aber 
weiss man, wer es von Valdes Leal bestellte? Ein Zu- 
sammentreffien, das nachdenklich macht: Der Mann, 
der dieses Bild haben wollte, es inspirierte und es be- 
zahlte, war Don Juan, Moli^res, Byrons und Mozarts 
berühmter Don Juan, der Don Juan der Tausend und 
Drei. . . 

Man weiss, dass in Sevilla im siebenzehnten Jahr- 
hundert ein mächtiger Wüstling, Don Miguel de Manura 
Vicentello de Leca lebte, der, um* die Frenesie seiner 
Sinnlichkeit zu befriedigen, Männer mordete und zu 

96 



Tränen alle Frauen brachte, die unter seiner Verführung 
vergingen. Die Welt blieb seitdem von seiner Schönheit, 
seinen Liebschaften und vom Schlag seines Herzens erfüllt, 
und selbst im Tode verwirrt er noch, denn es ist aus 
seinen Abenteuern, woraus die Dichter Don Juan schufen. 

Infolge eines unheilvollen Gesichtes, das ihn den 
eigenen Leichnam sehen und seinem Begräbnis bei- 
wohnen liess, tat er Busse und bat um Aufnahme in 
den Orden der Caritad. Man kann sogar sagen, dass 
er ihn organisiert hat. Diese Bruderschaft hat sich zur 
Aufgabe erwählt, den zum Tode Verurteilten in ihren 
letzten Tagen beizustehen, sie zur Hinrichtung zu be- 
gleiten und dann ihre Leichen, die bis dahin den Tieren 
zum Prasse dienten, zu bestatten. Männer jeden Standes, 
grosse Herren und Höflinge trugen die Gehenkten und 
Geköpften auf ihren Schultern; denn so will es Don 
Miguels Vorschrift, die ein wahres Meisterstück der 
Barmherzigkeit ist. Man kennt seine Lebensgeschichte, 
der sich dieselbe Inschrift eignet, die er an jenem 
Bilde der zwei Kadaver anbringen liess: „Finis gloria 
mundi^^ Seit drei Jahrhunderten erregt die Geschichte 
dieses Lebens die Phantasie der Menge und der Dichter. 
Aber was man noch nicht kommentiert hat, ist, dass 
er von dieser Caritad aus Valdes Leal mit ihrer Aus- 
schmückung betraute. Welches Licht wirft diese 
Quittung auf die Seele des grossen Erotikers! 

Was mich betrifit, so wundere ich mich über ein 
solches Zusammentreffen nicht. Manche finden in der 
Tat eine bittere Lust an den Gräueln der Verwesung. 
Naturen, deren Nerven schon viele Arten der Erregung 
erschöpft haben, reizen diese Schrecken. Das rüttelt 
sie einen Moment lang auf, zerstreut sie, weckt ihre 
sonst stumpfe Sensibilität. Die Wollust und der Tod, 
eine Geliebte und ein Skelett, sie allein sind ernsthaft 
noch imstande, unsere armselige Maschine, die alles 
ermüdet, noch etwas in Tätigkeit zu bringen; und wie 
schnell erlahmt sie selbst da! 

In der Legende der Jahrhunderte kommen sie ja 

97 



häufig vor, diese Gesättigten, die sich tranken an 
Greueln machen. Zur selben Zeit als Don Juan dem 
Valdes Leal auftrug, die Leichenhäuser zu öiEfhen, er- 
lebte ein Franzose desselben ungestümen und tragischen 
Verlangens, Ranc^, ein noch düstereres T6te-ä-T6te. „Als 
er sich geradewegs nach den Gemächern der Herzogin 
von Montbazon begab, zu denen er jederzeit Zutritt 
hatte, erwartete ihn dort, statt der Freuden, die er zu 
gemessen dachte, als erster Anblick ein Sarg und da- 
rauf der bluttriefende Kopf seiner Geliebten, den man 
von ihrem Körper abgetrennt hatte, um die Halslänge 
auszugleichen, denn der Sarg war zu kurz/^ 

Don Juan organisiert eine religiöse Bruderschaft; 
Ranc^ stiftet den Trappistenorden. Beide weihen sich 
einem asketischen Leben. Wie wollte ich mich über 
ihr Antlitz gebeugt haben in dem Augenblick, da sich 
die Leichname darin spiegelten und die plötzliche Wand- 
lung ihres Wesens hervorriefen I 

Wenigstens durfte ich den für den schweifenden Ge- 
danken so lebhaften Genuss erleben, zuerst das Porträt 
und dann, was mehr ist, die Maske zu studieren, die 
man von Don Juan auf seinem Sterbebette abgenommen 
hatte. Die Züge dieses Mannes, der zu einer der tief- 
sten Legenden der modernen Sensibilität den Stoff ge- 
geben hat, diese Züge zu betrachten, zu betasten, ist 
dies nicht schon sehr erregend? Wahrhaft religiöse Ge- 
müter werden mich verstehen; diese galante Reliquie 
machte einen tieferen, ernsteren Eindruck auf mich als 
die vielen heiligen Gebeine, von denen die Kirchen 
Spaniens voll sind. 

Zweifellos war Don Juan eine Seele ohne Kompli- 
kationen, aber eine starke Seele und von einem zu 
mächtigen Innenleben, als dass es für sie Hindernisse 
gegeben hätte. Es kostete ihn nicht mehr, die Welt 
durch seine Bekehrung zu verblüffen, als früher die 
Furchtsamen zu erschrecken, die Vernünftigen zu skan- 
dalisieren und seine Geliebten, die nach so grosser Liebe 
so früh Verlassenen, verzweifelt zu machen. 

98 



Valdes Leal zeigt ihn uns in einem authentischen 
Porträt als den Bekehrten und disputierend. Er sitzt 
vor theologischen Traktaten und widerlegt und behauptet 
mit erhobenem Finger und mit dem Wesen eines sol- 
datischen Schnauzbartes. Gewiss, er ist schön so, aber 
vom Tode empfing er einen noch höheren Adel als 
von seiner Konversion. Der Todeskampf sublimierte 
seine Züge, die, so lang er lebte, nicht besonders intelli- 
gent waren. Sterbend erst wurde er seiner Legende 
würdig. In diesem Augenblick war es, dass er ganz 
sich selber gleich wurde. Aus Don Miguel wurde er 
Don Juan. Auf seiner Totenmaske trat plötzlich jene 
Leidenschaft, jener tiefe Ernst hervor, von dem er 
immer erfüllt war; denn haltet ihn nicht, selbst in 
seiner D^bauche, für einen frivolen Kalten, sondern 
für einen Menschen, der auf sein Glück erbittert ist 
und der zu seinem Grimme, das Glück nicht zu finden, 
diese Bitterkeit gibt, den Schmerz in der Welt zu pro- 
pagieren. Ah! wie leicht musste es ihm fallen, für die 
Armen zu betteln, er, der so viele Jahre hindurch um 
das Glück gebettelt hatte! Und wie leicht musste ihm 
die barsche Abweisung der angebettelten Reichen sein, 
nach den Tränen aller derer, die diesem Unwidersteh- 
ichen nichts versagen und ihm dennoch den Obolus 
des Glückes, nach dem er begehrte, nicht reichen konn- 
ten! Dieser Wollüstige, der so viele junge Leiber aus 
den besten Familien in seinen Armen gehalten hatte 
und den nichts sonst mehr befriedigte, als die Leichen 
der Gehenkten zu tragen! 

Auf die äusseren Umstände des Lebens legt man für 
gewöhnlich ein viel zu grosses Gewicht. Ob wir unser 
Leben mit dieser oder jener Beschäftigung hinbringen, 
das ist unwesentlich. Jeder geht den Weg, der in 
seinem Dorfe endet. Der geht in das Kloster, dieser 
andere in die Kaserne, ein dritter wird Kustos in 
einer Bibliothek und ein vierter Stammgast der Freuden- 
häuser. Beurteilt die Menschen nicht nach diesen äusse- 
ren Dingen! Merkt lieber darauf, wie sie etwas be- 

99 



wegt, wie sie Entschlüsse fassen, wie sie diese grossen 
Erschütterungen spüren, jeder auf seinem Wege. 

Paulus auf dem Weg nach Damaskus, Loyola zu 
einer anderen Zeit zeigen genau dasselbe Willensphä- 
nomen, das bei Don Juan Tenorio zutage tritt. Das 
sind Annäherungen, die die Analogie bestätigen, die 
wir in den Fällen Don Juan und Rancä fanden und 
durch die wir vielleicht Anstoss erregen. Aber da ist 
noch eine andere: als ich in der Caritad diese so ernste 
Maske betrachtete, brachte sie mir plötzUch Pascals 
eigenste Züge vor das Auge. 

Dieser Don Juan, der allerdings nicht die Provin- 
ciales schrieb, aber leidenschaftlich argumentierte, und 
der, auch er, um sich zu bekehren, seinen Glauben auf 
seiner Todesfurcht und seinen Enttäuschungen gründete, 
dieser Don Juan verwirrt mich nicht, wenn seine Züge 
sich im Todeskampf veredeln und eine Familienähnlich- 
keit mit diesem fiebrigen Pascal zeigen. Und ich staune 
nicht darüber, auf ihren Zügen, die keine äusseren 
Einflüsse mehr deformierten, so ähnliche Linien her- 
vortreten zu sehen, da doch eine gleiche Not ihre inner- 
sten Regungen bestimmte. 

Schade, dass sich von Don Juans Maske kein Ab- 
guss erlangen lässt. In Bronze gegossen wäre es schön 
in der Hand zu halten. Aber die Ordensschwestern 
der Caritad lassen es nicht zu, dass ihm noch länger 
Liebkosungen zuteil werden. Eine scherzhafte Rachel 
Den die leidenschaftlichsten Frauen auch nicht mit 
ihren Tränen zu halten vermochten, der ist heute der 
Gefangene kaltkeuscher Jungfrauen. Sie haben die Re- 
produktion der Don Juan-Maske verboten. 



100 



DER PAGE MIT DEN JAGDHUNDEN ,....., 

— O die herrlichen gesprenkelten Trauben, die man 
Nachts in den Obstgärten von Triana abgeschnitten, 
und am anderen Morgen so frisch und ganz mit Tau 
überrieselt findet I Gibt es denn eine köstlichere Frucht, 
den Appetit zu reizen? Ich habe keine Hoffnung mehr, 
dass mir die glücklichen Zeiten wiederkehren. 

— Mein Freund, diese Erinnerung ist eine Falle 
des Bösen. 

Dieses Dialogfragment aus dem Mirakelspiele des 
Cervantes: El Rufiän dichoso, der glückliche Ruffian, 
hatte sich so fest in mein Gedächtnis eingeprägt, dass 
Triana für mich einen legendären Wert bekommen hatte 
und mir als einer der märchenhaften Fruchtgärten der 
Welt vorschwebte. Auch war einer meiner ersten Genüsse 
in Sevilla, — Sevilla, wo ich heute meine alJijährliche 
Gedächtnisfeier begehe — den Weg über die glühend- 
heisse Brücke des Guadalquivir einzuschlagen, um die 
Vorstadt Triana auf dem jenseitigen Ufer aufzusuchen. 

Kein Obstgarten, keine abgeschnittenen Trauben 1 Ihre 
schönen Kräfte zeigte die Natur nur in den grossen 
Jungen, die ganz nackt und von goldbrauner Farbe samt 
ihrem Ungeziefer im Schatten ihrer unsauberen Häuser 
schlummerten. Eine Fayence -Fabrik, die englische 
Kapitalisten hier errichtet hatten in der Hoffnung, sie 
mittels unglaublich billiger Arbeitskräfte sehr ertrags- 
föhig zu machen, empörte mich: das ist Degradation 
eines Volkes, das genötigt wird, bei dieser furchtbaren 
Temperatur Brennöfen zu heizen und zu einer Stunde, 
die es vom Vater her auf den Sohn der Siesta weiht. 

Langsam ging ich den Schattenstreifen entlang, ge 
noss das Pittoreske der Zigeuner, der kleinen Esel, des 
aufgehäuften Unrates und verzögerte mich in den stets 
kühlen und unvermuteten Kirchen. Schliesslich kam ich 
wieder an den Guadalquivir und setzte mich ganz er- 
müdet beim Brücken eingang unter den Schatten eines 
Missionskreuzes. Wir waren da gegen hundert Geschöpfe, 

101 



die ah nicbts' anderes als an das Lüftchen dachten, das 
'^e^y te^er: arfs die Bewegung eines Fächers vom Flusse 
heraufwehte: da waren Bettler, die beteten, erschöpfte 
Arbeiter, die auf die Pferdebahn warteten, halb nackte 
Weiber mit ihren Säuglingen, Obstverkäuferinnen; das 
Ganze mit Fliegen bedeckt und nach Fäulnis riechend. 

Vielleicht ist es dieser Geruch, den ich, ich gestehe 
es, leidenschaftlich liebe, der mich an die Kanäle Ve- 
nedigs zurückversetzte, wo ich unter einer gelinderen 
Sonne dieselben Blumen und dieselbe Fäulnis roch. 
Ich entsann mich, dass ich die Enttäuschung, die mir 
heute die Gassen Trianas bereiteten, damals schmerz- 
lich auch auf der Giudecca empfand, wohin mich das 
rätselhafte Lied Mussets geführt hatte: 

A Saint-Blaise, ä la Zuecca, 

Dans les pr^s fleuris cueillir la verveine, 

A Saint-Blaise ä la Zuecca, 

Vivre et mourir läl 

Aber so stark war meine Unzufriedenheit mit Triana, 
dass ich mich augenblicks nach dieser Zuecca zu ver- 
setzen gewünscht hätte, dem traurigen, kleinen Vierte 
von gestützten Häusern, wo ich bald sah, dass es da 
keine Verbenen gibt; aber welche Wonne, die staub- 
beschmutzten Hände von der Gondel in das frische, 
rauschende Wasser hängen zu lassen I 

. . . Und jetzt hat aus der Distanze Sevilla an mir 
sein Verzauberungswerk vollbracht. Jetzt nach einem 
Jahre erscheint es mir ganz überrieselt von Herrlich- 
keit. „O ihr schönen gesprenkelten Trauben der Obst- 
gärten von Triana . . . ich habe keine Hoffnung mehr, 
dass mir diese glücklichen Tage wiederkehren." Aber 
das was ich nun vor allem jetzt verstehe, ist die Ent- 
gegnung des Vaters vom Kreuze in Cervantes Drama: 

„Mein Freund, diese Erinnerung ist eine Falle des 
Bösen." 

Venedig und Sevilla, Siena und Toledo und Cordoval 
Illusionen habt ihr mir geschaffen, die ich eines Tages 

102 



gleichgültig und müde besass und die nun durch teuf- 
lisches Blendwerk meinen ganzen Traum beherrschen, 
und dies ist eure Zauberei: wie ein Liebeswort oder auch 
eine Kränkung, die in eine glühende Seele fielen, so ist 
es eurem Bilde, das die Zeit noch grösser werden liess, gar 
schnell gelungen, das Wesen eines ganz an euch zu 
reissen, der es für zwei Sekunden in sich aufnahm. 

Dieses Sevilla, das allzu handeltreibende, allzu moderne, 
allzu lachende, ist für mich seit einem Jahre der Ort 
geworden, an dem Worte eine aufregende Bedeutung be- 
kommen, die mir bisher nichts waren als dumpfe Be- 
griffsnotierungen. Hier in Sevilla empfand ich Marie 
Padilla, Don Pedro, Don Juan, Valdes Leal, den gött- 
lichen Morales, harmonisch klingende Silben wohl für 
alle Menschen, die sie aber kurz abtun, während sie 
mir unversiegbare Ströme unentwirrbarer Eindrücke zu- 
führen. 

Am Abende ist Sevilla jung, verliebt und üppig; süss 
ist es und rauschend wie ein Ballsaal, in dem die 
Orangeade wirklich eiskalt ist und wo das Licht den 
Augen nicht weh tut. Aber dem nächtlichen Sevilla 
ziehe ich noch das der Sonne erliegende Sevilla vor, 
denn die Sonne verhindert, dass man sich erinnert 
und voraussieht und sie schliesst ganz ein in die Emp- 
findung des Augenblickes. 

Heimliche und kühle Kapellen, die mir diesen Nach- 
mittag, wo alles schläft, gefallige Knaben öffneten, ganz 
geschaffen, scheint es, Liebesbriefe zu bestellen oder 
selbst als Kammerzofe zu dienen, so seltsame Möbel, 
Schreine und Kommoden zeiget ihr mir, auf denen arm- 
dicke Lilienbüschel und die letzten Magnolien standen, 
dass ich von euch den Eindruck mitnahm, ihr seid 
nicht Kapellen, sondern traulich verschwiegene, noch 
ganz von glühenden Xiebesgeheimnissen durchwehte 
Räume. In San Jacinto, gerade in der Vorstadt von 
Triana, weiss ich einen Christus auf einer gesteppten 
Decke liegen, und er hat zwei Kopfkissen und seine 
Dornenkrone liegt neben ihm. 

103 



Nicht in den Museen von Sevilla oder Madrid findet 
man des bodenständigen Genusses letztes Wort. Sie 
sind verdächtig italianisiert. Die wahren Genüsse findet 
man dort, wo der spanische Hüftenschwang, eine rück- 
sichtslose, wirklich gewalttätige Art, sich zu fassen, 
unsere Sinne gefangen nimmt. Wie seid ihr interessant, 
ihr tragische, spanische Holzpuppen, in Samt gekleidet, 
mit Rubinen beringt, die ihr noch obendrein ein Halb- 
dunkel der Umgebung verlangt, eure verzerrten Züge 
zu verbergen 1 Goya macht uns mit diesen Feuern in 
seinen Stierfechtern und seinen watschelnden Hexen 
bekannt. Etwas geschwächt natürlich, vom Tode und 
der Wollust der Märtyrer glitt er zu den Dramen des 
Stiergefechtes und der Galanterie hinunter. Er er- 
scheint als die letzte Kraftentfaltung einer Rasse, deren 
Mark versiegt. Aber wenn mir jemals das Geheimnis 
Spaniens dämmerte, so war es in den tiefen Alkoven 
seiner unberühmten Kirchen, in denen ich trotz Gitter 
und Dunkel diese halb vermoderten Puppen anbetete, 
diese entkleideten und blutenden Körper, die zerschun- 
denen Knie- und Ellenbogen des Christ. Den Christ, 
einen jungen Mann von dreissig Jahren, über den Frauen 
ein feuchtes Linnen breiten. 

Wenn sich die Wollüste des Stiergetechtes und des 
Autodafes ins Zerebrale transformieren, so haben wir 
den AscetismusI Diese Spanier habe ich im Verdachte, 
dass ihnen der Anblick des Leidens Christi ein Ver- 
gnügen bereitete. Über ganz Spanien hin vernehme ich 
den schrillen Schrei, den das im Zirkus versammelte 
Volk des menschenleeren Cadix in die reine Luft em- 
porsteigen liess, als es Stunde um Stunde dem auf- 
spritzenden Blute zujubelte. Auf den so kühlen Stein- 
platten des Alcazar von Sevilla roch ich das Blut, das 
junge, kraftvolle Blut der Liebhaber und der Ehrgeizigen, 
die sich da umbrachten; ein noch leicht auf diesen 
Steinplatten schwebendes Etwas verriet es mir, wenn- 
schon man Teppiche darüber gebreitet hatte, um Schlaf- 
zimmer daraus zu machen. So viele Male gereinigt und 

104 



so stumm, können mir diese langen Säle doch nicht 
das Geständnis verwehren, dass hier das gewalttätigste 
nervöseste Leben gelebt wurde, das je dem Menschen 
gegeben ward. 

Spanien, du wunderschönes Land, du Adel der Weltl 
Sprecht mir nicht von Deutschland noch von England! 
Wie ganz verstehe ich jetzt die Ballade, die im sech- 
zehnten Jahrhundert die Senoritas von Sevilla und Cor- 
dova sangen: „Mein Bruder Bartolo zieht nach Eng- 
land in den Krieg. Einen jungen Lutheraner, den Strick 
um den Hals, bringt er mir mit, und eine kleine Eng- 
länderin, die meine Zofe sein wird^^ Uns allen legen 
diese Königinnen des Südens den Strick um den Hals. 
„Ach, mein Freund'^, sagt so richtig der heilige Mann 
des Cervantes, „diese Erinnerungen sind ein Fallstrick 
des Bösen." 

Ich armer Mann aus dem Norden, den diese Schön- 
heit eines Tages verzauberte, ich denke an den Hunde- 
jungen beim Grafen von Laon. Wie ihr sehen werdet, 
ist sein Lebenslauf ganz der unsere, eingesenkt in die 
Armseligkeit täglicher Verrichtungen und beruflicher 
Beziehungen, von ganz kurzen Blitzen erhellt. In einer 
Sammlung der Grundsteuern bizarren Frohndienstes des 
alten Frankreich liest man bezüglich der Seigneurie von 
Laon: „Dem Hundejungen steht einmal im Jahre ein 
Freudenmädchen mit seinem Leibe zur Verfügung". 

Einmal im Jahre I Ein Freudentag für diesen armen 
Burschen und ein Zeitraum analog der Berührung un- 
seres Daseins mit diesen romanesken Kurtisanen des 
Südens, Sevilla und Venedig, Siena und Toledo und 
Cordova. Welche Intensität musste nicht diese alljähr- 
liche Begegnung des Mädchens und des Pagen nach 
und nach in dessen Phantasie bekommen I Die Zärt- 
lichkeit, die er von dieser Begegnung sicher mitbrachte, 
empfand der ganze Hundezwinger an der guten Be*- 
handlung. Nach solchen Augenblicken konnte er ebenso- 
wenig wie einer von uns Nordländern, die da unten 
gereist sind, ein brutales Tier sein. 

105 



AN DER SÜDSPITZE EUROPAS. 

Gegen die Atonie ist Spanien ein vortrefFliches Mittel. 
Ich kenne kein Land, in dem das Leben schmackhafter 
wäre. Es rüttelt selbst einen Menschen auf, den die 
moderne Verwaltungsmaschine völlig apathisch gemacht 
hat. Hier merkt man, dass die menschliche Sensibilität 
nicht nur auf die zwei oder drei starken Sensationen 
beschränkt ist (die Liebe, der Zweikampf, der Schwur- 
gerichtshof), die in unserer Pariser Zivilisation allein 
noch vorhanden sind. Das ist schon Afrika; es bringt 
in die Seele ebenso rasch eine Art von Raserei als 
ein scharfes Gewürz auf der Zunge brennt. 

Eines Tages, und bei welcher Sonnenglut, betrat ich 
den Zirkus von Sevilla. „Frisches Wasser!" schrien 
skandierend kleine Jungen. Zuerst wurde vier Pferden 
der Bauch aufgeschlitzt. Mitten durch die Stille, die 
über der Menge lag, hörte ich, dumpf wie das Auf- 
klatschen von Kot, das Eindringen der Hörner in diese 
Bäuche. Vorbedeutender Eindruck, den Tod zu einem 
Feste zu entbieten I Ich fühlte nur ihn über uns allen 
und es packte mich das Entsetzen. Dann der junge 
Gott der Natur, der Stier, mit blutenden Nüstern, zu- 
sammengeduckt, wütend wie ein Stier, das heisst schöner 
als irgend ein in Leidenschaft entbrannter Mensch, und 
er wiegte auf seinen Hörnern einen armen, schlappen, 
jämmerlichen Fetzenbündel von einem Reiter. Der 
ungeschickte Matador, in seinem engen, gestickten An- 
zug weit eher ein Komödiant, liess vier Degen in dem 
Heldentiere, das er, von der Barriere gedeckt, erdolchen 
musste. Das wütende Volk trampelte wie ein Zeuge, 
der sich bei einem Duell amüsiert. 

Sollte ich das lieben, sagte ich mir im Hinausgehen, 
so würde das zur Folge haben, dass ich mich selber 
in die Gefahr begebe. Aber nur als Zuschauer an so 
was Gefallen finden? Unbegreifliches Vergnügen. 

Das ganz davon trunkene Volk gab mir dazu noch 
Stockschläge auf den Kopf, weil alle stehend gestiku- 

106 



lierten, während ich sitzen blieb; auch diese Familiari- 
täten taten das ihre, mich zu degutieren. 

In der Folge kam ich von dieser Wertung ab. Viel- 
leicht hab ich es bei dem Experiment an gutem Willen 
fehlen lassen? Ich hätte mich der berauschenden Ge- 
walt, die ein Blutbad ausströmt, ganz hingeben müssen. 
Subtile Seelen hebt es beim Anblick des Blutes; ein 
dampfender Dunst durchdringt uns und weckt das 
fleischfressende Tier in uns auf. Für die Menschheit ist 
das ein Jungbrunnen, sich in die allerfrüheste Jugend 
darin zu baden, die hart an der Animalität ist. 

Das Stiergefecht, das ist Spaniens Banalität — wie 
die Gondel die Venedigs — aber es ist sein bezeich- 
nender Zug, und bloss deshalb spreche ich davon. Der 
breite, starke Schrei, den jede in ihrer Arena versam- 
melte kleine Stadt an den Himmel wirft, wenn der Stier 
fallt, er ist der allerheftigste Ausdruck der spanischen 
Sensibilität. 

Eine schöne Raserei, die die Nerven in Spannung 
hält, aber deren Intensität noch durch die Kontraste 
wächst, unter denen sie zum Ausdruck kommt. 

Der Romanzero general, aus dem das ganze Spanien, 
wie aus einem unerschöpflichen Vulkan, hervorkommt, 
zeigt uns, dass die Könige und Grafen, die Edlen und 
alle Ritter ihren Pferden in dem Zelte Unterkunft gaben, 
unter dem sie mit ihren Frauen schliefen, damit sie 
beim ersten Kriegsgeschrei ihre Rosse und Waffen bei 
der Hand hätten, um auf der Stelle davon zu galoppieren. 
Unter einem solchen Zelte möchte man gerne leben, 
man fände die Frauen eine Stunde vor der Gefahr noch 
schöner, und der Aufbruch zur Schlacht, in der Morgen- 
frische, kommt entzückend dazwischen, um der Über- 
sättigung vorzubeugen. 

Auf Schritt und Tritt sah ich so Spaniens Gewalt- 
samkeit kontrastiert . . . 

Es war zuerst beim Aufwachen der Grenze, nach 
Iran, in einer Station; ich sah von meinem Coup£ aus 

107 



einen ganzen Waggon voll von Don Quichottes und 
Sanchos durcheinander. Nicht einen, sondern zwanzig, 
ganz genau wie die Urtypen des Meisterwerkes: die 
einen mit blühendem Teint, Optimisten, lustige Spitz- 
buben; die anderen mit ausgetrocknetem Gesichte, ernst 
und den Blick ganz starr. 

Weil es immer das Konträre vereinigt, kommt Spanien 
den simplen Gehirnen vor, als trüge es seine Parodie 
mit sich herum. Der wunderbare Quevedo erscheint 
dem Ausländer karikaturenhaft, er, vielleicht einer der 
Schriftsteller von der grössten Menschlichkeit! Er ist 
in der Literatur das, was Goya in der Malerei ist; dieser 
malte bekanntlich mit dem gleichen Realismus die 
Dinge und die Träume. Pacheco, der Schwiegervater 
des Velasquez, sagt in seinem Traktat, der die „Sum- 
marische Übersicht Spaniens in Hinsicht auf die Malerei^^ 
ist, dass die Gegenstände, deren Bild die Malerei wieder- 
gibt, von dreifacher Art sind: natürliche, künstliche 
oder solche, die sich aus der Meditation der Seele bilden. 
Mit diesen letzten lebte Don Quichotte, seiner Dulcinea 
ganz ergeben; aber an seiner Seite hat er Sanchos 
mächtigen und groben Materialismus. Und keines dieser 
beiden Wesen ist Karikatur; so antithetisch sie uns 
auch scheinen, sie leben in Spanien dicht nebeneinander 
und vielleicht vereint in jedem Spanier. 

Gehen wir noch einen Schritt weiter auf Madrid zu. 
Da ist in Alt-Kastilien Avila, die Stadt der Mystiker, 
ganz still, parfümiert vom Dufte der Asche der heiligen 
Therese und der Kerzen, die in ununterbrochener An- 
betung in einer Menge Klöster abbrennen, deren zer- 
fallene Mauern schöne Marmorgrabmäler und den Orden 
der Karmeliterinnen umschliessen. 

Um zur Kirche der Incarnacion zu kommen, folgte 
ich dem ausserhalb der Stadt gelegenen kleinen Felsen- 
steig, wo die heilige Therese meditierte, als sie in diese 
Kirche kam, um den Schleier zu nehmen. Welcher Schild- 
träger begleitete sie? Sie hat es uns gesagt: Christus, 

108 



der das Kreuz trägt. So exaltiert wir uns das junge 
Mädchen auch vorstellen, sie war ganz in Tränen. Sie, 
die man nur in Extase vor Gott zu sehen gewohnt ist, 
ketteten feste Bande an die Erde. Ich kenne nichts von 
zarterer Weiblichkeit und edlerer Wollust als diesen 
Satz, durch den sie sich entschleiert: ,yDies ist eine 
grosse Gnade, die mir Gott erwiesen hat: wo ich auch 
war und hinkam, immer hat man mich gern gesehen^^ 
Die Klöster der Askese waren in Wirklichkeit Bienen- 
stöcke der Arbeit und kluger Verwaltung. Therese und 
ihre Freundinnen widmeten sich dem Predigen, der 
geistigen Führung der Seelen, und hatten Sorgen, ganz 
analog jenen eines Staatsmannes oder eines Grossindustrie* 
eilen. Man musste Geschöpfe leiten, sie an eine be- 
stimmte Ordnung gewöhnen, ihnen ein Obdach bauen, 
ihren Unterhalt sichern. Diese Mystikerin zeigte organi- 
satorische Fähigkeiten, wie man sie bei diesen ausser- 
ordentlichen Arbeitern findet, den Colberts,den Beamten 
Napoleons. Bei Loyola der gleiche Scharfblick und 
halsstarrig tüchtige Verstand, vereint mit den Verzückun- 
gen eines Visionärs. 

. . . Eine Stunde davon ist der Eskurial wieder eine 
Antithese. Die einzige starke Sensation, die sich einer 
verschaffen kann, der über alles gebietet, ist: auf alles 
verzichten. Solcher Art war der Genuss des Königs, 
der sich in diese furchtbare Gruft einschlösse Indem 
er sich in diese Steinwüste einkerkerte, gab er sich die 
einzige Nervenerschütterung, die ein von allen Herr- 
lichkeiten des Triumphes übersättigter blasierter Mann 
noch empfinden konnte. Das stärkste Bild, das ein 
Dichter ersann, der bis ins Geniale die Gabe der An- 
tithese besass, war der Armen wagen des toten Viktor 
Hugo, dem ein ganzes Volk das Ehrengeleite zum Pan- 
theon gab; aber er ist unbedeutend, verglichen damit, 
was die Laune Philipp II. verwirklichte: der mächtigste 
der Könige, der sein Leben in einer Gruft stirbt. 



109 



Weiter auf unserer Reise und wir werden sehen, dass 
vom Norden nach Süden die Antithese , die Spanien 
resümiert, der Kampf des Mauren mit dem Kastilianer 
ist. Dieser unaufhörliche und heldenmütige Kampf hat 
die Künste bestimmt, die Sitten und den Rassencharakter. 
Von Provinz zu Provinz findet man die allerhefügsten 
Widersprüche und selbst in jedem Einzelnen. 

Ich will nicht auf die einzelnen Biographien ein- 
gehen: Sevilla wird uns den Don Juan geben, der eine 
packende Wendung machte; Cordova wird uns den 
wollüstigen Seneca erinnern, der kleine, asketische 
Traktate schrieb und sich darin gefiel, die Reichtümer, 
die um ihn waren, zu verachten. Solche Doppelwesen, 
für uns rätselhaft, sind die natürlichen Produkte dieses 
Bodens. Aberdas deutlichste Zeugnis Spaniens, dieses Lan- 
des, wo die böse Tuberose, die Giftmischerin, die „Amiga 
de noche^^ genannt wird, das finden wir in den Kirchen. 

Der Priester predigt da eine asketische Ethik, ich 
weiss nicht welche Vollkommenheit, die den Gläubigen 
dieser Welt entrückt und ihn der Jungfrau zu Füssen 
legt. Aber dabei seht diese grauenvollen Phantasien an 
den Wänden an, diese bluttriefenden Bilder, diese Wun- 
den, von denen unser entsetzter Blick sich nicht mehr 
losreissen kann. Wollte sich der Spanier, der diese 
Bilder bestellte, sie in dieser Kirche sammelte, mit der 
Lehre des Altares in Widerspruch setzen? Nein, sicher 
nicht, denn der Gewährsmann Pacheco schreibt: „Die 
Kunst des Malers muss sich dem Dienste der Kirche 
weihen, und sehr oft hat diese grosse Kunst eine viel 
stärkere Wirkung bei der Bekehrung der Seelen her- 
vorgerufen als die Worte des Priesters". Für dieses 
Volk besteht gar kein Widerspruch zwischen dem ver- 
zückten Mystizismus und der Grausamkeit. Die Gläu- 
bigen erfahren die eine und die andere Empfindung. 
Nachdem er sich der Reglementierung des Priesters 
unterworfen, sich zu den himmlischen Vorbildern er- 
hoben hat, wird der Mensch sofort wieder Mensch: er 
muss Blut sehen, beissen, zerfleischen! 

110 



Im Dunkel der spanischen Kirche ist mir die wahre 
Bedeutung der menschlichen Physiognomie klar gewor- 
den: Furcht und Neugierde vor den Mysterien, vermengt 
mit dem Triebe des Fleischfressers, zu zerstören und 
sich zu vergnügen, und das wird ebenso deutlich in 
den wissenschaftlichen Zivilisationen als in den religiösen. 
Um die Art der Dichter Spaniens zu charakterisieren, 
sagen wir: „Ironie, Karikatur"; für die Asketen „Schein- 
heiligkeit und Widerspruch"; für das königliche Haus 
„Wolfsnaturen". Und wir sehen nicht ein, dass es ein- 
fach nur kraftvolle Naturen sind, die imstande waren, 
alle Sensibilitäten ihres Wesens zum Äussersten zu 
steigern. 

Auf der Halbinsel, an der Spitze unseres Kontinents 
zusammengedrängt, wimmeln die Generationen, gären 
und mischen sich mit jenen, die nach und nach in 
anderen Ländern ausgerottet wurden. 

Im äussersten Südwesten des Königreiches Portugal, 
in der steinigen Wüste, deren Ende das Kap Saint 
Vincent ist, waren wir ohne leitenden Pfad, zwischen 
Dorngestrüpp, Sandbeerbäumen und Stevas herum- 
galoppiert. Das ist Europas äusserste Spitze, angesichts 
der grossen Breite Amerikas. Wir träumten auf der 
Terrasse des Semaphoren von Kap Sagrfes. Alle Arten 
des Empfindens haben wir quer durch Europa drai- 
niert, und nun sahen wir uns in dieser grossartigen 
Einsamkeit von ihnen umgaukelt. 

Keine Möglichkeit, dieses Heer zu vermehren, es noch 
weiter zu schaffen. Nichts vor uns als der unbegrenzte 
Ozean. Im weiten Umkreis hörten wir Rufe. Es waren 
im Abendnebel die Signale der Schiffe, die das Kap 
umschifften und nach unten fuhren. Aber das „dort 
unten" hat keine unbekannten Länder mehr, nichts 
als die Wiederholungen unseres Europa. 

Man hat behauptet, der allein kennte die wahre 
Süssigkeit des Lebens, der einige Wochen auf einer 
einsamen Insel verbracht hätte. Das bleibt uns versagt. 

111 



Es gibt keine Einsamkeit mehr; es gibt kein Lel>eii 
mehr, das wir selber uns bilden könnten. Alle Lebens- 
läufe sind im voraus bestimmt, klassifiziert und etikettiert. 
Um allzu banalisierten Gefühlen noch einigen Geschmack 
abzugewinnen, haben wir nur ein Mittel: sie zu mischen, 
wie Spanien, uns ein intensives und kontrastiertes Leben 
zu schafTen. 

Herbe Lust des Doppellebens I Tiefe Wollust, Gegen- 
sätze zu vereinen! Wie glücklich muss die Sirene ob 
ihrer süssen Stimme seini Aber es gibt nichts, was 
stärker verbraucht: es ist die schlimmste Debauche. 
Welche fühlen ihre Seele bei jeder tieferen Erregung 
im Sterben. 

Die Zelte, die die Nomaden jeden Abend in einem 
neuen Lande aufschlagen, haben nicht die Festigkeit 
der alten, ererbten Häuser; aber welche Freude für 
diese Unsteten, sich mit den autochthonen Rassen zu 
mischen, mit ihnen den Lobgesang des Morgens zu 
sprechen, während zu dessen Verschönerung insgeheim 
die Erinnerung jene Weisen mittönen lässt, die sie am 
vorigen Tage von den Fremden erlernte. 



112 



IN ITALIEN 



DIE GÄRTEN DER LOMBARDEI. 

I. SINGENDE SILBEN, DUFTENDE TERRASSEN. 

In der Schweiz hat man mir ein altes, sehr ehrbares 
Fräulein gezeigt, das sich jedes Jahr einen kleinen 
Knaben aussucht und den Unterhalt aller seiner Studien 
bestreitet bis zu dem Tage, an dem er Priester wird. 
Ich musste sofort an Fräulein Claude Bernard denken, 
die die Pudel sammelt, ihnen aber die Fortpflanzung 
verbietet. Und als ich an die italienischen Seen kam, 
fiel mir die Lebensführung dieser beiden Damen wie- 
der ein und schien mir ein lehrreiches Beispiel. 

Gewisse Geschöpfe, sagte ich mir, scheinen ganz be- 
sonders dazu bestimmt zu sein, dass man für sie sorge, 
ihnen die Härten des Kampfes und Wettbewerbes er- 
spare; denn sie würden ihnen unterliegen. Ihre Deli- 
katesse, ihre Schwäche geben ihnen dieses „Recht auf 
Faulheit", von dem Lafargue sprach. Aber nachdem 
sie nicht imstande sind, ihr eigenes Leben zu sichern, 
wäre es am Platze, ihnen auch die Sorge um die 
Sicherstellung der Nachkommen abzunehmen, denn die 
Gesellschaft, die ihnen durchhilft, wäre doch nicht reich 
genug, ihre Kinder zu adoptieren. 

Wo konnten diese modernen Klosterbrüder, diese 
wunderlichen Derwische und Träumer, denen die Energie 
fehlt, die man in den grossen Städten ausgeben muss, 
wo könnten sie sorgloser vegetieren als in den ver- 
streuten Gärten am Ufer der Seen von Lugano, Como,. 
des Garda-Sees, auch am See von Varese, wo Taine 
sich eine Villa wünschte? Unvergleichliche Paradiese 
für Geschöpfe, die nichts weiter wollen als eine Weg- 
zehrung I 

Gärten von Giulia, Melzi, Sommariva, Serbelloni, 
singende Silben, duftende und leuchtende Terrassen I 
Und doch ist es bereits Herbst; ein kleiner warmer 
Regen fallt auf die Bäume. Auf den Abhängen, die den 
See umschliessen und wo ich spaziere, ist der Weg eben 
wie ein Balkon und überall laden Bänke ein. Unter 

115 



Myrihen, Zitronenbäumen und Palmen berauscht man 
sich mühe- und gedankenlos an diesem „Bacher Licht^', 
der diese Landschaft ist. Aber nach meinem Geschmacke 
ist es weit mehr der Herbst als die südliche Flora, der 
den Reiz dieser Ufer bedeutet. 

Alte Bäume, die ihre Äste dem Lichte hinstrecken, 
treten zwischen den Wanderer und das Rund. Die 
Bläue des Sees, die Landhäuser, die Wälder von Maul- 
beeren und Oliven sieht man nur durch einen dünnen 
Vorhang unbewegter Blätter. Unter diesem Halbschleier 
gelb werdender Blätter ist die Natur in ihrer gross- 
artigen Stille anbetungswürdiger als irgend etwas der 
Kunst, und die Frauen auf dem „Frühling^' des be- 
rühmten Botticelli sind blumenumwunden auch nur 
arme kleine Tierchen neben dieser Ruhe, dieser Jugend, 
dieser wahrhaften Göttin, wie sie die Natur in den 
Grärten der Lombardei ist. 

Warum diese oder jene Villa besonders beschreiben? 
Der ganze Umkreis ist für uns nur ein Garten, in dem 
magischen Sinne, den das Wort bekommt, wenn es die 
geheimnisvollen Stätten der Legende bezeichnet, vom 
biblischen Garten beim Beginne der Welt an bis zu 
den Zaubergärten der Armida. 

Es ist nicht Spaniens Herbheit, noch die Grossartig- 
keit des Orientes, dort unten, beim Eingang in die 
Wüste. Es ist sogar ein bisschen banal, aber so lieb! 
Auf dem Wege von der Schweiz nach Italien kaufe ich 
bei einem armen Krämer in Lugano irgendwas für ein 
paar Pfennige, und er besteht darauf, mir drei Tropfen 
„reinster Chyper - Essenz^^ auf mein Taschentuch zu 
giessen. Dieser Geruch hätte mich sonst belästigt, aber 
er kam von diesem gewandten Höfling, dem ersten 
Italiener, der mir begegnete, und er parfümiert alles 
was mich umgibt und schaiSt mir eine etwas fade aber 
angenehme Atmosphäre. 

In London und von einem Engländer erlebte man 
nie solche Artigkeiten. Und dann: die Geschmacklosig- 
keit ist keine so yerächtliche Sache. Ich kenne einen 

116 



gelehrten Arzt, einen grossen Arbeiter, der nur italienische 
Diener haben will. Wenn er sich in den Zwischen- 
pausen seiner Konsultationen von den körperlichen Un- 
appetitlichkeiten, die ihm so viele Patienten bis ins 
Kleinste beschreiben, erholen will, lässt er sich schnell 
von seinem Kammerdiener was vorreden. Am Sinn der 
Worte lag ihm nichts , der blosse Klang war ihm eine 
Erholung. Derartige Zwischenspiele begreife ich besser 
als ich sie beim General Boulanger verstehe, der in 
den Pausen der Sitzungen des Comit^ National das 
Porträt seiner Geliebten küsste. War sie denn nicht 
im Nebenzimmer? 

Leider hat man eines Tages diese Gärten Italiens 
durchstreift; niemals lässt man sich da nieder. Man 
wüsste da nicht zu leben; das sind nur Orte des Nichts- 
tuns. Es ist das Land der Stille, des gänzlichen Ver- 
gessens aller Dinge und Geschöpfe. Begnügen wir uns 
damit, manchmal da vorbeizukommen. 

In Italien sind die Weine schlecht, die Frauen nicht 
hübsch, die Musik recht grell und doch: man erinnert 
sich an alles ganz trunken. Auf diesem freundlichen 
Comer-See dahingleitend kommt mir die Musik, die 
ein armseliges Orchester von einem Ufer zum anderen 
schickt, ganz köstlich vor. Von beschränkter Kunst 
und wenig abwechslungsreich, beweist sie mir doch 
einen so ehrlichen Willen zum Glück! Hier transfigurieren 
der Duft der Blumen und die Art des Lichtes die dürftigste 
Melodie. Übrigens täten die Getreuen von Bayreuth sehr 
unrecht, darüber zu lächeln, dass man in Italien Ge- 
fallen an den italienischen Weisen hat. Der Venusberg, 
aus dem sich der Ritter Tannhäuser so schwer los- 
reisst, die Blumenmädchen, was sind sie anderes als 
die italienische Weichheit, deren göttliche Kraft der sinn- 
liche Wagner sehr wohl empfand? 

Und heute erst, auf der Höhe eines jener Hänge, die 
mit den Bergen den Comer-See umgürten und beherr- 
schen, unter Bäumen und in Betrachtung des bleifarbig- 
blauen Wassers, das sich zwischen den Wäldern, den 

117 



Stoppelfeldern, den Wiesen und Blumen breitet, da bin 
ich dem kleinen Hirtenbuben begegnet, der im letzten 
Akte des Tannhäuser seinen Schafen eine Melodie auf 
der Schalmei vorbläst. Gleiche Haltung, gleiche Poesie. 
Poesiel Dieses Wort bewahrt noch seinen Wert für 
die Besseren. Vielleicht gibt es kein Land, in dem man 
mehr stückweise, verstreute Poesie findet, als in diesem 
Italien. Und ich spreche nicht von seiner Literatur 
und nicht von seiner Musik, weder vom Schmuck der 
Städte, noch von den Museen. Alles das ist festgebannte 
und wenn auch nicht verminderte, so doch limitierte 
Poesie. Aber in den Gärten Italiens berausche ich mich 
an einer Poesie in ungebundener Form, die wesentlich 
ist und frei von aller menschlichen Betastung. Eine 
Undefinierte, ungeformte Emotion und deshalb den 
Künsten untergeordnet, die aber eben darum auch einen 
um so stärkeren Eindruck gibt. 

Seit Jahrhunderten haben die grössten schaffenden 
Geister aus dieser paradiesischen Atmosphäre Leben 
gesogen. Aber die kein Genie haben, können hier nur 
geniessen und faulenzen. Die sittliche Disziplin, die 
Methode in geistiger Arbeit, strikter Ordnung unter- 
worfene Willensäusserungen, so viele allgemein ange- 
nommene moderne Notwendigkeiten, würden in den 
Gärten von Como und Varese nur ein monströser Un- 
sinn sein. 

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme 
ich zur Überzeugung, dass hier das gegebene Land ist 
für die etwas schwachen, eleganten, zu ii^end einer Kraft- 
anstrengung unfähigen Dilettanten, die unsere grossen 
Städte so schnell töten oder deklassieren. Eine voraus- 
sichtige Gesellschaft würde sich nicht, wie die unserige, 
damit begnügen, verstockten Mördern einen Erholungs- 
aufenthalt zu sichern, sondern diesen Teil der oberen 
Lombardei gewissen Menschen als Aufenthalt anweisen, 
für die alles Leiden ist, ausser das Vergnügen; sie zwänge 
sie zur Unfruchtbarkeit, indem sie ihnen die Wollust liesse. 

118 



II. DER ROMAN DES LAGO DI COMO. 

Man konnte acht, auch fünfzehn Bände schreiben, 
noch dicker als der berühmte Feoilletonroman „Les 
Mysteres de Paris" von Eugene Sne, — noch umfang- 
reicher und nicht wenig aufregender: den Roman des 
Comer-Sees. Er wäre in seinen geheimnisvollen Details 
die Folge all' der Abenteuer, die aus Frankreich, 
aus England, aus Russland hierher kamen, um den 
Schutz dieser so warmen, duftenden und heimlichen 
Gärten zu suchen. Und man würde sich dabei auf dieses 
Jahrhundert beschränken. Man erzählte die Geschichte 
dieser Prinzessin von Wales, die in einen italienischen 
Postillion, den berühmten Bergomi, verliebt war und 
hierher kam, um für den Mann, in dem sie sich ent- 
ehrte, einen poetischen Rahmen zu suchen. In der 
Villa d'Este, an der ersten Einbuchtung des Comer- 
Sees würde man noch das Echo des Lärmes, den 
dieser Prozess in der Welt machte, vernehmen können. 
Mit der zeitlichen Entfernung bekommen solche häss- 
liche Dinge ein Art von Schönheit, immer etwas ver- 
dächtig, aber doch anziehend. Von Weitem gesehen 
gewinnen Laster und Tugend viel. In Bellaggio müsste 
der Erzähler längere Zeit um ein gewisses kleines 
Haus verweilen, das analog dem in la Faustin unter 
der Patronage d^ Monsieur de Sade steht. Niemals 
betrat es eine Frau. Diese scheinen sich aber auf dem 
ganzen See, der mit Beginn des Aprils so viele behag- 
liche Barken trägt, dafür entschädigt zu haben. Der 
Corner-See und seine Ufer sind das Asyl aller mit Un- 
abhängigkeit und Geschmack inszenierten Ehebrüche. 

Rousseau hatte daran gedacht, die Vorgänge seiner 
Nouvelle H^loise auf die borromeischen Inseln im Lago 
Maggiore zu verlegen. Er besann sich anders und zog 
den Genfer-See vor. Wie die klassischen Handbücher 
sagen, schickte es sich nicht, dass man das Brevier 
der grossen Herzen der Revolution in diese duftenden 
Gewässer tauchte, sondern viel eher in die eisigen 
Ströme der Rhone. 

119 



Die Gegend von Como, so gefällig und lindlüftig, 
die den Reisenden immer wieder in die Barke drängt, 
wo man sich ausstrecken und träumen kann, diese 
Gegend sagt allen zu, die gewillt sind, ihrer Leiden- 
schaft nicht zu widerstehen. Diese leichte Luft, ele- 
gant bis zur Fadheit, war seit Jahrhunderten nichts 
als ein Ausatmen von anmutiger Jugend und Wonne. 
Manchmal in diesen schönen, so blauen, so trägen Tagen 
möchte man, dass der See ein wenig in Aufregung ge- 
rate; ich habe ihn niemals geräuschvoller gefunden als 
das Knistern der Seide gegen einen Frauenkörper. 

Ist es die Fülle der Blumen, die uns unwiderstehlich 
zwingt, an die Sterbezimmer unserer grossen Städte zu 
denken? Vor dem berauschendsten Bilde wird man 
doch immer gezwungen, die Unannehmlichkeit ins 
Auge zu fassen, dass wir eines Tages sterben. Auf 
meinen Streifereien am Comer-See suchte ich nach den 
Friedhöfen. Sie könnten da so wundervoll sein. Es 
wäre nach meinem Sinne, wenn diese Abhänge, deren 
Höhen so kahl, deren Mitte grünumlaubte Villen und 
süssduftende Gärten erheitern, gegen den See zu hie 
und da mit Grabstätten endigten. Liebkosend umspülte 
sie dann die Welle, die die Barken der Freude an das 
Ufer drängten. 

Rasch verfliegende Lust, die Wollust und der Tod, das 
wären die Farben dieses Romans vom Comer-See, 
leicht zu schreiben, vorausgesetzt, sein Autor hat vor- 
her sich ausführlich über alles unterrichtet und taucht 
bisweilen die Blätter seines Manuskriptes in dieses 
Wasser, in dem so viele fieberheisse Hände Kühlung 
suchen, während die Barke gleitet . . . 

Soll ich den Grundton nennen, den deutlichen Cha- 
rakter dieser Gegend? Sie ist eine Kupplerin. Um 
sie zu beschreiben genügt es nicht Geograph, Geologe, 
Agronom, Statistiker oder malerisch veranlangt zu sein. 
Die menschlichen Anekdoten, die sich da an den Ufern 
Tag für Tag begeben, die muss man aufweisen. Hier 
ist das Refagium disqualifizierter Leidenschaften (junge 

120 



entführte Madchen, deklassierte Damen der Welt und 
das übrige). Taine — der in Venedig nicht eine 
Zeile hat, um uns zu sagen, dass die Lagunen der 
Punkt des Erdballes sind, wo man am ehesten an 
Melancholie stirbt — er unterschied auch nichts unter 
der dünnen Leinwanddecke der schwimmenden Betten, 
denen man auf dem Comer-See begegnet. 

Im Geschmack einer anderen Broschüre, genannt 
„Acht Tage bei Herrn Renan" schrieb ich einstmals 
einen Essay pittoresker Kritik unter dem hinreichend 
deutlichen Titel „Herr Taine auf Reisen". Ich habe 
Gelegenheit gehabt festzustellen, wie leicht man gerade 
diejenigen verletzen kann, die man am meisten schätzt, 
und weil es mir unerträglich gewesen wäre, Herrn 
Taine zu kränken, dem wir grosse, intellektuelle Wohl- 
taten verdanken, deshalb verzichtete ich darauf, diese 
kleine Arbeit zu veröffentlichen. Nachdem sie fünf 
Jahre in der Schublade gelegen hat, dürfte sie nach 
Moder riechen; wenn sie mir vorher etwas zu unge- 
bunden erschienen war, der Tod Taines dürfte daran 
nichts geändert haben. In diesem dünnen Heflchen 
mit ein bischen literaturhaften Scherzen führte ich, 
wie ich mich entsinne, Herrn Taine in Italien herum 
und brachte ihn eines Tages auf den Dampfer, der eine 
Rundfahrt auf dem Comer-See macht. Kaum an Bord, 
breitete er seine zahlreichen Bücher aus, seine Karten, 
seine Papiere und beendigte . . . seine Beschreibung von 
Venedig. Erst gegen Abend begann er den Aktenbündel, 
den der Archivar von Como ihm freundlichst zur Ver- 
fügung gestellt und im Hafen übergeben hatte, zu 
studieren. Beim Sonnenuntergang verliess Taine end- 
lich die Kabine, kam aufs Verdeck um dort mit gesenktem 
Kopfe hin- und herschreitend, den ersten Satz seines 
Kapitels zu komponieren: „Einen ganzen Tag lang 
schwamm ich ohne Ermüden, ohne Denken in einem 
Becher von Licht ..." 

Sicher ist dieser schikanöse Spass nurzur Hälfte wahr: 
Herr Taine war nicht ausschliesslich Bibliothek, er be- 

121 



griff die Natur sehr stark; sie sprach zu ihm, und den 
tiefen Empfindungen , die sie ihm zuteil werden liess, 
gab seine hervorragende Persönlichkeit, im Gegensatz 
zu so vielen Anderen, manchmal einen philosophisch 
unendlich richtigen und ergreifenden Ausdruck. „Ange- 
sichts der Gewässer, des Firmamentes, der Gebirge fühlt 
man sich vor vollendeten, immer jungen Gebilden. Das 
Zufallige hat keine Gewalt über sie, sie sind wie am 
ersten Tage; der gleiche Frühling wird alle Jahre mit 
vollen Händen den gleichen Saft über sie giessen; 
unsere Hinfälligkeiten haben ein Ende, wenn sie mit 
ihrer Kraft in Berührung kommen, und unsere Unruhe 
löst sich in ihrem Frieden. Durch sie hindurch zeigt 
sich die gleichmässige Kraft, die sich in der Mannig- 
faltigkeit und Umgestaltung der Dinge entfaltet, die 
grosse, befruchtende, ruhige Allmutter, die nichts stört, 
weil ausser ihr nichts ist. Dann löst sich in der Seele 
eine unbekannte und tiefe Empfindung . . . '^ 

Man lese das nur noch einmal. Es ist nichts da- 
gegen zu sagen, das sind Notierungen, die einen Sinn 
haben, und ich bin darüber erstaunt, weil sich die 
wie ich glaube, sehr verbreitete Liebe zur Natur 
meistens in ganz stupiden Betrachtungen ausdrückt. 
Aber wie deplaziert kommen mir diese an sich schönen 
und richtigen Gedanken an den italienischen Seen vorl 
Sie geben die lokalen Eindrücke doch zu schlecht 
wieder. Alle Welt durchreist einmal in seinem Leben 
diese legendäre Landschaft; es steht jedem frei, auch 
dorthin seine gewohnte Denkweise mitzunehmen; aber 
in diesem Lande der Stille, wo selbst die Vögel 
schweigen, finden nur die Leidenschaftlichen eine Hei- 
mat, die entschlossen sind, allen ihren entkräftenden 
Sehnsüchten nachzugeben. 



122 



III. UM DIE ISOLA BELLA. 

Von meiner Barke aus, die au den Ufern des Lago 
Maggiore lang gleitet, sehe ich die acht Rekruten Pal- 
lanzas, eine Musikbande an ihrer Spitze, dahinmar- 
schieren. Sie tanzen, und um sie herum tanzen die 
Gassenjungen und die kleinen Mädchen des Ortes. So 
geht es in verschwenderischem Sonnenlichte von Trat- 
toria zu Trattoria, und das alles zieht so fein bewegt, 
ein kleinwinziger, antiker Fries, zu Füssen dieser herr- 
lichen Berge auf... Ein Moment Stille, dann beginnt 
wieder die kleine Musik und gleitet vom See gedämpft 
bis zu mir herüber. Immer marschiert man noch zu 
anderen Trattorien. Ganz Pallanza folgt. Arme junge 
Kerle I Diese Sonnengluten bescheinen den glorreich- 
sten Moment ihres Lebens. In detm festlichen Zuge be- 
findet sich kein Tier, das man den Göttern als Opfer 
zuführte zu Ehren der Stadt; diese einfachen Gemüter 
haben nichts darzubieten als sich selber und darum 
bringen sie auch sich selber die Trinkopfer dar. 

Aber welch unvergleichliche Landschaft umgibt diese 
armen Teufel, die ihrem Schicksal entgegengehen I Am 
Lago Maggiore erscheint das Firmament höher und der 
Horizont weniger geschlossen als am Comer-See. Hier 
sind die Berge mit ihren unendlich weichen und stolzen 
Kurvenlinien, der Ungezwungenheit ihrer aufblühenden 
Schönheit so reizvoll, dass ich sie nur den jungen 
Frauenleibem des Correggio analog empfinde oder dem 
Gefühle männlicher Reinheit bei den Jünglingen des 
Plato. Geliebte Berge, bald in Wolken gehüllt, bald 
hingelehnt, dass ihr die Wellen berührt, bald in Gruppen 
kauernd wie maurische Weiber auf dem Friedhofe, aber 
niemals unfreundlich oder trocken, und gegen Abend 
umkleiden euch die Schatten mit den allerweichsten 
Samtgewändem. Hier ist weniger Leben als auf dem 
glänzenden Comer-See; in dieser Einsamkeit weitet sich 
das Fühlen, übersteigt das Exquisite, um das Erhabene 
zu erreichen. 

Aber da naht der Dampfer, Bild gewissenhafter Ar- 

123 



beit schnaubt er in beständiger Anstrengung wie ein 
dickes Untier. In einem Tag macht er die Runde um 
den ganzen See; ich verlasse meine Barke, die zu lang- 
sam fahrt für meine Ungeduld nach Schönheit. 

Auf dem Dampfer finde ich wieder Rekruten, die ans 
andere Ufer fahren, um befreundete Dörfer aufzusuchen. 
Im Hintergrunde auf Fässern gruppiert, mit einer Feder 
auf ihren armseligen Hüten, sind sie alle wie junge 
Hähne mit dem Kamm und rauchen lange Virginier- 
zigarren (so ungerecht von gewiegten Kennern verkannt, 
von Theodor de Wyzewa und Anatole France). Ein 
Musikant ist in ihrer Gesellschaft; unaufhörlich schmet- 
tert er in diese Schale erhabenen Lichtes und blauen 
Wassers verfälschten Verdi und neapolitanische Lieder. 
Alles das ganz minder, aber an diesem unvergleich- 
lichen Nachmittage besiegt die Begeisterung alles. Auch 
die Augen dieser kleinen Kerle haben einen vollkommen 
blöden Ausdruck und ihre Haltung ist schlaff und doch 
tragen auch diese armen Leute ihr Teil zur harmoni- 
schen Wirkung des Ganzen bei. 

Am Ufer lang einfache Terrassen, die dem See durch 
schwere Arbeit abgerungen wurden, sechs Bäume auf 
einem kleinen Gap gepflanzt, um die langen Fischer- 
netze daran zu befestigen, Granitbänke an den schön- 
sten Aussichtspunkten, alles das bekundet ein so künst- 
lerisches Verständnis des Genusses, einen Luxus ohne 
Reichtum, neben dem mir momentan alle ersonnenen 
Raffinements eines Rotschild, selbst eines vierzehnten 
Ludwig nur wie niedrige Grosstuerei erscheinen. Man 
behauptet, dass die Devise der Familie Borromei: 
„Humilitas^^ nicht im Einklang stände mit den pracht- 
vollen Plätzen, wo sie überall angebracht ist. Dieser 
Vorwurf ist nicht richtig. Hier gesellt sich zur Augen- 
weide niemals der Begriff des Geldes. Man überlässt 
sich ohne Berechnung dem umgebenden Glücke; es 
bildet sich aus Düften, Farben, Spiel des Lichtes und 
des Wassers, aus heiterer Luft, um uns durch alle 
unsere Sinne zu dringen. 

124 



. . . Station Isola Bella I ertönt plötzlich der Ruf des 
Matrosen. 

Isola Bella, die Perle des Lago Maggiore, die sagen- 
hafte Stätte der Lieblichkeit und der Schönheit, wo 
unser ganzes Wesen verseltsamt wird. Beim Klange dieses 
sublimen Namens, beim Anblick der Menge, die sich 
in gleicher Liebe drängt, um auf diesem engen, gött- 
lichen Erdenflecke zu landen, vergesse ich alle Unzuläng- 
lichkeiten; man wird an die reinste Wollust rühren. 
Ich will mir den Schmerz antun, sie mir Torzuent- 
halten. Der Dampfer entfernt sich, und ich bleibe 
ganz allein auf dem Verdeck zurück. Die Terrassen 
der Isola Bella breiten ihr romantisches Dekor vor 
mir, ihre Statuen, die wie ein Glücksschrei sich zum 
Himmel heben, ihre Vegetation, die dem ganzen 
Erdball entlehnt und der Phantasie so neu ist wie eine 
leise, ungekannte Berührung. 

Die ganze Anordnung so fein, von so tiefgehender 
Überraschung, dass die Nerven jenes, der sie bewun- 
dert, für den ganzen Tag verbraucht sind. Ich habe 
Augen gesehen, die diese Schönheit mit Tränen füllte. 
Das „Embarquement pour Cyth^re" sagte Watteau, und 
seine Melancholie, seine Hoffnung auf das Leben, seine 
nach dem Unbekannten erregte Sinnlichkeit ersannen 
ein Traumgebilde, ganz analog dem „d^barquement 
d'Isola Bella". 

An andern Tagen suchte ich diesen Traum auf und 
weiss, aus welchen Imaginationen und welchen Wirk- 
lichkeiten diese Zauberei gemacht ist. 

Gegen das Jahr 1628 hing Julius Cäsar Borromei sein 
Herz an die Verschönerung dieser Felsen, die eine arme 
Bevölkerung bewohnte. Er träumte davon, sie zu einer 
Stätte aller Wonnen umzuwandeln und gab ihr den 
Namen seiner Gemahlin, Isabella. Auf der Stelle, wo 
er eine Kirche niederreissen liess, begann er die Gärten, 
und Flandern, Valenzia, Alicante und Rom mussten 
die Pflanzen dazu geben. Sein Sohn Vitaliani, ein 

125 



grosser Verehrer der Lehren Piatos, fuhr fort, an diesem 
idealen Aufenthalte weiterzubauen. Ein Eckchen der 
Insel, das noch hundertfünfzig Leute bewohnten, brachte 
er durch Kauf an sich. Er bedeckte die Felsen mit 
fruchtbarer Erde, die mit grosser Mühsal in Barken 
vom Festlande herübergebracht wurde; und indem er 
den Palast teilweise über dem Wasser erbaute, konnte 
er auf diesem engen Raum zwölf Garten-Etagen über- 
einander anlegen. Schon im Jahre 1668 spielte man 
auf der Jsola Bella ein Zwischenspiel mit Musik, „Die 
durch die AUegrezza von der Insel vertriebene Hypo- 
condria". 

Zu Ende des 18. Jahrhunderts erlitten die äusseren 
Umstände der Familien, die bisher im Genüsse der 
Rechte einer fürstlichen Herrschaft waren, eine grosse 
Umwälzung. Der im Jahre 1751 geborene Gisberto war 
der letzte Borrom§i, der sich der feudalen Rechte er- 
freute. Wenn auch ein Federstrich diese Familie aller 
ihrer Privilegien beraubte, so blieb sie doch mächtig 
durch ihre Privatbesitzungen. Im Jahre 1796 wurde 
Gisberto nach Nizza verwiesen, weil er im Verdachte 
stand, er habe die neue politische Ordnung stürzen 
wollen. Als einfacher Bürger kehrte er nach Mailand 
zurück. Als Napoleon das Königreich Italien schuf, 
verlieh er ihm den Grafentitel und gestattete ihm, die 
Inseln als Msgorat für seinen ältesten Sohn zu errichten. 
Nach 1814 und als das Königreich fiel, gab es da kein 
Msgorat mehr. 

Die Familie Borrotiiei macht grosse Anstrengungen, 
um die schöne Inselschöpfung ihrer Vorfahren zu er- 
halten. Eines Tages werden wir durch das unerklär- 
liche Spiel des Code-Civil, der alle Vermögen zerstückelt, 
die Isola Bella als Eigentum eines Amerikaners sehen, 
oder was noch wahrscheinlicher ist, als das eines Palast- 
Hotels. Aber pflücken wir zu jeder Jahreszeit die Frucht, 
die sie uns darbietet; das ist die Moral dieser begnade- 
ten Insel, und finden wir, da es noch Zeit ist, hier 
durch erfinderische und prunkliebende Amateure die 

126 



Verwirklichung der sinnlich reizvollsten Phantasiegebilde 
der grössten Dichter. Hier sind die Gärten der Armida, 
die Tasso malte und die Insel der Alcine, die Ariosto 
beschrieb. 



IV. DIE BORROMEISCHEN TAUBEN. 

In den Gewässern, welche die Isola Bella umspülen, 
wäre ich gerne den beiden Nymphen begegnet, die 
• Ubaldo und der Däne sahen. Sie schäkern und 
schwimmen um die Wette; tauchen manchmal unter 
und enthüllen beijedem Wiedererscheinen neue Schätze. 
Die Herzen der Krieger kommen in Wallung, sie ver- 
weilen, um sie zu schauen; die Nymphen scherzen 
weiter; endlich hebt sich eine von ihnen auf die Ober- 
fläche und sie zeigt den Augen einen alabasterweissen 
Busen und andere noch geheimere Dinge. Der übrige 
Teil des Körpers zeigt sich undeutlich unter dem ver- 
schleiernden Nass; das Wasser tropft aus ihren blonden 
Haaren. Zerstreut irrt ihr Blick am Ufer; sie tut, als 
sähe sie die zwei Fremden zum ersten Male; das Rot 
steigt ihr in die Wangen; sie löst den Knoten, der 
die Haare auf dem Kopfe festhielt; sie fallen, und 
das Elfenbein ihres Nackens ist von Gold überflutet: 
welche Fülle von Reizen verschwand! Aber ein neuer 
Zauber ersetzt sie; sie richtet die Augen mit Schämen 
und Freude auf die zwei Krieger. Sie lacht, sie er- 
rötet und ihr Lächeln wird schöner an ihrer Scham- 
haftigkeit. Endlich, mit einer Stimme, so rührend, 
dass sie die härtesten Herzen erweichen müsste: 
„Glückliche Fremdlinge, die ein gnädiges Schicksal an 
den Ort der Seligkeit führte, hier werdet ihr einen 
Ruheplatz finden vor den Stürmen und Vergessenheit 
für alle eure Schmerzen; hier werdet ihr alle die 
Freuden kosten, die die Menschen im goldenen Zeit- 

127 



alter genossen, da sie noch frei vom Joche des Ge- 
setzes waren. Legt drum eure von nun ab nutzlosen 
Waffen weg". 

Tassos Nymphen sind verschwunden , aber ihr Ge- 
sang schwebt noch über den Gefilden, die mit der 
gleichen Kraft unsere Sinne erschlaffen und uns durch 
Entzückung läutern. Eigentlich ist dieser Garten, den 
wir durchwandeln, nichts mehr als eine prächtigste 
Theaterdekoration, aus der der Hauptakteur verschwun- 
den ist und er hat genügend Spuren hinterlassen, dass 
unser erregtes Verlangen seinen Abgang bedauert. Auf der 
Isola Bella leidet man undeutlich an der Leere 
und an etwas, das fehlt. Diese Insel, die mir manch- 
mal wie der schöne Athis vorkam, der zur Herbstzeit 
blutend und erniedrigt auf dem Sande liegt, ist im 
Grunde nichts als ein niedergetretener Rasenflecken, dem 
alle Wollust entfliehen will. Hören wir nicht auf, in 
diesem verlorenen Paradies die Schatten Tassos herauf- 
zubeschwören; dass sie uns ein Arkanum seien, unsere 
Sehnsucht zu tauschen, der uns eine solche Luft 
widerstandslos preisgibt. 

Die zwei Krieger Ubaldo und der Däne sind bis 
zum Zaubei^arten der Armida vorgedrungen. Schlafende 
Gewässer, kleine Bäche auf einem Silbersand, Blumen, 
Gesträuche, Rasenplätze, vom Lichte vergoldete Hügel, 
schattenbedeckte Täler, Grotten und endlose Wälder; 
ängstlich versteckt sich die Kunst, die diese Schön- 
heiten schuf und erhöht dadurch noch ihren Reiz. 
Dem Gebote der Zauberin fügt sich die gelehrige Luft 
und trägt überallhin eine befruchtende Wärme und 
lockt den willigen Saft in Zweig und Ast; in die stets 
reifen Früchte mengen die Bäume immer neue Blüten. 
Auf dem gleichen Stamme, dem gleichen Laube hängt 
die bereits aufgesprungene, überreife Feige, dicht neben 
der andern, kleinen, ganz grünen; und der Weinstock, 
noch in Blüte, trägt schon eine saftig-schwere, schwärz- 
lich angehauchte Traube. Die verliebten Vögel im 

128 



Laube singen schmachtend ihre Freuden und ihre Leiden 
und ihrem Singen gesellt sich der murmelnde Bach und 
das frischgrüne säuselnde Blatt. Einer dieser beflügel- 
ten Sänger hat ein buntes Gefieder und einen purpur- 
farbenen Schnabel; wenn er eine grosse Arie beginnt, 
so bildet seine Zunge Töne, die den unsrigen gleichen. 
Alles schweigt, um ihm zuzuhören: „Sieh diese er- 
blühende Rose, die nur zart gerötetes ^^S^ ^^9 ^ySie 
öffnet kaum ihre Knospe; je weniger sich diese Klaus- 
nerin zeigt, desto schöner ist sie; aber kühner geworden, 
trägt sie ihre Schätze, ihr Geheimnis zur Schau; plötz- 
lich welkt sie dahin, und ist nicht mehr diese Blume, 
die tausend Schönheiten beneideten und die die Lieb- 
haber ihren Geliebten darzubringen brannten. Pflücken 
wir die Rose am Morgen, denn am Abend fällt sie 
verblüht; pflücken wir die Rose der Liebe; lieben wir 
solange man uns lieben kann.'^ 

Er schweigt, die Vögel heben wieder ihr Gezwitscher 
an; die Turteltauben verdoppeln ihre Küsse; alles ent- 
brennt, alles entflammt. Die Eiche und der Lorbeer, 
der Strauch und die Blume, die Erde und die Gewässer 
atmen die Liebe und fühlen ihre Macht. 

Mitten hinein in all diese Wollust treten die beiden 
Krieger. Was aber sehen sie da durch das Laubwerk? 
Armida und ihren Geliebten. Sie liegt auf dem Rasen 
und hält Rinaldo in ihren Armen. Ihr Schleier ver- 
hüllt nun nicht mehr den Alabaster ihrer Brust; ihre 
Haare sind aufgelöst; sie ist ermattet vor Liebe; 
Schweisstropfen der Lust glänzen auf ihren flammen- 
den Wangen und machen sie noch schöner. In ihren 
feuchten Augen leuchtet das Feuer der Begierde und ihr . 
Haupt neigt zu dem auf dem Rücken liegenden Rinaldo. 

Wenn ich unwillkürlich beim Durchstreifen der I«ola 
Bella und ihrer zwölf Garten-Terrassen die berau- 
schenden Bilder Tassos suchte, so war es die Alcina des 
Ariosto, die mir fehlte, als ich das Schloss besuchte 
und von den langen Bogengalerien aus, die das ganze 

129 



Bauwerk tragen, die windstillen Wasser von dunkelm 
Blau erblickte, die sanften Hügel, die sie umrahmen 
und, etwas femer, die beschneiten Gipfel. 

Erinnert ihr euch des himmlischen Gesanges, in dem 
Alcina die Säulenhalle ihres Palastes verlassend Roger 
entgegengeht? Sie empfangt ihn, umgeben von ihrem 
Hofetaat, und lässt ihm Ehren erweisen, die sie einem 
Gotte zugestanden hätte. Der Palast zeichnet sich 
weniger durch seine Pracht als durch die Anmut und 
die Schönheit seiner Bewohnerinnen aus. Alle be- 
sassen die gleichen Reize und die gleiche Jugend, von 
Alcina überstrahlt wie die Gestirne der Nacht von 
der Sonne. Ihre Haare flattern als Fülle unzähliger, 
weicher, glänzender Locken. Ihre schwarzen Augen 
sind voller Sanftmut und wenig verschwenderisch mit 
Blicken. Ihr Mund von der roten Farbe des Zinnobers 
lässt, wenn er sich öfihet, zwei Reihen ausgewählter 
Perlen sehen, verschönt von süssen, sanften Worten 
und einem Lächeln, das alle Herzen entflammt und 
gefangen nimmt. Götüiches Lächeln, das mehr dem 
Himmel als der Erde anzugehören scheint! Ihr an- 
mutig gerundeter Hals überstrahlt an Weisse den 
Schnee; ihre Brust ist breit und hochgewölbt; ihre 
Brüste weiss wie Milch und leise bewegt; man könnte 
sagen, wie schwingende Wogen beim Wehen des Ze- 
phir. Trotz der Schleier, die den Blicken Einhalt 
gebieten wollen, entdeckt man, dass die verborgenen 
Reize den sichtbaren ebenbürtig sind. Ihre zwei 
feingeformten Arme endigen in Hände, deren Elfen- 
beinweisse weder die Adern noch die Gelenke zutage 
treten lässt. Alles an ihr ist verführerisch; ihre Rede, 
ihre Stimme, ihr Lächeln, ihr Gang, ihre Aussprache. 
Wie hätte Roger, als er sie so schön sah, widerstehen 
können? An Alcinens Tafel zittert die Luft von den 
harmonischen Klängen der Lyren, Harfen und Gitarren. 
Die Gesänge malen die Wonnen und die Verzückungen 
der Liebe. Die Erfindungen der Dichtung erhöhen 
den Reiz des Vortrages. Das Gastmahl ist grossartiger 

130 



und prunkvoller als wenn Kleopatra den siegreichen 
Antonius empfinge. 

Man entfernt die Tische; alle Gäste bilden einen Kreis 
und widmen sich jenen Spielen, die die Liebe erfand, 
um zärtliches und verschwiegenes Entgegenkommen zu 
begünstigen. Die einen und die andern flüstern sich 
einen Teil ihrer Herzensgeheimnisse ins Ohr. Voll 
Heimlichkeit machen sich Alcine und Roger die süssesten 
Geständnisse; ein gleiches Verlangen führt zu dem 
gleichen Versprechen, sich in der nächsten Nacht wieder 
zusammenzufinden. Früher als sonst werden die Spiele 
beendet. Pagen bringen Wachsfackeln. Sie führen die 
heitere Versammlung in die für sie bestimmten Ge- 
mächer. Ein grösseres, prächtigeres und auch wohl- 
duftenderes Gemach ist für den Paladin bestimmt. 

Roger ruht in dem feinsten und köstlichsten Linnen. 
Er wartet gespannt auf das Geräusch, das ihm Alcinens 
Kommen anzeigt. Bei der geringsten Bewegung hebt 
er voller Erwartung den Kopf. Oft glaubt er sie zu 
hören, erkennt seinen Irrtum und seufzt. Einige Male 
springt er aus seinem Bette, öffnet die Türe, horcht 
vergeblich, und voller Ungeduld verwünscht er die 
langen Stunden, die den ersehnten Anblick verzögern. 
Er sagt sich: „Sie kommt^^ und zählt die Schritte, die 
sie machen muss, um zu ihm zu gelangen. Tausend 
Gedanken bestürmen ihn und manchmal fürchtet er, 
dass ein unvorhergesehenes Hindernis ihn des Glückes 
beraube, das er zu halten glaubte. 

Alcine hat endlich alle Furcht verbannt, und während 
Ruhe und Stille in ihrem Palaste herrschen, überschüttet 
sie sich mit den süssesten Wohlgerüchen und verlässt 
leise ihr Gemach. Durch einen geheimen Gang begibt 
sie sich zu Roger. Endlich sieht er das bezaubernde 
Gestirn erscheinen. Was ein brennender Schwefel ihm 
in seinen Adern fliessti Seine Blicke tauchen unter in 
dieses Meer von Wonne und Schönheit. Er springt aus 
seinem Bette und presst Alcine in seine Arme. Die 
Zauberin hat keine andere Umhüllung als ein einfaches 

131 



Gewebe feinster Gaze von blendender Weisse. Unter 
Rogers Küssen löst sich dieser Schleier, und Alcinens 
nackte Gestalt entsteigt aus dem Kristalle, der ihre lilien- 
weissen und rosenroten Umrisse verbarg. Sie umschlingen 
sich, und der Efeu umklammert den stützenden Baum 
nicht fester. Die Blumen, die im indischen Sande wachsen 
und die Ebenen von Saba duften nicht so süss . . . Dann 
herrscht die Stille, wenn auch ihre verstummten Zungen 
ihre Seligkeit noch reden. 

Das Mysterium dieser Nacht blieb verschwiegen, wenig- 
stens tat man so, als kennte man es nicht. Alle dem Willen 
Alcinens gehorchenden Schönen umgaben Roger mit Zu- 
vorkommenheit und Aufmerksamkeiten, aber alle taten 
so, als hätten sie keine Ahnung von seinem Glücke . . . 

Wenn der Reisende, der vom Norden kommt, die 
Isola Bella besucht, so sieht er die Tränen, hört die 
Seufzer, gibt sich den Liebesspielen der schönen Hel- 
dinnen des Tasso undAriosto hin. Diese himmlischen 
Harmonien, dieses folgenlose Hin und Her, all diese 
Romantik, die noch orientalischer ist als die Melancholie 
der asiatischen Nächte, tritt aus den Reichen des Traumes 
heraus, wird hier möglich, ja notwendig. Der Reisende ruft 
die Wollüste, bietet ihnen seine Jugend, beklagt wie Faust, 
nicht so weise gewesen zu sein, sie zur Annahme zu bewegen. 

Ohne Armida und Alcine haben diese alten Boskette 
immer den Wert einer Fülle von Gewächsen aus allen 
Zonen, und der Eindruck steigert sich von Terrasse zu Ter- 
rasse, denn auf jeder wechseln die Pflanzengattungen ab, 
ohne dass dieses Durcheinander unvereinbarer Sorten die 
Harmonie störte, wie es der Obelstand in den botanischen 
Gärten ist. Die Folge üppiger Gruppen von Zitronen und 
Orangenbäumen, Kamelien, Kampherbäumen, Magnolien 
und Libanonzedem versetzt uns nacheinander in die Atmo- 
sphäre aller Provinzen der südlichen Himmelsstriche. 

Ich drang in ein dichtes Gehölz hoher Lorbeerbäume 
ein. Dieser jähe Schatten am hellen Tage vermehrte 
noch die Vornehmheit dieser heiligen Zweige. Schwarze 

132 



Äste und glatte Blätter I Bei meinem Schritt erhoben 
sich gegen zwanzig Tauben , aber mit so schwerem 
Fluge, dass man sie hätte mit der Hand nehmen können. 
Das ging mir sehr nahe, denn sie schienen mir halb 
berauscht von den dichten Düften, die sich da auf den 
schmalen Terrassen aus einer Unzsdil von Bäumen aller 
Zonen akumulierten. Diese in der Welt ganz einzige 
Luft schien sie zu ersticken. Heutzutage geht keiner 
dort spazieren ohne ein Unbehagen zu fühlen, inmitten 
so vieler verdichteter Düfte, die eine prunkliebende 
Kunst gewaltsam zusammentrug. Es ist das Königreich 
des Fiebers; eine Schönheit, die nicht zu atmen ist. 

Wir besitzen ein lyrisches Buch von Banville, dessen 
Titel mir eine grenzenlose Traurigkeit erweckt „Les 
Exil^s^^: ein Wort, das einen öden Strand unter grauem 
Himmel enthüllt. Ovid, sagt er, trinkt die Milch der 
Stuten unter dem ledernen Zelte des Sarmaten und auf 
das von der fiorentiner Sonne golden gebräunte Gesicht 
Dantes fallen die schwarzen Regentropfen des alten 
Paris. Sind sie die wirklichen Verbannten und die Be^ 
klagenswertesten? Nein, denn ein Tag kam, wo ein 
Lufthauch der Geschichte die Unterdrücker wegfegte. 
Soll man die mehr beklagen, die in der Armut leben, 
im Laster, im Schmerze, die, die der Tod von ihren 
Herzensfreunden trennte? Sie können sich mit anderen 
Heimgesuchten trösten. Die wirklichen Verbannten, die 
aller Hoffnung Baren sind jene Erdenwanderer, die für 
das Schöne und Wahre in Liebe entbrennen und, in- 
mitten von Menschen, die niedrige Gelüste beherrschen, 
sich von der göttlichen Flamme verzehrt fühlen ... So 
urteilt der Dichter. Was mich betrifft, so verspare ich 
mein tiefes Gefühl für die schönen Bäume der Isola 
Bella, für diese Verbannten, die in ihrem Geäste an- 
statt der verheissenen Paradiesvögel nur dahinsiechende 
Tauben tragen, und deren Tod die Verpflanzung ihrer 
Schönheit verschuldet. Der wirklich Verbannte, das ist 
der, dessen allzuschöne Natur um sich die Verzweiflung 
oder den Tod verbreitet. 

133 



DER HERBST IN PARMA. 

Die Gestalt des Fabrice del Dongo — aus der Char- 
treuse de Parme — die eine so seltene Mischung von 
Enthusiasmus und Subtilität der Empfindung aufweist, 
muss man bewundem. Mit sechzehn Jahren beseelte 
ihn der glühende Wunsch etwas zu wirken und an 
der Seite des grossen Napoleon sich seine Energie zu 
beweisen. Heutigen Tages fände er nur im parlamen- 
tarischen Leben Aktivität und Wagen. Trotzdem er in 
der Intrigue sich zu amüsieren verstand , hatte er zu 
gleicher Zeit den Geschmack an den Sensationen der 
Seele. Durch diese Doppelseitigkeit, der die Sinnlich- 
keit des alten Italien einen passenden Rahmen gab, 
bleibt er einer der anziehendsten Helden des Jahr- 
hunderts. 

Ich bin nach Grianta, nach Cadenabbia gewandert, 
wo Fabrice seine Kindheit am Comer-See verlebte; ich 
habe zwischen Como und Temobbio, gegen Vico hin, 
den weit in den See hineinragenden Felsen aufgesucht, 
auf dem er in einer herrlichen Nacht und in Gedanken 
an Sanseverina eine so köstliche Exaltation von Gross- 
mut und Tugend erlebte; ich folgte seiner Spur am 
Lage Maggiore und versuchte mich in alle Stimmungen, 
mit denen er sich dort trug, hineinzuleben. Gestern 
endlich, in Parma, durchlebte ich nochmals seine 
wichtigsten, von Romantik und Zufall ganz erfüllten, 
aber niemals ins Gemeine oder Läppische fallenden 
Epochen seines Lebens, ging ihnen mit meiner Phantasie 
nach, die hungernd danach ist, sich mit Lebensformen 
zu zerstreuen, sich in deren Sinn der Ungeschicklichkeiten 
und Zaghaftigkeiten zu verlieren, die ich zu vermeiden 
nicht verstehe. 

In diesem Parma, das Bourget und Taine vernach- 
lässigten, musste ich zu allererst die Correggios be- 
suchen. Nur hier kann man diesen sublimen Maler 
kennen lernen, der für jeden Moment der weiblichen 
Seele einen Ausdruck schuf, von der feinsten, nervösen 

134 



Erregung bis zum vergehenden Wonnerausch. Die 
Feuchtigkeit, die Zeit haben seine Fresken und seine 
Kirchenkuppeln mit Schatten erfüllt, und die myste- 
riöse Grazie seiner Gestalten mit einem ungraziösen 
Mysterium verdunkelt; aber im Museum sind zwei, drei 
Bilder, vor allem „Der Tag", wo ein Kindlein mit den 
Haaren einer unvergleichlichen Magdalena spielt, die so 
schmiegsam, so wollüstig ist in ihren kaum sechzehn 
Jahren — das hat mir die anmutige Grazie, das Licht 
und die ausdrucksvolle Bewegtheit des Comer-Sees er- 
innert. Unter dem belehrenden Einflüsse solcher Schön- 
heiten beginnt man selbst an Parmegianino Geschmack 
zu finden und vorgefasste Meinungen zu korrigieren, die so 
ungerecht diese mageren, reizlosen Florentiner übertrei- 
ben, diese eckigen, harten Primitiven. (Man betrachte nur 
inderMailänderBrera so einen verachteten Procaccini, eine 
verzückte Heilige, aus deren Wunde sich ein schreck- 
liches Blut über ihre liebreizenden Brüste ergiesst, die 
ein feines Gewebe verhüllt. Über ihre schönen, nackten 
Schultern beugt sich ein Kopf, Mann oder Weib, der 
auf dieses Blut mit eigentümlichem Wohlgefallen sieht 
und ohne dass seine Gestalt sich zeigt der Heiligen mit 
der Hand einen Kranz darreicht, aus violetten und 
gelben Rosen. Eine Kombination von Seelischem und 
Farbe, die ganz einzig die, geben wir es doch zu, eckigen, 
unbeholfenen Versuche einer Menge Giottos für Eng- 
länderinnen übertrifft.) 

Ich weiss wohl, weshalb Stendhal seinen Roman 
nach Parma verlegt. Oft kam er hierher, die Wollust 
Correggios zu be wundem, den er ungemein lebhaft 
empfinden musste, da er die italienische Oper zu ge- 
niessen verstand; und der Name Parma blieb mit 
diesem Suchen nach dem Glück in hingebenden Ge- 
fühlen verbunden, dem er diese unmoralische und 
leidenschaftliche Hymne „La Chartreuse" weihte. 

Aber konnte ich, so stark ich auch Correggio 
geniesse, ihm diesen ersten Augenblick meines Auf- 
enthaltes in Parma ganz widmen? Konnte ich mich 

135 



bei der Ikonographie der Farnese aufhalten, wenn 
schon an jedem anderen Orte mich nichts mehr ge- 
reizt hätte, als aus einer Reihe von sechsundreissig 
Persönlichkeiten die gleiche Familienseele herauszu- 
finden? Und hätte ich mich damit besudeln können, 
mich mit der unwürdigen Marie Louise zu beschäftigen, 
die einstmals neben dem grossen Napoleon Kaiserin 
der Franzosen war und hier in den Armen eines Ein- 
äugigen herrschte? — Ich hatte zu grosse Eile nach 
einer ziellosen Wanderung durch die Stadt, um da 
meine Gedanken entstehen zu lassen. 

Wenn einer das Geheimnis besitzt die Dinge reden 
zu machen, so gibt ihm Paris, dem Balzac den kaiser- 
lichen Stempel aufgeprägt, den Unterricht im Willen; 
Parma aber, ganz erfüllt voa Stendhal, ist der Ort der 
Erde, sich dem Kultus der seelischen Sensationen hin- 
zugeben. Ich suchte erst alle Strassen, alle Häuser 
auf, in denen sich bestimmte entscheidende Vorgänge 
abgespielt hatten, oder in denen bestimmte unendlich 
geistreiche Worte ausgetauscht wurden; aber man hatte 
mir das ganze Parma Stendhals verpfuscht, und ich 
glaube sicher, dass selbst Graf Mosca, der es einstens 
so genial verwaltete, sich da nun nicht mehr zurecht- 
finden könnte. Wenigstens ist der menschliche Typus 
der geblieben, den Correggio fixierte, und den nach 
Stendhals Beschreibung Clelia Fabio Conti präsentierte. 
Ich bemerkte bei den erwachsenen Mädchen lustige 
Augen, die mit einem Lächeln ein bischen von der 
Seele aufdecken, und auf der Ponte Vert sah ich kleine 
Mädchen sich im Kreise drehen, deren fliegende, ver- 
schossene Kleidchen dieselben nackten Glieder ent- 
blössten, die Correggio so unzählige Male verewigte. 

Da mir Parma im Detail ein bischen entging, ver- 
suchte ich durch einen Spaziergang, der um die Stadt 
herumführt, es im Ganzen zu fassen. 

Gegen 1830 hatte man die Wälle noch nicht mit 
Bäumen bepflanzt. Heute geben sie dem Fusspfade 

136 



eine berauschende Herbstmelancholie und die gleichen 
Empfindungen y die sich dem einsamen Wanderer bei 
den moosbedeckten Buchenästen aufdrängen, bei dem 
rostbraunen Ton der Blätter, die auf den Abhängen 
verfaulen, und bei den kleinen, so traurig-leeren Bänken, 
diese gleichen Empfindungen hatte die Herzogin von 
Sanseverina aus den Umständen bekommen. Ja, ich 
möchte es beschwören, dass Fabrice, toll vor Liebe 
für Crescenzi, die er seit einem Jahre nicht hatte sehen 
können, gerade auf dieser Terrasse sich vorzustellen 
versuchte, wie eigentlich dieser reizende Kopf, mit dem 
halb verblassten Kolorit überstandener Seelenkämpfe 
aussehen könnte. 

Schönes, kleines Parma, beinah deutsch-sentimental 
in seinem blaugrauen Oktobergewandel In diesem 
Augenblicke war ich nahe daran, Marie Louise zu ver* 
zeihen, der weichen Seele, die nur mit der Hälfte ihres 
Körpers lebte. 

Endigen wir diesen Tag, den ich den Verstorbenen 
weihte, auf dem Campo Santo. Wie vornehm ist sie, 
diese verschlossene Stille, von einem Säulengange um- 
grenzt! Die einzige prunkvolle und alle anderen über- 
ragende Grabstätte ist die des rätselhaften Paganini. 
Da gibt es Marmor, während die anderen nur grünes 
Gras kleidet, gerade als habe man über die am 
Ziele angelangten schlummernden Brüder einen Mantel 
geworfen. Im Frühlinge ist es ein mit blühenden, ge- 
füllten Parma- Veilchen gestickter Mantel, aber bei dem 
feinen Regen, der diesen Herbstag beendet, spüre ich, 
spürt unsere Seele den faden und traurigen Kirch- 
hofsgeruch. Ach, diese Toten hier sind viel toter als 
Fabrice del Dongo, der Graf Mosca, die Sanseverina 
und die Crescenzi, die niemals gelebt haben! 

Die abschliessende Schönheit der Correggios, dieser 
leise Leichengeruch, der heraufbeschworene Name der 
Veilchen, diese vier Wilden des Stendhal, die in meiner 
Phantasie tanzen und springen, das genügt, um mich 
hier zu den ergreifendsten Gedankenverbindungen an- 

137 



zuregen. Ich überlasse mich einer meiner Lieblings- 
träumereien, und die ist, den Wortlaut des Gebetes zu 
ergründen, das Fabrice niedergeschrieben hatte und in 
der kleinen Kirche von Santa Maria de la Visitatione 
las, an dem Abend, da Clelia es horte. Der Ausdruck 
seiner Stimme und das Pathos seines Sagens müssen 
zweifellos so gewirkt haben, dass alles weinte. Stend- 
hal gibt uns nur das Thema dieses Gebetes, das lautete: 
„Über das Mitleid, das eine grosse Seele mit einem Un- 
glücklichen haben muss, selbst wenn er ein Schuldiger 
wäre^^ Welch ein Genuss in der Stadt Correggios zu 
streifen und sich der melancholischen Musik rührender 
Gedanken hinzugeben! Tötliche Lust, sich freiwillig 
mit den spitzesten Stacheln zu verwunden, zu erken- 
nen, dass unser Leben dahinfliesst, sich verliert in 
Gewöhnlichkeiten. Aber von la Steccata tönt es sieben, 
von der Kirche, wo einst für Fabrice, endlich, die 
Mittemacht des Stelldicheins mit Crescenzi tönte: „Trete 
ein, Freund meines Herzens^^ sagte sie ihm ganz leise. 
Gehen wir, der Abend fallt auf die Stadt 



138 



IN DER GRUFT VON RAVENNA. 

Ist es ein verfallenes Dorf der Bretagne? ein trost- 
loses Stück der Camargue im Regen? Diese Stille 
noch zu steigern, mit dem sichtbaren Verfall diese 
Vision der Araiut zu komplizieren, diesen Moder fiebe- 
risch zu machen, nennt uns dies Land seinen Namen: 
Ravenna, ganz beladen von Jahrhunderten, ein schweres 
Schiff, das samt seinen Schätzen aus Byzanz auf dem 
Sande der adriatischen Küste gescheitert ist. 

Volle acht Tage braucht man hier, um die vergessen- 
sten aller vergessenen Toten Italiens zu besuchen: 
Mosaiken, Mausoleen, Basiliken, die keine Kulte mehr 
haben, keine Leichname, keine Schönheit. 

Hier ruht das beste Dokument jener dunklen Periode, 
die das klassische Altertum mit dem Mittelalter verbindet. 
Schon in den Katakomben Roms nimmt die Atmosphäre 
dieser Zeit unsere Phantasie ganz gefangen, in Ravenna 
aber fühlen wir unser ganzes Wesen noch intensiver von 
den Moderdüften einer verwesten Kultur durchdrungen. 

Tastend und unsicher versucht unser Fassungsver- 
mögen diese Mosaiken der ersten christlichen Zeit zu 
verstehen, wendete sich davon ab, wäre der Raum 
weniger kahl; dieses Ravenna aber hat sich, einsam 
und machtvoll, ganz unter den Einfluss der musivischen 
Maler begeben und hat allem, was seine Mauern um- 
schliessen, die gleichen zeremoniellen und kränklichen 
Attitüden aufgezwungen, in denen diese Maler ihre 
monotone Vorstellung der Menschheit ausdrückten. Die 
Bevölkerung der Stadt ist armselig und niedrig, geldgierig 
und aller Erwerbsquellen entbehrend. In dieser Abge- 
schiedenheit und weit eher als in Rom, das so mannig- 
faltige Anregung bietet, sympatisiert man allmählich mit 
diesem geschmacklos unfreundlichen und ganz ab- 
strakten Ideal, das die christliche Kunst der ersten 
sechs Jahrhunderte verfolgte. 

Nach den Mosaiken die Mausoleen. Zum Beispiel die 
Rotonda, das Grabmal des Königs Theodorich. Spätere 

139 



Zeiten rissen die Gebeine dieses Häretikers aus seinem 
prachtvollen Sarkophage und streuten sie in alle Winde. 
Man sieht hier, wie unsere Ehre oder Unehre den je- 
weiligen Verhältnissen unterworfen sind und im übrigen 
sehr rasch bedeutungslos werden. Theodorichs Grab 
umschliesst ein kleiner, vergitterter Garten, zu dem uns 
ein anmutiger, samtgrüner Rasenpfad führt Es ist der 
Arianer Theodorich, aber auch ein Pensionist, der sich 
ausserhalb der Stadt zur Ruhe setzte. Er ist aus dem 
sechsten Jahrhundert, aber auch aus Neuilly. Der 
Wächter seines Gartens okulierte Rosen als ich an 
seiner Türe läutete. 

Wenn man in Ravenna auf den Strassen herum- 
wandert, sieht man da und dort Erinnerungstafeln, dass 
hier „der und der von diesem oder jenem meuchlings 
ermordet wurde^^ Und man fühlt dabei weder Mitleid 
noch Missfallen, nicht einmal Neugierde. Sich dem 
herben Veignügen völUger Gleichgültigkeit hinzugeben, 
dafür ist kein Ort geeigneter als Ravenna. Ich fand 
mich ohne wirkliche Beziehung zu den Leidenschaften, 
denen ich mich weihe. 

Dieses Ravenna ist so mit Geschehnissen und Reli- 
quien beschwert, dass sein Boden einsinkt. In der 
Krjrpta des heiligen Appollinarius, ausserhalb der 
Stadtmauer, dringt bereits grünliches, verfaultes Wasser 
bis zur obersten Stufe, zerstört langsam den Vorplatz 
der Kirche, und zerbröckelt die zehn Grabmale, die 
seit zwölf Jahrhunderten das Gedächtnis an völlig 
gleichgültige Tote verewigen. In ganz Ravenna möchten 
alle Dinge, ihres Bestehens müde, dahin gehen, wo 
bereits die Geschöpfe sind: unter die Erde. Alles hier 
fühlt Grabessehnsucht, um endlich ganz zu verfaulen. 
Und dieses Verlangen der Dinge behauptet sich so 
mächtig, dass es uns wie ein Frevel erschiene, wollte 
man diesem Aufstieg des Todes Einhalt gebieten. 

War es nicht hier, wo Byron sich anstrengte, die 
Guiccioli zu lieben, und zog er nicht schliesslich doch 
das Grab ihrem Bette vor? 

140 



Ein fader Verwesungsgeruch beengt mich. Kommt 
er aus den ärmlichen Möbeln meines Hotelzimmers 
oder aus all den Eindrücken, die ich während acht 
Tage Neugierde in diesen zerbröckelnden Ruinen sam- 
melte?... 

Zwischen niedrigen Häusern durch, auf spitzem 
Pflaster, kamen wir vor die Stadt, auf das Land. 

Tritt man aus Ravenna, so dehnt sich die unge- 
heuere, ernste Fläche, die einmal das Meer ausfüllte. 
Die Strasse führt in gerader Richtung auf einen 
schmalen Damm zwischen den Sümpfen; man hört 
die ferne Brandung des adriatischen Meeres. Keine 
Schönheit ist da, kein LustvoUes, aber ein so undefinier- 
bares, überwältigendes Gefühl, das die Seele interessiert, 
indem es sie ernst macht. 

Unten, an den Böschungen der Kanäle, weiden 
schwarze Schafe. Während einer Fahrt von zwei 
Stunden begegnen wir niemand als einem armen Esel, 
der zwei vom Fieber erschöpfte Bauern schleppt; 
dieser Stille einzige Belebung ist ein Wasservogel, der 
über den Sümpfen seine Kreise zieht. Nach den 
Nattern, die der Reisende an gewitterschwülen Tagen 
unter seinem Wagen zischen hört, suchte ich bald 
darauf vergeblich in der Pineta. Endlich fühlen wir 
den salzigen Seewind. Vor uns in der Feme tauchen 
langsam die aufgespannten Schirme der Pinien auf. 

Nach einer zweistündigen Fahrt erreicht man, was 
einstens die Pineta war, in der Dante mit den Polen- 
tas jagte und Byron und die Guiccioli ihre Pferde 
tummelten. Beide Dichter suchten hier Bilder, die 
ihre tragischen Stimmungen wiedergeben sollten. Vor 
vier Jahren zerstörte ein Waldbrand weite Strecken 
dieser legendären Pinien. Die Bäume, die in dieser 
Verwüstung noch einzeln zerstreut übrig blieben, 
wirken nur um so mächtiger. Alles, was ihnen der 
Wind, die Zeit und das Missgeschick nehmen konnten, 
haben sie hergegeben. Das stöhnende Meeresrauschen, 

141 



die Unverwüstlichkeit der Pinienbäume in dem stag- 
nierenden Gewässer, das häuft um den Wanderer die 
Vorstellung der Ewigkeit. Von hier aus ist das Leben 
nichts als ein fernes Geräusch bellender Hunde. So 
müsste man es hinter den geschlossenen Fenstern aus 
einem Sterbezimmer hören. 

Einen klaren Blick uns für die Gattung Energie zu 
geben, die einer haben muss, der die Imaginationen 
einiger Jahrhunderte beherrschen will, das vermag 
keine Enqufete so stark, wie ein Nachdenken in der 
Öde von Ravenna. Alle Nuancierungen, alle Liebens- 
würdigkeiten, alle entzückendsten Finessen vermögen 
nichts, nur Gewalttätigkeit und Eigenart vermögen es. 

Die Säule auf dem Grabmale des Grosskapitäns 
Gaston de Foix, das Bildnis der grossen Kurtisane, 
der Kaiserin Theodora, Dantes Grabmal und die Hütte 
Garibaldis, das sind die vier Glückswürfel Ravennas, 
die jene werfen, die vom Glücksspiel die Unsterblich- 
keit verlangen. 

Die Säule des Gaston de Foix und das Bildnis der 
Theodora, die bereits im Schlamme versinken, haben 
keinen Sinn mehr, da andere Schönheiten und andere 
Soldaten die gleiche Zahl Augen geworfen und diesen 
Glücksfall gehabt haben, sich auf einem Throne zu 
prostituieren oder auf einem Schlachtfelde zu sterben. 
Aber das Grabmal Dantes, einsam an der Biegung 
einer Strasse, zwischen deren Pflastersteinen das Gras 
spriesst, hat die Völle seiner Stimmung bewahrt. In- 
dem dieser Dichter den mittelalterlichen Katholizismus 
in Schönheit ausdrückte, nahm er die Gnade einer Art 
des Fühlens auf sich, dessen einziger Repräsentant er 
für uns ist. 

Auch sie hält noch ihr Prestige, — in dieser fiebrigen 
Einöde, die sich zwischen dem Meere, der Pineta und 
Ravenna hinzieht, — dieCabana,in der sich Garibaldi ver- 
steckte, als er im August 1849 von den österreichischen 
Patrouillen verfolgt wurde, die Befehl hatten, ihn zu 
erschiessen. An der Vorderseite der Hütte ist eine 

142 



Aufschrift angebracht, die alle ehrgeizigen Herzen in 
eine gehobene Stimmung versetzen wird: „Diese ge- 
heiligte Scheune ehren die Italiener wie den Stall von 
Bethlehem^^ Italien hat es in seinem glühenden Ver- 
langen nach Einigung verstanden, wunderbare Memo- 
randa auf alle die Steine zu setzen, unter denen jene 
ruhen, durch die es sich durchsetzte. In Frankreich 
hinterliess Garibaldi ein etwas zweifelhaftes Andenken, 
aber in Italien wird die Geschichte des Mannes im 
flatternden Mantel bis zur heiligen Legende wachsen, 
denn er vereinigte in sich (und zum Nutzen seines 
Landes) alle Züge eines Abenteuerers, wie er seit Jahr- 
hunderten häufig auf der Erde war, den sie aber 
wieder ins Dunkel zurückschleudert. 

. . . Wir lenken unsere Schritte von der Pineta nach 
der heiligen Scheune zu und sind am Meer. Es ist 
Abend, brüllend brechen sich die schweren, herrlich 
gelb und grün schimmernden Wellen der Adria. In 
den Leuchttürmen zündet man die Lichter an. Unser 
Kutscher ist unruhig: die Flanken seines armen elen- 
den Pferdes, dessen Nahrung nur aus Gras besteht, 
sind mit einem eklen Schaum bedeckt. Wir müssen 
nach Ravenna zurück. 

Der Abend breitet über Land und Sumpf seinen un- 
geheueren Schleier violett mit Gold durchwirkt. Hinter 
uns läuft das Stöhnen des Meeres. Von allen Seiten 
steigen Gedanken auf, kühn und verzehrend, als wären 
sie von all den vielen Leidenschaftlichen in dieser Öde 
zurückgelassen worden, die sie einst durchzogen, 
trunken von Begehren, von Hass und Verbrechen. 
Diese Gedanken schlummerten zu lange in den Sümpfen 
und haben sich mit dem Fieber gemischt. Sie gesellen 
sich zu unseren gemeinen Sorgen, steigern sie ins 
Fieberhafte, dass sie über alles Mass gehen, und Träume 
werden Delirien. 

Diese Kälte durchschauert mich. Sie dringt heftig 
ein, und man kann sich ihrer nicht erwehren; doch 

143 



liebt man sie. Ist es wirklich die kühle Brise vom 
Meere? Es ist ein Hauch aus dem Grabe. Er weht 
alle jene kleinen Illusionen weit weg, welche die Ge- 
sellschaft jedem zuerteilt, auf dass er den Mut habe, 
seinem Schicksal zu folgen. 

Vor den Stadttoren sah ich arme Teufel, die bis an 
die Hüften in schmutzigem Lehm versunken waren, 
um Ziegelsteine daraus zu formen. Die Mausoleen 
und Basiliken Ravennas sind aus diesem Material er- 
baut und haben sich als haltbar erwiesen; sie über- 
dauerten zwei bis drei spätere, bereits wieder ver- 
schwundene Kulturen. Gleichviel, mir flösst dieser 
lehmige Schmutz, der dem Tode solchen Widerstand 
leistet, Grauen ein: steigen wir aus der Gruft, ziehen 
wir wieder unsere Vorurteile an. So vergänglich sie 
auch sind, sie geben uns wenigstens warm. Beginnen wir 
damit, nicht mehr darüber zu denken. Verschliessen 
wir unser Herz über der Wahrheit. 



144 



EIN TAG IN PISA. 

Dieses liebliche Pisa hat nur weniges zu zeigen, 
aber das ist auserlesen und qs zeigt es mit einer 
reizenden Gefälligkeit, auf seiner kleinen Wiese, wo die 
staubigen Füsse zu vieler Reisenden nicht verhindern 
— ich wundere mich jedesmal darüber — , dass die 
toskanische Liebenswürdigkeit und dieses zauberhafte 
vierblattrige Kleeblatt emporblühn: der Dom, das Bap- 
tisterium, der Campanile und der Campo Santo — 
diesen Vormittag ganz himmlisch vergoldet von den 
ersten Sonnenstrahlen des Jahres. 

Obrigens und im Gegensatz zur allgemeinen An- 
nahme: es sind nicht die gewöhnlichen Leute, die den 
Kunstwerken Schaden bringen, die sie besuchen. Die 
gehen wie eine unschuldige Herde daran vorüber. 
Aber die Delikaten und die Künstler verderben mit 
der Zeit die Atmosphäre berühmter Stätten dadurch, 
dass sie etwas von ihrer Persönlichkeit da zurück- 
lassen. 

Diese florentinische Kunst, die ohne Schwächlichkeit 
und Geziertheit der Natur folgt, peinlich und einfach, hat 
sich nach und nach vor unserer Phantasie verändert, beim 
Kontakt mit so vielen Backfischen und Berufsdichtern — 
den Besten wie den Schlechtesten — die sie in erlesenen 
und köstlichen Worten verherrlicht haben. Diese Typen 
der toskanischen Kunst, niemals vulgär, aber aus dem 
Volksleben, haben Malice, oft eine schwächliche Ge- 
sundheit, sind durch Entbehrungen oder durch das 
Handwerk verunstaltet, und da wollte man sie als 
eine raffinierte Elite ansehen; als die Aristokratie, der 
alle Beziehungen zum Wirklichen abgeschnitten seien. 
Arme kleine Leute, die ich euch eben bei der Verrich- 
tung eurer häuslichen Arbeiten auf den Fresken Benozzo 
Gozzolis im Campo Santo bewunderte, da man euch 
vornehm machen will, nimmt man euch Stück um 
Stück alle eure Verdienste. Ihr seid Wesen, die leben, 
leiden, weinen, zittern, untergehen; ihr seid ein Teil 

145 



der Kultur, aber ihr erschöpft sie weder, noch be- 
herrscht ihr sie. Aufrichtig gesagt: eure Schönheit 
ist nicht gross genug, dass man euch ungestraft zu 
Halbgöttern emporheben kann; überlasst das den 
Kindern des Michelagnolo. Ihr seid ein munteres 
Völkchen, wie es zu allen künstlerischen Epochen 
jedes Handwerk in jedem Lande hervorbrachte. Aber 
will man euch deklassieren, euch aus der Kategorie 
reaUstischer Gestalten herausgehen und in die höchsten 
Erscheinungen des menschlichen Genies eintreten lassen, 
weil die Dichter im Verein mit den englischen Misses 
ich weiss nicht was für eine elegante Einfachheit in 
die Mode gebracht haben, deren Schalheit nur zu bald 
alle ehrlich Denkenden anekeln wird — so würdet ihr 
armen, an dieser Geschmacksverstopfting gänzlich un- 
schuldigen Künstler, ihr alle zusammen, und besonders 
BotticelU, nur zu bald für geraume Zeit in die be- 
klagenswerteste Unbeliebtheit verfallen. 

Um die wahre Atmosphäre der toskanischen Kunst 
wieder zu finden — Pisa ist zu bekannt, als dass man 
es nochmals beschriebe — ging ich aufs Land und 
durchwanderte einen schönen Pinienwald bis an die 
Ufer des Mittelmeers hinunter. Am Horizont leuchteten 
feine, bestimmte, schneegekrönte Berge, in der Ebene 
da und dort dekorative Zypressen. Ich besuchte das 
eineinhalb Stunden von der Stadt am Strande gelegene 
Gombo. Hier spülten einst die Fluten den Leichnam 
Shelleys ans Ufer, den Byron verbrennen liess. Shelleys 
Asche konnte die Hand Byrons wohl halten, aber sein 
Herz besass er nicht mehr. Der in den Tod gehende 
Shelley war auf dem Punkte gewesen, mit seinem 
hochfahrenden Freunde zu brechen. Die Gründe 
dieses Zerwürfnisses sind ein herrlicher Beleg für die 
Ausnahmscharaktere. In diesem Kapitel vom Genie 
wird man auch die Geschichte Allegras finden, der 
natürlichen Tochter Byrons, die romantisch und my- 
steriös ist wie die des Euphorion im zweiten Faust. 
Allegra starb mit fünfzehn Jahren; sie war die Nichte 

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Shelleys, der dem Byron niemals die Herzlosigkeit ver- 
zeihen konnte, der man in der Tat einen grossen Teil der 
Schuld am Tode der armen Kleinen zuschreiben muss. . . 
Ist es zu glauben, dass die Schwägerin Shelleys, die 
Byrons Maitresse und Mutter Allegras war, erst im 
Jahre 1879 gestorben ist? Die Jüngsten unter uns 
hätten noch eine Geliebte Byrons und eine Geliebte 
Napoleons kennen lernen können, denn jene kleine 
Unbedeutendheit, Madame Four^s, die in Männerkleidern 
in der ägyptischen Armee figurierte, starb erst im 
Jahre 1869. Wäre es nicht besser, die alten Frauen 
zu fragen, als hier an dieser so traurigen Küste auf 
die Woge zu hören? 

Am Strande bezeichnet kein Merkmal die Stelle, die 
alle Bewunderer in Gedanken suchen. Aber daran er- 
kennt man sie, dass sie den Punkt bildet, von dem 
aus sich diese grossartige Einsamkeit ganz entfaltet, 
ein Meer ohne Segel, von tiefster Bläue, Pinien ganz 
vom Wind verkrüppelt und darüber nichts als die 
Pisanerberge, die einen dritten blauen Ton zwischen 
das Blau des Himmels und des Meeres legen, und das 
so ein Ganzes von so zarter und doch mächtiger 
Wirkung bildet, dass man sich dabei überrascht, die 
Natur zu preisen, die hier mühelos, ohne Verschwen- 
dung und Anstrengung die Schönheit erreicht. Man 
vergleiche diese Nüchternheit mit der Schweiz, die 
beinah lächerlich wirkt mit ihren protzigen Bergen, 
Abgründen, Tannen, Wolken, Lawinen, und uns mit 
dem Aufwand von Material doch kalt lässt. 

Dieser Spaziergang gab mir besser als jede gelehrte 
Abhandlung das Gefühl für den Genuss der realistischen 
toskanischen Kunst und aller dieser Primitiven. Als ein 
zweiter Glücksfall begegnete mir eine Kamelherde, 
die mit rührender Gelassenheit zur Feldarbeit dahin- 
zog. Ein dritter Gewinn: dass keinerlei sichtbares Ge- 
denkzeichen den Platz von Shelleys Begräbnisstelle 
kenntlich macht — ich habe wieder einmal gefühlt, 
dass die nackten Grabstätten die schönsten sind. 

147 



Es wäre ein grosses Unglück, sollte die Mode sich 
verbreiten, Photographien in den Friedhöfen aufzustellen. 
Die Summe von Poesie im Weltall würde sich dadurch 
bedeutend vermindern, und der Tod verlöre seine 
Melancholie. Auf dem Friedhofe von Genua hatte ich 
diesen Eindruck sehr stark. Dort stellt man die Ver- 
storbenen in Marmor gemeisselt oder in Bronze auf 
die Gräber, beim letzten Abschied von ihren Ange- 
hörigen, oder in der alltäglich gewohnten Kleidung. 
Wenn man sieht, wie sie waren, so schwindet jedes 
Mitgefühl, jede Sympathie, und man segnet den Tod. 
Wohltätiger Tod, der uns von solchen Schrecken 
befreite I Beim Betrachten dieses alten Weibes, dieses 
Dummkopfs, dieses Gecken und jenes behäbigen Kerls 
sagte ich mir: „Gott sei Dank, wir haben ihn begraben, 
und es ist ein Monstrum weniger in der Weltl^' Nicht 
ein einziges Mal überkam mich auf diesem Friedhof 
die Empfindung, die ich dort suchte, diese vage Weh- 
mut, die ein halbverwitterter Stein hervorruft, auf dem 
wir einen Namen entziffern, der bald ganz erloschen 
und so vergessen sein wird, als habe der Mensch 
darunter niemals gelebt. 



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DIE SCHÖNEN GEGENSATZE VON SIENA. 

Diese rauhe ^ kleine Stadt Siena, die so voll Wollust 
ist, sie erscheint der Phantasie wie jene Hehlerin, 
bei der Sodoma alle die Schätze von Gemälden auf- 
häufte, die er unter der Leitung des Vinci und nach 
der Eingebung seines eigenen, unruhigen Herzens schuf. 

Ein seltsames Kind, dieses Siena, so hart und wieder 
so schmiegsam, von Mauern eingeschnürt und doch voll 
Ungezwungenheit auf drei Hügel hingelagert. Wie oft 
durchschritt ich diese unregelmässigen, engen, ohne Unter- 
lass bergauf und bergab kletternden Gassen, deren 
massive Paläste die Temperatur selbst im Sommer immer 
frisch erhalten! Ich durchstreifte sie nach allen Rich- 
tungen, trat bei den Antiquaren ein, interessierte mich 
für alle Kirchen und ruhte mich schliesslich in der 
Kathedrale aus, inmitten der jungen Leute des Pin- 
turicchio, wahren Lustknaben. 

Weit mehr als die Fülle der einzelnen Meisterwerke 
bringt die Art des Lichtes Abwechslung in Sienas pito- 
resken Reiz. Früh morgens, wenn man sich ganz fnisch 
fühlt und der Fuss sich an den elastischen Platten der 
Gassen zu freuen scheint, da sah ich im Hintergrund 
seines berühmten Platzes den Palazzo Publico, lustig» 
jugendlich, mit seinen Zinnen wie mit einer Krone ge- 
schmückt und seiner lieblichen Loggia. Ein klarer, 
lichter Schatten milderte sein Bild; gegenüber platzte 
die Sonne auf den weissen Marmor der Fontäne, und 
alle Paläste des Platzes, mit den merkwürdigen, muschel- 
artig gezeichneten Formen, bekamen jetzt erst ihre vollen 
Farbwerte: rot, grau, grün und violett. . . Und dann habe 
ich den Palazzo Publico am Abend gesehen, ganz düster, 
ganz traurig über seinen nun verwaisten Balkon, seine 
Sturmglocke, der nun die Autorität fehlt und seinen 
hohen Turm, der nichts mehr Heldenhaftes wahrnimmt. 

Eine der stärksten Sensationen von Siena, dessen enge, 
mit Steinplatten gepflasterten Gassen an kühle Ver- 

149 



bindungsgänge eines ungeheuren Palastes erinnern, sind 
seine plötzlichen Ausblicke, eine Art Fenster, die an den 
schönsten Punkten angebracht dem Auge über die be- 
bauten Hügel der Stadt hinweg die weiten, langgezoge- 
nen Wellenlinien dieser überraschenden Landschaft er- 
schliessen. Da und dort erweitert sich die Gasse zu 
einer Terrasse, stets durch eine steile Böschung abge- 
grenzt und mit drei Bäumen bepflanzt, diese ein Labsal 
unter so viel Steinen. Eine glückliche Kombination von 
Zufall und Kunst. Wir fingen schon an, ein vages Un- 
behagen zu empfinden, keine Erde unter den Füssen 
zu fühlen, nicht einen einzigen Baum zu erblicken, 
bloss einen Streifen Himmel zwischen den hohen Friesen 
der Paläste, und da plötzlich senkt sich eine Mauer, 
dass sie nichts mehr bleibt als ein niederes Geländer 
am Rande des Abgrundes, der uns vom unendlichen 
Horizonte trennt. 

Diese etwas theatralische Mischung von Architektur 
und Landschaft, wie sie nur Jahrhunderte zustande 
bringen, gibt eine künstlerische Unterhaltung, dass ich 
niemals müde werde, mich ihrer Überraschung zu freuen. 
Die bestausgedachten Gärten, wie Boboli mit seinen 
Ausblicken auf die florentinische Landschaft oder die 
Gärten des Comer-See und des Lago Maggiore, wenn ihre 
Azaleenhügel unter den halb entfalteten Magnolien zu 
verblühen beginnen, übertreffen an Schönheit nicht diese 
Plätze, wo Sienas Frauen, während sie aus den Brunnen, 
unter hundertjährigen Bäumen, Wasser schöpfen, eine 
ruhmreiche herrliche Landschaft umarmen. 

Das ist Sienas Prestige: ernst und sinnberauschend 
im Kleinsten, Bescheidensten so gut wie in seiner Kathe- 
drale, die die Stadt beherrscht, und in seiner Piazza, 
die ihr Mittelpunkt ist. 

Es ist der typische Charakter von ganz Toskana. Man 
kann nicht mit mehr Anmut und Lieblichkeit jugend- 
lich sein als dieses florentinische Land; ja, nirgends 
war die Jugend mehr eine hübsche Sache ins Bett zu 

150 



nehmen. Und so heftig auch in dieser leichten und doch 
brennenden Luft die Empfindungen sein mögen, nie- 
mals haben sie sich hier mit Niedrigem beschmutzt. 
Diese beiden Charakterzüge, der Ernst und die Sinn- 
lichkeit, treten in keinem anderen Orte Toskanas so 
stark zutage wie in Siena, und kontrastieren deshalb 
auch nirgends so stark wie hier. Wenig Nuancen, kräftige 
Farben und etwas von der herben Sinnlichkeit, yon 
der Spanien zu Tode gehetzt ist. 

Neben der Menge strenger, befestigter Palastschlösser, 
wie desMagnifico, Salimbeni,Piccolomini,Tolomei, deren 
Türme und Zinnen uns bis zu wilder Grausamkeit 
tragische Geschichten ins Gedächtnis rufen, sieht man 
dicht darunter, innerhalb derselben engen Mauern, das 
kleine, in Frömmigkeit getauchte Haus der heiligen 
Katharina, ein Reliquienschrein, der in die ganze christ- 
liche Welt die stärkste Inbrunst gebracht hat . . . Und 
wenn wir das Museum besuchen, ist es dieselbe Anti- 
these: die strenge Energie der sienesischen Primitiven 
und die leidenschaftliche Glut des Sodoma und seiner 
Genossen Beccafumi und Pacchia. 

II Sodoma I Es ist die Sinnlichkeit Lionardos: aber 
die Verwirrung, die uns schon im Lächeln des Lom- 
barden beunruhigte, gewinnt hier den ganzen Körper. 
Es ist nicht das zerebrale Geheimnis, das allein unsere 
Neugier erregt, im Oratorium von San Bernardino, in 
der Kirche San Domenico, vor dieser Fülle von Ge- 
mälden, die Sodoma mit einer solchen Fruchtbarkeit 
schuf, dass der Geist Sienas darin ganz geändert ist 
und uns diese Stadt, von Aussehen und Geschichte 
so hart und rauh, doch mit sinnlich - weicher Lust 
erfüllt. 

Vor dem heiligen Sebastian in den Uffizien ahnten 
wir das Geheimnis Sodomas. Was diesen wunder- 
vollen Jüngling beunruhigt, ist nicht der den Hals 
durchbohrende Pfeil, noch der zweite Pfeil, der aus 
einer Wunde am Schenkel zwei dünne Blutfaden 

151 



fliessen macht. Keine Frau wird darüber im Unklaren 
sein. Alle treten sie unwillkürlich näher, um den 
schönen Körper in ihren Armen aufzufangen. Und er, 
mit diesem Jungfrauenaussehen und unter diesem 
neuen Eindruck, glaubt zu sterben, verlangt nach 
Armen, die ihn drücken. Die Verzückung, die Angst 
seiner Augen, seines halb geöffneten Mundes, das be- 
weist, was uns andernorts das finstere und heisse 
Porträt Sodomas sagt. 

Man kann sein Selbstbildnis sehen, auf einer Freske 
des Monte Olivetto. Das herrische, bräunliche Oval 
seines Gesichtes, umrahnt von schwarzen, bis zu den 
Schultern herabfallenden Haaren, dann diese pracht- 
vollen Augen, der etwas zu starke Mund ... ja, das 
bist du, Antonio Bazzi, detto II Sodoma! 

Bei einem solchen Menschen wird alles Sinnliche 
im Bilde mit ungewöhnlicher Schärfe hervortreten, die 
Harmonie oder, um es frei heraus zu sagen, die Mittel- 
mässigkeit unseres gewöhnlichen Sehens zerbrechen. Er 
transformiert in seinem Geiste die Realitäten des 
äusseren Lebens, um daraus eine bestimmte glutvolle 
und traurige Schönheit zu machen. 

Denen die Kunst kein vollkommenes Universum 
ist, und die darin nicht ganz aufzugehen, sich ganz 
darin zu genügen verstehen, die werden sich mit Recht 
darüber aufhalten, davor entsetzen, werden versuchen, 
Fragmente ihrer Träume in das Leben der Gesellschaft 
zu übertragen; und nichts wird daraus resultieren als 
Bankerott. 

Die Jünglinge Sodomas, die ihrer körperlichen von 
athletischen Muskeln bestätigten Kraft einen intellek- 
tuellen Ausdruck beimischen, so scharf, dass er 
schmerzt, sind ausschöpfendes Sehen, das nichts mehr 
übrig lässt. Die seelische Verzückung, mit solcher 
Kraft des Lebens verbunden, erreicht die höchsten 
Ausdrucksformen des Verlangens, des Verzweifeins, des 
Lebenswillens und weckt in uns, ganz auf dem Grunde 
unseres Bewusstseins, unbekannte Zustände, deren 

152 



wachsende Kraft wohl die gesellschaftliche Ordnung 
zerbrechen könnte. 

Bei seinen Frauen sind die Empfindungen nicht 
weniger scharf. Die Magdalena lehnt ihre Wange an 
die Schulter des toten Christus und mit welcher heim- 
lichen Zärtlichkeit hält sie seine Handl Nie hätte sie, 
da er lebte, diese yertrauliche Geste, die sie unendlich 
fein fühlt, gewagt. — Seine Judith, ein junges Mäd- 
chen, das ins Feldlager der Juden zurückkehrt. In 
der Stimmung des frühen Morgens schreitend, hält 
man sie nicht für eine Jungfrau, deren Blick niemals 
auch nur eine unreine Vorstellung getrübt hat? Und 
doch war Holofemes ein von Kraft Strotzender I Wie 
schnell eine Frau den Akt yergisst, zu dem sie sich her- 
gegeben! Kleine Hände, die ihr dies Schwert haltet, wart 
ihr nicht, ehe der Hahn krähte, zwei kleine liebkosende 
und zitternde Hände? — Auf einer Freske stellt der 
Maler den berühmten Vorgang des Verbrechers dar, der 
die Heilige bittet, sie möchte seinen Kopf unter dem Beil 
des Henkers halten, damit er Gott nicht lästere. Wir 
sehen auf dem Bilde eine Schar von Jungfrauen her- 
zueilen, um den Rumpf des Enthaupteten, der alle 
Schrecken des Tddes zeigt, zu betrachten, und es er- 
innert uns an die unreine Lust des Weibes am Blute 
und an dem Entsetzlichen. In allen Dirnen des Mont- 
martre, keuchend von den Einzelheiten über die letzte 
Hinrichtung, hat mich Sodoma die Herodias wieder 
erkennen lassen. — Die erhabenste Macht des Aus- 
druckes erreicht der Meister in der zusammenbrechen- 
den heiligen Katharina. Was diese Heilige, von der 
ganz Siena erfüllt ist, war, das kann man aus ihren 
Porträts sehen, deren Echtheit kaum anzuzweifeln ist: 
ein altes, energisches, sehr intelligentes Mädchen, das 
weder der Respekt vor Menschen noch Hindernisse 
aufhielten. Ihrer echten Inbrunst lag jede Weichheit 
ferne. Ihre Qualität zeigt sich ganz in der Art, wie 
sie mit dem Papst Gregor XI. umging, den sie nach 
Rom zurückbrachte: „Um Eurer Pflicht zu genügen, 

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heiliger Vater, und den Willen Gottes zu erfüllen, 
werdet Ihr die Tore dieses schönen Palastes schliessen 
und den Weg nach Rom nehmen, wo Euch Schwierig- 
keiten und die Malaria erwarten, im Tausch für die 
Wonnen von Avignon". 

Wie wurde nur diese tatkräftige, energische, durch 
einsame Meditationen exaltierte Frau in den Künsten 
ein Symbol der stärksten sinnlichen Verzückung? Die 
Gestalt der heiligen Therese hat eine ähnliche Wand- 
lung erfahren. Die Legende hat eine Vorliebe, ihre 
Auserwählten mit dem Glorienscheine bestrickenden 
Zaubers zu umgeben. Der Volksglaube liebt die histo- 
rische Wahrheit nicht und empfindet Widerwillen gegen 
die Analyse der Charaktere. 

Diesen Vorgang kann man bei den Malern verfolgen, 
die der Heiligen am nächsten standen. Im Beratungs- 
saale des Palazzo Publico ist die entzückende Heilige 
Katharina des Vecchiatta. Was für eine Prinzessin 
des Mystizismus! Das Bild ist wundervoll und von 
grossem Wert, weil es Ähnlichkeit beabsichtigt und 
Vecchiatta nach Porträts aus der Zeit arbeitete. Die 
gute Nonne zeigt ihre frische Gesichtsfarbe und die 
grossen Augen, die schon viel geweint haben, den 
Mund mit feingeschwungener Bogenlinie, und die 
Wundmale zieren die schlanken, aristokratischen Hände 
wie Juwelen . . . Die Heilige hat genug getan, uns zu 
rühren, wenn sie uns mit dem Aufweisen ihrer Wunden 
an ihre Tugenden erinnert. Aber von eben diesen 
Tugenden wollten die Sienesen eine noch ergreifendere 
Darstellung und sie kamen mit der Zeit zur Ober- 
zeugung, dass die Heilige, die sie so verehrten, die 
sinnverwirrenste aller Amoureusen gewesen sein müsste. 
Was könnte den gewöhnlichen groben Männern einen 
stärkeren Eindruck machen, als ihre Geliebte in Wollust 
die Besinnung verlieren zu sehen? Also musste Katharina, 
die Geliebte Sienas, in Wonne berauscht bewusstlos 
hinsinken. 

„Die Ohnmacht der heiligen Katharina^^ des Sodoma, 

154 



mit ihrem zusammengesunkenen Körper, yon dem uns 
der weiche Fall der Gewänder die hingebende Schwäche 
zeigt, das provoziert und befriedigt unsere geheimsten 
Kräfte. Unser ganzes Wesen ist da interessiert. Ein 
vollendetes Liebesidol, das malte Sodoma in der Kirche 
von San Domenico, und dass er es so weich, so von 
Leidenschaft durchfeuchtet unter alle diese Härten 
stellte, damit schuf er einen der mächtigsten Gegen- 
sätze, die die Welt der Kunst ihren Geniessem bietet. 



155 



DIE ENTWICKLUNG DES INDIVIDUUMS IN 
DEN MUSEEN VON TOSKANA. 

Man wird bemerken, dass sich mir nach und nach die 
toskanische Kunst mit der gan2 Italiens mischt. Eine 
in diesem Abriss wohl ganz erträgliche Art zu sehen. 

Seit Giotto, dessen Einfluss alle Italienischen Städte 
unterlagen, strahlt die in ihrem Fortschreiten nie unter- 
brochene florentinische Schule über alle begabten Künst- 
ler, die es Jeder auf seinem Gebiete ehrlich versuchen, 
ihre Aufgabe zu erfüllen; andererseits eignet sie sich 
des Ideal, das die Verschiedenen Meister schufen, in 
einer Weise an, dass man die florentinische Kunst Ur- 
sprung und Zentrum der italienischen Kunst wohl nennen 
kann; und diese ihre beiden Entfaltungen schaffen eine 
entsprechende Philosophie. Ausnehmen muss man Vene- 
dig, dessen Genius und Umstände ganz besondere sind. 
Für Venedig habe ich in „Un homme llbre" eine ana- 
loge Synthese versucht. 

Man nimmt an, dass ein Volk sich nach den gleichen 
Gesetzen entwickle wie ein Individuum. Wenn die 
Begriffe, die man sich über die Entwicklung des Ich 
gebildet hat, zutreffend sind, sollten sie sich dann in 
den Museen, in ihrer chronologischen Reihenfolge be- 
trachtet, nicht ebenfalls als richtig erweisen? In gewissen 
Ländern sind sie die beste Urkunde, die wir für die 
Psychologie der Rasse besitzen. 



I. EXISTIEREN. 

Vor sechs Jahrhunderten gab es noch keinen von 
den kleinen Leuten, die heute die Museen von Toskana 
bevölkern. InLucca, inPistoia, in Verfall geratenen, aber 
keineswegs toten Städten, findet man ihre weit zurück- 
liegenden Vorfahren; es sind unbeholfene Reliefs, die 

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gegen die Mitte des zwölften Jahrhunderts über den 
Portalen und Kanzeln der romanischen Kirchen in Er- 
scheinung treten. 

Kirchen sind schon wunderbar durch Grösse und Ernst, 
denn sie drücken ein soziales Empfinden aus, die Einig- 
keit und den Stolz aller am Wohle des Staates inter- 
essierten Bürger. Was für einen mächtigen und scharf 
ausgeprägten Charakter sie hatten, diese kleinen, ein- 
geschlossenen, dicht bevölkerten Städte, die man glaubt 
anrühren und in die Hand nehmen zu können 1 In 
diesen bereits so starken Gemeinwesen, die der Kunst 
so viele menschliche Vorbilder geben sollten, findet 
man im elften Jahrhundert noch keinerlei Ausdruck 
einer bestimmten Art zu empfinden. Und dennoch ver- 
mochten, wollten und bedingten sie schon alle Meister- 
werke Toskanas. 

Diese Verheissung, diese Kraft nimmt man deutlich 
wahr, wenn man abends, nach einem in ihrer Berührung 
verlebten Tage, einen Spaziergang auf ihren alten Mauern 
macht und seine Notierungen des Tages im Geiste zu- 
sammenfasst. 

Einen Rundgang um die Wälle zu machen heisst 
das kleine Aktenbündel über die in einer Stadt emp- 
fangenen Eindrücke endgültig abschliessen, seine En- 
quete durch einen Blick auf die Landschaft vervoll- 
ständigen, wo diese kleine Welt sich herangebildet hat; 
das bedeutet den Gürtel lösen, die Besitznahme voll- 
enden. Auch durch ihre Stimme macht sich eine 
Stadt verständlich, lieb, und im April läuten gegen 
sechs Uhr abends die Glocken das Ave Maria. Nach 
solchen Eindrücken bleibt nichts anderes, als die Stadt 
sinnlichen Dankes voll zu verlassen, wenn sie es nicht 
vermochte, unser ganzes Wesen gefangen zu nehmen, 
wie es gewisse Heimaten machen, von denen wir ganz 
erfüllt sind. Ich verliess Lucca, an dem ich nichts 
sonst geliebt hatte, als seine Spaziergänge und seine 
Natur, aus der es keine Form zu gestalten verstand, 
zur Zeit, wo es noch von Leben voll war. 

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Land und Berge Toskanas sind niemals alltäglich, 
sondern von feiner, ausgeprägter Vornehmheit, die für 
uns etwas ebenso Gewinnendes hat wie die Sanftmut 
eines jungen Weibes, das es von vornherein nicht 
darauf abgelegt hat, dass wir sie auszeichnen. 

Es gibt kein Land, wo die Bäume, die Hügel, die 
Tagesbeleuchtung eine solche Zwillingsähnlichkeit hätten 
mit dem kleinen Volke in den Museen. Man möchte 
glauben, sie seien in dem gleichen Augenblicke und 
unter den gleichen Einflüssen entstanden. 

Entlang der Viale dei Colli, in dieser lichten Abend- 
stunde, die Wirkliches in Erhabenes wandelt, sah ich 
über Florenz alle Kunstformen schweben, die dem Er- 
scheinen des schöpferischen Genies Michel - Agnolo 
vorausgingen. Die Bildwerke des vierzehnten und fünf- 
zehnten Jahrhunderts bieten mir keine Konzeption des 
Universums dar, die mir nicht schon, und zwar in sehr 
bestimmter Weise, die Linien dieser vollendeten Land- 
schaft suggeriert hätten, die der Arno, die Apenninen 
und die Stadt mit ihren einzeln verstreuten, anmutig 
ernsten Villen bilden. 

Die Horizontlinie von Florenz zeigt dem Beschauer 
die gebeugte Demut eines Giotto, die ernsten Formen 
eines Ghirlandsgo, die Schärfe, Feinheit und Eben- 
mässigkeit eines Lorenzo di Credi. Gestern am Abend, 
zur Rechten der Terrasse Michel- Agnolo, erglänzten 
die Bäume eines Olivenhaines wie Silber; die geringen, 
lautlosen Bewegungen in dem schwachen, gedrungenen 
Gezweig waren so traurig, so zart. Und das war ganz 
Boticelli mit der Grazie seiner Simonetta. Olivenhain, 
Zuflucht der Schönheit, einer Schönheit, die etwas 
schmollt, auch ein bischen preziös ist und ganz leicht 
gezwungen, aber ohne jeden überladenen Putz. Dieses 
Toskana bedarf übrigens, um das Wesentlichste seiner 
selbst preiszugeben, nicht einmal der günstigen Um- 
stände einer besonderen Tageszeit. In der vollen 
Mittagsbeleuchtung, an einem Sonntag, während sich 
der helle Klang seiner Glocken mit dem Vibrieren der 

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Sonnenstrahlen in der erhitzten Luft yerbindet, be- 
halten die Berge des Horizontes von Florenz, die 
deutlich, bestimmt und klar wie Erz sind, die Schmieg- 
samkeit der Zeit ihrer schönsten Blüte, so dass der 
Barghello, wo alle Jünglinge der florentinischen Re- 
naissance uns durch die Macht ihrer Bronze und das 
Sprühende ihrer Jugend begeistern, uns wie eine 
Sammlung, wie die Pflanzschule all' der fruchtbaren 
Kräfte erscheinen wird, die wir in Toskanas vollem 
Sonnenlichte einzeln verstreut gesehen haben. 

Dass die Bewohner dieses schönen Landstriches be- 
reits im zwölften Jahrhundert empfanglich waren für 
diese Grazie und die Freizügigkeit in den allerkühn- 
sten Linien, unterliegt keinem Zweifel. Was ihnen 
fehlte, das war, der Elemente dieser Schönheit sich 
bewusst zu werden. Es bedurfte eines Vermittlers 
zwischen ihnen und der Natur, eines, der sie auf die 
Gesetze des Lebens aufmerksam machte, auf den ana- 
tomischen Bau der Körper, auf die richtige Perspektive; 
mit einem Worte, eines Meisters bedurften sie, der sie 
selbst dazu befähigte, sich Vorbilder aus den Dingen, 
die in die Sinne fallen, zu schaffen. 

Diesen Meister fanden sie Mitte des dreizehnten 
Jahrhunderts. Es war jener Greis, den man auf einer 
der Seiten der berühmten Kanzel des Nicolo Pisano 
im Baptisterium von Pisa sieht. Nicht darauf auf- 
merksam gemacht, hält man ihn einfach für einen 
der hohen Priester bei der Vorstellung im Tempel; 
ein Relief nicht besser und nicht schlechter als so 
viele andere. Aber man muss es wissen, dass dieser 
da der Vorfahre der ganzen Bevölkerung in den tos- 
kanischen Museen ist, und somit die Quelle vieler 
Empfindungen und vieler Handlungen, und daher eben 
auch von vielem Glück und Unglück, wie es die 
Menschheit seit der Renaissance bewegte. 

Worin besteht nun, für einen so fruchtbringenden 
Einfluss, das geheime Verdienst dieses Alten, an dem 
wir alle achtlos vorübergingen, hätten uns die Kunst- 

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historiker nicht auf ihn hingewiesen? Besteht sein Wert 
in der Begeisterung, mit der er seines Amtes, Gott im 
Tempel zu empfangen, waltet? Haben wir hieryor uns 
einen jener rührenden Beweise der gläubigen Einfalt 
im dreizehnten Jahrhundert? Durchaus nicht. Dieser 
Hohepriester kümmert sich nicht um den religiösen 
Vorgang, in den ihn der Künstler gesetzt hat; er hat 
keinerlei Überzeugung; er ist ein einfacher Figurant. 

Ein Figurant! Überschreitet den Platz und tretet in 
den Campo Santo ein; betrachtet aufmerksam in jenem 
Winkel die antike Vase auf der schönen Säule aus 
grünem Marmor; ihr findet dort genau denselben Alten. 
Hier verwandte ihn Pisano, um ihn seinen frommen 
Werken einzuverleiben. Und was tut der Greis seit so 
vielen Jahrhunderten auf diesemFriese? Er folgt einem 
Bachantenzuge. Er begleitet den fetten Silen, der die 
Schalmei bläst. Die Riemen seiner Sandalen sind ge- 
löst und ein junger Mann in gebückter Stellung befestigt 
sie. Er selber drückt mit den Falten seines Gewandes 
einen Knaben an sich. Wohin gehen sie so? Ich denke 
an die Milesischen Märchen. Keiner würde annehmen, 
dass ein solcher Bachant in das Baptisterium geht, um 
die Frommen Christi zu rühren. Er hat auch nur 
künstlerischen Wert durch seinen schönen Bart und 
die Faltenharmonie in der Raffung seines Gewandes. 
Sein Verdienst ist zu leben. Verlangt nicht mehr von 
ihm; dies eine aber bringt er dem kleinen Volke der 
Museen: er gibt ihnen das Geheimnis des Lebens. 

Mit einem lebhaften Empfinden für die Natur aus- 
gestattet, aber unfähig, beim ersten Anlauf die Vor- 
stellungen zu verkörpern, die der heimatliche Boden in 
ihnen wachrief, eigneten sich die Toskaner zuerst die 
VornehmheitderFormengebungder klassischen Kunst an. 

Es bestand Gefahr, dass diese ersten Gestalten, die 
sie schufen, Figuranten blieben, wohl existenzfähig waren, 
sich sogar in Gruppen ordneten, aber ausdruckslos blieben. 
Wartet nur, lasst diese Rasse erst zum Bewusstsein der 
Wesenheiten menschlicher Schönheit und der Gesetze 

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der Kunst kommen. Das Volk der Museen wird sich 
ziemlich rasch individualisieren ... Es bedarf nicht ein- 
mal der Zeitdauer eines Jahrhunderts, damit all die 
anmutige, sichere Grazie, die uns bat, dass wir ihr das 
Leben geben, als wir auf den Wällen von Lucca und 
der Umgegend von Florenz herumstreiften, dass diese 
Grazie Körper wird... Es naht das fünfzehnte Jahr- 
hundert I Das Volk der Museen ist gerüstet. Alles was 
Toskana an kraftvollen Typen enthielt, richtet sich zum 
Dasein auf, strebt zur Existenz. Sie bedecken die Mauern 
ihrer Klöster, ihrer Paläste und ihrer Kirchen^ Sie wissen 
sich zu bewegen, ihre Empfindungen auszudrücken, 
sich zu gruppieren, selbst uns zu bezaubern. 

Freilich mehr vermögen sie noch nicht. Für sie 
handelt es sich vor allem darum, lebensfähig zu sein, 
zu existieren. Vom Weltall geben sie uns keine andere 
Vorstellung als die, welche unser Auge, das über die 
Horizontlinien Toskanas hinschweifte, selbst in sich auf- 
genommen hätte. All das kleine Volk der Museen im 
fünfzehnten Jahrhundert bedarf dringend, dass Lionardo 
da Vinci kommt und es die Meditation lehrt. 

Ich weiss, es ist die Mode unserer Zeit, ergreifende 
Eigenschaften in diesen frühesten Primitiven zu finden. 
Man kann allezeit den Armen und Schwachen hilfe- 
leistend beispringen; aber sie können uns wahrlich nur 
die Geduld lehren und uns ihren guten Willen zu emp- 
fangen zeigen. In der Nähe des Vinci, des Michel- Agnolo 
und des Correggio erwirbt man etwas mehr als beim 
Einatmen des Blumenduftes im schönen Garten von 
Toskana. Gehen wir in die Kapelle der Medici; dort 
werden wir sehen, wie die Gestalten Michel- Agnolos 
sich ein Universum schaffen ; nicht nur die in Toskana 
einzeln verstreuten Bestandteile der Schönheit zusam- 
menfassen, sondern eine Welt über die Wirklichkeit 
stellen. 



161 



IL SICH EINE WELT SCHAFFEN. 

Sie haben Recht, alle sie, die Eselchen, Kälber, jun- 
gen Weiber und Knechte, auf Ghirlandajos „Anbetung 
der Hirten^', sie alle haben Recht, in bunter Reihe zur 
gleichen Tränke, zum gemeinsamen Akte der Anbetung 
zusammenzukommen. Es verbindet sie ein gemeinsames 
Empfinden : „Herr gib uns heute unser tägliches Brot^' 
und zweifellos auch die Bitte: „Erhalte uns fürderhin 
die Lebensfreude in dieser schönen Landschaft'^ Darin 
ist ihre ganze Seele, gipfelt ihr höchstes inneres Be- 
streben, und das ist auch die Seele des gesamten kleinen 
Volkes in den Museen im dreizehnten und vierzehnten 
Jahrhundert. Zu dem gleichen Gebete vereinen sich 
alle ehrbaren Leute des Fra Angelico, die Raffinierten 
des Botticelli, die kleine Venus des Lorenzo di Credi 
und bis zu den Madonnen von Raphael. 

Wie anders aber klingt es, das Wort, das man von 
den Gestalten Michel Agnolos in der Sixtina und der 
Kapelle der Medici vernimmt! Hier ist eine sublime 
Illustration des grössten aller ethischen Probleme. 

Wer dieses gebieterische Rund betritt, glaubt zuerst 
einen Ort der Betrachtung vor sich zu haben. Das ist 
ein Irrtum. Mailand ist der Ort, der der Welt die tiefe 
Betrachtung schenkte, durch das Abendmahl von Vinci 
im Refektorium von Santa Maria delle Grazie I In dieser 
Atmosphäre erreicht das innere Leben seine höchste 
Intensität, und der menschliche Geist umfasst und be- 
greift zu gleicher Zeit alle Aspekte der Wirklichkeit 
und ihre Gesetze. Aber eine ganz andere Anstrengung 
zieht Michel Agnolos Gestalten zusammen und ihr Ge- 
heimnis ist nicht einfach dieses, dass sie meditieren. 

Halten wir hier in unserer Enquete. In diesem Zeit- 
punkt haben die Etappen der Kunst eine solche Be- 
deutung, dass es für uns ein grosser Gewinn sein wird, 
einen klaren Oberblick über diese Entwicklung zu be- 
kommen, die zudem durch unsterbliche Züge mar- 
kiert ist. 



162 



Bisweilen machte sich bereits vor Vinci bei den 
Leuten in den Museen da und dort ein heimliches, 
intenses Leben bemerkbar. Vor diesem durch die Mode 
vulgär gewordenen Bilde des Botticelli, „Primavera^^, ein 
Hain, in dem junge Frauengestalten unter Orangen- 
bäumen tanzen, ist es mir unmöglich, mich nicht rühren 
zu lassen von dieser kleinen Frauenschönheit, die wie 
eine Jahreszeit Yorübergeht und nicht imstande sein wird, 
sich erfolgreicher gegen gewalttätige Hände zu wehren 
als die Früchte, die an den Zweigen hängen. Darum 
haben sie selber mitten in ihrer Fröhlichkeit etwas 
Trauriges und bekunden das durch eine zur Seite ge- 
neigte Haltung; aber schliesslich ist das etwas, dessen 
geistiger Gehalt den Eindruck nicht übersteigt, den ich 
von einer runzelig werdenden Olive haben kann. Bis- 
weilen treten auch die Kümmemisse der Vereinsamung 
in Erscheinung: so ist manches Bild von Lippo Memmi, 
aus dem Anfang des vierzehnten Jahrhunderts, bereits 
vom Leben verwundet, das sich aus der Hand, dem 
Ausdrucke des Kopfes und vor allem des Mundes ein- 
sam zurückzieht; aber das ist nicht sinnende Ober- 
legung, sondern schmollender Trotz: es unterliegt den 
Empfindungen, den Eindrücken, ordnet sie aber nicht, 
gebietet ihnen nicht. Diese erhabene Aufgabe kommt 
Vinci zu. 

Man kann Lionardo nicht genug bewundern, denn 
indem er das Verständnis der Ursachen bis zu diesem 
Grad brachte, gab er der Intelligenz einen moralischen 
Wert. Auch die geringste der Gestalten, die uns Vinci 
hinterliess, kennt beide Seiten des Gre wehes, welches 
das Universum ist: daher das Lächeln ihrer gesenkten 
Augen und auch ihre rätselhafte Ruhe. Was wäre 
natürlicher als das Lächeln, die Ruhe, der rätselhafte 
Ausdruck, bei einem der sieht, welche Vorstellung vom 
Leben sich die Menschen bilden, und der andererseits 
dadurch, dass er sich der Gesetze der universellen 
Mechanik bewusst geworden, alle jene Impulse mit 
ihren wahren Namen benennen kann, die unter dem 

163 



pomphaften sozialen Dekor das beleben, was man Ehre, 
Ruhm und Gerechtigkeit nennt! 

Durch dieses Hellseherische gibt er schon seiner 
Joconda und den Zeichnungen seiner jungen Kämpfer 
eine hohe geistige Überlegenheit; macht sie zu wirk- 
lichen jungen Besiegem der Realität, zu Besiegern der 
Lüge; aber da tut er, um die Lüge zu überwinden, den 
entscheidenden Schritt und schafi^ den Gerechten, diesen 
Christus des Abendmahles, den man in der Skizze der 
Brera studieren muss. 

Die Bewegung seiner Hände und der Ausdruck seiner 
Züge, die für unsere konstante Unwürdigkeit der schmerz- 
lichste aller Vorwürfe sind, bedeuten, dass alles zu be- 
greifen und die unverbesserliche Niedrigkeit am Beginne 
all unserer Gefühle zu erkennen für den Weisen, der 
alles weiss, auch alles verzeihen heisst. Dies ist das letzte 
Wort einer vollkommenen Erkenntnis und eines Um- 
denkens der Wirklichkeit: die Hinnahme. 

Hinnehmen I das ist Zustand und Ziel des sublimen 
Vinci. Michel Agnolo führt uns mit heftigem Elan 
weit darüber hinaus, und nachdem der Vorläufer die 
Realität demaskiert, aber sich darauf beschränkt hat, 
sie zu verstehen ohne an ihre Stelle etwas anderes zu 
setzen, schleudert er noch siegreichere Gestalten ins 
Dasein, denn sie beanspruchen, eine andere Wirklich- 
keit an Stelle dieser zu setzen, die dadurch, dass sie 
ihrer eigenen Natur konform ist, schliesslich auch keine 
Lüge mehr sein wird, sondern die Wahrheit. 

Sich eine Welt schaffen I So lautet das grosse Wort, 
die zu erläuternde Formel, die aber die Kapelle der 
Medici, die Sixtina und der ganze Michel Agnolo in 
sich schliesst. 

Man bedenke wohl: dieser Einsame ist kein galanter 
Hofmann von Leonardos Art, der, neugierig die Gesetze 
der Natur kennen zu lernen, sich allen Dingen akkom- 
modiert, durch die Ironie, die Verachtung, das Mitleid und 
auch durch eine gewisse vornehme Nachsicht. Aus seinem 

164 



herben Munde, dem Gesichte des halsstarrigen Arbeiters, 
der auf Anderer Meinung nichts gibt, sieht man schon 
voraus, dass dieser da das Weltall seinem Willen an- 
zupassen verlangt und nicht seinen Willen dem Welt- 
all zu beugen. Aber treten wir ein wo sein Volk lebt, 
in die Kapelle der Medici, in die Sixtina, in San Pietro 
in Vincoli, vor den Moses. 

In der Atmosphäre, die solche Persönlichkeilen 
schaffen, können nur sie selber leben. Wenn ich diese 
Athletenmuskel betrachte, so sehe ich, daß es sich hier 
nicht um Meditation handelt, denn um die Natur zu 
verstehen, kann der Mensch schwach sein wie ein Rohr; 
hier ist der Schauplatz der furchtbarsten Anstrengung. 

Denkt aber nicht an Herkules. Michel Agnolo schafft 
vielmehr ein Prometheusgeschlecht. Die Wesen, die er 
uns vorstellt, besiegen den Marmorblock, entwinden 
sich ihm gewaltsam. Wenn sie uns zuerst nachsinnend 
erscheinen, wenn sie in der Tat in sich gekehrt sind, 
so ist es nur um in ihrem Bewusstsein diese Wesen 
zu unterscheiden, nach denen sie sich dunkel bildeten, 
um daraus in Wirklichkeit zu erstehen. Sie wollen 
werden. Die Pflicht, die sie sich auferlegten, ist die, 
sich nach ihrem Schicksale trotz allem zu bilden. 
„Jeder sollte seine eigene Statue ausbauen^', sagten 
schon die Alexandriner. 

Um aber sein eigener Bildhauer zu sein, bewusst alle 
Modifikationen zu verwirklichen, an denen unbewusste 
Arbeit im Laufe der Jahrhunderte die Rasse heben könnte, 
und in die Gegenwart alle Möglichkeiten zu setzen, die in 
uns emporquellen, welch eine ungeheuere Kraftleistungl 
Kurze Zeit vor seinem Tode schrieb Michel Agnolo dieses 
Wort, das nur zu häufig im Testamente deijenigen 
vorkommt, die sich der höchsten seelischen Kultur 
widmeten: „Ich Unglücklicher kann nicht auf die ver- 
gangenen Jahre zurückblicken, ohne mir sagen zu 
müssen, dass ich in ihrem ganzen Verlaufe nicht einen 
Tag finden kann, der mir gehört hätte". Dies furcht- 
bare Gefühl, dass man trotz aller Anstrengung, sich 

165 



seinem Ideale anzupassen und wahrhaft ganz Selbst zu 
sein doch all der Niedrigkeit, die das menschliche 
Dasein mit sich bringt, nicht entrinnen konnte, das ist 
es, was die Anstrengung und die Gedankenwelt dieser 
Heroen mit soviel Schmerzlichem und Herben durch- 
setzt. Seine Sklaven, seine Männer und Frauen der 
Medicäergräber , sein Moses, seine Madonnen fühlen 
ihre Ohnmacht, sich dem rohen Marmorblocke zu ent- 
ringen, und in der Tat sind einige von ihnen auch 
stofflich erst halb geboren. Seine Sibyllen, seine Pro- 
pheten haben eine tragische, fieberhafte Melancholie, 
denn sie entdecken Möglichkeiten in der Zukunft, in 
denen sie schöner, glücklicher hätten sein können, und 
erkennen aber auch, dass es ihr Schicksal nicht war, 
das Ziel dieses ewigen Werdens zu erreichen. Wie 
dieser Moses — in dem Michel Agnolo ein so mäch- 
tiges Symbol der Natur gab, die ihre Gesetze in der 
Hand hält — werden sie nicht in das Weltall ein- 
treten, dessen Vorherwissen sie besitzen und wohin 
ihre riesenhafte Energie zielt 

Einen Blick von solcher Kraft und Traurigkeit kann 
man nur vom Gipfel der Metaphysik aus hinabwerfen. 
Michel Agnolo gehört in die Reihe jener Geister der 
Spekulation, die man heroische nennen kann. Neben 
den Alexandrinern und den Deutschen aus dem An- 
fange des neunzehnten Jahrhunderts hat er das Ich als 
Herren der Welt begriffen. 

Wir lassen, nicht wahr? die Legende beiseite, nach 
der die Frauengestalt (genannt die Nacht) vom Grab- 
male des Lorenzo den Schmerz ausdrücken soll, den 
die Unteijochung von Florenz Michel Agnolo verur- 
sachte. Die vulgäre Meinung gefallt sich darin, die 
Bedeutung eines Werkes zu verkleinern, sie auf das 
Niveau einer Anekdote herunterzudrücken. Am Tage, 
da der grosse Geist auf den Sockel das berühmte 
Sonett schrieb: „Wecket sie nicht auf*, bediente er 
sich seines Werkes, um seine Gefühle als Bürger zu 
bekunden, aber als er sich mit der Idee dieses Werkes 

166 



trug, war es, um einer Kraft des Leidens Ausdruck zu 
geben und einer Enttäuschung , deren Ursache sicher- 
lich kein yorübergehender Umstand war, sondern die 
Beschaffenheit seines Genies selber, und um alles zu 
sagen, des sich in Antinomien aufreibenden mensch- 
lichen Geistes. 

Wenn ein Werk von solcher Wucht einen Kommentar 
vertrüge, so müsste man ihn den Gedichten Michel 
Agnolos entnehmen, die die lyrische Geschichte seiner 
Liebe zu Vittoria Colonna sind. Als er die starksinnige 
Strophe schrieb: „Eine irdische Schönheit, die wir mit 
durchdringendem Auge betrachten, gleicht mehr als 
irgend was sonst dem geheimnisvollen Ursprung, aus 
dem wir alle sind", so drückt er mit der Terminologie 
Dantes eine Anschauung aus, welche die modernen 
Anhänger der Evolutionstheorie ungefähr so übersetzen 
würden: Das Individuum sowie die Gattung entwickelt 
sich im Sinne seiner Bedürfnisse, d. h. das Verlangen 
ist es, das schafft; nun ist aber der Augenblick, wo 
das menschliche Wesen in allen seinen Teilen am 
stärksten vom Verlangen erschüttert wird, der Moment 
der vollkommenen Liebe; darum gleicht nichts so sehr 
der schöpferischen Kraft als die Beziehung zwischen 
dem Manne und der Schönheit. 

Das Räsonnement und die Art der Ideenverbindung 
wechseln mit jeder Generation. Die grossen Metaphy- 
siken, die des Plato, Dante, Hegel und Fichte, und 
alle Systeme der Welt sind nur poetische Bilder, um 
an sich tiefinnerliche und dunkle Sensationen zu 
exteriorisieren und logisch zu verdeutlichen. Man lasse 
sich nicht durch die Verschiedenheiten des Vokabu- 
lariums verwirren; darunter ist immer dasselbe Auf- 
wallen und Schäumen des Menschen, der Gott werden will. 
Michel Agnolo zeigt uns das direkt und ohne Vermitt- 
lung der Theorien, die alle so rasch ihre bewegende 
Krsit verlieren; er lässt vor uns eine Menschheit er- 
stehen, die sich dem Marmor entringen und machtvoll 
individualisieren will. 

167 



Die Kapelle der Medici und die Sixtina sind eine 
Reservoire voraussichtlich unsterblicher Energien. Viele 
Philosophen, die den gleichen Individualismus lehren, 
werden unverständlich geworden sein, und man wird 
noch hieher kommen, um sich zu überzeugen, dass 
die einzige vornehme Lebensaufgabe diese ist, durch 
fortgesetzte Willensanstrengung sich selbst zu erschaffen, 
bis dahin, dass man an Stelle der hergebrachten Wirk- 
lichkeit, d. h. jener, welche die Menschheit gewöhnlich 
als solche annimmt, seine eigene Weltanschauung 
setzt. Mit einem Worte: man muss sich das Weltall 
wieder erschaffen. Aber: kann sich der Mensch auf 
so hohem Standpunkte behaupten? Darüber werden 
uns die Maler zu Ende des sechzehnten und sieb- 
zehnten Jahrhunderts Aufschluss geben. 



III. NÜTZEN, SPIELEN UND SICH TÄUSCHEN. 

Willen, die imstande wären, ihr ganzes Leben lang 
wie Michel Agnolo in heldischem Kampfe zu verharren, 
sind sehr selten. Diesem grossen Manne gelang es, sein 
eigenes Ideal der Realität zu substituieren; er schuf 
eine Welt für seinen Gebrauch und dennoch bemerkt 
er, dass ihm nach seinen Begeisterungen ein Etwas 
zurückbleibt „ein unbestimmtes, brennendes Etwas, das 
Tränen verursacht**. Wenn er schon diese traurigen 
Perioden des Schwächerwerdens kannte, was soll dann 
aus den Durchschnittsgeistern werden, die nach seinem 
Beispiele sich bis zu den höchsten Höhen der Seele 
emporschwingen möchten? Nur in seltenen Augenblicken 
wird es ihnen gelingen, die Trunkenheiten des Schaffens 
zu gemessen: das ist der so glühende aber unfrucht- 
bare Kuss, den Leda mit dem Schwane tauscht. 

Man kennt die Gruppe, die einer seiner Schüler, Am- 
168 



manati, nach Michel Agnolo ausführte. Wieviel Sinn 
ich darin finde vom psychischen Standpunkte ausi Hier 
ist Leda, die Tochter Griechenlands und Roms, die Re- 
naissance, das Geschlecht, das der Welt den Typus der 
Schönheit gab. Freundlich begrüsst sie den mysteri- 
ösen Vogel^ den unbekannten Geliebten, den Ritter Lohen- 
grin. Er ist der Schwan der grossen nordischen Flüsse 
und unter seinen erzitternden Flügeln birgt er die Ge- 
heimnisse, die auf den Seen im Schatten der Wälder 
kreisen. Schlange, Vogel, Fisch, zu gleicher Zeit maje- 
stätisch und abstossend, ist der Schwan zusammen- 
gesetzt wie die Natur selbst. Er übermittelt derLatini- 
tät die germanische Träumerei, den Sinn für das All, 
die pantheistische Neigung. Aber diese Verdienste 
bringen Leda und den siegreichen Schwan nur für einen 
Augenblick näher, in einem glühenden, zu flüchtigen, 
zugleich auch zu erdachten Kusse. 

Ammanati wollte eben den Seelenstand bezeichnen, 
den er von jenen her so gut kannte, deren Geburt sie 
nicht über den Durchschnitt erhebt, die aber trotzdem 
mehr als die Wirklichkeit zu erkennen versuchen. Ein 
kühner Symbolismus, der uns angesichts der Maler 
Bolognas zum Nachsinnen anregen wird. 

Zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts sucht sich das 
kleine Volk der Museen kein äusseres Modell mehr; es 
saugt sein Leben aus der Seele des Künstlers selber. 
Von Vinci hat es den Nachgedanken; von Correggio, 
von Sodoma die Anmut und sinnliche Traurigkeit; von 
Michel Agnolo aber das Beispiel eines heroischen Lebens; 
und daher plagt es sich von nun an mühsam, mit 
voller Überlegung und unter Heranziehung aller seiner 
langsam erworbenen Fähigkeiten, sich zur intensivsten 
Exaltation hinaufzusteigern. Jene, denen keineswegs die 
Seele eines Michel Agnolo gegeben wurde, verstehen 
es, sich so günstige Bedingungen zu schaffen, dass sie 
wenigstens für kurze Augenblicke die Begeisterung eines 
höheren Daseins kennen lernen. Leda ruft den Schwan! 

169 



Gerade dieses Jahrhundert wird sich eine Methode 
ausdenken/ um jene in die höhere Welt der Mystik 
einzufuhren, deren Streben darnach der impulsiven 
Kraft einer Therese, eines Loyola, einer Katharina von 
Siena ermangelt. Man kennt die ^^Geistlichen Übungen", 
die für ganz kurze Momente selbst die Unbedeutenden 
zur seelischen Höhe eines Auserwählten emporheben. 
Diese Ekstase ändert nicht die natürliche ^lage der 
Menschen, aber lässt sie momentan aus der umgeben- 
den Wirklichkeit heraustreten. So stellten die Maler 
Bolognas, die nicht imstande waren, ihren Schöpfungen 
das höhere göttliche Leben zu yerleihen, über das 
Michel Ägnolo verfügte, diese wenigstens unter Bedin- 
gungen, unter denen ihre Begabung zur vollen Entfaltung 
gelangt. 

Die bolognesische Kunst sucht systematisch, welche 
aussergewöhnliche Situationen sie ersinnen könnte, um 
ihre Gestalten in eine höhere Sphäre als die des ge- 
wöhnlichen Daseins zu versetzen. Die Malerei und die 
Plastik werden eine Schaustellung bestimmter Personen 
in einer bestimmten besonderen Katastrophe. 

Was man in den Museen des siebzehnten Jahrhun- 
derts sieht, ist eine Folge leidenschaftlicher, mit einer 
wunderbaren psychologischen Einsicht angeordneter 
Fälle. Was das Pathos und die Analyse anlangt, so 
ist es schon unser modemer Rahmen, nur kommt noch 
das Streben nach der Schönheit dazu. 

Man erwarte nicht, dass ich Werke beschreibe, die 
bereits überall als Stiche bekannt sind und die keine 
literarische Beschreibung ehrlich wiedergeben könnte... 

Man kennt in Mailand den berühmten Guercino „Die 
Verstossung Hagars durch Abraham". Es ist Sarah, eine 
legitime Frau, die ihrer Rivalin, eine verzweifelte Ge- 
liebte, schmählich Verstössen lässt, die sich aber ver- 
möge ihres weiblichen Stolzes aufrecht erhält. Man 
studiere die befriedigte und versteckte Bosheit Sarahs I 
In Bologna den „Tod des Petrus Martyr" von Dome- 

170 



nicchino ; welch prachtvolle Erklärung fär so viele Helden, 
die das oft gegen ihren Willen wurden I Niödersteigende 
Engel reichen ihm die Märtyrerpalme: er aber, von 
seinem Mörder zu Boden geworfen, möchte in seiner 
furchtbaren Angst nur zu gerne fliehen! 

Man wirft diesen Malern vor, dass bei ihnen die 
Gottesmutter zur verdriesslichen Hüterin des Jesus- 
kindes wird und manchmal so hochmütig gegen die 
musizierenden Cherubime und die anderen kleinen, 
schüchternen Engel ist, dass diese ihre Befehle nur mit 
massiger Beflissenheit entgegennehmen. Aber der Künst- 
ler wollte uns eben eine grosse Dame vorführen, die 
man zu unterhalten versucht. Das hier sind Sittenbilder, 
und tatsächlich eine ausgezeichnete Psychologie. Die 
Liebe wird ganz besonders in allen ihren Nuancen 
kräftigst analysiert. Die Ästhetiker sprechen davon als 
von einer Profanation und bemerken mit Entrüstung, 
dass der Ausdruck der Engel, welche die Jungfrau um- 
geben, manchmal bis zur Lüsternheit gehe. Aber in 
der Idee des Malers sind es Pagen; man denke an 
Cherubin bei der Marquise. 

Diese von der heutigen Mode verachteten Künstler 
sind oft erhaben in der Darstellung zärtlicher Leiden- 
schaften, namentlich im intensiven Ausdrucke der 
Wollust. Das Pathos festigt sich darin durch patho- 
logische Wahrheit. Man sehe sich in Santa Maria della 
Vittoria in Rom die berühmte Statue der heiligen 
Therese von Bernini an: eine vornehme Dame, die im 
Liebesrausche vergeht. Man bedenke, was das sieb- 
zehnte und achtzehnte Jahrhundert wollte, denke an 
Stendhal und Balzac. Der Maler stellt seine Personen 
in eine Handlung, die ihnen Gelegenheit gibt, uns 
genau alles das an Verwickelung und Widerstands- 
losigkeit zu bieten, was wir verlangen, um eine genaue 
Kenntnis der Situation zu haben und bewegt zu werden. 

Man staune nicht, wenn diese Jungfrauen, diese Hei- 
ligen, diese Märtyrer die Liebreize ihres Körpers, ihres 
Geistes hervorzuheben und Situationen zu wählen ver- 

171 



stehen, worin sie diese am besten spielen lassen können. 
Das sind Hof leute. Wenn die Maler solche Vorbilder 
wählten, so hat es den gleichen Grund, der heute unsere 
Analytiker bestimmt, meistens Frauen der Gesellschaft 
Torzuführen: die Raffinements zärtlicher Leidenschaften 
yerlangen, dass man Zeit hat. Was die Entnervten 
anlangt, die aufgerüttelt sein wollen und die sich heu- 
tigen Tages mit den Verbrechen und den Gerichtsver- 
handlungen begnügen, denen gaben damals die Maler 
schreckliche Darstellungen von Martyrien. 

Mit welchem Rechte hebt man einen Widerspruch 
hervor, der zwischen den heiligen Vorgängen besteht, 
die als Vorwand zu diesen psychologischen Dramen 
dienen, und dem ganz weltlichen Geiste, der ihr wesent- 
licher Inhalt ist, wo es doch alle hinnehmen, dass 
alle Primitiven und Raphaele uns als heilige Jung- 
frauen gewöhnliche kleine Mädchen Toskanas vor- 
führten? 

Ich bin überzeugt, dass die Gruppe Vinci, Correggio, 
Sodoma, von Michel Agnolo beherrscht, den allerhöch- 
sten, kurzen Augenblick der Kunst bedeutet; ich zögere 
aber doch nicht, den Primitiven und selbst den Malern 
aus der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts, 
den Guido Reni, den Domenicchino, den Guercino, die 
Carracci und ihre Nacheiferer vorzuziehen, die uns so 
kraftvolle und abundante Analysen der Leidenschaft 
geben. 

Ich verstehe es, dass es den Archäologen gefallt, bis 
zu Giotto, Pisano, Duccio zurückzugehen. Ich erkläre 
es mir, dass Dichter, vom Archaismus bezaubert und 
um eine lieblichere Gebrechlichkeit zu erwerben, ihre 
Gefühle atrophieren, dass solche Dichter, sage ich, sich 
an der Armut und der Dürftigkeit dieser Kleinen er- 
götzen. Wer aber eigenen Urteils ist, nicht weder 
seinen Schulvorurteilen zugunsten der Nüchternheit, 
noch der Mode nachgibt, wer ein Amateur der mensch- 
lichen Seele in ihren unerschöpflichen Variationen ist, 

172 



der wird in den guten Exemplaren der Künstler des 
siebzehnten Jahrhunderts Wesen erkennen, die ihren 
Impuls nicht von der äussern Welt erfahren, sondern 
von ihrem innen lebenden Universum, sich nicht nach 
antiken Reliefs oder nach Modellen herrichten, sondern 
nach ihren eigenen Bewegtheiten, von denen sie eine 
klare Vorstellung haben. 



Um zu resümieren: 

Zuerst musste man existieren und lebensfähig exi- 
stieren. Diesen Dienst erwiesen der Kunst im drei- 
zehnten Jahrhundert vielleicht Pisa und Siena. 

Sich langsam eine harmonische und eigene Anschau- 
ung des Universum bilden, das ist die zweite Etappe, 
die man in Florenz überschreitet, da das Einzelwesen 
Persönlichkeit wird, mit Vinci meditiert, mit Sodoma 
zu leiden, mit Correggio zu bezaubern liebt, und mit 
Michel Agnolo endlich an Stelle der von allen ange- 
nommenen Wirklichkeiten ein Universum setzt, dessen 
sämtliche Bestandteile es durch seine Meditation er- 
schafft. 

Hierauf handelte es sich darum, dass die vielen ins 
Leben geborenen Typen untereinander Beziehungen 
schaffen oder mit Intensität die Elemente nutzen, die 
sie sich zu schaffen daran sind. Dies ist das Werk, 
das wir nach Michel Agnolo in den Museen feststellten, 
und sind fast unsere Zeitgenossen, in denen die Leiden- 
schaft ein gewollter Zustand wird, erreicht durch 
mechanische Verfahren, oder mindestens doch ein be- 
wusster Zustand. 

Diese drei Phasen bezeichnen die Etappen der see- 
lischen Bestimmung jedes wahrhaften Individuums, 
ebenso wie sie die Entwicklung der Kunst in den 
toskanischen Museen resümieren. Auch sind diese 
eine vorzügliche Erziehung der Menschheit. Eine ganz 

173 



angenehme Erziehung , denn um uns zu beherrschen, 
braucht Italien nur wollüstige Emotionen. Man hat 
behauptet: ,,Ein Freund , der seine erzieherischen 
Absichten zu deutlich durchblicken lässt, erweckt 
keinerlei angenehme Empfindung, währenddem eine 
Frau, die uns formt, indem sie uns zu yerführen scheint, 
angebetet wird wie ein jfreudebringendes, himmlisches 
Wesen/^ Aus diesem Gefühl heraus nannten die 
Menschen Italien, das ihnen seit Jahrhunderten alle 
Wonnen des Glückes spendet, ganz richtig ihre Geliebte. 



174 



IN DEN LÄNDERN DES NORDENS 



ABENDDÄMMERUNG BEI DEN TIEREN. 

Bis vier Uhr nachmittags war der Tag wunderbar 
gewesen; die Wärme der Novembersonne hatte die Tiere 
munter gemacht. Das war in den Alleen des Jardin 
d'Acclimatation eine elegante Prozession und wie ein 
Herausströmen aus der Arche Noa; die Tiere trugen 
Kinder auf dem Rücken, denen die nicht wenig stolzen 
Eltern und die etwas mehr als notwendig gerührten 
alten Leute folgten. 

Die Giraffe, die ich furchtsam an mir vorbeikommen 
sah, machte den Eindruck eines sitzengebliebenen Frau- 
leins — ebenso überflüssig wie diese und gerade so 
dankbar wie sie für jede Liebkosung. Mit gleich- 
gültiger Miene trug der enorme Elephant, dem Flechten 
auf den Hinterschenkeln wuchsen und dessen kleines 
Auge in pikantem Feuer blitzte, ein kleines Paar spa- 
zieren. Auch das Kamel arbeitete. Besonders eines 
von ihnen, mit seinen langen, grauen Haaren und ge- 
drungenem Bau schön wie ein Krieger, beutelte den 
kleinen Bürger, der sich zwischen seinen Höckern fest- 
klammerte, wie einen gemeingefährlichen, alten Fetzen 
herum. 

Mehrere Male zogen die Tiere mit grosser Würde an 
mir vorüber, von einer Menge begleitet, die nicht auf- 
hörte darüber Witze zu machen, dass man Elephant, 
Kamel oder Dromedar sein könnte, und keine von all 
den Personen, die sich um diese vollkommenen Re- 
präsentanten der grossen Tiergattungen drängten, schien 
mir den wirklichen Charakter der Menschheit zu 
verkörpern, der, nicht wahr? weniger darin besteht, 
auf den Hinterfüssen zu gehen, als seine Empfindungen 
vernünftig zu ordnen. 

Aber ein schönes Paar fiel mir doch auf. Es war 
eine junge Frau, deren geschmeidiger Gang auf einen 
harmonischen Gliederbau und eine gute Gesundheit im 
allgemeinen schliessen liess. Es war ein Vergnügen 
sie anzusehen, und sie ging einem galanten Herrn zur 

177 



Seite, zwanzig Jahre älter als sie, und aus der Nuance 
seiner Vertraulichkeit konnte man ihn für einen kürz- 
lich erhörten Liebhaber oder wahrscheinlicher für einen 
jung Verheirateten halten. 

Gegen fünf Uhr änderte plötzlich alles sein Aussehen. 
Kahl sahen uns die entlaubten Bäume, farblos die 
Wolken an. Die Tiere zitterten in Bangigkeit, die Sonne 
zu verlieren und den November wiederzufinden. Wieder 
verfielen sie in ihr nie endendes Hinbrüten über die 
Unsicherheit ihrer Mahlzeit am kommenden Tage. 

Die Hunde, bei denen ich mich gerade befand, 
stiessen ein langandauemdes Geheul aus, als sie einen 
der ihren mit ihrem Herrn den Garten verlassen sahen. 
Neben diesen Wütenden zeigten sich die Pudel mit 
Schnauzbart, Aufwarten und Schweifwedeln ganz sozi- 
abel und schienen nichts anderes zu wünschen als Be- 
kanntschaften anzuknüpfen. So schön, wenn sie einem 
Herrn gehören, wirken die Pudel auf diesen engen 
Fleck eingesperrt wie in Vergessenheit geratene Leute. 
Ich weiss eine rührende im Norden gebräuchliche 
Redensart. Wenn sich dort ein Mann so sehr dem 
Trünke oder der Liederlichkeit ergeben hatte, dass die 
Geduld der Familie erlahmte, er seinen ehrlichen Namen 
verlor, fortgeht, die Seinigen verleugnet, allein in der 
Welt steht, und ihm jemand eines Tages sagt: „Ich 
kenne dich doch, du bist der aus dem und dem Dorf I^^ 
— „Nein", antwortet er, „ich bin der Hans, der sich 
seiner Eltern nicht entsinnt". 

Das ist der richtige Name, den ich für diese Pudel 
suchte. Sie sind lauter Hanse, die sich ihrer Eltern 
nicht entsinnen. Nicht, dass sie sie nicht verdient 
hätten, nein: sie hatten niemals welche. Ahl wie sie 
darunter leiden I Keiner, der nur ein bischen Ver- 
ständnis für Tiere hat, wird ungerührt bleiben, wenn 
sie mit ihren Vorderpfoten so liebevoll aufwarten und 
ihre Zunge nicht weiss, wen sie belecken könnte. 
Wieviele Schätze der Zuneigung gehen da verloren, 

178 



und das Alter wird sie mürrisch machen und ihnen 
auch noch die Räude eintragen. Ich bange für eine 
Gesellschaft, die eine solche Ergebenheit nicht freudig 
begrüsst. 

Die Dunkelheit fallt dichter. Die Affen legten die 
gelben Rüben, die sie unter Grimassen verschlangen, 
beiseite, Hessen ihre gymnastischen Apparate ruhen 
und unterbrachen sogar ihre Obscönitaten. Die Farbe 
der Vögel verschmolz nach und nach mit der des 
Bodens und die Fasanen, köstlicher gekleidet als die 
heilige Jungfrau von Sagrario, umhüllte ein Dunkel, 
das in der Basilika von Toledo nicht gestattet, die 
Perlen des heiligen Wunders zu zählen. Die Alleen 
mit ihren Hecken und geschnittenem Buchse bekamen 
das Aussehen türkischer Friedhöfe. Und über den 
ganzen Garten hin tönte das Geheul der Robben. 

Ich ging an dem nassen Schilfe hin, in dem die 
Enten gleiten, und blieb bei dem Wasserbecken der 
Robben stehen. Das Dunkel färbte es blass und tra- 
gisch, wie das legendenhafte tote Meer beim vollen 
Sonnenscheine aussieht. Eine der Robben lag ausge- 
streckt auf dem Wasserspiel und stiess unheimliche 
Seufzer aus. Auf dem Felsen zeigten vier nordische 
Vögel auf beträchtlich hohen Beinen ihr ungeheuer 
mageres Profil; phantastische Schatten, die sich gegen 
den regendrohenden Himmel scharf abhoben. Aus 
einem gleichen Gefühl schlugen in regelmässigen Zwi- 
schenräumen diese schweigsamen vier Vögel mit den 
Flügeln; die Robben kletterten den Felsen mit der 
Hast hinkender Menschen hinauf und stürzten sich 
unter bangen Schreien wieder ins Wasser zurück. Ihre 
krankhaft fetten Leiber fielen wie leblose Massen ins 
Wasser, das leuchtende kleine Wirbel bildete und uns 
bespritzte. Fröstelten wir unter den kalten Tropfen 
oder unter dem tief traurigen Dasein dieser enormen 
Unschuldigen? 



179 



Ehe ich den nun gänzlich mit Nacht bedeckten 
Garten verliess, blieb ich stehen, um einen letzten Blick 
zurückzuwerfen ... Es war nun ein grosser feuchter 
Wald; ich vernahm nichts als Geschrei und Klagelaute. 
Da ging eben das Paar vorüber, das mir vorhin im 
Sonnenscheine aufgefallen war. ,^Ach^', sagte die junge 
Frau, „was mich erschrecken würde, wäre der Gedanke, 
bis ans Ende meines Daseins mit dem gleichen Freunde 
zu leben". 

Dieses etwas zu aufrichtige Empfinden, diese Klage 
eines kleinen Mädchens mag den Vertrauten entsetzen, 
denn der Ausspruch verrät mehr Vertrauen als Liebe; 
ist aber doch ein Zeugnis von der Wirkung, die die 
Dämmerung auf alle Wesen jeder Rasse ausübt. Es 
ist in einer anderen Formel der Seelenzustand, der 
sich bei den armen Robben offenbart, die sich ewig 
um ihren Felsen hin* und herbewegen und bei diesen 
rührenden nach Liebesbeweisen hungernden Pudeln. 
Diesem Volke von Verbannten und Sklaven bleibt die 
Welt verschlossen. Für sie gibt es keine vorüber- 
gehende phantastische Laune, durch die sie das ihnen 
auferlegte Wohlleben angenehm unterbrechen könnten, 
und von allen Seiten wittern sie Fremde, deren Geruch 
ihrer Rasse zuwider ist . . . Dem Schrei all dieser 
Wesen, der so wirr unter den grossen vom November 
entblätterten Bäumen ertönte, gab einstmals eine An- 
zahl von Männern seine lyrische Form: der Gesang 
der Juden an den Ufern der Wasser von Babylon, in- 
mitten von Finsternissen, war die gleiche Klage, das 
gleiche Wutgeschrei von Unteijochten. 

Ahf was eine Kraft besitzt die Dämmerung über 
einem Garten, was eine Kraft, das wahre Wesen all 
dieser Tiere und dieses Frauenherzens zu wecken! 
Alles Nomaden, diese hier und jene dort. Umher- 
irrende Herzen, Imaginationen, die keine Gesetze wollen, 
Wünsche, die vor dem Eingang der Wüste Halt machen! 

Im gleichen Augenblicke und weil mich der Zufall 
länger neben dem Paare festhielt, vernahm ich die 

180 



Antwort des Liebhabers an seine Geliebte: ,,Was mir 
schrecklich erscheint^^, hatte sie gesagt, „ist der Ge- 
danke, dass ich bis zu meinem Lebensende mit der 
gleichen Person leben sollte". Und er, er tröstete sie 
nach einigen Minuten Schweigens, indem er sagte: 
„Ach nein, ich werde zuerst sterben". 

Das Individuum, das diese Antwort gab, ist natür- 
lich ein ausgemachter Dummkopf. Und doch bestätigt 
eine solche Antwort, die im Theater ein Lächeln her- 
vorriefe, in dem von der Abenddämmerung herbeige- 
führten Wettkampfe der Empfindungen ganz klar 
unsere Überlegenheit. Was die Heftigkeit und die 
Allüre des Ausdruckes anlangt, scheint dieser Mensch 
sicher auf einer tieferen Stufe zu stehen als alle die 
Tiere, die sich so mächtig beklagten; aber er verrät 
eine Schwächung des Instinktes der Selbsterhaltung 
und dadurch eine Qualität von Uneigennützigkeit, die 
meine teuren Pudel und die noch viel kostbareren 
Robben weit entfernt sind, sich anzueignen. 



181 



ÜBER DIE VERWESUNG. 

Zur Stunde da man Gounod in Paris bestattete, fuhr 
ich nach Versailles, den Herbst zu sehen. Dem Schlosse, 
das etwas Kaltes, Herzloses für mich hat, gab ich keine 
Zeit. (Aber es ist immerhin ein sehr sicherer Professor 
des guten Geschmackes, der das Triviale verachten lehrt, 
die grotesken Fratzen des Nordens sowohl als die Schön- 
tuerei des Südens.) Ich gab den ganzen Tag dem Ver- 
gnügen hin, das welke Laub in den Alleen zu treten. 
Die Bäume hier wurden Ende des achtzehnten Jahr- 
hunderts gepflanzt, wurden gross in der Einsamkeit 
und verdanken ihre Schönheit nur der Natur. Kaum 
dass ein paar Töne von Marie Antoinettens Spinett bis 
in das Gezweig drangen, das sich an die Fenster des 
Trianon schmiegte, damals als es noch jung war. 

Diesen Park suche ich jedes Jahr am gleichen Tage 
auf und lasse unter diesen köstlichen Gobelins des 
Herbstes meine oft zu buntscheckigen Sentiments pro- 
menieren. Heute gab ich mich dem Begräbnis Gounods, 
der das Geschenk der Tränen besass. Als er in seinen 
jungen Jahren einmal in Wien war, sprach ihm jemand 
von einer Allee, in der Beethoven einst spazieren zu 
gehen pflegte, sich stets an den gleichen Baum lehnte 
und mit fiebrigen Augen die Eingebungen seines Genius 
niederschrieb. Gounodwallfahrtete zu dieser Alle. „Dieser 
Baum'', schrieb er später, „der Baum, an den sich Beetho- 
ven lehnte, der die Hand stützte, die so viele rührende, 
erhabene, erschütternde Akkorde niederschrieb, warum 
kann man ihn nicht wiederfinden?'' Und mit einem 
Zug, der mich begeistert: „Ist dieser Baum nicht bei- 
nah ein Bruder jener heiligen Bäume des Ölberges?" 

Hier, wo ich die Macht des Herbstes fühle, verstehe 
ich sie besser, stärker, die Art, wie Gounod das Leben 
fühlte. Er übertrug alles in das Emotionelle. Ich meine 
damit nicht jene gleichwohl deliziöse Reizbarkeit eines 
Andersen, der Tränen vergoss, sobald er nicht gefallen 
hatte. Von ewig kindlicher Seele müssten derartige 

182 



Wesen wie kleine Bruder von einer niedlichen Prin- 
zessin an einem deutschen Hofe behandelt werden. Sie 
sind krank von einem Tage, der ihnen ohne Lieb- 
kosung verging. Aber die Männer, die ich beneide, sind 
an mehr Dinge verbunden als die Menge kennt; sie 
assoziieren Empfindungen, die uns entgehen. Und geben 
der Welt Verve, Herz, Genie. Dank dem, dass wir uns von 
ihren Auf weisungen ein paar Fragmente zu eigen machten, 
haben wir nicht das glasige Auge, nicht die apathische 
Seele der Tiere. Wenn sie uns alles sagen, was sie er- 
lauschen, dann sind sie Musiker öder lyrische Dichter. 

Aber nur in der Einsamkeit umhüllt uns dieses Licht. 

Oft isoliert das Herannahen des Todes bislang ganz 
unkultivierte Menschen und beugt sie auf eine Weise, 
dass sie die Dinge reden hören. Vielleicht hatte Heine, 
wenn er auch oft lachte wie ein Jude, durch die Krank- 
heit dieses Herz, das hörte, und ging Maupassant, nach 
einer Menge Novellen, bar alles wahrhaften Interesses, 
zur Natur kommunizieren, zu der Zeit, da er sein 
Schicksal ahnte . . . 

Zu dieser Rasse, die von Tasso bis zu Madame Des- 
bordes-Valmore geht, gehörte Gounod. Wenn euch 
auch seine Musik nicht mehr so beeindruckt, heute 
ihr alle Wagner gehört — der dem Schicksale, nach 
und nach seine Macht über uns zu verlieren, ebenfalls 
nicht entgehen wird — , so hört auf die Herzensschreie 
in seinen Briefen, in all seinen Schriften, in seiner 
Unterhaltung . . . 

Wir richten die innige Bitte an Herrn Jean Gounod, 
er möchte alle zerstreuten Blätter seines glorreichen 
Vaters zu einem Ganzen vereinigen. • . . 

Wo ich Gounod liebe, das ist in seiner späteren Zeit, 
wo sein Schajffen eine weichere Note anschlägt und sein 
Feuer zur flackernden Flamme wird, deren leuchtender 
Schimmer jene frommen Dinge der Kunst und Liebe 
wunderbar verklärte, zu denen noch der Greis seine 
zitternden, so viel liebkosten Hände hob. 

Während ich durch die Alleen von Versailles mit 

183 



meinem Herzen dem Sarge dieses Bezauberers der Frauen 
folgte, wirbelten die Blätter mit leisem Rascheln zur 
Erde nieder, legten sich da nieder, um zu verwesen. 
Was ein ergreifender Tag, unter einem violetten Him- 
mel! Ich hatte noch nie ein Leichenbegängnis erfahren, 
wo man mit grösserem Genüsse die Ruhe der gewesenen 
Dinge erlebte. 

Die Einsamkeit verschönert alles. Die verlassenen 
Frauen sind viel interessanter als die liebenden. Dass 
uns ein Sarg alles gebe, was er an Trauer enthält, so 
müssen wir ganz allein den Blumen folgen, die ihn 
verhüllen. Die welken Blätter von Trianon unter der 
erschöpften Oktobersonne, die kaum zu ihnen dringt, 
rochen nach Chloroform. Das ist genau der Geruch, den 
die Herbstmorgen ausatmen, wo die Natur sich chloro- 
formiert, einschlummert und stirbt. 

Endlich kamen wir an den sublimen Platz, die Terrasse 
des Grand Trianon. Niedere Pavillons, leichte, immer in 
drei abgesetzten Marmorstufen abfallende Terrassen, bis 
zum Firmamente strebende, schlafende Bäume bis an 
den Horizont, langhin unter unseren Augen ein Bassin, 
voll mit dem gelblichen Wasser des Oktober, und dar- 
über der feine Himmel des Herzens von Frankreich! 
Wo besser als hier könnte sich eines Künstlers Schick- 
sal vollenden, der nicht mehr zu tun hat, als seine 
Gaben den Elementen wiederzuerstatten? 

Unter dieser grossen entblätterten Kathedrale von 
Versailles höre ich, sehe ich, ertrage ich eine Flut un- 
beschreiblicher Schönheiten, die stundenlang über mich 
kommen. Im Garten des Grand Trianon, tiefer als wie 
die Terrasse, rechts oberhalb der Treppe zum grossen 
Kanal, da ist ein ebener Rasenplatz, wohl bereit, einen 
Leichnam aufzunehmen und ihn in unserer Phantasie 
von allem Abstossenden rein zu machen. Ja, hier versöhne 
ich mich mit dem Tode. Nur der November erschreckt 
mich, der schwarze, nach keinem Gefallen begehrende, 
und der aus diesen Blättern, die unter unseren Tritten 
wie knisternde Seide rauschen, Fäulnis machen wird. 

184 



FREUNDSCHAFT FÜR DIE BÄUME. 

Von dem kleinen Tische aus, an dem ich schreibe, 
sehe ich durch die Spalte eines aufgezogenen Vorhanges 
einen grossen Baum im nachbarlichen Garten, der ernst 
und geduldig seine Schneelast trägt. Der niedrige, graue 
Himmel lässt ihn ungeheuer gross erscheinen; vom 
Rahmen meines Fensters aus gesehen erfüllt er die 
ganze Welt. Die Wochen gehen vorüber; meine Ge- 
danken oder meine Leidenschaften, die ich in seiner 
Nähe niederschreibe, fliegen als kleine Blätter in die 
Druckerei. Auch er hat zu jeder Jahreszeit ein neues 
Aussehen und andere Gewohnheiten, die er wieder ab- 
legt. Seine Blätter übersäen die Alleen. Seite an Seite 
verändern wir uns ohne Unterlass nach unserem In- 
stinkte. Wie bewunderungswürdig ist seine sichere, 
friedliche Kraft I Welches Vorbild für einen Arbeitenden! 
Ich liebe ihn sehr, mit einer ruhigen und hygienischen 
Freundschaft. 

Der Verein gegen den Missbrauch der Vivisektion 
erwies mir die Ehre, mich unter seine Mitglieder auf- 
zunehmen, und ich protestiere zweifelsohne freudigst 
mit diesen Herren gegen die vielen Grausamkeiten, die 
man an den Tieren verübt. Aber bietet das Gedeihen, 
die Schönheit und die Gesundheit der Bäume nicht auch 
einen Gegenstand der Sorge, für den man sich leiden- 
schaftlich begeistern kann? Die Hunde, die wir heute aus 
müssiger Neugierde vivisezieren, haben einstens mit un- 
seren Vorfahren ein Bündnis geschlossen, das es der 
Menschheit möglich machte, sich vor den grossen Tieren 
des Waldes zu schützen und vor jenen Menschenaffen, 
die der Neid gegen den erfüllte, der ihnen deutlich über- 
legen schien. (Was noch heute in unserer Gesellschaft 
vorkommen soll.) Ebenso haben uns die Bäume in ihrem 
Gezweige Wohnstätten gegeben, uns beschützt und mit 
ihren Früchten genährt. Tiere und Bäume dienen uns 
in gleichem Masse. 

Wenn wir gesund und ganz den Intriguen unseres 

185 



Milieus überlassen sind, können wir die Liebe, den 
Hass, die Ambition, jede Leidenschaft und die Intriguen 
selbst gern haben. Aber wenn dann die Abspannung 
kommt, einiger Ekel, Überdruss — dann, gestehen wir 
es nur, dann finden wir in den Dingen der Natur weit 
mehr Erquickung als in allen diesen Geschichten der 
Zivilisation. Einer der allermerkwürdigsten Männer 
und einer, der ein umfassendes Wissen über die Völker 
und Zeiten besitzt, gibt zu: „Nichts scheint mir den 
Vergleich mit den Bergen, dem Meere, den Wäldern 
und den Flüssen bestehen zu können '', sagt Taine. 
In meiner Erinnerung übertrifft nichts das angenehme 
Gefühl, das mir in Cadix der Anblick eines Esels unter 
einer blühenden Magnolie bereitete. 

Wenn ich einen Atlas durchblättere — gibt es eine 
bessere Zerstreuung? — wendet sich meine Neugierde 
immer nach den alten Ländern Asiens, nach den 
Tälern des Kaukasus und nach Armenien. Trotz der 
unter Steinen verborgenen Skorpione, welcher Rausch 
müsste es sein, die frische Abendluft in Etchemiadzin 
zu geniessen, neben dem Erdhügel, den man als Noahs 
Grab bezeichnet, und in Betrachtung des gewaltigen 
Arrarat, dessen weissen Schneegipfel schwarze Lava- 
streifen durchfurchen f 

„Ohne die Belehrung, die wir den Asiaten dieser Länder- 
striche verdanken — sagen die Geographen — , ohne 
die Gewerbe, deren Kenntnisse sie uns überlieferten, 
ohne die Pflanzen und Früchte, die sie als erste kul- 
tivierten; ohne die Freunde und Helfer, die sie uns 
in der .Tierwelt herangezogen, befänden vrir uns noch 
in der tiefsten Barbarei." Wie gerne würde ich eine 
Pilgerfahrt dahinunter machen! 

Das sind die Regionen, in denen die menschliche 
Bestie allmählich Mensch wurde und die ersten grossen 
Pakte schloss: die Dressur, den Ackerbau. Ein Büchlein 
voll von Begeisterung, mit Versen und Träumen könnte 
man von dort mitbringen, einen Aufruf zur Mystik 
dieser Institutionen, die uns manchmal bis zu dem 

186 



fernsten Ursprünge unseres Ich zurückführte. Wie schön 
liesse es sich mit einer etwas Hegelianischen Geistes- 
richtung in jenen verlassenen Herbergen der Ebene 
philosophieren, deren Stille nichts unterbricht als die 
klagenden Laute der Hyänen, die wie grosse Katzen 
auf den Gräbern sitzen. 

Massgebende Leute behaupten, dass lediglich die 
rohe Behandlung in unseren Ställen daran schuld sei, 
warum nicht beinahe alle, oder doch die Mehrzahl der 
Tiere darin ihre Unterkunft sucht. Eine andere Fahr- 
lässigkeit ist nicht minder bedauerlich, nämlich der 
ungenutzte Oberfluss an Pflanzen und Früchten in den 
Gärten des Kaukasus. Mit leichter Mühe könnten sie 
unsere Gärtner zum köstlichsten Wohlgeschmacke ver- 
edeln. Arme, vernachlässigte Pflanzen I Nicht nur ihrer 
Mannigfaltigkeit berauben wir uns, wir entbehren auch 
ganz die moralischen Hilfskräfte, die sie uns bieten, 
und über die ich sprechen möchte. 

Die Sentimentalen sind zu wenig daran gewöhnt, 
sich über die Pflanzen liebevoll freundliche Gedanken 
zu machen. Wir verbringen Tage damit, in den Äusse- 
rungen der Tiere, die in der Intention ihrer Autoren 
ganz gleichgültig sind. Beweise ihrer Sympathie für uns 
zu entdecken. Der Hund, der uns seine Pfote gibt, 
bekundet uns damit keine grössere Freundschaft als 
eine duftende, sich anmutig neigende Pflanze, oder als 
ein Kirschbaum, der seine Früchte darbietet. Man 
muss nur zugeben, dass Hund und Baum uns erfreuen, 
ohne es zu wissen. 

Der unglückselige Chambige, dessen glänzende Phan- 
tasie bedauerlicherweise mit dem absoluten Unvermögen 
gepaart war, die Wirklichkeiten zu verwerten, machte 
die Vorarbeiten zu einem Buche, von dem mir nichts 
weiter bekannt ist als der Titel: Die unübertragbare 
Seele, in dem er aber sicher entwickelte, dass sich zwei 
Wesen niemals ganz ergründen können. Wir alle sind 
in ein schreckliches Alleinsein eingemauert. Das in- 
nerste Wesen unserer Geliebten, unseres Freundes bleibt 

187 



für uns ebenso ein Rätsel, wie das Lebensgeheimnis 
eines Hundes oder eines Apfelbaumes. Wenn die Mensch- 
heit nun schon die Gewohnheit angenommen hat, alle 
Dienste und Liebkosungen, mit denen uns ein gutes Tier 
erfreut, als Beweise seiner Anhänglichkeit auszulegen, 
weshalb in bezug auf die Pflanzen weniger Wohlwollen 
zeigen? 

In Spanien brachte ich eine rührende Geschichte in 
Erfahrung, dass eine Blume nicht weniger Zartgefühl 
kundgab als der Hund des Montargis, der, wenn ich 
nicht irre, berühmt ist durch den Trost, den er seinem 
Herrn gab. Es handelt sich um einen Mönch, der 
schwachsinnig schien. Er verstand nur eine Messe zu 
lesen und wiederholte sie alle Tage. Die Kinder, die 
er in den Gassen von Toledo segnen wollte, verspot- 
teten ihn, denn trotzdem sein Herz voll guter Gefühle 
war, fand er nicht die rechten Worte. Wüstlinge lehrten 
ihn unflätige Redensarten wie einen Papagei, und er 
erregte grosses Ärgernis, Als er starb, jubelten die 
frommen Seelen, denen er zuwider geworden war, und 
man begrub ihn eilends an unheiligem Orte. Aber 
Unsere Frau erschien einem von jenen, die sich über 
seinen Tod gefreut hatten, und befahl, dass man ihn 
ausgrabe und würdiger bestatte. Man fand den Leichnam 
unversehrt, aus seinem Munde aber sprosste eine schöne, 
wohlriechende Blume. 

O kleine Blume, du bist nicht weniger rührend als 
der Hund, der seinem erniedrigten Herrn die Hände 
leckt! 

Die Menschheit hat sich selbst geschädigt durch die 
Annahme, dass die Pflanzen keiner Zuneigung föhig 
seien. Wir hätten uns in dieser Hinsicht die gleiche 
Illusion bilden müssen, wie wir sie über die Tiere haben. 
Besassen wir sie nicht vielleicht einstens in primitiver 
Zeit, damals, als der Mensch begann, sich eine leitende 
Stellung im Weitall zu erobern? Wenn ich ein paar 
Wochen in Armenien verleben könnte, würde ich dort 
über die ungeheuere HofiTart trauern, zu der uns die 

188 



Ziyilisation führte, die jenen tiefen Ebenen entstammt. 
Es ist ein geheiligter Lehrsatz unserer Universitäten, 
den Triumph der ,,£reien Hellenen^' über die ,,Horden 
des Darius und Xerxes^^ als die Offenbarung der Men- 
schenwürde zu verherrlichen. Daher datiert der Begriff 
des Individuums. Der Mensch wurde glorifiziert, zum 
Gott gemacht. Ich bin damit einverstanden. Aber wenn 
ich jene Länder bereiste — sie sollen trotz allem ein 
wenig beschwerlich sein — , so wäre es nicht, um meine 
in der Schule gesammelten Vorurteile dorthin mitzu- 
nehmen. Ich würde mich fragen, ob nicht etwas unter 
dieser mächtigen Zivilisation, die Griechenland als 
Bruchstücke sammelte und weiter entwickelte, zugrunde 
ging. Die menschliche Rasse so hoch zu heben, hiess 
die anderen Wesen hintansetzen, sie unterdrücken und 
erniedrigen. Um präziser zu sprechen: indem man uns 
einen so egoistischen Begriff vom Wert und Bedeutung 
des Menschen vermachte, hat man das Bild atrophieren 
lassen, das sich unsere Vorfahren vom GesamÜeben 
gemacht hatten. 

So habe ich für diesen von der Universitätsweisheit 
so molestierten Xerxes eine lebhafte Sympathie. Er 
besass eine Grösse und Macht der Melancholie, die 
weder die Griechen noch wir alle erbten. Gewiss, er 
hatte von der persönlichen Freiheit und besonders der 
Gleichheit eine Anschauung, die unsere Demokratien 
nicht billigen würden; aber er besass ein ausgeprägtes 
Gefühl von der Brüderlichkeit aller Wesen, das seitdem 
vollkommen verloren ging. Erinnert man sich der 
wundervollen Geschichte, die Herodot erzählt? Als 
Xerxes mit seiner ungeheueren Armee, die er gegen 
Griechenland führte, jene Länderstriche durchzog, kam 
er an einem schönen Baume vorüber und wurde für 
ihn von solcher Bewunderung und Liebe ergriffen, dass 
er ihm seine Armbänder und Halsketten an die Zweige 
hängen wollte. Dann bestimmte er zur Pflege des 
Baumes einen „unsterblichen'^ Mann, das heisst, wenn 
der eine Pfleger starb, musste ihn ein anderer ersetzen. 

189 



Ahf Diese Geschichte ist yornehm und von einer 
Art Wirkung, wie man sie manchmal in den schat- 
tendüsteren, feuchten Parks der kleinen deutschen 
Städte wieder fühlen kann, oder in Granada, dessen 
Wert nur in seinem märchenhaften Baumschatten be- 
steht, unter einem verzehrenden Himmel I Lieben wir 
die Bäume. 



190 



HAMLET IN SALM-SALM. 

Am 10. September 1893 hat die kleine 
Stadt Senones, frühere Hauptstadt des 
Fürstentums Salm-Salm, ihre 100 jährige 
Vereinigung mit Frankreich gefeiert 
(Die Zeitungen.) 

Ich habe eine Vorliebe für die kleinen anämischen 
Höfe Deutschlands. Dass der Moment ihrer zivilisatori- 
schen Bedeutung ein überlebter ist^ darüber muss man 
sich trösten, aber ich kann ihre veijährten Verdienste 
nicht gering schätzen. Man entwickelte da keine grosse 
Tatkraity keine herbe Tugend; aber gewisse Feinheiten 
und eine allgemeine Artigkeit lebten nur da. In der 
Kunst verhimmeln diese kleinen Höfe das Bibelot, ver- 
mischen den Komfort mit dem Dekor; in der Politik 
temperiert ein Zug familiärer Gutmütigkeit die Aus- 
übung der absoluten Herrschergewalt. Ein paar über- 
flüssige aber reizende Eigenschaften, gewisse Raffine- 
ments traten nur in diesen kleinen Ländchen in Er- 
scheinung, wo die Schwierigkeit frei zu atmen allmäh- 
lich ganz ungewöhnliche Menschenpflanzen entwickelte. 
Ende des vorigen Jahrhunderts bis zum Jahre 1820 
sah man in diesen Fürstentümern vornehme Damen, 
die mehr Kultur als Esprit besassen, mehr durch den 
Geist des Familienlebens verfeinert waren als durch 
die Traditionen ihrer Rasse, die aber jenen romantischen 
deutschen Geist schufen, dessen erster Seufzer so zart 
und ergreifend klang, bevor man ihn vulgarisierte. 

Ich machte die Reise, die ganz kleine Reise, durch 
dieses Fürstentum. In einem köstlichen, engen, ent- 
zückend romantischen Tale stiess ich auf Senones, ein- 
stens die Kapitale der Fürsten, in deren Schloss die 
Stadt nun eine Spinnerei installiert hat. 

Die Prinzessinnen von Salm-Salm ! Was ein hübscher 
Name, ironisch und einschmeichelnd wie ein Gedicht 
von Heinrich Heine. Ihren Briefen nach zu schliessen 
kann ich mir sie vorstellen, wie sie abenteuerlustig und 
verführerisch an die befreundeten Höfe von Wien und 

191 



Prag kamen, wenn sie ab und zu ihrem Bibelotreiche 
entliefen. 9,Meine Mutter hat mir oft von den Prin- 
zessinnen Salm-Salm erzählt^^, sagte mir eine alte dort 
einheimische Dame. Aber welche Vorstellungen die 
einstigen Untertanen über ihre vormaligen Süzeränen 
Fürstinnen hatten, das hat die Nacht an sich genom- 
men. Sie werden sich nicht einmal in Feen verwan- 
deln, wie es das Recht einer jeden vergessenen Prin- 
zessin ist. Die jungen Burschen von Senones verstehen 
sich recht schlecht auf das Vergnügen, denn nicht ein- 
mal die Zwanzigjährigen träumen davon, auf abgelegenen 
Pfaden unter berauschend duftenden Tannen den ab- 
geschiedenen Damen von Salm-Salm zu begegnen. 

Alles von ihnen ist gestorben. Im Garten der Prin- 
zessinnen fand ich nicht eine einzige Blume, die einst 
eine ihrer Lieblingsblumen hätte sein können. In ihren 
ehemaligen Beeten hat man Teiche angelegt^ und da 
diese nur als Reservoire der Fabriken dienen, bringen 
sie nicht einmal etwas Melancholie auf. Das ist Se- 
nones, die uralte Hauptstadt der Salm -Salm vor dem 
Besucher. 

Aber würde das Aufwirbeln des Staubes der alten 
Archive unser Bedürfnis nach Romantik mehr befrie- 
digen? Nichts findet sich in diesen alten Papieren, 
kein historischer Roman, kein leidenschaftliches Aben- 
teuer, dem ein Dichter neues Leben zu verleihen wüsste. 

Und doch war es ein markiges Geschlecht! Man hatte 
ja nie weniger als zwölf Kinder. Die männlichen Nach- 
kommen bekannten sich abwechselnd zum lutherischen 
Glauben oder zur römischen Kirche, je nachdem der 
Nutzen grösser schien, sich der einen oder der anderen 
Partei zu verdingen. Die Felder ihrer Kämpfe sind 
unberühmte Dorfnamen geblieben; und trotzdem sie 
acht historische Jahrhunderte lang ihre Tatkraft be- 
tätigten wie irgend einer, hatten sie doch das Miss- 
geschick, dass ihre Taten keinerlei bedeutende Folgen 
nach sich zogen. Die langwierigen Händel der Fürsten 

192 



Salm-Salm mit dem Kloster Senones sind ebenso lang- 
weilig wie die zähen und hinterlistigen Grenz- und 
Enklayestreitigkeiten zweier Grundbesitzer. Und was 
die Prinzessinnen anlangt, so ist in ihren unortho- 
graphisch und im Küchenstile geschriebenen Briefen 
von nichts die Rede als von Schweinefettvorraten und 
Kleidersorgen ihrer Söhne. Ich könnte nichts über diese 
rauhen Leute berichten, was weniger kalt und nüchtern 
wäre als ihre Grabschriften auf den wappengeschmück- 
ten Steinplatten. 

Drei Tage hatte ich unter ihnen verlebt, und nach 
dieser Zeit waren die Salm-Salm in meiner Vorstellung 
nicht mehr einzelne Individuen, sondern nur eine Fa- 
milie, und wie man es im Jahre 1822 machte, so hat 
die Geschichte ebenfalls alle ihre irdischen Überreste 
in einem Beinhaus vereinigt Im Schlosse riss man das 
Geländer der Ehrentreppe herunter und benutzt es nun 
als Gitter zur Grabkapelle. Das war eher eine philoso- 
phische Handlung als Vandalismus. Das Geländer führt 
nirgends mehr hin, es ist nur der Abschluss einer 
Gruft Gestern hiess es noch: „Quo non ascendaml^^ 
heute aber „Requiescant in pace^^ Und von Senones 
wie von Hamlets Helsingör schreiben die Reisebücher: 
„Helsingör, Senones, kleine handeltreibende Städte^^ 

Warum aber drängt sich meiner Phantasie ein Zu- 
sammenhang auf zwischen diesen sich so fem liegen- 
den Marktflecken? Weil mir die Atmosphäre dieses 
mediatisierten Fürstentums eine Art von Hamletischem 
Stimmungsgenuss bereitet Hier, weit mehr als in Hel- 
singör, das alles der Gefälligkeit eines Dichters ver- 
dankt, rühre ich an einen Fall jener melancholischen 
Ohnmacht, die von Hamlet unsterblich gemacht wurde: 
das unwürdige Ende eines Geschlechtes, das unfähig 
war, zu vollbringen, was ihm sein Erbe befahl. 

Der einzige Moment der acht Jahrhunderte langen 
Geschichte, der mich interessiert, mich bewegt, ist das 
fatale Jahr 1791, wo sie, auch sie, sagten: „Es ist et- 
was faul im Staate Dänemark^', ihr Schloss im Stiche 

193 



lassen 9 ihre Rechte , ihre Pflichten, nnd wortbrüchig 
werden gegen das Gebot ihrer Vorfahren. Wieviel er- 
habner ist, verglichen mit dem Erlebnisse eines jungen 
Mannes, der nicht imstande ist, seine Braut zu heiraten, 
noch seinen Vater zu rächen, diese wahre Geschichte 
der Salm -Salm, die aus ihrem Fürstentume in das 
Schloss Anhalt veijagt werden, wo sie sich noch vor 
Wind und Wetter schützen I Anhalt ist ein weitläufiges 
Schloss neben einem düsteren Weiher in Westfalen I 

. . . Während des ganzen Endes des 18. Jahrhunderts 
litten die Salm -Salm schon unter peinlicher Geldnot. 
Ihre ganze unveröffentlichte Korrespondenz dreht sich 
ausschliesslich um diesen wunden Punkt. Sie versuchen 
auf alle Weise vom Kaiser in Wien Subsidien zu er- 
langen, und ihr Amtsverwalter in Senones macht sich 
durch seine Härte verhasst. Im Jahre 1791 redigierten 
die Reichsstände des Fürstentums ihre „cahiers^^ Der 
Fürst war ganz paff. Wir besitzen die von seiner 
eigenen Hand geschriebene Antwort darauf; in einem 
Stile, wie sich seiner heute noch die „reaktionären^^ 
Schriftsteller bedienen. Die neuen Ideen werden darin 
als „tückische Ratschläge'^ hingestellt, die „nichts an- 
deres bezwecken, als alle geheiUgten Bande des Gehor- 
sams, des rechtmässigen, erspriesslichen Einvernehmens 
zu lockern und an dessen Stelle Empörung und Anar- 
chie, die grausamsten Zuchtruten aller ehrbaren Leute, 
zu setzen.'' Der Fürst beklagt sich über die allgemeine 
Insubordination, die Verachtung, die man seiner Auto- 
rität zeigt, indem man seine Leibgarde aUerorts und 
jederzeit insultiert. Man fühlt, er hat ausgespielt. In 
allen Punkten gibt er nach, „selbst auf Kosten seiner 
Einkünfte''. Nur der exzellente Ton seines Schrift- 
stückes zeigt noch einige Würde. Aber die vollendet 
liebenswürdige Schwäche dieses unfähigen Mannes steht 
dem Nachkommen der „wilden Gebieter am Rheine" 
nicht gut Übrigens verliess der Fürst fünf Monate 
später sein Schloss mit seiner Familie und der seines 

194 



Amts Verwalters 9 verhöhnt, vielleicht sogar in Lebens- 
gefahr. 

Achtzehn Monate dauerten diese Wimisse. Im Jahre 
1793 ergab sich das Fürstentum an Frankreich, be- 
droht von Hungersnot und um dem Dekret des Kon- 
vents zu entgehen, das die Getreideausfuhr selbst für die 
Enklaven der Republik verbot Der Konvent delegierte 
den famosen Couthon nach Senones. Die Bürgerwehr 
des Fürsten wurde die Gendarmerie, und die Bürger 
des Städtchens legten den Betrag der alten Grundsteuern 
in die Hände eines neuen Mannes. 

Während Couthon einen sehr schönen Bericht voll 
von jugendlicher Tatkraft und Glauben nach Paris 
sandte, was begann unterdessen der arme Fürst Kon- 
stantin, der „vormalige Tyrann?" Was für ohnmächtige 
Gedanken plagten ihn? Wartete dieser Salm-Salm, bis 
er die Stimmen seiner Vorfahren vernehmen würde, wie 
einst Hamlet auf den Wällen von Helsingör? Ich ver- 
mute, er sah in dem ganzen Umstände nichts anderes 
als den Verlust einer Rente von ungefähr 60000 Francs. 

Später gab ihm der Reichstag zu Regensburg das 
Almosen einiger Stückchen Landes am rechten lUiein- 
ufer. Napoleon ernannte ihn zum Mitgliede der deutschen 
Konföderation. Im Jahre 1816 erschien er selbstver- 
ständlich in Paris. Was erhoffte er nicht alles? Gegen 
1820 schickte er 1000 Franken an die Gemeinde Se- 
nones, die ihm sehr höflich darauf antwortete. Im 
Jahre 1826 wurde er aus Frankreich ausgewiesen. 
Darüber war der greise Mann sehr erstaunt; er hielt 
sicherlich den Wunsch nach seiner Wiedereinsetzung 
für einen Beweis seiner Treue gegen die Bourbonen. 

Seine Enkel dienen als Offiziere in der deutschen 
Armee, haben sich aber so wenig um ihr Erbe ge- 
kümmert, dass sie, wie ich weiss, nicht einmal mehr 
im Besitze ihrer Adelsbriefe sind. 

Am 10. September im Jahre 1893 habe ich es in 
Senones erlebt, dass man zu gleicher Zeit die Güte 

196 



der Ffirsten Salm-Salm, lokale Erinnerungen, Couthon 
und Frankreich feierte. Welch wunderbare Fähigkeit 
des Vergessens, Versöhnens und der Indifferenz besitzen 
doch die Enkel I 

Aber die lebenslustige Bevölkerung von Senones 
liebte es von jeher, Feste zu feiern. Als im Jahre 1791 
die regierende Fürstin von einem Knaben entbunden 
wurde, ordnete die Stadtverwaltung die Abhaltung einer 
feierlichen Messe an, Musik, Glockengeläute und am 
Abend Böllerschüsse und Illumination. Das Programm 
vom 10. September 1893 war ganz dasselbe. 

Ohne Zweifel sind die Mörser genau die gleichen, 
die man einst zu Ehren des Prinzen und Couthons 
abschoss. 

Es ist nur bedauerlich, dass der jetzige Chef der 
Salm -Salm nicht die Reise von Anhalt nach Senones 
machen konnte. Sehr wahrscheinlich würde er zu 
Rechten des Herrn Charles Ferry, Bruder des Herrn 
Jules Ferry und Deputierter des dortigen Kreises, der 
Held des Festes gewesen sein. Er hätte in einem kleinen, 
für diese Gelegenheit zusammengestellten Museum alle 
die Familienschätze vereinigt geftinden, wie er sie wie- 
derzusehen nicht mehr in die Lage kommen wird. 
Nicht, dass sie verloren gingen, denn die Gallerie von 
Epinal ist gerade die Bildersammlung der Fürsten von 
Salm-Salm; ihre Familienkorrespondenz, in drei dicke 
Bände gebunden, ist das Eigentum der Bibliothek von 
Nancy; ihre Porträts sind bei den jüdischen Zwischen- 
händlern der Gegend verstreut, und wie ihre Schlösser 
von den Industriellen Senones nützlich verwertet sind, 
so werden die Kunstkenner des Landes sich an einem 
guten Teil ihrer Bibelots erfreuen. In einem Glaskasten 
der Ausstellung sah man eine hübsche Flinte, im Ka- 
taloge bezeichnet als „Flinte einer Prinzessin Salm^^ 
Im ganzen rechtfertigt das alles den Ausspruch lokaler 
Chronisten: die Salm-Salm haben in der Gegend manches 
gute Andenken zurückgelassen. 

Ich weiss nicht, ob der Leser würdigt, welche Fülle 

196 



von Ironie, Konfusion und hoher Ergötzlichkeit in 
der Philosophie Hegt, mit der die Beteiligten allmählich 
die Ereignisse auslegen und nach und nach die Nu- 
ancen verwischen; aber in diesem Mikrokosmus kann 
man sich des allerschönsten Zeugnisses dafür erfreuen, 
was die ,,immanente Gerechtigkeit^^ der Geschichte und 
der „Scharfblick der öffentlichen Meinung^^ wert sind, 
und vor allem wird man bestätigt finden, dass der Er- 
folg immer die Gerechtigkeit und das Recht ist, selbst 
in den Augen der Besiegten. Ich für meinen Teil ge- 
niesse in höchstem Masse jedes kleinste dieser Details. 



197 



DER BLICK AUF DIE WIESE. 

Nicht das Leiden des Amfortas, nicht seine Jammer- 
rufe noch seine abgemagerten Hände, die er gegen die 
Wunde seines armen Menschenherzens presst, ist es, 
was uns in diesem Heldengedichte Parsifol zum Weinen 
zwang. 

Es ist auch nicht die Glut, mit der Kundry Parsifal 
zu verfuhren sucht, und die Tranen der verzichtenden, 
leidenschaftlichen Frau vermengt mit dem Andenken 
an seine, aus Kummer verblichene Mutter. „Meine Liebe 
bietet dir, o herbe Freude, in der Glut des ersten Kusses 
das letzte Lebewohl deiner Mutter." Es ist getrübte 
Wonne, wenn innerer Vorwurf sich mit dem Verlangen 
paart Aber Kundrys kraftlose Geste, trocknet sie Tranen? 
liebkost sie? Wir waren alle atemlos . . . Und doch, 
das war es nicht, was unser Herz schmelzen machte. 

Hierauf der Zusammensturz von Klingsors Reich und 
der Welt des äusseren Scheines, das Versinken des 
Blumengartens. Wie schön und traurig schien uns 
dieser, die ganze Erde reich durchduftende, verwelkende 
Blumenregen! Das hiess das Herrlichste, was man in 
all diesen zierlichen, feinen Blumenseelen erschaute, 
zu Streu verwandein. Da liegt ihr nun, Rosen, deren 
duftende Kelche dem jungen Mann von Sybaris den 
Schlummer verscheuchten, ihr schweren, heiligen Lo- 
tosblumen, die zwischen den Brüsten und in den 
Haaren Kleopatras den rauhen Krieger berauschten; 
ihr spitzenzarten Blumenkronen der Iris und Menyan- 
thes, Mondblumen, die die junge Ophelia zerzupfte, 
und ihr früher Hortensien! Wie ergriff es uns, als Par- 
sifal den Zauberbann eurer trügerischen Schönheit brach ! 
Um es zu ertragen, fanden wir Kraft. 

Kundry trocknet mit ihren Haaren Parsifals Füsse, 
und die freiwillige Demut ihres Herzens rief in unserer 
Seele das Bild der Magdalena wach, in die wir Christen- 
kinder alle, vom Beginn der ersten Religionsstunden 
an, ganz toll verliebt waren. 

198 



Erhabenes, das uns vor Wonne erblassen liess, aber 
dem Helden y dem Orchester und dem Dichter riefen 
'wir zu: „Verschwendet noch mehr euer Genie, bohrt 
es noch tiefer in unser HerzI Wir vermögen noch mehr 
zu ertragen". 

Dies wurde dann unsere Grenze: Kundry geht nach 
dem Hintergrund der Bühne, stützt sich auf das Gatter 
und schaut stumm auf die grosse Wiese. O unver- 
gleichliche Minute! Wohltat niemals zu verlieren, höch- 
ster Gipfel, auf dem all unser wonniges Erbeben schwin- 
det, auf dass das Erhabenste uns ganz überwältige! 

— Kundry, woher dieser Friede, der dein Herz so 
göttlich beseelt? Im Laufe der Jahrhunderte haben ihn 
einige Helden schon empfunden und ihn, wie du an uns, 
an die Menschheit ausgeteilt. Es ist die erhabene Ruhe, 
die Sokrates im Gefangnisse überkam, und jenen, der 
sich auf dem Olberge wieder emporrichtete. Was haben 
sie gedacht, der eine und der andere, während ihres 
Schweigens? Sokrates' Blick verweilte lange auf Athen; 
er war zur Überzeugung gekommen, dass es einem 
Bürger nicht gezieme, sich den Gesetzen, selbst unge- 
rechten, zu entziehen; er opferte sich der Stadt. Jene, 
die den Blicken Jesu folgten, sahen diese gen Himmel 
gerichtet; er rief seinen Vater an und opferte sich dem 
göttlichen Willen. Was aber. Blick der Kundry, ent- 
decktest du auf diesem Wiesenplan? 

— „Wildwachsende, einfache Blumen, die der Natur 
folgen^', antwortet sie. 

Auf dieser Wiese sehen wir weder den mystischen 
Ölbaum der Religionen, noch den Ölbaum der Gesetz- 
geber. Weder eine Stadt noch einen Gott, die uns ihre 
Gesetze vorschrieben. Kundry hört nur auf ihren In- 
stinkt. „Reinen Herzens, ein reiner Tor, folgt er seinem 
Herzen^^, das ist das wesentliche Parsifals. 

Auf dieser Wiese spriesst nichts, was menschliche 
Kultur hervorbrachte, sie ist die tabula rasa der Phi- 

199 



losophen. Wagner verwirft alle Hüllen, alle Formeln, 
die den zivilisierten Menschen verdecken , beschweren, 
verunstalten. Er fordert das schöne Urbild der Mensch- 
heit, in dem des Lebens Säfte mächtig wirken. Ach! 
einstens führte das Leben jeden seiner Vollendung zu. 
Der Mensch widersetzte sich ihm nicht. Seine Hand- 
lungen erschlossen die Regungen seines Herzens. 

Der Philosoph von Bayreuth verherrlicht den natür- 
lichen Impuls, die Kraft, die uns zum Handeln treibt, 
ohtie dass wir sie vorher prüfen. Er exaltiert das selbst- 
herrliche Geschöpf, das über allen Formeln steht, sich 
keiner anpasst, sondern das Gesetz in sich selbst findet. 

Sokrates verkündet durch sein Opfer die Gesetze der 
Stadt. Christus das Gesetz Gottes, die Liebe. Was be- 
gründen in so herzzerreissender Weise die Heldenge- 
stalten Wagners: Kundry, Tristan, Tannhäuser? Die 
Gesetze des Individuums. 

Nur ein Gesetz hat Wert: das Gesetz, das wir unserem 
lauteren Herzen abrangen. Um uns im Sinne unserer 
Vollendung zu lenken, bedarf es weder unserer An- 
passung an die Regeln der Stadt noch der Religion. 
Soll man ein Bürger, ein Gläubiger sein? Nein: ein In- 
dividuum sein, das ist die Lehre Richard Wagners. 

Aber gebe sich keiner einem Irrtum hin. Es ist dies 
keineswegs eine Lehre leichter Freuden. Die Kultur 
des Ich, ebensogut wie die Kulte des Gottes und der 
Stadt, erheischt Opfer. 

Unsere eigene Natur darf keiner anderen unterge- 
ordnet werden. Unsere Strebungen dürfen sich nicht 
von unwürdigen Objekten befriedigen lassen. 

Gerade darin besteht das Leiden des Amfortas, dass 
er seine Liebe an einer Frau b^riedigte, die nicht 
würdig war geliebt zu werden. So versündigte sich 
auch der Ritter Heinrich Tannhäuser im Venusbeige; 
er erreicht erst die Vollendung, wenn er Elisabeth liebt, 
die ihm allein jene Art von Liebe bieten konnte, für 
die er geboren war. Das Verbrechen Kundrys selber 

200 



bestand darin, dass sie ihrem Ich widersprach. Die 
zum Erbarmen Geborene verlachte aus Hoffart, oder 
vielleicht aus falscher Scham, den Gekreuzigten, der 
den Kalvarienberg erklomm; und bekannte sich so zur 
Sinnesart ihrer Mitbürger: sie wird darum so lange 
verflucht sein, bis sie ihrer wirklichen Natur, die De- 
mut in der Liebe ist, Genüge getan hat. 

War nun dieser zügellose Individualist Wagner — 
was alle Gegner unserer Religion des Ich nur zu gerne 
beweisen möchten — ein des Opfers unfähiger Schwelger? 
Belehret euch darüber aus seiner ganzen Biographie. 

Niemals gestattete er seinem innersten Wesen, sich 
von seiner Bestimmung abzuwenden. Um dieser treu 
zu bleiben, opferte er jedes Verlangen nach unmittel- 
baren Genüssen, die er nur erreichen konnte, wenn er 
seine wesentlichsten Kräfte, seine Kunstinstinkte, den 
entstellenden Geschmacksforderungen des Publikums 
und dem Empfinden der grossen Menge unterwarf. 
Wagner hat sich, wie die Mystiker sagen, mit Abscheu 
von seinem Jahrhundert abgewendet. Der Natur seines 
Verlangens nach konnte er in der Mittelmässigkeit des 
Bestehenden keine Befriedigung finden. Und er besass 
diese Vornehmheit (im Gegensatze zu Amfortas), in keine 
Verminderung seines Ideals zu willigen — sie würde 
ihm einen Schmerz verursacht haben, der sein Leben 
vergiftet hätte. 

Seiten des Phädon, heilige Legende vom Olberg, 
die ihr dem Menschen befehlt, sich den Gesetzen der 
Stadt zu beugen oder den göttlichen Willen anzuer- 
kennen, gestattet dem Karfreitagszauber seinen Platz 
auf eurer Höhe! Der Prophet von Bayreuth kam zu 
seiner Stunde, alle jene, die sich nicht mehr um die 
Dogmen und die Gesetze kümmern, in seine Schulung 
zu nehmen. 

Pilgern wir nach Wahnfried, ehren wir auf Wagners 
Grab die Vorahnung einer neuen Ethik. 



201 



DREI PSYCHOTHERAPEUTISCHE 
KÜRORTE 



I. EIN BESUCH BEI LEONARDO DA VINCI. 

Den Analytikern des Ich. 

Mailand bewegt uns unter allen Städten, weil es der er- 
wählte Aufenthalt des Leonardo da Vinci war und weil 
Stendhal in seiner Verehrung für diese Stadt so weit 
ging, dass er statt jeder Grabschrift die Worte wünschte: 
,,Bürger von Mailand^^ Aber bei Stendhal müsste man 
erst von dem Öden Hafen von Civitä Vecchia sprechen, 
wo sich der alte, schöne Apoplektiker dreissig Jahre 
langweilte und keine andere Zerstreuung hatte, als 
jeden Abend zwischen 8 und 9 Uhr bei dem einzigen 
Buchhändler des Ortes ein Plauderstündchen zu halten. 
Ich aber will von einem Besuche bei Leonardo da Vinci 
berichten. 

Nicht als ob das Werk des Leonardo, das nie sehr 
umfangreich war, in Mailand besonders vertreten wäre. 
Manuskripte, Skizzen, und die wundervolle Freske des 
„Abendmahles^^ — das selbst der liebe Gott schön zu 
finden scheint; denn wie hätte anders das Kunstwerk 
den Misshandlungen der Soldaten, die die Farbe ab- 
kratzten, und der Maler, die es übermalten, stand- 
halten können? — Alles andere Bilder, die Schüler 
unter seiner Leitung ausführten: das ist alles, was 
Mailand dem Studium dieses grossen Künstlers bietet. 
Aber sein Ruhm, eines der aufregendsten Dinge, über 
das Kunstkenner und Ästhetiker nachdenken können, 
da genügen dem Vinci ein paar Bleistiftstriche, um ihn 
darzutun. 

Trotzdem wir sein Schaffen und das was er wollte 
nur mutmassen können, so müssen wir ihm dennoch 
als einem Fürsten unter den Künstlern huldigen. Man 
erfasst diesen ungewöhnlichen Maler noch besser 
durch das Denken als durch das Sehen. Und gerade 
in Mailand hat er so vieles gedacht, dass hier der beste 
Ort ist, um sich über ihn Gedanken zu machen. 

Die Ratschläge, die er in seinen „Büchern über die 
Kunst des Zeichnens^' gibt und das, was unter der 

206 



Obermalung des Abendmahles noch za erkennen ist, 
geben ans einen Begriff von der Schönheit, die er 
sachte. Wenn diese aach heate durch Schatten ver- 
deckt wird, so ist sie doch ebenso unverkennbar wie 
seine geniale künstlerische Leitung in der geringem 
Begabung seiner Schüler. 

Mit seiner einzigen allumfassenden und scharfen In- 
telligenz erschien Leonardo zu gleicher Zeit als grosser 
Denker und grosser Bezauberer. Seine tiefen und uni- 
versellen Studien beschäftigten ihn keineswegs aus- 
schliesslich; er war auch ein glänzender Kavalier; mit 
einer feinen, klarsehenden Psychologie bewegte er sich 
mühelos in dem prunkvollen Leben seiner pittoresken 
Zeit. Dass sich so entgegengesetzte und bis zu solcher 
Vollendung gebrachte Gaben in einer Persönlichkeit 
fanden, das bringt die Kategorien ausser Fassung, in 
die wir die Temperamente einzureihen gewohnt sind. 
Und diese Dualität seines Wesens erklärt das Lächeln 
aller dieser Gesichter, die er uns hinterlassen hat; das 
Lächeln, das die Zeit und jeder Tag mit einem neuen, 
undurchdringlichen Schleier verhüllt, und das uner- 
klärlich schien, damals, da es aufblühte. Er malte da 
seine eigene Vielfältigkeit, seine Seele, nicht nur ge- 
wandt in der Wissenschaft, sondern auch in der Kunst 
der Bezauberung. 

Ich finde keine Worte, die diesen Konflikt, der das 
geheimnisvolle Genie des Vinci ausmacht, richtig be- 
zeichnen könnten, und über das ihn so viele Künstler, 
so viele Denker und so viele Verliebte befragt haben, 
in der Ambrosiana und in der Brera, und das sie aus 
den feinen Linien seiner Frauenköpfe raten wollten. 
Ich ziehe es vor, das herzuschreiben, was mir mit 
unglaublicher Intensität eine dieser Seelen — junges 
Mädchen oder junger Mann — sagte, eine sinnliche 
Seele mit aufgelöstem Haar, mit Lippen, mit grossen 
Augen und einer geradezu göttlichen Freude, die in 
diesem Antlitze strahlte, — und was mir eine andere 

206 



Skizze wiederholte, eine anbetungswürdige Fraa mit 
gesenkten Lidern und einem beinah ironischen Ernst, 
-^ kurz was mir alle zu hören gaben: 

Nachdem wir die Gesetze des Lebens und den Gang der 
Leidenschaften kennen, so kann uns keine eurer Sorgen 
in Staunen setzen, keine eurer Beleidigungen verletzen, 
keine eurer Reden von Ewigkeit uns verwirren . . . Und 
diese Erkenntnis macht uns nicht traurig, denn es ist die 
vollkommenste aller Freuden, mit Methode beständig neu- 
gierig zu sein . . . Aber wir müssen lächeln, wenn wir sehen, 
welche Anstrengungen du machst, um zu ergründen, was 
mich interessiert . . . 

Das will das Lächeln des Leonardo sagen, und ich 
habe es deutlich vernommen. Goethe wird es später 
wiederholen. Das ist bei allen zahllosen Unterschieden 
der Zeit und der Rasse einer der Eindrücke aus den 
beiden Faust. 

Es gibt nichts, das reiner dem Gebiete der Intelligenz 
angehörte. Wie kann Taine nur von epikurischen, 
licenziösen Gedanken sprechen! „Manchmal^S sagt 
er, „findet man bei Vind einen schönen doppelsinnigen 
Adoleszenten, mit dem schlanken und wollüstig kokett 
gedrehten Körper eines Weibes, ähnlich den Androgynen 
der Kaiserzeit . . . Indem er durch ein eigentümliches 
Verfahren die Schönheit der beiden Geschlechter ver- 
mengt und vermehrt, verliert er sich in Brüten und 
Sinnen über Zeiten der Dekadenze und Immoral . . /^ 
Als Taine diesen Ausspruch tat, wandte er sicherlich 
seinen Blick vom Werke Leonardos ab, um dem Ab- 
lauf seines eigenen Gedankens zu folgen. Dieser grosse 
Historiker intellektueller Leidenschaften hat, fortgerissen 
von seiner philosophischen Imagination und von dieser 
Logik, die seine Stärke ist, die Neugierde des Leonardo 
bis in ihre letzten möglichen Konsequenzen getrieben, 
hat die Methode, nicht das Werk kritisiert. Gewiss: 
„dieses Suchen nach auserlesenen und tiefen Sensa- 
tionen'^, das Vinci lehrt, wird die meisten Menschen 
auf allerlei doppelsinnige Gedanken bringen. Man 

207 



betrachte sich nar im Museum von Mailand den 
Marco d'Oggione, den Cesare de Sesto; sie behaupten 
nur mit Mühe ihr Lächeln; ich fühle die Zote^ die 
diesen schönen Gesichtern auf den Lippen schwebt. 
Und dieses Porträt eines jungen , eines kleinen Mäd- 
chens von einem Schüler Vincis! Dieses Kind ist zu 
fein, zu rein; es wirkt aufregend. Dieses aber, weil es 
nicht aus der grossen Rasse von des Meisters Frauen- 
gestalten ist; hinter seiner engen, köstlich von Perlen 
beleuchteten Stirn sind nur unbedeutende Gedanken. 
Von seinem schwachen Gehirn nur schlecht verteidigt 
gegen den Ansturm der Lüste, muss sie seltsame 
Verwirrungen erfahren haben, als ihr Leonardo mit 
solcher Eleganz die Neugier nach dem Unbekannten 
und die Verachtung des gemeinen Lebens lehrte. In 
der Brera hängt von dem reinen Luini das Bild eines 
jungen Mädchens mit geröteten Augenlidern und einem 
Ausdrucke der Erschlaffung und Begierde, die uns beim 
Weibe erschrecken. Aber — und Taine siebtes nicht — 
bei Leonardo sowie bei Goethe bleiben alle diese ge- 
fährlichen Vorschläge intellektuell. 

Die Forderungen eines Leonardo da Vinci befriedigen 
sich in der Domäne des Gedankens, ohne dass sie sich 
zu wollüstigen Verwirklichungen wenden. Seine In- 
telligenz konnte in Erregung geraten, seine Nerven 
niemals. Die Zeitgenossen dieses, tiefen Denkers ver- 
standen ihn. Lomazzo nennt ihn einen Hermes, einen 
Prometheus: er erschien ihnen als der Mensch, der das 
Geheimnis der Dinge kennt. Er kannte die Gesetze 
des Lebens. 

Das offenbart sich in seinem Meisterwerke. V^elches 
Studium er auf den Christus, den Mittelpunkt des 
Abendmahles verwandt haben mussl Darum ist er 
auch einigen der Mittelpunkt des menschlichen Be- 
wusstseins. Ich will damit sagen, dass diese Gestalt, 
die wir da ganz in sich gekehrt, ganz nur mit seinem 
innersten Leben beschäftigt sehen, der vollkommene 

208 



Typus des Analytikers des leli ist: ein Geist, der äüs- 
sdiliesslich in seiner inneren Welt lebt, gleichgültig 
gegen das Leben um ihn. 

Dieses ist das Wunderbare, dass ein Mann des fünf- 
zehnten Jahrhunderts, inmitten eines dieser italieni« 
sehen genusssüchtigen und ausschweifenden Höfe, im- 
stande war, eine solche seelische Schönheit zu schafTenl 
Sie gelang ihm aber auch nicht beim ersten Wurfe. 
Man muss in der Brera die Rötelstudie zum Chri- 
stuskopfe sehen. Da ist noch keine Doppelung der 
Persönlichkeit. Hier ist traurige* Güte , Vergebung, 
Unterwerfung, Resignatioh,^ anscheinend ohne inneren 
Stalz. Dieser Jesus der Skizze könnte beinahe ein 
Bruder des Apostels Johannes aus dem Abendmahle 
sein, der' nichts als . eine Jtingfrau ist, ein reiner Tor. 
Aber im Fresko selbem ist Christus verstärkt: dieser 
Hochintellektuelle ist umgeben von Dummköpfen, 
ehrbaren . Leuten und Gesindel, deren heftig bewegte 
Stellungen mit dem Wesen des Durchschnittsmenschen 
in wunderbarem Einklänge stehen, und er sagt zu ihnen: 
„Ihr meine Freunde, ihr werdet mich verraten I' Das 
aber erstaunt mich nicht, denn ich verstehe die Ver- 
suchungen, denen der Schuldige unterliegt und deshalb 
entschuldige ich ihn. Alles dieses war übrigens not- 
wendig, dass ich eine Gelegenheit zum Heroismus habe, 
denn die moralische Grösse besteht aus der niedrigen 
Behandlung, die sie überwindet.^^ 

Und doch scheinen die Hände des Helden eine ge- 
wisse Ermattung zuzugeben. Den Hintergrund für das 
Haupt dieses hohen Opfers (Opfers seiner selbst, Mär- 
tyrers durch eigenen Willen) bildet eine schmale, in 
bläulichen Tönen gehaltene, wollüstige Landschaft, die 
uns daran erinnert, dass das Leben dennoch frei, sinn- 
lich und mühelos sein kann. Diese Menschen, dieser 
Weise mit seiner übermenschlichen Grösse, den das 
Gleichgewicht beunruhigt, stimmen uns gleichermassen 
traurig. Wer nur vermag es, uns das Dasein als leichten 
heiteren Traum erkennen zu lassen! 

209 



Leonardos Pinsel verfügt über leuchtende Farben, 
traumhaft entzückend sind alle Geschöpfe, die er dar- 
stellt. Weshalb aber bemächtigt sich meiner nach dem 
Anblicke seines Werkes diese Traurigkeit? Nichts be- 
drückt uns mehr als der Verfolg der heimlichen Ar- 
beit eines Analytikers; man sieht, sein Leben ist eine 
beschwerliche Not und ein ewiges Zittern. Die grossen 
venezianischen Maler waren glücklich, da sie aus Ober- 
fluss malten, ohne mit sich selber zu disputieren. Aber 
was Angst und Qual erleidet der Künstler, dessen zwie- 
spältige Seele mit dem einen Teile schöpferisch tätig 
ist, während der andere Teil sich prüfend über das 
entstehende Werk beugt! 

Ich habe oft an die Emotion gedacht, unter der Be- 
atrice bebte, als sie Dante im Fegefeuer wiederbe- 
gegnete. Wie der illustre Dichter die Geliebte suchte, 
weiss man! Endlich fand er sie wieder; nicht nur die 
höchste Ehrfurcht, sondern auch die Scheu erfüllten 
ihn. War doch aus dem schwachen Weibe eine Selige 
geworden und die Gefährtin göttlicher Wesen. Ich aber 
möchte es beschwören, dass die Bangigkeit, die Bea- 
tricens jungfräuliche Brust schwellte, noch weit uner- 
träglicher war, denn sie dachte: „wenn er mich nun 
weniger schön findet I" 

Mit Hilfe dieses Bildes kann ich mir leichter eine 
Vorstellung von dem verzehrenden Leben eines Analy- 
tikers machen, dessen Seele, wie wir sagten, zwiespältig 
ist. In ihrem Innern erleben sie unaufhörlich das 
Drama der Begegnung Dantes mit Beatrice. Ihr Lächeln 
ist wie das Lächeln Leonardos, abgespannt, müde und 
ein bisschen verächtlich: abgespannt und müde von 
diesen heftigen inneren Erregungen; nachsichtig ver- 
achtend, weil ihnen das äussere Leben etwas Kleines 
dünkt neben den Tiefen ihres Wesens, das sie unab- 
lässig betrachten. 



210 



II. EIN TAG IN SAINT-QUENTIN BEI MAU- 
RICE-QUENTIN DE LA TOUR. 

Den systematischen Psychologen. 

Ich habe den Tag in diesen drei kleinen, verlassenen 
und frostigen Sälen des Museums von Saint- Quentin 
verbracht, wo die meisten Pastelle von Maurice-Quentin 
de la Tour vereinigt sind. Kein Ort könnte uns näher 
an das bringen, was diese Theaterdamen, diese Publi- 
zisten, diese zärtlichen Frauen, alle diese originellen 
Causeure in Wirklichkeit waren, deren Legende unserem 
Herzen entzückende, aber doch etwas zu verschwom- 
mene Bilder gibt. La Tour hatte die Leidenschaft, die 
Natur ohne Verschönerung und Übertreibung wieder- 
zugeben, und die Gelegenheit, viele der berühmtesten 
und berüchtigtsten Figuren des XVIIL Jahrhunderts zu 
porträtieren. 

Seine Stifte hielten nicht nur die Konturen, die an- 
geborenen Züge fest, sondern auch die Physiognomie, 
diesen Staub aus Kummer und Glück, den das Leben 
in die Falten eines Gesichtes legt. Hier ist eine der 
Kapellen, wo die Amateure der Seelen die ausgiebigsten 
Betrachtungen anstellen können. Sie werden da nicht 
nur berühmte und packende Bilder finden; die Haupt- 
bedeutung dieses Museums liegt vielmehr darin, daß es 
der vollkommenste Ausdruck dieser lebhaften Leiden- 
schaft ist, von der ein paar Köpfe besessen sind, 
andere Leute zu belauschen, zu durchschauen und zu 
ergründen. Das Werk La Tours halte ich für das 
vollendetste Zeugnis, das wir von der psychologischen 
Neugierde besitzen. 

La Tour eignete bis zu einem unglaublichen Grade 
die Fähigkeit, die besondere Art zu erraten und aus- 
zudrücken, auf die jeder Mensch das Glück sucht. 
Ein Vinci deutet uns von seiner Joconda bis zum 
heiligen Johannes seinen unverwirklichbaren Traum an. 

211 



In den siebenundachtzig Porträts, die ich vor Augen 
habe, will La Tour nichts sonst, als uns die interes- 
santesten Seelen zeigen, denen er begegnet war, und 
da hinein das Licht bringen. 

Man achte: es ist nicht die grosse Kunst, die mich 
im Museum von Saint-Quentin fesselt; ich bewundere, 
dass ein Mensch sein Leben allein auf diese Neugier 
beschränkte, einige Varietäten der menschlichen Seele 
zu verstehen. 

Die Stifte eines Sainte-Beuve gehen in der Analyse 
nicht so weit. Der Autor verwickelt eine erdrückende 
Fülle von Anekdoten derartig mit seinen persönlichen 
Neigungen, dass die Porträts der Lundis als Belege für 
die dahingegangene Menschheit weniger wert sind als 
diese Pastelle von La Tour, in denen nichts ist, was 
nicht bezeichnend wäre. 

Von allen Wänden blicken mich diese siebenund- 
achtzig Gesichter an, deren Geheimstes der Maler auf 
die Oberfläche zu bringen verstand. Der Schnitt ihres 
Mundes, die Schwere ihrer Augenlider, diese ganze, 
nicht mit Worten zu bezeichnende Atmosphäre eines 
Gesichtes, die unser Instinkt packt, um einen Menschen 
zu lieben oder zu hassen, treten für mich auf diesen 
Pastellen mit einer wunderbaren psychologischen 
Sicherheit in Erscheinung. Diese Toten, die uns 
heutigen Tages durch unzählige historische Zänkereien 
ganz nebelhaft wurden, zeigt mir La Tour unverhüllt, 
gefangen hinter Glas und Rahmen für alle Zeiten. Er 
erklärt sie mir. Ganz mechanisch machte ich auf dem 
Rande meines Kataloges ein paar Notizen, die er mir 
diktierte . . . 

Hier Rousseau, und ich schrieb: „Zänkischer Plage- 
geist, ängstlich, Gemisch von Eifersucht und Gering- 
schätzung, aber ganz besondere Geringschätzung, eine 
Geringschätzung^ die das Unrecht auf andere schiebt 
und alles beschmutzt. Und doch, wer liebte ihn nicht, 
diesen Jean Jaques mit seinem jungen, von Sinnlich- 
keit und Gram verzehrten Lakaiengesicht?'^ 

212 



Hier d'Alembert: ,,ZiemIich hölzern . . . Ich kann 
mir nun erklären, dass er die ÄngrifTe, selbst die postr 
humen, von Mademoiselle de Lespinasse so mutig er- 
trug, und verstehe ebenfalls, warum sie, die so zart- 
fühlend war, es wagte, ihn so wenig gut zu behandeln: 
seinem Temperamente nach muss er weniger als andere 
gelitten haben, weil er von Natur aus opferffihig ver- 
anlagt war". 

Und Madame Favart: „Ihre Dummheit ist die der 
Spezialisierung: dumm, unverbesserlich dumm, vermag 
sie nur eine engbegrenzte Persönlichkeit auszudrücken, 
die sie übrigens bis zum Äussersten entwickelt". 

Und Louis XV. : „Schon ganz ein Mann unserer Zeit, 
wie wir ihm im Klub oder in der Welt begegnen . • . 
Welch eine Kluft zwischen diesem KavaUer von so 
verfeinerter Elegance und seinen Vorfahren, von denen 
sich unsere Phantasie keine Vorstellung machen kann!" 

Und die Camargo: „Mademoiselle Catnargol Ent- 
schieden das hübscheste Gesicht in der g^mzenGallerie; 
sie war jung und temperamentvoll; sie verrät eine ge- 
wisse Feinheit auf einem Hintergrunde wollüstiger 
Schwere . . . Ganz so stelle ich mir das hübsche, sieben- 
zehi^ährige Mädchen vor, als es der Graf Clermont-Ton- 
nerre entführte, bezahlte und zu seiner Geliebten machte I" 

So durchwanderte ich diese Säle, in denen La Tour 
zwanzig interessante Gesichter vor dem Grabe gerettet 
hat. Und allmählich überfiel mich eine von all diesen 
Fremden ausgehende Traurigkeit, deren schwerer Druck 
mir alsbald unangenehm fühlbar wurde. Ich mochte 
mich nicht weiter umsehen. 

War es ein schmerzliches Bedauern all der Schön- 
heiten, dass sie uns als Genuss ihrer selbst nichts 
hinterlassen konnten wie den Staub eines Pastellbildes? 
Oder auch der melancholische Gegensatz, dass diese letzten 
Oberreste der Boudoirs heute staatlich registriert sind? 

Nein, was mich traurig stimmte, war La Tours Phi- 
losophie selbst, diese seine Lebensauffassung, an der 
mich sein Genie teilhaben liess. 

213 



Ich fühlte es deutlich im Museum von Saint-Quentin : 
stetige Neugierde, das ist immer erneutes Sterben im 
Geiste. Die Emotion, die mir eine oder die andere 
unter Glas gebannte Seele bereitete, wurde beim näch- 
sten Rahmen weggewischt; in meinem Inneren war Tod 
und Geburt bei jedem Schritte. 

So ergeht es allen, die durchs Leben als reine Ana- 
lytiker gehen. Vor ihrer Sympathie, die nichts stetig zu 
fesseln vermag, steigen alle Seelen auf, um alsbald 
wieder zu fallen, nachdem sie diesen einen Tag lang 
Herrscher waren. Sie ergreifen alles und machen sich 
nichts zu eigen; schliessen Freundschaften, die nur 
einen Abend lang währen; und fühlen bei jeder neuen 
Ablenkung ihrer Neugierde die vage Traurigkeit eines 
Reisenden, der ein schönes Land verlässt. Der Tod 
unserer Lieben macht unserer Seele für neue Lieben 
Platz. 

Von Taine, dem ersten Analytiker dieser Zeit, be- 
richtet man ein hohes Wort, dessen Klarheit genau 
dieses wahrhafte Blutbad beleuchtet, das im Bereich 
des Intellektuellen das Leben dieser unermüdlichen 
Seelen-Eroberer ist. Begegnet dieser Meister einem 
Menschen, der durch seine natürliche Begabung, durch 
erworbene Erfahrung oder seine Eigenarten interessant 
ist, so nimmt er ihn beiseite, bedrängt ihn mit Fragen, 
reizt ihn von allen Seiten, bis er feststellt, wo ihm 
die Grenzen gesteckt sind; sich wegwendend, denkt er 
dann: „Ich habe ihn ausgepresst'^ 

Selbst ohne Leidenschaft, aber sie alle verstehen! 
das ist die Formel der Analytiker. 

Vielumfassende und unfreudige Geister, rufen sie in 
der Phantasie jene Wasserflächen herauf, in denen sich 
die üppigen Galeeren der fliehenden Kleopatra wider- 
spiegelten. Aber die flüchtigen Bilder aller Leiden und 
aller Freuden besitzen, hat das jemals, um unserem 
Dasein Inhalt zu geben, eine einzige, aufregende Leiden- 
schaft aufgewogen? 

214 



Sicherlich würde man mif einiger Übung der ge-- 
bräuchlichen Gesten und Formehi eine grosse Mannig- 
faltigkeit der Charaktere entdecken, die einem Unter- 
haltung gewähren könnte. Die Künstlerkreise, die poli- 
tische Welt, die Salons, die Strasse, die Börse und der 
Gerichtshof sind ebensoviele Theater, wo derjenige, der 
die Freiheiten des Jahres 1789 zu nützen weiss, sich 
ohne Anstrengung einen guten Platz im Parkett ver- 
schaffen kann. Aber wenn ich vor meinem amüsierten 
Opernglas naive Dichter, Denker, kaltherzige Intri- 
guanten und anspruchsvolle Dummköpfe vorbeidefilieren 
lasse, so wird alsbald mein so zerstreutes Gemüt beim 
Anblicke dieses Panoramas traurig werden, wie in den 
Sälen von La Tour. Gesichter I immer Gesichter! Ahl 
wer mich von all den Gesichtern befreite I . . . 

Hier verachtet der Analytiker meine schnell einge- 
tretene Sättigung ein bisschen, und er macht sich über 
mich lustig: 

— Wenn Ihnen die vielen vom Leben gezeichneten 
Gesichter nicht genügen, so fügen Sie noch den jungen 
Bara hinzu, der dadurch, dass er seinen Hintern zeigte, 
historische Berühmtheit erlangte. 

— Jal Der Hintere des kleinen Bara! Ich würde 
viel daraus machen, wenn ich an dem Heroismus teil- 
haben könnte, dessen Geste er zeigt! 

Sich so begeistern können wie irgend ein Begeisterter, 
das wäre das tiefe Glück. Vergeblich aber werden wir 
bemüht sein, uns nur auf die Rolle des Beobachters 
zu beschränken. Das Leben ist nur ein Schauspiel, 
sagt der Analytiker, und sieht es von den hohen 
Fenstern seines Turmes aus vorbeiziehen. Ah! Jedes 
schöne Fieber hinterlässt, wenn es entschwindet, eine 
jener Regungen des Bedauerns in ihm, die wenn sie 
sich häufen, den Damm durchbrechen werden. „Ihr un- 
überwindlichen Mächte des Verlangens und des Traumes!^' 
rief Taine aus, „umsonst drängt man euch zurück, ihr 
versiegt niemals !^^ Ebenso wie Taine und alle anderen 
liess sich La Tour von seinem Traum ganz fortreissen. 

215 



Er» der alles bis ins Kleinste beobachtete, beschäftigte 
sich damit, di^ Weh in ein System zu bringen. 

Zuerst philosophierte La Tour über seine Kunst, 
dann über die Organisation dier Gesellschaftsschichten, 
Vind kam, in seinem Verlangen das Weltall zu umfassen, 
dahin, den Lauf der Gestirne zu bestimmen. Es urar 
seine Manie, die Harmonie aufzudecken, welche die 
Dinge lenkt. Dies ist das letzte Wort der Beobachter; 
sie wollen die Masse der Besonderheiten, von denen 
sie sich eine genaue Vorstellung machten, in ihrem 
Sinne ordnen. Solche zügellose Manieen kennen bei 
Geistern, die sich lange dagegen sträubten, bis zur Narr- 
heit :^hefi. Der PanÖieismus La Tours bietet schon 
manches Bizaire. Man zeigt uns diesen Beobachter des 
Kleinsten auf seinen Spaziergängen^ wie er Bäume um- 
armt iind zu ihnen sagt: „Gar bald, mein lieber Freund, 
wirst du dazu dienen, den Armen einzuheizen'^ Um 
die beständige Umbildung der Materie zu unterstützen, 
und weil er von dier Einheit der Substanz überzeugt 
war, trieb ihn sein metaphyrischer Wahn bisweilen 
dazu, seine eigenen Exkremente zu verschlingen. 

Das sind beschwerliche wunderliche Methoden. La Tour 
war nicht befähigt, die Weltseele, die er ahnte, zu fassen. 
Dieser bewunderungswerte Physiognomiker verlieh dem 
Weltall ein unzulängliches Gesicht. Ich wundere mich 
nicht darüber, nachdem ich sein von Peronnet gemaltes 
Porträt im Museum von Saint -Quentin gesehen habe. 
Auf den Rand meines Kataloges schrieb ich: „La Tour 
tut unverschämt, aber er beherrscht nicht; er ist ein 
Bedienter, der die Gäste beobachtet, er ist nicht Saint- 
Simon'^ Das ist etwas zu schroff ausgedrückt. Aber 
man wird verstehen, dass es sich hier nur um die 
intellektuelle Hierarchie handelt. Ich will damit sagen, 
dass La Tours Kraft nicht ausreichte, der Dinge Herr 
zu werden, die er zu beobachten die Leidenschaft hatte. 

In Saint- Quentin sieht man auch sein Selbstporträt, 
und ich schrieb dazu diese Bemerkung: „Bei dem Kopfe 
dieses gewandten Picarden fällt zuerst die wunderbare 

216 



Begabung auf, die ein Mann dieser Art für alle manu- 
ellen Künste haben musste. Er sieht die Dinge von 
aussen und erfasst deren ganze Anordnung ganz vor« 
züglich. Sieher beschäftigen ihn auch Gedanken und 
Neigungen der Seele, denn er sieht, wie sehr sie die 
Ph3rsiognomien modifizieren, aber für die Seele selber 
hat er keine Liebe. Die Leidenschaften, die er belauert, 
regen ihn nicht auf.*^ 

La Tour war Pantheist, um eine allgemeine Harmonie 
in der sichtbaren Verschiedenheit der Dinge konstatiert 
zu haben, aber er besass niemals die innere Offen- 
barung, den religiösen Instinkt. Dieser Beschreiber hatte 
keine Intuition. Leuten dieser Artung entgeht es, dass 
das einzige wirklich vollkommene Inventarstück des 
Weltalls ein brünstiges Liebesgebet ist. 

Beobachten, Notizen machen, diese systematisch zu- 
sammenstellen, alles dieses kalte Erfassen des Äusseren, 
führt uns nicht so weit als es fünf Minuten der Liebe 
tun. Wir dringen nicht in das Geheimste der Seelen, 
wenn wir nicht die Trunkenheit ihrer Leidenschaften 
selbst teilen. Das ist die Methode, in der die grossen 
Analytiker mit den reinen Instinktnaturen wieder zu- 
sammentrefTen. Michelet, nur ungenügend über das 
Indien der Veden, die Iranier, Ägypter und Juden 
unterrichtet, umgibt diese mit einer solchen Strahlen- 
krone von Liebe, dass er sie — in seiner Bible de 
THumanitg — viel besser beleuchtet, als es die ge- 
lehrten Abhandlungen der erfahrensten Spezialkenner 
vermögen. Ebenso habe ich weit mehr Vertrauen in 
die zarte Fürsorge, mit der eine Geliebte die Agonie 
ihres Freundes zu mildern versucht und das Übel mit 
den Augen der Liebe prüft, als in die ganze Wissen- 
schaft der Hygieniker. Und wenn es sich darum 
handelt, die Richtung des Weltalls zu verstehen und 
das Leben, das alle Wesen mit sich fortreisst, so 
werden die einzig Weitblickenden die Leidenschaft- 
lichen sein. Als eines Tages eine junge Hure in einem 

217 



schlechten Hause in Andalusien auf einem wackeligen 
Tische tanzte , zitterten ihre Brüste weniger als die 
Herzen der betrunkenen Matrosen, die sie für einige 
Pesetas besitzen sollten. Aber ich sah es: diese ganz 
gewöhnlichen Männer befanden sich in diesem Momente 
mit der Frau und dem universellen Leben in weit 
innigerer Gemeinschaft, als es jemals die Manner mit 
den Systemen waren, und sie empfingen von der, die 
sie mit flammenden Augen verschlangen, ein Bild un- 
vergleichlich stärkeren Lebens, als das irgend eines 
der Meisterwerke der Beobachtung, die La Tour in 
den kalten Sälen von Saint-Quentin aufgehängt hat. 



218 



III. DIE LEGENDE EINER KOSMOPOLITIN. 

Den Neo-Katholiken. 

Einige Orte, berühmt in der Geschichte der mensch- 
lichen Sensibilität, tragen unsere Seelen über uns 
selbst hinaus und teilen uns die Fieber mit, die sie 
einmal erfüllen werden. So der Strand von Helsingör, 
wo der trübe Hamlet über den Tod seines Vaters und 
seine persönlichen Kümmernisse wehklagte; so die zu 
engen Zimmer in Auxonne, Döle und Seurres, in denen 
der junge Napoleon in deklamatorischen Schriftstücken 
sein Genie versuchte, das uns einen Byron gegeben 
hätte, wären die Throne nicht vakant gewesen. Eben 
das sind Kurorte der Ideologie, die gerade so mächtig 
auf die Imagination wirken, wie dieser oder jener 
Brunnenkurort auf bestimmte körperliche Beschaffen- 
heiten, und die katholischen Wallfahrtsorte zeigen auf 
wunderbare Weise, dass diese Methode der intellektu- 
ellen Exaltation alle Bedingungen in sich vereinigt, 
um die Neugier und die Verehrung in Leidenschaften 
zu verwandeln. 

Jede Generation aberwählt sich ihre Lieblingsandachts- 
orte, und gerade in dieser Wahl treten die Variationen 
der Sensibilität zutage. Welcher von unserer jüngsten 
Generation dächte daran, in der Avenue d'Eylau vor 
dem verschlossenen Hause, in dem ein weithintönender 
Ruhm erlosch, eine innere Erregung zu fühlen? Unsere 
jungen Alten, wie CatuUe Mend^s oder auch Camille 
Pelletan, müssen uns ob dieser Kälte bedauern und 
werden selbst unsere Ehrlichkeit bezweifeln, wenn ich 
hinzufüge, dass wir, gleichgültig gegen die letzte Wohn- 
stätte Victor Hugos, vor einem gewissen kleinen Hause 
des Quartier Monceau ergriffen sind. Sicher bewahrt 
uns das Gefühl des Maasses davor, unseren Geschmack 
ihrem Kultus gegenüber zu stellen, aber wir sind ein- 
mal Andächtige, die viel eher in einer Kapelle sich ver- 
zögern als in der Kathedralkirche. Nummer 61 rue 
de Prony lebte ein paar Jahre und starb Fräulein 

219 



Marie Bashkirtseff, ganz dazu geschaffen, das Tausend 
jener degutierten Intelligenzen zu begeistern , deren 
gleichzeitig anziehender und abstossender Ton seit ein 
paar Jahren die Aufmerksamkeit der Kritik fesselt. Am 
bezeichnendsten für sie ist es vielleicht, dass sie, wenn 
auch durch jede Uneleganz verletzt, doch mehf auf 
das Ethische aus sind als auf das Ästhetische; sie lieben, 
mit einem Worte, das innere Leben der Wesen mehr 
als deren pittoreske Aussenseite. Die Monographie, die 
jenes junge Mädchen hinterUess und die man unter 
dem Titel „Tagebuch von Marie Bashkirtseff" veröffent- 
licht hat, befriedigte diese jungen Leute mehr als irgend 
eine Arbeit unserer Berufsschriftsteller. 

Ich will nicht die Biographie von Fräulein Marie 
Bashkirtseff referieren, die eben deshalb so bekannt ist, 
weil der Kultus ihrer Getreuen von den Details dieses 
Lebens lebt. Trotz der Erfolge dieses jungen Mädchens 
als Malerin, trotz ihres grausamen Todes mit sechs- 
undzwanzig Jahren, selbst trotz ihrer schriftstellerischen 
Gaben, begeistert sie die Generation ausschliesslich nur 
durch ihre besondere Sensibilität, mit der sie die ge- 
ringsten Umstände ihres Lebens vivifizierte. Kein Leben 
bietet eine instruktivere Fülle jener Züge von Klarsicht 
und moralischem Ungestüm, wie sie bei den Intellek- 
tuellen von heute so sehr in Mode sind. Von einem 
jungen Mädchen, dazu von einem jungen Mädchen, das 
der brutale und raffinierte Nimbus Russlands zierte, 
musste ein solcher Seelenstand auf die jungen Leute 
einen ganz besonderen Zauber ausüben, und in Wirk- 
lichkeit flösst er ihnen ein Gefühl ein, das der Liebe 
nachbarlich ist, ohne die es keine fruchtbringende 
Meditation gibt. 

Zweifellos haben zwanzig andere die Art, das Leben 
zu fassen wie Marie Bashkirtseff, affichiert. Aber be- 
sassen sie die geistige Schmiegsamkeit, die Unmittel- 
barkeit und belebende Triebkraft dieses auserwählten 
Kindes? Auf keiner Falte ihres Gewandes finde ich den 

220 



Bücherstaub, der die Lebendigsten unserer Zeitgenossen 
entstellt. Und uns über den Sinn unserer eigenen 
Gefühle Klarheit zu geben, das ist die Kraft einer 
ächten Schönheit, dass ich nirgend anderswo besser an 
die Formel der Seelen von Morgen kam als in der rue 
de Prony. Ich ging dahin denselben kurzen Weg, den 
das junge Mädchen selber damals so oft machte, als sie in 
der rue Legendre den sterbenden Bastien Lepage be- 
suchte, in einem Hause, in dem ich durch einen Zu- 
fall, der mich rührt, nach dem guten Maler zu wohnen 
kam, den sie wie einen Bruder liebte. Die untröstliche 
Mutter derjenigen, die wir hier in Erinnerung bringen, 
erzählte mir, wie Bastien Lepage, als er die traurige 
Nachricht vernahm, seine Tränen in die Kissen ver- 
. barg, auf denen er selbst nur noch drei Monate den 
Tod erwarten sollte, Fräulein Bashkirtseff wurde ein 
Opfer der furchtbaren Miasmen, die über Paris ver- 
streut kreisen; auf ihrem Schreibtische sah ich Kant 
und Fichte, deren Logik für sie der Tod unterbrach, 
an begeisternden Stellen aufgeschlagen. Ihre Bücher, 
ihre Bilder, einige kleine Gebrauchsgegenstände des 
täglichen Lebens, und ihr Bildnis in allen Altersstufen 
machen aus diesem kleinen Hause ein rührendes Heilig- 
tum, in dem die mütterliche Pietät fortfahrt, wie sie es 
mit der jungen Lebenden tat, der eleganten und uner- 
schöpflichen Seele zu dienen, die dahinging. 

Das Haus in der rue de Prony, die Villa mit dem reichen 
Rosenflor in Nizza, die sie so liebte, und das Grabmal 
auf dem Friedhofe von Passy, das kommt Madame 
Bashkirtseff zu erhalten zu, wir aber, der und der, sind 
aus dem geistigen Geschlechte dieses rührenden jungen 
Mädchens, und bewahren sie in unserer Phantasie und, 
wenn es gestattet ist, nahe unserem Herzen. Nun aber, 
nach sechs Jahren und nachdem sie im Tode hinläng- 
lich sich entrückt hat, ist es da nicht am Platze, dass 
wir, um diese ungewöhnliche Erscheinung der Voll- 
endung entgegenzuführen und ihren ganzen symboli- 
schen Wert zu zeigen, ihr eine Legende schaffen? 

221 



I. UNSERE LIEBE FRAU VOM SCHLAFWAGEN. 

Und^ um es gleich zu sagen, können wir zugeben, 
dass das kleine Haus in der rue de Prony der passende 
Rahmen für die Unruhigste aller Kosmopolitinnen ist? 
Wenn sie uns um ihrer inneren Glut, ihrer Ekel und 
ihre Einsichten willen teuer ist, sieht sie da unser 
Träumen inmitten ihrer Gemälde oder selbst in unserer 
Stadt Paris? 

Keineswegs. In ihr eine Malerin oder eine Pariserin 
sehen, das heisst sie befremdlich verkleinern. Zweifels- 
ohne bekunden die Bilder, die Madame Bashkirtseff 
den Angeboten so vieler Fremder, besonders Amerikaner, 
die sich für das junge Mädchen begeisterten, verweigert 
hat, einen starken Sinn für die Natur und eine grosse 
Güte. Übrigens bestätigt man es bei jeder Zeile ihres 
Tagebuches, dass ihr Scharfblick für die Unzulänglich- 
keiten der Natur bei ihr das Mitleid nicht ausschloss; 
ihre Empfänglichkeit der Delikaten verhinderte sie nie- 
mals, das Unsterbliche in den unbedeutendsten Bruch- 
stücken des Universums zu erkennen. Sie besass die 
köstliche Gabe, von dem sanften Lichte sich durch- 
dringen zu lassen, das im Blicke des Hundes liegt, der 
seinen gütigen Herrn fragend anschaut. Aber gerade 
darum lächeln wir darüber, dass sie dem Talente Wichtig- 
keit beilegte, sie, die das Wesentlichste, das so selten 
ist, besass: ein nachsichtiges Verstehen. Und wenn sie 
darum zu schätzen ist, dass sie nicht auf alle diese 
Leute im Atelier Julian, wo sie malen lernte, herab- 
sah, wenn es wahr ist, dass sie sich damit verkleinerte 
und uns ungeduldig machen würde, wenn sie diesen 
Leuten die Gefühle gezeigt hätte, die sie aus unzuläng- 
lichen Gründen bei kulturlosen Berühmtheiten auslösen, 
so bestätigen wir wenigstens, dass die Neigung, die sie 
ihnen zeigte. Verstehen war, aber keineswegs ein Sich 
ihnen gleich fühlen. Sie schätzte sie, aber unter Vor- 
behalt. Wir wollen nicht damit ihre Physiognomie ent- 
stellen, dass wir sie unserem Gedächtnisse als Malerin 
einprägen. 

222 



Trotz dieser allernötigsten Vorsicht und Warnung 
bezweifle ich, ob dieses junge Mädchen, das sich so 
ganz seinen Begeisterungen hingab, jemals völlig dieses 
Unterschiedes inne wurde, den ihre Bewunderer ge- 
zwungen sind zwischen ihr und unseren besten Künst- 
lern zu machen. Mit welch köstlicher Naivität hielt 
sie sich damit auf, mit Madame Breslau zu rivalisieren! 
Wahrlich, es wäre sehr angezeigt gewesen, Fräulein 
Bashkirtseff auf die Lehre zu weisen, die sie zu prak- 
tizieren wie keine berechtigt war, die Lehre von der 
zulänglichen Geringschätzung. 

Die zulängliche Geringschätzung hätte Marie Bash- 
kirtseff gelehrt, die Maler, die Schriftsteller, die Künst- 
ler einfach nur dafür zu schätzen, dass sie Emotionen 
empfanden, die sie selbst verspürte. Um dieser Be- 
schaffenheit ihrer Sensibilität willen verdienen sie 
ehrenvoll klassifiziert zu werden. Was die Fähigkeit 
anlangt, ihre Gefühle in Farben, Sätze oder Marmor 
zu übertragen, so bezeichnet sie diese als angenehme, 
selbst notwendige Nützlichkeiten in jedem wohleinge- 
richteten Hause, kann ihnen aber in keinem Falle 
eine höhere Rangstufe geben als den Wesen ihrer 
Art. Nun aber ist, was Tiefe und Weite anbelangt, 
die Beschaffenheit der Seele von Fräulein Bashkirtseff 
so, dass unsere gefeiertsten Talente neben ihr nur sind, 
wie ein paar kleine Flöten neben einer vollkommenen 
Partitur. Weil in dieser Seele, so jung und schwach 
sie auch war, im ganzen doch die menschliche Sen- 
sibilität widertönte, deshalb sage ich, dass keine unse- 
rer allerersten Flöten sie ganz auszudrücken vermöchte, 
sie, die alle ihr eigen nannte. In ihrer Unscheinbar- 
keit besass sie den Geist des Ganzen. Begehen wir 
nicht die grobe Ungeschicklichkeit, sie mit den Speziali- 
sten zu verwechseln, wären diese auch ganz exzel- 
lente Malersleute. 

Es ist wiederum im Namen der zulänglichen Ge- 
ringschätzung, die sie ganz beseelte, wennschon sie 
sich dessen nur unklar bewusst wurde, dass ich ihr 

223 



Andenken nicht in den Rahmen von Paris zusammen- 
drangen kann. Ohne Zweifel verlangte es sie nach 
dem flüchtigen nnd geräuschvollen AUbekanntsein, 
das unsere Stadt gibt; ich mache ihr keinen Vorwurf 
daraus; selbst dies wäre Mangel an Einsicht, auf dieses 
kindisdie Verlangen nach den Medaillen der Salons 
Wert zu legen und nach der Reklame im Figaro, nach 
dem Leben in den Häusern, wo man Diners gibt. 
Das befriedigte ihre momentane Auffassung vom 
Leben. Das waren die ihr für den Moment erwünsch- 
ten Lebensbedingungen. Ist das nicht eines der Zei- 
chen jener glühenden Sensibilität, deren vollkommen- 
sten Typus wir in ihr verehren, nichts an sich vor- 
über gehen zu lassen, ohne Teil daran zu haben? 
Paris war sicher würdig, eine der Stationen ihrer Sen» 
sibilität zu sein und das allein war es für sie. Theuriet, 
der das, was die Öffentlichkeit von Marie Bashkirt- 
seffs Journal besitzt, herausgab, verweilte mit Vorliebe 
bei den im Atelier verbrachten Jahren, den Preisbe- 
werbungen und allen diesen kleinen parisischen Ehr- 
geizen: wir beabsichtigen, dieses Tagebuch in extenso 
zu veröffentlichen, und es wird uns Marie Bashkirtseff 
in zwanzig verschiedenen Stellungen dem Leben gegen- 
über zeigen, anstatt der einen, in der wir sie zuerst 
sahen. 

Noch ganz jung amalgamierte Marie Bashkirtseff in 
der Tat fünf bis sechs Ausnahmeseelen in ihrer zarten, 
bereits dem Tode verfallenen Brust. Als sie in dem 
Atelier in der rue de Prony starb, waren in ihrem 
Kopfe die Bücher von vier Völkern, in ihren Augen 
alle Museen und die schönsten Landschaften, in ihrem 
Herzen die Koketterie und die Begeisterung. Eine 
ganz junge Pilgerin, die quer durch Europa nach 
einem Fieber sucht, dessen man nicht müde wird, hinter- 
lässt uns Marie Bashkirtseff ihr Andenken, damit wir 
sie lieb haben, ihre Legende, damit wir sie zur auf- 
regenden Vorstellung der kosmopolitischen Sensibilität 
erweitem. 

224 



Nach dem Bilde in Frankfurt kann man sich Goethe 
vorstellen, ausgestreckt unter einem dekorativen Pinien- 
baume in der römischen Campagna; Byron, der auf 
dem gelben Sande des Lido am einsamen Ufer der 
Adria dahingaloppiert; Balzac, der sich in einem 
düsteren Zimmer mitten im nächtlichen Paris metho- 
disch über Geldbedarf und eine grandiose Soziologie 
aufregt; aber welches Bild, welche Gewohnheiten, 
welches Vaterland bei Marie Bashkirtseff? Diese 
Kosmopolitin, die weder ihren Himmel, noch ihren 
Boden, noch ihre Gesellschaft hat, ist eine Entwur- 
zelte. In dem Brevier der Ideologen werden wir sie, 
um ihr moralisches, so seltsam mit Zartgefühl und 
Delikatesse kompliziertes Zigeunertum auszudrücken, 
mit einem etwas groben, aber bezeichnenden Feder- 
zuge als Unsere liebe Frau vom Schlafwagen ein- 
schreiben. 



IL ROMS KOSMOPOLITISMUS. 

Und während Marie Bashkirtseff die anmutige Herde 
ihrer Neugierden von Wiese zu Wiese spazieren führte 
und die Schönheiten, die sie angezogen hatten, gar 
rasch verbrauchte, liefert sie uns doch zwei oder drei 
lehrreiche Bilder. Sicher sind sie nicht wertvoller als 
photographische Momentaufnahmen. Wir massen uns 
nicht an, eine oder die andere Attitüde dieser unbe- 
ständigen Dame festzuhalten , sie für ein Porträt zu 
geben und uns dabei zu genügen. Aber es bieten diese 
Momentaufnahmen compositiones loci, wie Lojola sagt, 
sehr geeignet für unseren Geschmack an der Meditation. 

Gewisse Augenblicke ihrer delikaten BohSme sind für 
mich besonders bezeichnend. 

Das erfinderische Wohlgefallen, das wir dem jungen 
Mädchen entgegenbringen, vergegenwärtigt es unserem 

225 



halb geschlossenen Auge auf einem Gute in Klein-Russ- 
land, wo es die Pubertät erlebt. Das sind geheiligte 
Ebenen, uns, die wir sie nur mit der Phantasie be- 
suchen. Unter den Nebelschleiern, die unsere Unkennt- 
nis über sie breitet, lassen sie unsere Herzen in Weh- 
mut und Liebesungeduld schlagen. Dessen bin ich 
gewiss, dass in jenem Da drunten die Schönheit erstand, 
aus der heraus sich das unbestimmte, noch formlose 
Gefühl entfalten wird, das uns junge Leute erfüllt, in 
denen die Bergströme deutscher Philosophie die fest- 
gefügten lateinischen Schutzwehren und Kompartimente 
niederreissen. Dort unten empfing Marie BashkirtsefT, 
wie die selbstverständlichsten Dinge von der Welt, diese 
Kraft des Geistes und der Sinne, die uns die Bedeutung 
der Liebe restituieren wird; uns, deren Väter nichts 
anderes konnten als verstehen. 

Auch ruft meine Phantasie ^ie herauf, wie sie die 
böhmischen, grün umlaubten Badeorte besuchte, deren 
Musik am Abend die liebeleeren Seelen traurig stimmt. 

Dann war sie in Nizza; übermütig im Sonnenscheine 
trägt sie Anemonen, Mimosen und Tamariskenzweige 
am Gürtel. 

Doch wenn diese Schauplätze gesellschaftlichen Le- 
bens auch vollauf genügen, unserer Erinnerung eine 
Unzahl von jungen, eleganten, romantischen Auslände- 
rinnen einzuprägen, so vermögen sie diejenige, die 
ausserdem für Spinoza schwärmte, weder zu umfassen 
noch zu bestimmen. Mademoiselle Bashkirtseff muss 
weniger wegen ihres unsteten Lebens, als um ihrer In- 
telligenz willen als Kosmopolitin genannt werden. Sie 
vermochte es, sich den Winter der warmen Küste an- 
zupassen, dem Frühlinge in Paris, der Season in Lon- 
don; sie schickte sich in alle Sitten und Bräuche, denn 
in unseren modernen Kosmopoliten liegt das, was uns 
die Schulbücher des Gymnasiums vom Alcibiades er- 
zählen, der in Sparta der sittenstrengste aller Männer 
und bei den Persern der Weichlichste unter den Schwei- 
gern war. Als ob das so grosse Schwierigkeit böte! 

226 



Sagen wir es bei dieser Gelegenheit: was ist Alcibiades 
im Vergleiche mit uns, die wir niemals unser Milieu 
fanden und doch sechsunddreissig verschiedene Leben 
führen? — Marie, die sich die letzte Note jeder Gesell- 
schaft im Fluge aneignete, fand sich nirgends Befrie- 
digung. Sie lechzte nach dem Fieber des kommenden 
Tages, dessen Schauer ihr ebenso armselig und eitel 
sein sollten. Daher ihr fortwährendes Herumzigeunern, 
das dem Wunsche entsprang, ihre Seele möchte die 
Gesamtsumme der Begeisterungen bilden, und dieses 
verstärkt von dem Ungenügen aUer von ihr durchlebten 
Emotionen. Daher auch unsere wohldurchdachte Über- 
zeugung, dass diese unruhige und grossartige Jugend sich 
schliesslich am wenigsten verwaist in der ewigen Stadt ge- 
fühlt hätte, in der Hauptstadt des Katholizismus, in Rom. 

Rom ist in der Tat, trotz seines ausserordentlichen 
Charakters, weniger merkwürdig als Ort an sich, son- 
dern als der vollkommenste InbegrifT der europäischen 
Kultur. Es ging aus den ehrwürdigsten Fragmenten 
der Menschheit hervor. Marie BashkirtsefT, elegant und 
nervös und erst zwanzig Jahre alt, konnte sich sicher- 
lich nicht diesem kolossalischen Pantheon gleichfühlen, 
aber diese Atmosphäre bot ihr etwas von all diesem 
Staube, der den Mund der jungen Pilgerin während 
ihrer Fahrt durch die Welt so köstliC'X ausgetrocknet 
und ihren Durst so erregt hatte. Dort wäre ihr keine 
von den glühenden Empfindungen, die sie verzehrten, 
vorenthalten worden, sondern hätten ihr der höchste 
Wert des Lebens bedeutet. 

Ja, Rom, das zu allen Zeiten das Herz Europas ge- 
wesen, ist es von unserem besonderen Standpunkte aus 
gesehen heute noch, und bedarf unsere Phantasie nun 
einmal eines idealen Ortes, an den wir diese junge 
Kosmopolitin bringen, die uns das allermodemste Emp- 
finden repräsentiert, so werden wir keinen anderen 
wählen können. In Rom fehlt keines jener Fieber, 
welche die Menschheit stimulieren. 

227 



Die Kunst, sich der Menschen zu bedienen, die Kunst, 
die Dinge zu geniessen und das Göttliche in der Welt 
zu erkennen, vfaSy nicht wahr? die drei Genüsse, das 
YoUkommene Spiel eines Zivilisierten ausmacht, Rom 
lehrt sie uns mit unvergleichlicher Meisterschaft. 

Erstens. Ist es die Melancholie der Erinnerungen, 
die ungeheure Menge angesammelter Schätze oder sind 
es die religiösen Interessen? Aber Rom bietet eine Viel- 
fältigkeit der Nationen, eine Mischung der gesellschaft- 
lichen Kreise, einen Zusammenfluss von Politikern, 
Aristokraten und Künstlern, zu gleicher Zeit eine Mannig- 
faltigkeit an Luxus, Poesie und Schmerzen, so dass, 
um aussergewöhnliche Seelen, die grossen Intriguen 
und die Geschichte der Völker zu durchdringen, um 
zu lernen, sich die Gesellschaft dienstbar zu machen, 
kein Aufenthalt gegen diesen in Betracht kommt, wenn 
man andererseits beachtet, dass keiner der hervor- 
ragenden Männer, die Rom vereinigt, dahinkam, um 
sich da Zerstreuung zu suchen, sondern vielmehr im 
Gegenteil der unvergleichliche Ernst der Stadt jeden 
noch tiefer in seine Manie sich zu versenken zwingt. 

Zweitens. Andererseits eignet man sich in Rom allein 
eine vollständige Schulung um die Schönheit der Dinge 
an, weil die Galerien Roms, weit davon entfernt, aus 
der Erde aufzutauchen wie jene unvergleichlichen Blüten 
der Kunst in Florenz, Venedig und Flandern, eine Zu- 
sammenstellung der kostbarsten Zeugnisse des occi- 
dentalen Empfindens sind. Dadurch, dass Rom die 
Paläste mit den Meisterwerken aller klassischen Epochen 
schmückt, gibt es der Kunst ihre wahre Bedeutung 
wieder. In der Tat stellt sich das Kunstwerk zur Auf- 
gabe, in einer erschöpfenden Form und mit über- 
mittelnder Gefühlsanregung Seelenstände zusammenzu- 
fassen und uns daran teilnehmen zu lassen, als Ent- 
schädigung dafür, dass wir weder die innere Kraft, 
noch Gelegenheit hatten, diese zu erleben. Daher macht 
diese Stadt — deren Schwäche ich leichthin bezeichnen 
will, und die darin besteht, in der Natur nichts anderes 

228 



als die menschliche Wichtigkeit zu erblicken — indem 
sie alle Künste zur Erziehung des Menschen herbei- 
ruft, den Menschen wenigstens vollwertiger. Michel 
Agnolo scheint das Genie der römischen Jahrhunderte 
auszudrücken 9 wie Tiepolo das melancholische Fest 
Venedigs, wie Sodoma Sienas Inbrunst, wo die heilige 
Katharina ihre Verzückungen hatte, wie Botticelli die 
zerebrale Grazie von Florenz, und W^atteau das hin- 
gebende und köstliche Genie eines gewissen parise- 
rischen Paris. Aber es sind die Sybillen Michel Agnolos 
nicht wie die jungen Mädchen Watteaus, Botticellis, 
Sodomas oder Tiepolos ein Ausdruck der nach der 
einen oder anderen Seite hin verfeinerten Menschheit, 
sondern sie sind der Vollmensch, der ganze Mensch, 
der seine Kräfte zur Geltung bringt, der männlicher 
gestaltete Mensch. 

Drittens. Im übrigen bleiben die Kirchen, welche 
Vorliebe auch immer Marie Bashkirtseff für die Salons 
und für die Kunst gehabt haben mag, das eigentliche 
Stelldichein aller jener, denen beim Reisen die seelischen 
Eindrücke am Herzen liegen. Ihre uralte Weihe hat 
selbst für jene eine Anziehungskraft, denen der Sinn 
der Dogmen verloren ging. Welche Stadt nun könnte 
ihre Basiliken mit denen Roms vergleichen? Notre- 
Dame und la Sainte-Chapelle, der Kölner Dom, Sankt 
Markus in Venedig, die Sophienkirche in Konstantinopel 
erscheinen in ihrer ins Auge springenden Verschieden- 
heit wie die ureigenste mystisch fieberhafte Gemüts- 
erregung jedes Landes, das sie erbaute. Aber Rom ver- 
sammelt alle diese Fieber, um daraus eine harmonische 
Kraft zu bilden und zeigt, gestützt auf dreihundertneun- 
undzwanzig Kirchen, unserer Phantasie die ganze Christen- 
heit, die Kirche. 

Zum Katholizismus hin drängen und erklären sich 
alle Regungen unseres Herzens, das sich nur verwirrt 
und unbehaglich fühlt, weil es die fieberhaften Gemüts- 
erregungen von fünf oder sechs Nationen in sich auf- 
nahm. Durch sie hin- und hergezerrt durchirrt der 

229 



Kosmopolit Europa; in der Hauptstadt, wo alle Nationen 
zusammenkommen, befriedigt er seine Fieber. 

Während in Brügge die Glocke des Wartturmes er- 
tönte, fühlte sich Marie Bashkirtseff, die die Memlings be- 
sichtigt hatte, etwas beguinenhaft, stelle ich mir vor, 
und ein Teil ihres. Selbst blieb unausgefüllt; wenn sie 
bei schwülem Frühlingssonnenschein^ das Caf^ Quadri 
veriiess und die Kühle in den Mauern von Sankt Markus 
genoss, so fühlte sie sich im Banne eines orientalischen 
sinnlichen Traumes und ein Teil ihres Seins seufzte 
auch hier. Ich habe die Unzulänglichkeiten der er- 
habensten Stationen kennen gelernt, aber eines Abends 
im Mai, gegen fünf Uhr, unter der Eiche von San 
Onofrio, wo sich dem Tasso seine Frömmigkeit mit 
den Zärtlichkeiten des Heroismus und der Wollust 
komplizierte und bis zur Raserei sich begeisterte, da 
wollte ich den römischen Boden küssen. Wenn in der 
Tat im Sankt Peter andere die Frostigkeit der unge- 
heueren Räume und ihren architektonischen Pomp er- 
örterten, so erblicke ich da nur die Gläubigen, die 
diesen ungeheuren Bau füllen und in allen Sprachen 
reden. Hier ist der mathematische Punkt, wo sich alles 
zivilisierte Seufzen trifft, um die christliche Sensibilität 
zu bilden. Wenn die unzähligen Empfindungen, die 
von den äussersten Punkten der Christenheit unter diese 
Kuppel hergebracht wurden, sich in einem Wesen ver- 
körperten, so würde das eine Seele bilden ohne das 
allergeringste Zeichen von Eigenart, aber mit der höch- 
sten Befähigung, sich den verschiedenartigsten Milieus 
ohne Reibung anzupassen. Wenn man eine Seele aus 
allen Sünden zusammensetzte, allen Unruhen und allen 
Gewissenszweifeln, die hierher kamen, um den Frieden 
zu suchen, so wäre sie gerade das, was wir uns unter 
der Bezeichnung der kosmopolitischen Sensibilität vor- 
stellen. Was mich anbelangt, so überschritt ich diese 
berühmte Schwelle niemals, ohne dass die Empfindung, 
mich auf dem Gipfelpunkte des menschlichen Fühlens 
zu befinden, in mir die Lust erzeugte, mich niederzu- 

230 



knieen. Hier unter den Beichtvätern polyglotter Ge- 
wissen allein hätte ich jemand finden können, der 
meine Sprache sprechen könnte und sie verstehen. Nur 
hier würde Marie Bashkirtseff bei sich zu Hause gewesen 
sein und so schön, weil alle Unruhen aller Nationen 
sie durchglühten. Auf diese junge, unverbrauchte Bar- 
barin hätten sich alle Fieber gestürzt. 



III. UNSERE LIEBE FRAU, DIE NIEMALS BEFRIE- 
DIGT WAR. 

In gewissem Sinne sind Leute, die auf alles ver- 
zichten und Leute, die nach allem verlangen, gut ge- 
eignet, einander zu verstehen. Die Einen und Andern 
sind durch nichts zufrieden zu stellen, denn der Sinn 
für das Prekäre und die Sehnsucht nach dem Voll- 
kommenen wird für sie ein Leiden. Ja, Kosmopoliten 
und Katholiken gehören zur gleichen Familie, und man 
muss sich einfach darüber wundern, dass im gleichen 
Zeitalter so verschiedene Pfade zu den gleichen Zielen 
der Einheit, des Göttlichen, führen. 

Auf dass Mademoiselle Bashkirtseff prüfe, in welchen 
Punkten ihre Empfindungen mit dem exaltiertesten 
Katholizismus im Einklänge ständen und um mittels 
einer römischen Anekdote das Bild zu illustrieren, das 
ich von der übermenschlichen Macht dieser Stadt ent- 
werfe, hätte ich ihr gerne ein Ideal von Selbstlosigkeit 
vorgeführt, das zu erreichen sie ganz würdig war. Kennt 
man die Geschichte der Alexandrine von Alopeus und 
des Albert von Ferronnays, so wie sie uns der Bericht 
einer Schwester erzählt und von der einige von uns 
ebenso ergriffen waren als vom Tagebuch der Marie 
Bashkirtseff, denn es sind zwei Monographien heroischer 
Empfindung, geschmückt von der Romantik der Schön- 
heit und des Todes — ? 

231 



Mademoiselle Bashkirtseff, die eine etwas naive Be- 
geisterung für mittelmässige Maler, Künstler und das, 
was in Paris so obenauf scfaiwimmt, ganz erfüllte^ würde 
mich zweifellos bei den ersten Worten unterbroclien 
haben, die ich ihr über ein Buch gesagt hätte, das ge- 
wöhnlich nur für junge, etwas fromme und schüchterne 
Frauen aus der Provinz bestimmt ist: ,, Lächeln Sie 
nicht", hätte ich ihr antworten können, „die Vorliebe, 
die ich für Albert von Ferronnay und für Alexandrine 
von Alopeus habe, geht von derselben vorgefassten 
Meinung aus, durch die ich mich zu Ihnen hingezogen 
fühle. Wie seltsam wichtig erscheint Ihnen das Talent! 
Und von unserem Schulstandpunkt aus betrachtet wäre 
es bewiesen, dass ihre Sprache farblos und ihr Wort- 
schatz banal ist, als ob das für meine heftige Sympathie 
ein Hindernis be deutete I Ich liebe sie um ihrer uneigen- 
nützigen Begeisterung willen." Die Helden des „Berichtes 
einer Schwester" empfanden die reine Liebe, von der 
uns Leibnitz eine Definition gegeben hat, die ich wieder- 
holen will, denn Geister wie Leibniz, Comte und Spinoza 
übertreffen in ihrer Trockenheit gar seltsam die Hübschig- 
keiten der Künstler. „Die reine Liebe", sagt er, „das 
ist gewiss sein, Freude an der Vollkommenheit oder 
in der Glückseligkeit des Objektes zu empfinden, und 
demzufolge Schmerz zu fühlen bei dem, was seiner 
Glückseligkeit entgegengesetzt sein kann. Diese Liebe 
bezieht sich hauptsächlich auf Objekte, die der Glücks- 
empfindung fähig sind, doch trifft man bisweilen ein 
Bild davon bei Objekten, die Vorzüge haben, ohne sie 
zu empfinden, z. B. bei einem schönen Gemälde. Der- 
jenige, der Freude daran findet, es zu betrachten, döm 
würde seine Zerstörung Schmerz bereiten, selbst wenn 
es einem anderen gehörte, liebte es sozusagen mit un- 
eigennütziger Liebe, was derjenige nicht täte, der nur 
einen Gewinn oder Verkauf im Auge hätte oder Beifall 
zu erwerben trachtete, indem er es herzeigte." Albert 
de la Ferronnay ging in seiner Liebe so weit, sein Leben 
Gott aufzuopfern, damit Alexandrine von Alopeus, eine 

232 



Protestantin, die er liebte, den wahren Glauben erkennen 
möchte. Bald darauf starb er, und neben dem Lager 
ihrer kurzen Liebe, das durch die Glut seines idealen 
Wunsches sein Sterbebett geworden war, empfing in 
einem Teile der Hostie, die seine Wegzehrung sein sollte, 
seine junge Geliebte die erste Kommunion. 

Wie sehr fühle ich mich schon von diesem seltsamen 
Manne beschämt,- der uneigennützig genug ist, um in 
den Armen deijenigen, deren Liebe ihn berauscht, den 
Tod zu ersehnen, damit sie durch den Besitz der Wahr- 
heit noch vollkommener werde! Aber es erfasst mich 
ein eisiger Abscheu vor mir selbst, wenn ich sehe, dass 
jene, die durch die erkalteten Lippen des Toten eine 
so grosse Gnade erlangte, die vergänglichen Dinge zu 
verachten, dass sie sich bis zu den Worten erhob : „Erst 
in dem Augenblicke, wo mir alles geraubt worden war, 
begann mein wahres Glück, meine Wonnen und meine 
Liebe". 

Das ist das Gefühl des Vergänglichen und der Auf- 
schwung zur Vollkommenheit, durch den fast ebenso 
mächtig wie die Katholiken die Kosmopoliten fortge- 
rissen werden, diese Kosmopoliten, die von Land zu 
Land drängen, von Leidenschaft zu Leidenschaft, Enthu- 
siasten und niemals Erfüllte, jeden Tag verzichtend und 
immer verlangend, mit fieberhaften Augen und leeren 
Händen, weil keine der vergänglichen, das Weltall er- 
füllenden Formen ihnen das Unvergängliche, das Gött- 
hche bringt. Ein hoher Idealismus, in dem, ohne sich 
gegenseitig zu erkennen, der Kosmopolit, der weder 
mehr Vaterland, noch häuslichen Herd verlangt, mit 
dem Katholiken, der selbst dieser Erde abschwört, sich 
begegnen. Kein Ort wird ihnen zusagen, ausgenommen 
Rom, wo die Sybillen Michel Agnolos wachen, deren 
ernste Augen eine Seele zeigen, die das bittere Vergnügen 
geniesst, das anzubeten, was nicht stirbt, inmitten alles 
dessen, was vorübergeht. 

Unserem Kosmopolitismus, unserem Dilettantismus, 
unserem geliebten Nihilismus, um endlich .das Wort 

233 



auszusprechen y das am allerbesten unsere moralische 
Entwurzelung resümiert, dem gibt die grosse katholische 
Stadt seine volle Bedeutung wieder und zu gleicher 
Zeit eine hohe Richtung. In ihrem Lichte erscheinen 
mir unser Ekel und unser Ungestüm als das, was sie 
wirklich sind: religiöse Empfindungen. Mademoiselle 
Bashkirtseff rafite ein ungerecht verfrühter Tod dahin, 
ehe es ihr vergönnt war, der Erziehung durch Rom 
teilhaftig zu werden. Aber wir müssen ihr diese Ver- 
günstigung gewahren in der Legende, die wir ihr bilden. 

Paris, das akzeptiert man beim ersten Blick wegen 
seiner Koketterie und gütigen Anmut, London wegen 
der gediegenen und würdigen Gastfreundschaft seiner 
Klubs und seiner kleinen Häuser, Venedig wegen seines 
romantischen Fiebers. Aber Rom ist ein so schwerer 
Erwerb, dass eine Seele von zwanzig Jahren darüber 
die Kräfte verliert. Diese Stadt, rein von jeder Gemein- 
heit, ist keine schöne Geliebte, die uns freundlich auf- 
nimmt und unsere Gewohnheiten hätschelt; sie ist eine 
Gebieterin, die alles, was ihr an uns unwürdig dünkt, 
zermürbt und in Stücke bricht. Was wäre dort aus 
Marie Bashkirtseff geworden? 

Man kann es nicht bezweifeln, dass ihr Zigeunertum, 
das zuerst nichts anderes war als die Ruhelosigkeit 
einer kleinen Barbarin von unverbrauchter und begehr- 
licher Rasse, und die von Paris in ein Suchen nach Kultur 
umgewandelt wurde, Rom bis zu einem Grade erhöht 
hätte, dass es zur bekannten Krankheit der grossen 
IdeaUsten geworden wäre, die den Geschmack an allem 
verlieren, weil allein das Vollkommene sie befriedigen 
könnte. 

Geehrt sei dieses Gefühl des Unbeständigen, das dieses 
junge Mädchen in so hohem Grade empfand; mit Recht 
haben wir uns Betrachtungen darüber hingegeben. Es 
lässt uns an jener erhabenen Verachtung teilnehmen, 
die für die Wirklichkeit und ihr aktuelles Selbst alle 
Menschen empfinden, denen das Ganze am Herzen liegt, 
das sie mit ihrer Kraft umfassen und ihrem höheren 

234 



Selbst, das noch nicht entwickelt ist. Jetzt, nachdem 
ich ihren ganzen legendären Wert festgestellt habe, wird 
jene, die ich mit dem niedrigen modernen Namen Unsere 
liebe Frau vom Schlafwagen begrüsste, uns wie eine 
Versinnbildlichung der ewigen Kraft erscheinen, die in 
jeder Generation Helden erstehen lässt, und auf dass 
sie uns eine gute Ratgeberin sei, pflegen wir ihr An- 
denken unter dem stolzen Namen: Unsere liebe Frau 
vom Schlafwagen, die niemals befriedigt war. 



235 



INHALT. 

Seite 

Einführung von Dr. Franz Blei V 

Ideologien der Leidenschaft;. 
Ein Amateur der Seelen 

I. Die Verzückung in der Einsamkeit 3 

II. Spaniens Wechseldouchen 15 

III. Wenn ein junges Weib die Leere ihres Herzens und 

ihrer Hände fühlt 29 

Die zwei Frauen des Bürgers von Brügge 38 

Eine Liebe von Thule 45 

Das wunderbare Geheimnis 56 

Der Hass überwindet alles 61 

Die Treue in Verbrechen und Schande 66 

Cber den Ruhm 71 

Das Gewissen des Dichters 76 

In Spanien. 

Entschuldigung vor Berenice 83 

Von der Wollust Gordovas 87 

Vergeudete Kleinode 92 

Ein Besuch bei Don Juan 96 

Der Page mit den Jagdhunden 101 

An der Südspitze Europas 106 

In Italien. 
Die Gärten der Lombardei. 

I. Singende Silben, duftende Terrassen 115 

II. Der Roman des Lago di Gomo 119 

III. Um die Isola Bella 123 

IV. Die Borromeischen Tauben 127 

Der Herbst in Parma 134 

In der Gruft von Ravenna 139 

Ein Tag in Pisa 145 

Die schönen Gegensätze von Siena 149 

Die Entwicklung des Individuums in den Museen von Toskana* 

I. Existieren 166 

IL Sich eine Welt schaffen 162 

III. Nützen, spielen und sich täuschen 168 

237 



In den Ländern des Nordens. ^^^^ 

Abenddftmmening bei den Tieren 177 

Ober die Verwesung 182 

Freundschaft für die Bäume 185 

Hamlet in Salm-Salm 191 

Der BUck auf die Wiese 198 

Drei psychotherapeutische Kurorte. 

I. Ein Besuch bei Leonardo da Vinci 205 

II. Ein Tag in Saint -Quentin bei Maurice -Quenthi de la 

Tour 211 

III. Die Legende einer Kosmopolitin 219 

1. Unsere liebe Frau vom Schlafv^agen 222 

2. Roms Kosmopolitismus 225 

3. Unsere liebe Frau, die niemals befriedigt war . . 231 



238 



DIESES WERK WÜRDE INS DEUTSCHE 
ÜBERTRAGEN VON A. VON K. UND EIN- 
GELEITET VON DR. FRANZ BLEI. DEN 
DRUCK BESORGTE DIE BUGHDRUCKE- 
REI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG. 



THIS BOOK IS DUE ON THB LAST DATB 
8TAMPED BELOW 



AN INITIAL FINE OF 25 CENTS 

WJU. SE ASSESSEP FOR FAILURE TO RETURN 
THIS BOOK OK THE DATE DUE, THE PENALTY 
WILL tNCREASE TO SO CENTS OK THE FOURTH 
DAY AND TO «l.OO ON THE SEVENTH DAY 
OVERDUE. 



JUL U 1940 




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